Teil 03

»Ach, Nelly, red keinen Unsinn.« Olivia hatte ihre Fassung offensichtlich wiedergefunden. »Ich könnte dich genauso gut fragen, ob du nur mit mir zusammen bist, weil du dir so eine gute Ausgangsposition für dein Vorankommen in der Firma sichern willst. Ich meine, weshalb sonst lässt du dich auf eine Affäre mit einer älteren Frau ein?«

»Ha, ha. Ich höre immer ältere Frau. Liv, du bist achtunddreißig! Und was das Vorankommen in der Firma betrifft – ich bin doch sowieso bald wieder zurück in Deutschland. Denen ist dort völlig egal, mit wem ich hier geschlafen habe.« Nele verdrehte mit gespielter Empörung die Augen.

»Siehst du, dann hätten wir ja auch das geklärt.« Olivia griff nach einem Stoß Akten und begann ihn offenbar zu durchsuchen. »Eigentlich wollte ich dir wirklich eine Neuigkeit mitteilen. Aber danke für diese kleine morgendliche Aufheiterung.« Sie sah auf und blickte sich um. »Wo ist übrigens mein Slip abgeblieben?«

»Keine Ahnung«, beteuerte Nele und hob unschuldig die Arme. »War viel zu beschäftigt, um auch noch auf den achtzugeben.«

»Nelly, komm! Rück ihn wieder raus. Ich habe nachher noch eine Sitzung mit der Geschäftsleitung.«

Nele grinste breit. »Na, dann viel Spaß. Genieß es.«

Olivia schien einzulenken. Sie nahm ein Taschentuch, stand auf und ging um den Tisch herum auf Nele zu: »Du hast da noch Lippenstift.«

»Aber nicht draufspucken!«, wehrte Nele ab, nahm eilig das Taschentuch und rieb sich vorsichtig die angedeutete Stelle. »Und was wäre diese Neuigkeit?«

Mit raschem Griff fasste Olivia in Neles Jacketttasche und zog ihren Slip heraus. »Punkt eins: Meine Sitzung ist gerettet.« Sie lächelte triumphierend. »Für Punkt zwei: Setzt du dich bitte?« Und als Nele bereits Anstalten machte, sich erneut auf der Tischkante niederzulassen, fügte sie hastig hinzu: »Aber auf die andere Seite. Weitere Handgreiflichkeiten würden jetzt wirklich nur stören.«

»Ja, Boss.« Mit geheuchelter Unterwürfigkeit ließ sich Nele auf den Stuhl fallen und blickte Olivia neugierig an.

Diese griff nach einer Akte, die sie nun plötzlich ganz ohne weiteres Suchen gefunden hatte, blätterte sie scheinbar ziellos durch und erkundigte sich wie nebenbei: »Wie lange bist du jetzt bei uns? Drei Monate?«

»Drei Monate und vier Tage«, präzisierte Nele.

»Mhm. Und du fühlst dich wohl?«, hakte Olivia nach.

Irritiert runzelte Nele die Stirn, ehe sie zweideutig antwortete: »Nun ja, privat kann ich nicht klagen, beruflich wäre ich gern ein wenig stärker gefordert.«

»So, so. Privat kannst du nicht klagen.« Olivia strich sich eine lose Strähne aus der Stirn und zeigte ein warmes Lächeln. »Dann hoffen wir mal, dass das so bleibt. Aber vielleicht kann ich dich ja auch beruflich ein wenig glücklicher machen.«

»Oh, jetzt bin ich aber gespannt.« Interessiert stützte Nele die Ellbogen auf die Tischplatte und legte ihren Kopf in die Hände. »Haben wir jetzt häufiger Sex im Büro? Da wartete ja noch dieses Lineal . . .«

Olivia ignorierte geflissentlich den Einwurf und fuhr unbeirrt fort: »Wir sind mal wieder dabei, unseren Katalog zu überarbeiten. Du weißt, manche Produkte sind nicht mehr so gefragt, die müssen wir herausnehmen. Andererseits müssen wir neue Trendprodukte finden und aufnehmen.«

»Klar. Das war ja zu Hause in Deutschland mein Gebiet.« Jetzt war Neles berufliche Neugier geweckt. Sie setzte sich aufmerksam aufrecht. Jeder Anflug von Ironie war aus ihrem Gesicht verschwunden.

