Teil 12

»Steffi . . .« Tadelnd blickte Katharina sie an. »Musst du es immer gleich ins Extrem treiben?«

»Ich nicht«, entgegnete Steffi locker, »aber dein neues kleines Flämmchen steht wohl darauf.«

»Es wundert mich immer wieder, warum du Staatsanwältin geworden bist«, bemerkte Katharina schmunzelnd. »Du bist so ein mitfühlender, warmer Charakter.«

Das traf Steffi überhaupt nicht, sondern sie sprach unbeirrt weiter. »Wie alt ist sie eigentlich? Zwanzig?«, fragte sie. »Und sie ist offenbar noch nicht sehr hart mit den Realitäten des Lebens konfrontiert worden. Sonst könnte sie nicht so naiv sein. Was ist, wenn diese – wie hieß sie gleich? Tyra? – sie auf einmal damit konfrontiert? Oder noch schlimmer: Wenn sie sie in ihre kriminellen Machenschaften mit hineinzieht?«

Bekümmert nickte Katharina. »Das ist auch meine Sorge. Diese Tyra hat eine Ausstrahlung . . . Ich meine, sie ist kein schlechter Mensch, das glaube ich nicht. Aber sie hat gelernt, dass man keine Rücksichten nehmen darf. Und sie hat schon einiges getan, was diese Hemmschwelle noch niedriger hat werden lassen.«

»Ich bin ja noch nicht lange Staatsanwältin«, nachdenklich nahm Steffi noch einen Schluck Rotwein, »aber von der Sorte habe ich schon einige gesehen. Und das geht normalerweise nicht gut aus. Selbst wenn sie noch sehr jung sind. Sie haben schon zu viel gesehen, zu viel erlebt. Sie haben keine Illusionen mehr.«

»Und Sascha ist Spezialistin darin.« Tief seufzte Katharina auf. »Man könnte fast sagen, Illusionen sind ihr Geschäft. Weil sie ja auch schreibt. Und sie schreibt gut. Sie hat einen sehr einfühlsamen Stil.«

»Sentimental«, übersetzte Steffi das. »Und weißt du, wohin Sentimentalität einen bringt?« Sie hob zwar fragend die Augenbrauen, beantwortete ihre Frage aber gleich selbst. »Nirgendwohin. Sie verschleiert nur das eigene Urteilsvermögen.« Etwas spöttisch fügte sie hinzu: »Wenn sie das denn überhaupt hat, die Kleine.«

Beinah peinlich berührt verzog Katharina das Gesicht. »Du hast natürlich in allem recht«, sagte sie, »aber trotzdem . . .«

»Aber trotzdem magst du sie«, führte Steffi den Satz für sie zu Ende. »Und du willst etwas von ihr.« Sie hob ihr Glas und ließ es gegen Katharinas stoßen, sodass der Klang ein wenig durch die Luft schwang. »Aber wenn ich dir einen guten Rat gegen darf, lass dich nicht zu sehr da hineinziehen. Wenn deine Sascha dieser Tyra hinterherlaufen will, lass sie das tun. Sie muss ihre eigenen Erfahrungen machen.«

»Ich würde sie so gern davor bewahren.« Katharina verzog das Gesicht. »Denn ich kann mir nur zu gut vorstellen, was da kommt.«

»Das kann ich auch«, sagte Steffi. »Aber deine kleine Sascha kann es anscheinend nicht. Deshalb muss sie jemand vom Gegenteil überzeugen. Und wer könnte das besser tun als diese Tyra? Sie wird ihr den Kopf schon zurechtsetzen, indem sie ihr zeigt, wie hart die Realität ist. Und wenn das passiert«, jetzt grinste sie schon fast unverschämt, »dann bist du ja da, um sie zu trösten.«

»Ts, ts. Als wie berechnend stellst du mich denn damit dar?« Katharina schaute Steffi mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Dann wäre ich ja wie eine Spinne, die im Netz sitzt und darauf wartet, dass die Fliege vorbeikommt.«

»Wenn die Fliege hübsch ist . . .«, meinte Steffi lässig und immer noch grinsend. »Was ist dagegen zu sagen?«

»Du bist ekelhaft«, sagte Katharina und wandte sich ab. Aber trotzdem konnte sie es nicht verhindern zu schmunzeln.

Hübsch war Sascha auf jeden Fall.

Das konnte man so sagen.

15

»Was tun Sie gerade?«

Es war eigentlich eine ganz harmlose Frage, aber Sascha zuckte zusammen und schaltete mit einer Tastenkombination den Bildschirm aus. »Nichts Besonderes«, sagte sie und drehte sich zu Katharina um. »Hintergründe für den Fall Neuhaus recherchieren.«

»Gut.« Katharina nickte. »Wenn mir Ihre Reportagen eins gebracht haben, dann Aufträge. Sie haben meinen Namen so oft erwähnt, dass ich jetzt mehr Anfragen bekomme, als ich bewältigen kann.«

»Das ist doch gut, oder?« Fragend hob Sascha die Augenbrauen.

