Teil 01

»Atemberaubend! Nicht wahr?«

Die leise gehauchten Worte streiften Neles Nacken wie ein sanfter Kuss. Sie spürte, wie sich ihre feinen Nackenhärchen aufrichteten, und schloss die Augen, rührte sich jedoch nicht.

Einen Moment lang überließ sie sich ganz der knisternden Spannung zwischen ihnen, ersehnte eine Berührung, auch wenn sie wusste, dass diese Sehnsucht vergeblich war. Dann öffnete sie die Augen und blickte durch die riesige Glasfront wieder nach draußen.

Vor ihr im Morgendunst lag die Südspitze Manhattans. Unter ihr, am Fuße des One World Trade Center, quälte sich der Verkehr durch die gitterförmig angelegten Straßen und Avenues. Hochhäuser reckten sich gen Himmel, einige in schlichtes Grau, andere in spiegelnde Glasfassaden gehüllt. In der Ferne hielt die Freiheitsstatue wie immer trotzig ihre Fackel in die Höhe und versprach einem jeden ein besseres Leben. Die zahlreichen Schiffe, die das Wasser durchpflügten, zogen weiße Gischtkämme hinter sich her. Um das Postkartenszenario perfekt zu machen, strahlte über all dem die Sonne aus frühlingsblauem Himmel.

Seufzend drehte Nele sich um. »Wunderschön. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, ausgerechnet hier arbeiten zu dürfen.« Sie strahlte Olivia an.

Olivia lächelte zurück. In ihren Augen, die das Blau des Himmels zu spiegeln schienen, flackerte für einen Moment Begehren. Ihre Zungenspitze huschte über ihre Lippen, wo sie eine winzige feuchte Spur auf dem dezent roten Lippenstift hinterließ.

Nele schluckte und wurde rot. Ehe sie jedoch etwas sagen konnte, war der prickelnde Moment schon vorbei. Olivia hatte sich gestrafft und meinte nun freundlich-unverbindlich: »Apropos Arbeit – kommst du dann bitte in meinem Büro vorbei? Wir müssen etwas besprechen.« Dann drehte sie sich um und ging mit so energischen Schritten davon, dass ihr blonder Zopf wippte.

Bewundernd betrachtete Nele ihre aufrechte Haltung, ihre perfekte Figur, die durch das schwarze Etuikleid noch hervorgehoben wurde. Die schwarze Aktentasche in der rechten Hand, die Handtasche und den schwarzen Mantel über dem linken Arm war Olivia das Idealbild der erfolgreichen Geschäftsfrau.

Stimmengemurmel riss Nele aus ihren sehnsüchtigen Gedanken. Vom Fahrstuhl her näherte sich eine Gruppe Kollegen. Wieder seufzte Nele. Nein, von denen durfte keiner wissen, dass sie die Nächte mit Olivia verbrachte.

Sie warf einen letzten Blick nach draußen, dann ging sie auf die Gruppe zu, stimmte in die allgemeine Begrüßung ein und betrat die Büros der neunundfünfzigsten Etage des One World Trade Center.


Wenig später saß Nele vor ihrem Computer in einem winzigen Büro, das lediglich durch große Glaswände von den anderen Bürowaben getrennt war. Immerhin aber hatte es Wände und Regale, die ein wenig Sicht- und auch Schallschutz boten. Die Geräusche von draußen waren nicht mehr als ein dumpfes Gemurmel, und sie hatte das Gefühl, ihr eigenes Reich zu haben, selbst wenn es hier üblich war, ständig die Tür offen zu lassen. Und wer brauchte schon Fenster.

Aber daran, dass sie hier den ganzen Tag bei Kunstlicht arbeitete, hatte sie sich längst gewöhnt. Sie war froh, nicht in einem der üblichen Großraumbüros gelandet zu sein. Menschenmengen bereiteten ihr Unbehagen, selbst wenn die Menschen so nett und hilfsbereit waren wie die Amerikaner. Oder gerade dann. In dieser Gesellschaft fühlte sie sich so unvollkommen, beinahe ein wenig hilflos.