Olivia nickte. »Eben, deshalb haben wir an dich gedacht. Wir brauchen mal wieder eine Überprüfung des Whiskeysortiments. Eigentlich macht das Jane Cunningham. Aber die ist schwanger, wie du weißt.«

Nele nickte verstehend. »Da macht es sich schlecht, Whiskey zu verkosten.«

»Genau. Außerdem ist sie bei den Anbietern bereits bekannt wie ein bunter Hund. Du bist neu, hast aber trotzdem Erfahrung. Wie ich aus deinen Unterlagen ersehen konnte, warst du schon in Irland und Schottland auf der Suche nach neuen Whiskeysorten und Trends. Ich dachte, es wäre für uns alle hilfreich, wenn du nach Kentucky fährst, ein paar Destillen abklapperst und uns dann deine Vorschläge unterbreitest. Vielleicht findest du ja das eine oder andere lohnenswerte neue Produkt. Außerdem kannst du so ein paar Beziehungen für dich knüpfen und für uns pflegen.« Olivia legte die Hände gefaltet vor sich auf den Schreibtisch und schaute Nele erwartungsvoll an.

Diese schluckte irritiert, wurde rot. »Wow . . . das nenne ich mal einen Vorschlag«, war alles, was sie sagen konnte. Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

Olivia, sichtlich zufrieden mit der Wirkung ihres Angebots, schmunzelte und fragte: »Warst du schon mal in Kentucky?«

»Nö, noch nie.« Nele schüttelte den Kopf. »Allerdings mag ich den Bourbon, den sie dort herstellen, ganz gern. Obwohl er natürlich nicht mit dem irischen Whiskey mithalten kann.« Sie zog eine Braue hoch und betrachtete Olivia prüfend.

Die hob nur unbeteiligt die Schultern. »Das ist dein Fachgebiet, dazu kann ich nichts sagen. Ich bin hier nur für das Personal zuständig. Außerdem mache ich mir nichts aus Whiskey. Ich bin mehr der Weintrinker.«

»Na, da habe ich doch wieder etwas gelernt«, kommentierte Nele und lächelte zufrieden. »Übrigens – darf ich Jim Beam aus dem Sortiment nehmen? Den finde ich einfach scheußlich. Den erträgt man höchstens in der Cola.«

Olivia zog die Augenbrauen hoch, dann sagte sie kühl und gelassen: »Nell, wenn du das tust, dann sehe ich mich leider gezwungen, dich rauszuwerfen. Jim Beam ist Kult.«

»Auch, wenn er schmeckt, als hätten sie damit die Destillierbottiche gereinigt?«, feixte Nelly. Als sie Olivias warnenden Blick sah, beeilte sie sich hinzuzufügen: »Keine Sorge, ich werde die heilige Kuh selbstverständlich nicht schlachten.«

Olivia ging nicht darauf ein. Stattdessen fragte sie scheinbar nebenher: »Wer sagt denn eigentlich, dass ich dich allein dorthin schicke?«

»Wie, nicht?« Nele horchte auf. »Wer kommt noch mit? Charlie Sanchez? Oh, bitte nicht! Der ist so anhänglich. Der arme Kerl hat noch immer nicht begriffen, dass ich für Männer nicht zu haben bin. Oder ist es Johnny White? Der ist ganz nett. Vielleicht ein bisschen großväterlich.« Während Nele wild herumriet, übersah sie zunächst völlig Olivias breites, fröhliches Lächeln. Erst nach einer Weile bemerkte sie es und stutzte.

»Was ist?«, fragte sie überrascht. »Machst du dich über mich lustig?«

Jetzt lachte Olivia vergnügt auf. »Nell, manchmal bist du wirklich naiv.« Sie lehnte sich entspannt in ihrem Sessel zurück. »Eigentlich hatte ich gedacht, dass wir beide zusammen nach Kentucky fahren. Nächstes Wochenende ist Pferderennen in Keeneland – das heißt, eigentlich ist es das Vier-Sterne-Vielseitigkeitsturnier. Aber egal, ich habe jedenfalls schon eine Suite für Samstag gebucht. Wir werden einen Wahnsinnsblick auf die Rennbahn haben. Wer Keeneland nicht kennt, wer dort noch nicht zum Rennen war, der wird Kentucky nie verstehen.« Mit einem verschwörerischen Zwinkern fügte sie hinzu: »Und wir wollen dir doch einen perfekten Einstand bieten.«

»Wow!« Mehr brachte Nele erst einmal nicht hervor. Sie strich sich fahrig durchs Haar, zupfte an ihrem Jackett und schaute Olivia schließlich mit leuchtenden Augen an. »Und du veralberst mich nicht? Ich denke, du hast keine Ahnung vom Whiskey? Und trotzdem willst du mitfahren? Wie lange bleiben wir denn dort? Und wo übernachten wir?« Vor lauter Aufregung verschluckte sie sich und musste husten. Als sie wieder Luft bekam, ergänzte sie, noch ganz rot im Gesicht: »Und überhaupt – wie erklärst du das den anderen?«

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