Teil 04

»Mutter.« Emma drehte sich um. »Wenn ich solchen Stoff bekäme, könntest du mir dann so ein Kleid nähen?«

Ihre Mutter schaute sie verständnislos an. Vor Auszehrung lagen ihre Augen tief in den Höhlen. »Was für ein Kleid?«

»Wie die feinen Damen es tragen.«

Wenn sie noch die Kraft dazu gehabt hätte, hätte ihre Mutter wohl nachsichtig gelächelt. Aber da ihr die Kraft fehlte, sagte sie nur müde: »Solchen Stoff gibt es nicht für arme Leute. Den könnten wir gar nicht bezahlen.«

»Du immer mit deinem Geträume.« Katies Stimme klang ärgerlich, als sie ihre Schwester abschätzig ansah. »Schon zu Hause hast du immer nur geträumt. Vater und du –«

»Katie!« Bei aller Kraftlosigkeit schaffte es ihre Mutter, den Namen recht scharf auszusprechen, aber dann fiel sie wieder in sich zusammen.

»Und Ian«, fuhr Katie dennoch aufmüpfig fort. »Ihr alle. Und was habt ihr davon? Vater und Ian sind tot –«

»Katie . . .« Diesmal flüsterte die Stimme ihrer Mutter nur.

»Hör auf! Hör verdammt noch mal auf!« Emma sprang ihrer Schwester an die Gurgel. »Siehst du nicht, wie du Mutter quälst?«

Katie versuchte sich zu wehren, aber auch sie war recht schwach. Deshalb behielt Emma die Oberhand und konnte sie zu Boden reißen. »Vater hat immer gesagt, ohne Träume ist ein Ire nichts wert. Es ist unser gutes Recht zu träumen. Die kleinen Menschen konnten alles erreichen, weil sie davon geträumt haben.«

»An Feen zu glauben ist heidnisch, unchristlich«, sagte ihre Mutter leise. »Auch wenn dein Vater –« Sie brach erschöpft ab.

»Und wo sind die kleinen Menschen jetzt?«, fragte Katie spitz. Immer noch lag Emma auf ihr und ließ sich nicht wegschieben, auch wenn Katie das versuchte. »Helfen sie uns? Haben sie Vater beschützt? Haben sie Ian beschützt?«

Emma hatte für einen Moment das Gefühl, als würde alle Kraft aus ihren Armen gesaugt, als bestände sie nur noch aus einer weichen, biegsamen Masse. Die Erinnerung an ihren Vater und ihren Bruder, die nicht mehr bei ihnen waren, überfiel sie wie ein schwarzes Loch.

Katie warf sie ab und stand auf. Geringschätzig schaute sie auf Emma hinunter. »Niemand ist da«, setzte sie hart fort. »Wir sind ganz allein. Niemand hilft uns.«

Die Schwäche, die Emma für einen kurzen Augenblick überwältigt hatte, verließ sie wieder. Sie sprang auf die Beine und starrte ihre Schwester mit wie blaue Diamanten glitzernden Augen an. »Sie sind da«, behauptete sie. »Sie sind bei uns. Aber helfen müssen wir uns selbst.«

Mit einem hohlen Laut wandte Katie sich ab. »Wir müssen Arbeit finden. Mutter läuft den ganzen Tag herum, aber es gibt keine Arbeit. Ich habe es auch schon versucht, aber sie wollen mich nicht. Ich sehe zu dünn aus. Sie denken, ich bin zu schwach. Und du . . .«, sie warf einen vernichtenden Blick auf ihre kleine Schwester, »träumst.«

Und ich bringe das Essen nach Hause, dachte Emma, aber sie sagte es nicht laut. Es hatte ja keinen Sinn. Wenn ihre Mutter erfuhr, dass das Brot und die Äpfel gestohlen waren, würde sie keinen Bissen anrühren und Emma dazu auffordern, in die Kirche zu gehen und Abbitte zu leisten, alle Heiligen um Verzeihung zu bitten und tausend Rosenkränze zu beten. Dafür hatte Emma keine Zeit.

»Einmal werde ich reich sein«, sagte sie und warf den Kopf zurück, dass ihre langen, schwarzen Haare wie eine Aura aus dunklem Licht um ihr Gesicht flogen. »Einmal werde ich alles haben, was ich mir wünsche. Du wirst schon sehen.«

»Träume, nichts weiter.« Katie verzog die Mundwinkel. »Wir werden nie ein Goldstück zu sehen bekommen. Wie es immer schon war.«

2

»Emma? Hast du die Änderungen für Mrs. Lexington-Smith fertig?« Eine kleine, aber durchaus streng aussehende Frau kam zur Tür herein, die in die Schneiderwerkstatt führte.