Nele prüfte ihren Posteingang und beantwortete einige dringende Mails, ehe sie sich ihren Unterlagen widmete. Seit Anfang des Jahres arbeitete sie nun schon hier bei Johnson & Partner, Inc., Gourmet Foods and Spirits. Die Firma war einer der größten Händler für Delikatessen und Spirituosen weltweit. Neles Arbeitgeber, die deutsche Tochterfirma Mewesko – das Mitteldeutsche Wein- und Sektkontor –, hat Nele nach New York geschickt, um dort internationale Erfahrungen zu sammeln, Trends zu erfassen, Kontakte zu knüpfen. Doch alles, was sie bisher hier zu tun hatte, war Geschäftsunterlagen zu sichten und Geschäftspost zu erledigen. Das hätte jede einigermaßen fähige Assistentin der Geschäftsleitung erledigen können.

Missmutig ließ Nele den Kopf in beide Hände sinken. Dafür hatte sie sich nun zu Hause dem harten Auswahlverfahren gestellt. Dafür hatte sie ihre Wohnung aufgelöst, ihre Freunde verlassen.

Natürlich gefiel ihr New York. Wen würde diese Stadt nicht faszinieren? Aber das Leben bestand eben nicht nur aus Museen und Bars.

Und ja, nicht zu vergessen – sie hatte Sex mit der Personalchefin. Ein Lächeln stahl sich in Neles Gesicht. Die Erinnerung an den letzten Abend war süß und bitter zugleich.

Olivia!

Ihr Körper war so weich und hingebungsvoll gewesen, gleichzeitig aber auch so fordernd und dominant. Ihre Brüste zu liebkosen, hatte Nele in wahres Verzücken versetzt. Der Prosecco aus ihrem Bauchnabel war ihr wie ein himmlisches Getränk vorgekommen. Ja, sie wusste, dass sich das klischeehaft anhörte, aber noch hatte sie das Bedürfnis, es zu genießen.

Lange schon hatte sie keine Frau mehr so begehrt wie Olivia. In ihren Armen fühlte sie sich geborgen. Gleichzeitig aber hatte sie das Gefühl, vor lauter Gier nach diesem wunderbaren Körper zu bersten.

Und dann diese Enttäuschung. Kurz vor Mitternacht war Olivia aus dem Bett gestiegen und gegangen. Einfach so. Schon wieder. Dabei hatte sie versprochen, hatte es wirklich versprochen, dass sie diese Nacht gemeinsam verbringen würden.

Während Nele gedankenverloren auf ihren Computer starrte, erschien mit einem leisen Pling! eine Nachricht auf ihrem Bildschirm. Nelly, kommst du bitte in mein Büro!

Sie schrak hoch und sprang auf. Wie hatte sie das vergessen können? Eilig zupfte sie sich die Jacke ihres grauen Businessanzuges zurecht. Er hatte ein Vermögen gekostet, aber hier wurde großer Wert auf korrekte Kleidung gelegt, selbst wenn man nicht mit Kunden in Kontakt kam. Rasch blickte Nele noch einmal in ihren Taschenspiegel. Das dezente Make-up war in Ordnung, ihr braunes Haar war zu einem perfekten Bob geschnitten und lag makellos. Ihre dunklen Augen wirkten zwar ein bisschen müde, und auf ihrer kurzen, kräftigen Nase tummelten sich lustige kleine Sommersprossen, aber sie war durchaus präsentabel. Für zweiunddreißig allemal. Sie grinste und steckte sich selbst die Zunge heraus.

Mal sehen, was Olivia von ihr wollte. Sie selbst hätte da schon so einige Ideen.

Während Nele den langen Flur entlangging, konnte sie es sich nicht verkneifen, links und rechts in die Büros zu schauen. Überall waren gutangezogene Menschen eifrig bei der Arbeit. Sie gaben Zahlen in Computer ein, telefonierten, diskutierten. Wann immer einer von ihnen Neles ansichtig wurde, winkte er ihr zu oder nickte zumindest freundlich grüßend. Das liebte Nele an den Amerikanern. Sie schienen so unkompliziert und herzlich.

Schließlich stand sie vor Olivias Büro. Olivia Bennett, Human Resources Manager stand auf einem polierten Messingschild zu lesen.

Ja, Liv kümmerte sich wirklich ums Personal. Jedenfalls um sie.

Wer hätte das gedacht. Ausgerechnet die kleine, unbedeutende Deutsche auf Fortbildung landete mit der großen Liv Bennett im Bett. Der großen Olivia, vor der sich alle ein wenig fürchteten. Einige nannten sie sogar heimlich den »Eisberg«. Nun ja, eisig war sie ihr gestern Abend auf keinen Fall vorgekommen.

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