Teil 08

»Ich glaube, Sie haben es ganz gern, wenn man Sie nicht versteht«, sagte der Arzt. »Das gibt Ihnen ein Gefühl der Überlegenheit.«

»Was sind Sie? Psychologe?«, fragte Tyra ärgerlich. »Dann sage ich Ihnen lieber gleich, dass ich die noch mehr hasse als Spritzen.«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Psychologe. Sie brauchen mich also nicht mehr zu hassen, als Sie es ohnehin schon tun. Ich suche nur nach einer Möglichkeit, Ihnen zu helfen.«

»Mir zu helfen?« Tyra spuckte fast aus bei dem Wort. »Das scheint irgendwie eine Epidemie zu sein in letzter Zeit.«

»Sie lassen sich nicht gern helfen, das ist mir klar«, sagte der Arzt, »auch ohne Psychologe zu sein. Sie kämpfen ganz für sich allein.«

»Und? Was dagegen?«, erwiderte Tyra unfreundlich. Ihr wilder Blick kehrte zurück.

»Jetzt sind Sie wieder die Alte!« Der Arzt lachte. »So gefallen Sie mir.« Er blickte auf die Patientenkarte in seiner Hand. »Sie werden bald wieder auf den Beinen sein. Die Gehirnerschütterung wird Ihnen schon morgen nicht mehr viel ausmachen. Dann können Sie in Ihre Zelle zurück.« Er musterte sie kurz. »Also wenn Sie das Krankenrevier für einen Ausbruch nutzen wollen, ist heute Nacht die letzte Gelegenheit. Aber ich sage es Ihnen gleich: Die Wachleute sind darauf vorbereitet. Ihre Chancen sind nicht gut.«

Tyra blickte ihn nur an und sagte nichts.

10

»Sie wollen ein Praktikum? Jetzt schon? Ist das nicht ein bisschen früh?« Dr. Katharina Kesselbach, ihres Zeichens Rechtsanwältin, blätterte in Saschas Bewerbungsunterlagen.

»Ich brauche das Geld«, sagte Sascha. »Und ich dachte mir, es wäre am gescheitesten, wenn ich gleich Erfahrung auf dem Gebiet sammle, das ich auch studiere.«

»Sehr lange studieren Sie aber noch nicht«, erwiderte Frau Dr. Kesselbach. Sie lehnte sich in ihren Sessel zurück. Es war ein gebrauchter Sessel, ebenso wie das ganze Büro mit gebrauchten Möbeln ausgestattet schien. »Und Sie sind gut. Die Noten Ihrer Scheine . . . Warum bewerben Sie sich nicht bei einer großen Kanzlei? Ich stehe noch ziemlich am Anfang. Bei einer großen Kanzlei könnten Sie wesentlich mehr lernen.«

»Ich habe Sie im Gericht gesehen«, sagte Sascha. »Ich bin sicher, dass ich bei Ihnen am meisten lernen kann.«

»Sie haben mich im Gericht gesehen?« Katharina Kesselbach beugte sich interessiert vor.

»Ja . . . Ich . . . Na ja, ich schreibe ab und zu Gerichtsreportagen –«

»Gerichtsreportagen!« Dr. Kesselbach lehnte sich zurück und lachte. »Eine Reporterin!« Sie nahm die Blätter in die Hand, die bisher auf ihrem Schreibtisch gelegen hatten. »Sind das Fälschungen? Studieren Sie überhaupt Jura?«

»Das sind keine Fälschungen!« Saschas Stimme klang empört. »Die sind echt, und ich studiere Jura, genau wie es in meinen Unterlagen steht.«

»Na schön.« Katharina Kesselbach stand auf und reichte Sascha die Papiere. »Dennoch tut es mir leid. Ich habe kein Geld, Sie zu bezahlen. Und es würde Ihnen auch nicht viel nützen. Denn Aufträge habe ich auch so gut wie keine. Sie haben den Fall Kopitzky im Gericht gesehen?«

Sascha nickte.

»Das war mein letzter, dort war ich Pflichtverteidigerin. Aber nur, weil niemand anderer zur Verfügung stand. Normalerweise sind sogar solche Aufträge für mich Mangelware. Das ist so, wenn man sich noch keinen Namen gemacht hat.«

»Aber Sie könnten sich einen Namen machen!« Sascha blickte auf die Papiere, doch sie nahm sie nicht zurück. »Ich habe Sie gesehen. Sie sind großartig. Sie könnten alle anderen in die Tasche stecken.«

Katharina Kesselbach schaute Sascha ins Gesicht und lächelte leicht. Sie setzte sich wieder. »Vielen Dank für die Blumen. Aber dazu müsste ich erst einmal Mandanten haben.«

»Ich hätte eine Mandantin für Sie«, stieß Sascha schnell hervor.