Sie konnte Frau Dr. Kesselbach manchmal nicht einschätzen. Einmal war sie freundlich, dann wieder wirkte sie sehr kühl und nur an ihrer Arbeit interessiert. Sascha wusste nicht so recht, was sie von ihr halten sollte. Es stand außer Frage, dass sie eine hervorragende Anwältin war, aber privat? Wie war sie da? Hatte sie überhaupt ein Privatleben?

»Ich befasse mich gern etwas intensiver mit einem Fall«, sagte Dr. Kesselbach. »Ich möchte nicht einen nach dem anderen in fünf Minuten abhaken. Obwohl das einige Kollegen so machen, nur um Geld zu verdienen.«

War das jetzt eine Kritik? fragte Sascha sich. Hätte sie nicht so viel über Frau Dr. Kesselbach in ihren Artikeln über Tyra schreiben sollen? Damit sie weniger Aufträge bekam?

Auf einmal lächelte Dr. Kesselbach, und das veränderte ihre ganze Ausstrahlung. Es ließ ihr Gesicht zu einer aufgehenden Sonne werden. »Auf jeden Fall brauche ich jetzt unter allen Umständen eine Praktikantin, sonst käme ich gar nicht mehr nach.«

Das war ganz offensichtlich ein Lob, und Sascha freute sich darüber. »Vielleicht brauchen Sie bald ja sogar noch eine zweite, wenn das so gut weiterläuft.« Sie strahlte richtig vor Begeisterung.

Dr. Kesselbach schüttelte den Kopf. »Ich kann ja gerade mal Sie bezahlen jetzt. Eine zweite Angestellte könnte ich mir wohl kaum leisten.« Sie trat näher auf Saschas Schreibtisch zu, und Sascha war sehr froh, dass der Bildschirm dunkel war. »Konnten Sie etwas über diesen Zeugen im Fall Neuhaus herausfinden?« Es sah fast so aus, als wollte sie zur Maus greifen und so den Bildschirm wieder einschalten.

Schnell zog Sascha ein Blatt Papier aus einem Stapel. »Hier«, sagte sie. »Sie hatten recht. Der Zeuge ist nicht ganz sauber. Er hat noch eine alte Rechnung mit Neuhaus offen, und deshalb ist seine Zeugenaussage wohl nicht viel wert.«

»Gut.« Dr. Kesselbach nickte. »Wenn wir das auch dem Gericht vermitteln können, gibt es keine Zeugenaussage mehr, und wir haben gewonnen.«

»Wieso haben Sie ihm von Anfang an nicht geglaubt?«, fragte Sascha. »Seine Zeugenaussage wirkte doch ganz vertrauenswürdig.«

»Weil ich Neuhaus nur vertreten kann, wenn er unschuldig ist«, sagte Katharina. »Und wenn er unschuldig ist, muss diese Zeugenaussage falsch sein. Wenn sie falsch ist, muss der Zeuge einen Grund dafür haben, also . . .« Sie machte eine Bewegung mit der Hand, die fast wie eine Einladung wirkte.

»Muss man den Grund suchen.« Sascha nickte. Dann runzelte sie die Stirn. »Aber warum hat Neuhaus Ihnen das nicht gleich gesagt? Er kennt den Zeugen doch. Und er weiß bestimmt, dass der sich an ihm rächen will.«

»Möglicherweise weiß dieser Zeuge noch andere Dinge von Neuhaus, von denen Neuhaus nicht will, dass sie rauskommen.« Katharina zuckte die Schultern. »Schließlich ist Neuhaus auch kein unbeschriebenes Blatt. Das ist wie mit Ihrer Freundin Tyra. Unschuldig im aktuellen Fall, aber so aufs Ganze betrachtet . . .« Sie hob fragend die Augenbrauen. »Haben Sie wieder einmal etwas von ihr gehört?«

Fast wäre Saschas Blick zum Bildschirm gehuscht, aber sie beherrschte sich. »Nein«, sagte sie tapfer, und das stimmte leider auch. Sie hatte Tyra damals im Gefängnis nicht mehr erwischt, die Adresse in den Unterlagen war falsch, und also war Tyra wie vom Erdboden verschluckt. Eine ihrer leichtesten Übungen vermutlich.

»Glauben Sie mir, das ist auch besser so«, sagte Dr. Kesselbach und verschwand wieder in ihrem Büro.

Wie konnte sie das so einfach sagen? Sascha presste trotzig die Lippen zusammen. Dr. Kesselbach hatte Tyra zwar gut verteidigt, aber sonst hatte sie sich nicht für sie interessiert. Sascha interessierte es aber, wie es Tyra ging.

Und damit schaltete sie den Bildschirm wieder ein und betrachtete wieder ihre ganzen Datenbankanfragen. Tyra hatte immer wieder unterschiedliche Adressen angegeben, wie sie mittlerweile herausgefunden hatte. Vielleicht war sie an eine dieser Adressen zurückgekehrt oder irgendjemand wusste dort etwas über sie.

Und wenn es so war, wollte Sascha das herausfinden.

ENDE DER FORTSETZUNG

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