Teil 03

Eine laute Stimme hob sich darüber hinweg.

Ein Polizist mit einem hohen, halbrunden Helm hielt mit weitausholender Geste eine Rede, und um ihn herum standen ein paar Gestalten, die hier gar nicht herzupassen schienen.

Sie waren gut angezogen, die langen Kleider der Ladys schleiften im Dreck, und die Krinolinen erhoben sich über dem unteren Rücken – ihre Mutter hätte nie erlaubt, »Hintern« zu sagen – der Damen, als ob sie sich mit Grausen von dem Schmutz abwandten.

Es war nicht das erste Mal, dass Emma hier solche Besucher sah. Es wurden richtige Führungen durch das Armenviertel Five Points in New York veranstaltet, in dem die meisten eingewanderten Iren lebten. Die Reichen ergötzten sich an Hunger und Elend.

Emma, die das Viertel liebend gern verlassen hätte, verstand diese Menschen nicht, die freiwillig hierherkamen, obwohl sie es gar nicht mussten. In Irland hatten sich englische Ladys, die genauso gekleidet waren wie diese hier, sehr rar gemacht. Sie hatte nur einmal eine Kutsche von weitem gesehen, als sie zum Landsitz des Lords fuhr, und kurz einen Blick auf eine solche Lady erhascht.

Die sah aber nicht so aus, als ob sie wirklich freiwillig dort wäre. Die englischen Lords waren bekannt als die »abwesenden Grundherren«. Sie fanden das Leben auf dem Land so abstoßend, dass sie ihre Güter kaum je besuchten.

Diese Ladys hier wirkten anders. Bestürzt irgendwie. Bis auf eine. Ein junges Mädchen, die hinter einer älteren Frau stand, wahrscheinlich ihrer Mutter. Sie schaute sich mit einem arroganten Blick um, als ob sie eine der englischen Grundherrinnen wäre.

Emma selbst besaß ein typisch irisches Äußeres: schwarze Haare und strahlend blaue Augen, diese junge Lady war blond, eine Engländerin eben. Die Farbe ihrer Augen konnte Emma nicht erkennen, aber sie hatte noch nie einen Engländer mit dunklen Augen gesehen. Englische Augen waren immer blass, wie ihre Haut.

Während die anderen Damen und Herren dem Polizisten zu lauschen schienen, interessierte diese junge Frau sich anscheinend überhaupt nicht dafür. Sie wirkte gelangweilt. Vielleicht war sie wirklich Engländerin, keine Amerikanerin, dachte Emma. Nur hier bei Verwandten zu Besuch.

Als Emma sie länger betrachtete, fiel ihr auf, dass diese junge Lady wohl kaum älter sein konnte als Katie, auch wenn sie wegen der eleganten Kleider reifer wirkte. So abgerissen, wie die Iren gezwungen waren herumzulaufen, sahen selbst Erwachsene manchmal noch wie schmuddelige Kinder aus.

Ein solches Kleid zu tragen musste der Himmel auf Erden sein, dachte Emma.

Jung, wie Emma war, stieg doch ein leichter Abscheu in ihr auf. Was bildeten sich diese Leute eigentlich ein? Sie wurden ihr Leben lang versorgt, brauchten keinen Finger zu rühren. Womit hatten sie das verdient?

In Irland hatten nur die Iren auf den Feldern gearbeitet, die Grundherren nicht. So war die Welt beschaffen, das wusste Emma auch, aber auf einmal erschien es ihr ungerecht. Warum stand dieses junge Mädchen jetzt nicht hier am Fenster, in abgerissenen Kleidern, und Emma war dort draußen, mit sorgfältig gelegten Locken im Haar und einem Schleier vor dem Gesicht, mit Handschuhen so weiß, dass man kaum glauben konnte, dass es so etwas gab?

»Was ist denn da draußen?« Ihre Schwester Katie war nun doch aufmerksam geworden.

»Nichts.« Emma sagte es, aber sie drehte sich nicht um. Sie konnte sich einfach nicht vom Anblick dieser jungen Lady lösen.

Katie stand auf und kam zu ihr. »Die Engländer«, sagte sie. Ihrer Stimme war keine Gefühlsregung anzuhören.

»Ich glaube nicht«, sagte Emma. »Amerikaner.«

»Sie tragen wunderschöne Kleider.« Immer noch wirkte Katies Stimme so starr wie ihr Blick.

»Ja.« Ein leichtes Lächeln hob Emmas Mundwinkel. Sie liebte schöne Kleider. Und sie bewunderte Frauen, die darin aussahen wie dahingleitende Engel. In der Kirche gab es Engel mit langen Kleidern. Die hatte Emma immer besonders geliebt.

»So etwas werden wir nie haben«, sagte Katie. Sie wandte sich ab.

