Teil 02

Aber hier in Amerika war es anders. Wenn man flink und geschickt war, konnte man entkommen.

Die Jungs würden sie allerdings nicht unterstützen. Sie würden niemals ein Mädchen in ihre Bande aufnehmen. Also musste sie es allein versuchen, denn Mädchenbanden hatte sie noch keine gesehen. Das war selbst in Amerika nicht üblich.

Sie schlich ein wenig um den Obststand herum. Nun war es wieder von Vorteil, dass sie ein Mädchen war. Die Händler achteten nicht auf sie, weil sie ihr Augenmerk auf die Banden der Jungs richteten. Von ihnen erwarteten sie Unheil, von einem kleinen Mädchen wie Emma nicht. Sie lächelten ihr sogar zu, wenn auch ein wenig zurückhaltend.

Sie sah abgerissen aus, wie alle Iren, die mit dem Schiff gekommen waren und für die Passage ihr letztes Hemd gegeben hatten. Dabei hatten sie schon vorher nichts gehabt. Aber wenn man sah, wie alle um einen wie die Fliegen starben, wenn sie schwächer und schwächer wurden, weil es nichts zu essen gab, fand man einen Weg.

Ian hatte es irgendwie fertiggebracht, für sie alle eine Passage zu ergattern. Wenn Emma das richtig verstanden hatte, hatte er das Geld beim Spielen gewonnen. Aber er hatte Emma darauf eingeschworen, es niemals ihrer Mutter zu sagen. Ihre Mutter wäre lieber verhungert als von einem Spielgewinn zu leben. Sie hätte das Geld vielleicht sogar der Kirche gespendet, weil sie sich so sehr dafür schämte.

Emma sah die Frömmigkeit ihrer Mutter mittlerweile als eine Art zweischneidiges Schwert an. Natürlich glaubte sie an den lieben Gott und natürlich betete sie zu ihm, bat ihn um Hilfe. Aber noch nie war Manna vom Himmel gefallen nach so einem Gebet, was auch immer darüber in der Bibel stand. Also verließ sie sich lieber auf sich selbst.

Sie beobachtete den Bäcker, der seinen dicken Bauch genüsslich in die Sonne streckte, nachdem er die Backstube verlassen hatte und alles Brot in den Körben vor dem Laden lag.

Dicke Bäuche hatten in Irland nur die Engländer. Die Iren hatten nichts, was sie in einen Bauch hätten stecken können. Also war ihr der Mann schon grundsätzlich unsympathisch.

Nun drehte er sich um und ging wieder in den Laden hinein.

Schnell wie der Wind setzten sich Emmas lange, schlaksige Beine in Bewegung, und schon war sie mit einem Laib Brot um die Ecke verschwunden.

»Wir danken dir, Herr, dass du uns in deiner Güte auch heute wieder mit Brot versorgt hast.«

Emma hörte mit gesenktem Kopf zu, während ihre Mutter auf Irisch das Dankgebet sprach. Sie hatte in ihrem Leben nie Englisch gesprochen und verstand auch nur ein paar Brocken. Wie vielen der armen Leute im Westen Irlands war ihr die englische Sprache immer fremd geblieben. Die britischen Eroberer hatten sie genauso mitgebracht wie den Hunger.

Innerlich hätte Emma am liebsten protestiert. Es war nicht Gott, der sie und ihre Familie heute mit dem Nötigsten an Essen versorgt hatte, sondern die Jüngste der Familie, die sich jeden Tag dafür in Gefahr begab. Ihre Schwester Katie, obwohl drei Jahre älter, war dazu nicht in der Lage. Sie ähnelte ihrer Mutter sehr und betete lieber, statt etwas zu unternehmen.

Ihre Mutter hatte noch mehr Kinder gehabt, in Irland bekam jede Frau fast jedes Jahr ein Kind, aber sie waren alle gestorben, manche schon bei der Geburt, manche etwas später. Von den vielen Geburten und der schweren Arbeit ausgezehrt hätte ihre Mutter eigentlich gutes Essen gebraucht, aber alles, was es gab, waren Kartoffeln. Der Reichtum des Landes, Butter, Milch, Rindfleisch und Getreide, wurde nach England verschifft. Die Iren sahen davon nichts.