Die Anwältin zog die Stirn kraus. »Haben Sie etwas angestellt?«

»Ich?« Sascha lachte überrascht. »Nein, es geht nicht um mich. Es geht um jemand anderen.«

Fragend hob Katharina die Augenbrauen. »Warum kommen dann Sie zu mir und nicht –?«

»Sie sitzt . . . im Gefängnis.« Sascha starrte unbehaglich zu Boden.

»Sie sitzt –?« Katharina Kesselbach brach erstaunt ab und blickte Sascha an. »Das heißt, sie ist bereits verurteilt worden? Was soll ich dann noch tun?«

»Sie sitzt in Untersuchungshaft, die Verhandlung wurde vertagt, und ihr Verteidiger tut nicht das Geringste, um sie herauszuholen.« Sascha warf einen verzweifelten Blick auf die Anwältin. »Deshalb dachte ich, dass Sie –«

»Einem Kollegen das Mandat wegnehmen?«, unterbrach Katharina sie brüsk. »Das ist nicht mein Stil. So etwas kommt für mich nicht in Frage.«

Sascha hob die Hände. »Nein, so meinte ich das nicht. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Bauer –«

»Bauer!« Dr. Kesselbach schüttelte amüsiert den Kopf.

Sascha bemerkte, dass ihre blonden Haare einen interessanten Gegensatz zu Tyras dunkler Mähne bilden könnten, wenn sie im Gericht nebeneinander sitzen würden. »Sie kennen Herrn Bauer?«

»Kennen ist zu viel gesagt.« Katharina Kesselbach schüttelte immer noch den Kopf. »Ich lege keinen Wert auf seine Bekanntschaft. Aber ich habe ihn kurz kennengelernt, als ich die Pflichtverteidigung Kopitzky innehatte.«

»Dann wissen Sie ja, wovon ich rede«, sagte Sascha. »Tyra hat keine Chance, wenn er sie weiter verteidigt – oder was er so Verteidigen nennt. Und eins kann ich Ihnen versichern: Er wäre heilfroh, sie als Mandantin los zu sein. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er ist nicht begeistert davon, dass er in diesem Fall zum Pflichtverteidiger bestellt wurde.«

Katharina Kesselbach zog die Augenbrauen hoch. »Das mag sein«, sagte sie. »Aber was er denkt, ist irrelevant. Wichtig ist nur, was seine Mandantin denkt. Will sie denn das Mandat anderweitig vergeben? Hat sie Sie geschickt?«

»N-Nein.« Sascha wurde erst jetzt bewusst, dass sie sich Tyras Zustimmung in keinem Fall sicher sein konnte. »Sie hat . . . Sie weiß noch gar nichts davon.«

»Na großartig!« Katharina Kesselbach stand auf und ging zum Fenster hinüber. »Das heißt, wir reden hier über ungelegte Eier?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah Sascha strafend an.

»Ja . . . Nein . . . In gewisser Weise. Sie ist . . . Ich meine, Tyra ist . . . etwas schwierig.« Sascha wand sich immer mehr.

Katharina Kesselbach kam zum Schreibtisch zurück und stützte sich darauf. »Das kann ich auch sein«, sagte sie, »wenn Sie mir nicht jetzt gleich einen guten Grund nennen, warum ich den Fall übernehmen soll – und vor allem, wie.«

»Sie sollen den Fall übernehmen, weil sie sonst keine Chance hat«, sagte Sascha leise. Sie hob den Kopf. »Über das Wie machen Sie sich keine Gedanken. Ich werde Tyra schon überzeugen, dass Sie das Beste sind, was ihr passieren kann.«

Katharina Kesselbach richtete sich auf und lachte leicht. »Bleibt noch die Frage, ob sie das Beste ist, was mir passieren kann«, erwiderte sie ironisch.

»Bitte, Frau Dr. Kesselbach –« Saschas Augen flehten sie an. »Ich weiß, ich habe es vielleicht nicht sehr geschickt angefangen, aber Tyra ist unschuldig, und ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn Sie ablehnen.«

Dr. Kesselbach setzte sich. »Zuerst einmal klären Sie das mit Ihrer Freundin«, sagte sie. »Oder was ist sie? Ihre Schwester? Eine Verwandte?«

»Nein.« Sascha schüttelte den Kopf. »Keine Verwandte.«

»Also, bevor ich mich näher mit dem Fall befassen kann«, fuhr Frau Dr. Kesselbach fort, »muss erst einmal klar sein, dass Ihre Freundin das auch will. Ich brauche das Mandat und eine Vollmacht, die sie unterschreiben muss. Erst dann kann ich tätig werden. Und –«, sie grinste leicht, »Sie sollten auch Herrn Bauer informieren, wenn sie ihm das Mandat entziehen will. Das muss formell niedergelegt werden.«

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