»Warum nicht?« In Emma regte sich Protest. Das hatte ihre Mutter ihr schon als kleines Kind vorgeworfen. Aber Emma konnte nicht anders.

Ihre Mutter sagte, die Welt wäre von Gott so geschaffen, wie sie nun einmal war. Daran könnte man nichts ändern.

Und schon früh war in Emma die Frage »Warum?« aufgestiegen.

Diese Frage stellte man nicht, sagte ihre Mutter.

Darauf hätte Emma am liebsten gleich noch einmal »Warum?« gefragt, aber sie verbiss es sich.

Katie fragte nie nach dem Warum. Sie nahm alles hin. Als Emma noch kleiner war, hatte sie sie immer nur strafend angesehen, wenn sie »Warum?« fragte. Ein wenig herablassend auch, wie man eben ein kleines Kind ansah, wenn es etwas Dummes fragte, das zu dumm war, um es überhaupt einer Antwort zu würdigen.

Seit Emma größer geworden war, machte Katie sich nicht mehr die Mühe, sie so anzuschauen, sie ignorierte sie einfach. Vielleicht war sie auch nur zu müde, um sich um irgendetwas anderes zu kümmern als sich selbst.

»Warum nicht?« Katie wiederholte Emmas letzte Frage, als ob sie in einer fremden Sprache gesprochen hätte.

»Ja, warum nicht?«, bestätigte Emma. Sie setzte einen trotzigen Gesichtsausdruck auf. Dadurch wirkte sie nun tatsächlich eher wie ein kleines Kind, während sie ansonsten meistens den Eindruck machte, als ob sie älter wäre.

»Nur kleine Kinder fragen so dumm«, antwortete Katie denn auch prompt mit dem überheblichen Gesichtsausdruck, den Emma schon lange nicht mehr an ihr gesehen hatte.

»Wer hat das Brot besorgt?«, fragte Emma angriffslustig. »Du oder ich? Wer ist also hier das Kind?«

»Ich bin jedenfalls schon so alt, dass ich kein Brot mehr geschenkt bekomme«, erwiderte Katie leicht gelangweilt, als ob sich eine feine Dame herabließe, sich mit den profanen Dingen des Lebens zu beschäftigen, die sie sonst nicht interessierten. Wenn man genau hinhörte, klang jedoch eine Spur von Neid in ihren Worten mit.

Dachte Katie das wirklich? überlegte Emma. Dass sie das Brot geschenkt bekam? Sie musterte ihre Schwester mit einem forschenden Blick. Tatsächlich. Sie sah so aus. Als ob einem hier in Amerika irgendjemand irgendetwas schenken würde. Als ob sich irgendetwas geändert hätte seit Irland. So wie sie alle es sich erhofft hatten.

Insbesondere für Ian war Amerika das Land seiner Träume gewesen, das Land, in dem Milch und Honig für sie fließen würden. Wie er sich doch geirrt hatte. Es gab weder Milch noch Honig hier, seit ihrer Ankunft hatte Emma so etwas nie bekommen. Früher, in Irland, hatten sie zumindest eine Kuh gehabt. Und Honig versteckten die Bienen im Sommer in ihren Waben, in Bäumen, die Emma genau kannte. Sie war schon mehr als einmal gestochen worden, wenn sie ihnen die süße Versuchung stahl.

Sie lächelte, als sie an den Geschmack dachte. Dann jedoch verdüsterte sich ihr Gesichtsausdruck. Hier in der Stadt gab es keine Bienen. Also würde sie dieses Jahr wohl auch keinen Honig bekommen. Noch nicht einmal gestohlenen.

Sie beschloss, Katie genauso zu behandeln, wie sie Emma meistens behandelte, und sie zu ignorieren. Ihr Blick wanderte wieder nach draußen.

Der Polizist war nun mit den »Besuchern« weitergezogen. Sie sah die Gestalten nur noch von hinten. Sie würden sich nicht mehr lange hier aufhalten. Meistens ertrugen sie den Gestank nicht. Schon jetzt hatten praktisch alle sich weiße, seidene Taschentücher vor die Gesichter gepresst, um den Geruch nicht an ihre wertvollen gepuderten Näschen herankommen zu lassen.

Was für ein Leben musste das sein. Emma versank in einen Tagtraum. Sie sah sich selbst in so einem langen, auf dem Boden schleifenden Kleid, ein Taschentuch im Ärmel, das sie elegant herauszog. Nicht um sich mit brüllendem Getöse die Nase zu putzen, wie es die armen Leute taten, sondern nur, um sie leicht zu betupfen, als wäre ein Taschentuch nichts weiter ein überflüssiges Accessoire. Eine modische Torheit ohne Funktion.

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