Und dann waren die Kartoffeln von der Pest befallen worden. Sie waren in der Erde verfault, und als der Herbst kam und die armen Pächter sie ausgruben, gab es nichts zu essen. Zuerst starben die kleinen Kinder und die Alten, dann wurden es immer mehr.

Britische Soldaten schossen auf jeden, der sich den Lebensmitteltransporten nach England näherte, die die ganze irische Insel hätten am Leben erhalten können.

Ihr Vater, der sich mit einigen anderen Männern zusammengetan hatte, um seine Familie zu retten, nur ein wenig Getreide für Brot zu besorgen, überlebte diesen Versuch nicht.

Und nun gab es von der großen Familie niemanden mehr außer ihnen dreien.

In Irland mussten Kinder schon früh mitarbeiten, um die Familie zu versorgen. Die protestantischen englischen Herren hatten Bildung für die Katholiken verboten, das hieß für alle Iren, denn alle waren katholisch. Katholiken konnten weder Land kaufen noch Land besitzen, sie hatten kein Recht auf eine Ausbildung, auf eine Chance im Leben. Eigentlich hatten sie überhaupt keine Rechte.

Von dem, was sie anbauten, blieb nichts übrig. Die Engländer ließen ihnen gerade die paar Kartoffeln, an denen sie nicht weiter interessiert waren.

Emma hatte ein wenig Lesen und Schreiben von ihrem Vater gelernt, und Rechnen konnte sie im Kopf. Besser als mancher »Mittelsmann«. Eine Schule hatte sie wie die meisten Iren nie von innen gesehen.

Die Mittelsmänner waren der Untergang des Landes. Sie hatten das Land von den Grundherren gepachtet und in so kleine Parzellen aufgeteilt, dass niemand mehr davon leben konnte. Dennoch mussten die Pächter – wie Emmas Vater es getan hatte – hohe Mieten für die winzigen Landstücke zahlen. Es war kaum zu schaffen, wenn nicht alle rund um die Uhr wie die Sklaven arbeiteten.

Und Sklaven, das waren sie ja auch. Erst in Amerika hatte Emma davon gehört, dass Sklaven im allgemeinen schwarz waren. In Amerika traf das zu, in Irland hatte die Hautfarbe keine Rolle gespielt, nur die Religion und der Grundbesitz.

Besitz war überhaupt das A und O. Das hatte selbst Emma mit ihren zehn Jahren schon begriffen. Wenn man kein Land besaß, war man ein Niemand.

Deshalb reifte der Wunsch in ihr, welches zu besitzen. Auch wenn sie nicht im entferntesten wusste, wie sie das anstellen sollte. Genauso gut hätte sie sich wünschen können, auf den Mond zu fliegen.

Es war so dunkel in dem verrotteten Zimmer, in dem sie alle lebten, im untersten Stock eines Mietshauses, das so aussah, als würde es gleich zusammenbrechen, dass man normalerweise kaum mitbekam, ob draußen die Sonne schien oder tiefste Nacht war. Nicht ein einziger Sonnenstrahl fand seinen Weg durch die kaputten Fenster. Es war kalt, und Schimmel wucherte an den Wänden. Die Feuchtigkeit führte zu Tuberkulose und Tod. Im ganzen Haus hörte man ständig irgendjemanden husten.

Sie hatten keinen Tisch und keine Stühle, sie schliefen auf dem Boden, auf alten, mottenzerfressenen Decken, die weder Schutz noch Wärme boten. Es war wirklich nicht viel anders als in Irland, und Emma fragte sich manchmal, warum sie überhaupt hierhergekommen waren. In Irland hatten sie zumindest einen Tisch gehabt und wenn auch harte Holzbetten, einen Topf, in dem über dem offenen Feuer die Kartoffeln kochten. Hier konnten sie sich noch nicht einmal das leisten.

Sie versuchte langsam zu essen, obwohl sie am liebsten das ganze Brot in sich hineingestopft hätte. Sie hatte ständig Hunger. Aber sie wusste aus Erfahrung, dass es ein wenig länger dauerte, bis sie wieder richtigen Hunger bekam, wenn sie langsam aß. Sattessen konnte sie sich ja ohnehin nie.

Im Augenwinkel nahm sie eine Bewegung vor dem Fenster wahr. Sie stand vom Boden auf und schaute hinaus. Neben diesem Haus türmte sich ein großer Steinhaufen auf, das einst nächstgelegene Mietshaus, das tatsächlich zusammengestürzt war, wie viele andere.

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