Sie trug ein exquisit geschneidertes Kleid, das aber trotzdem einen Hauch von Bescheidenheit vermittelte. Sie wollte ihre Kundinnen nicht übertrumpfen, die zu ihr kamen, um so auszusehen, dass ihnen ihre Geschlechtsgenossinnen am liebsten die Augen ausgekratzt hätten.

»Gleich«, sagte Emma, während sie von dem Stoff in ihrer Hand aufschaute. »Ich habe noch etwas mehr geändert.«

Die kleine Frau hob die Augenbrauen und seufzte. »Lernst du es denn nie? Die Kundin will es genauso haben, wie sie es bestellt hat. Das gibt wieder nur Ärger. Mach es so, wie sie es wollte.«

»Aber . . .«

»Kein Aber!« Nun klang die Stimme wirklich streng. »Du hast zu tun, was man dir sagt. Du bist Näherin, nicht die Besitzerin!« Wütend rauschte Harriet Mitchell ab.

Emmas Wut war an ihren zusammengezogenen Augenbrauen zu erkennen. Heftig riss sie den Saum wieder auf, den sie gerade erst genäht hatte. Diese Idioten!

Harriet Mitchell war die beste Schneiderin der Stadt, aber Emma dachte, dass sie selbst noch besser sein könnte, wenn man sie nur ließe. Sie wusste, dass sie eigentlich froh sein sollte, dass sie diese Arbeit überhaupt bekommen hatte. Seit sie sechzehn geworden war, arbeitete sie hier. Nun aber war sie achtzehn, und langsam hätte Mrs. Mitchell ihr ruhig etwas Freiheit lassen können. Sie fühlte, wie ihr irisches Temperament überzuschäumen drohte.

Aber sie hatte gelernt, sich zu beherrschen, zumindest nach außen hin. Also nahm sie Nadel und Faden und begann erneut zu nähen.


»Ich bringe das Kleid für –«

»Lieferanteneingang!« Der hochnäsige Butler knallte Emma die Tür vor der Nase zu.

Eines Tages werde ich durch den Vordereingang kommen, und du wirst dich vor mir verneigen. Emmas Backenzähne mahlten. Dieser Kerl war nicht besser als sie, aber er hielt sich dafür. Alle hielten sie sich dafür. Sie würden schon noch sehen . . .

Da sie keine andere Wahl hatte, ging sie am Haus vorbei nach hinten zum Dienstboteneingang. Obwohl sie als Näherin auch nicht gerade einen angesehenen Berufsstand repräsentierte, war sie froh, dass sie es geschafft hatte, es zu vermeiden, als Dienstmädchen arbeiten zu müssen.

Katie war in einem solch großen Haus angestellt, und sie gab ständig vor Emma damit an, die noch immer im Slum wohnte, wie Katie es abschätzig nannte, die sich nun für etwas Besseres hielt. Genau wie dieser Butler. Aber sie waren eben alle nur Dienstboten. Katie wurde den ganzen Tag herumgescheucht, von morgens fünf bis Mitternacht oder später, wenn die Herrschaft etwas wünschte.

Emma wurde auch herumgescheucht, aber anders. Ihre Fähigkeiten als Näherin wurden zumindest teilweise anerkannt. Schon damals als Kind hatte sie angefangen, sich bei ihrer Mutter, die eine hervorragende Näherin war, einiges abzuschauen.

Sie hatte Stoff »besorgt« (ihre Mutter durfte nur nicht wissen, wie) und sich von ihrer Mutter alle Feinheiten des Handwerks zeigen lassen. Aufgrund ihres Könnens hatte ihre Mutter dann zuerst diese Arbeit hier bei Harriet Mitchell bekommen, aber dann kam die Lungenentzündung, es gab kein Mittel dagegen, und wenn, hätten sie es nicht bezahlen können. So war ihre Mutter vor zwei Jahren gestorben.

Daraufhin war Emma ihr in die Arbeitsstelle gefolgt, nachdem sie Harriet Mitchell mühsam davon überzeugt hatte, dass sie trotz ihrer Jugend genauso gut wie ihre Mutter war.

Am Hintereingang musste sie nicht klopfen, sie schob einfach die Tür auf. Vor ihr öffnete sich ein Gang, von dem mehrere Türen abzweigten, die Zimmer der Dienstboten. Den Gang herunter zu ihr hin fädelte sich ein verführerischer Duft. In der großen Küche, die seitlich am Ende des Ganges lag, wurde wahrscheinlich das Mittagessen gekocht.

Anscheinend waren alle damit beschäftigt, denn Emma sah niemanden, den sie hätte fragen können, wo sie hinmusste. Also näherte sie sich der Küche und schaute hinein.

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