Teil 04

»Das sind ja eine Menge Fragen.« Olivia schüttelte amüsiert den Kopf. »Meine kleine Nichte ist auch immer so aufgeregt, wenn es ans Verreisen geht.« Sie griff nach einem Stift und begann damit zu spielen.

Verdutzt fragte Nele: »Du hast eine Nichte? Wusste ich gar nicht.«

»Du weißt vieles nicht von mir«, bestätigte Olivia mit nachdenklicher Miene.

Nele sah sie herausfordernd an. »Vielleicht solltest du mir dann ab und zu mal etwas über dich erzählen. Zum Beispiel, wann wir mal ein Wochenende gemeinsam verbringen.«

»Puuuh, ihr Deutschen.« Wieder schüttelte Olivia den Kopf. »Ihr wollt immer alles gleich und sofort. Warum lässt du die Dinge nicht einfach so, wie sie sind, und genießt, was du hast? Reicht man dir den kleinen Finger, beißt du einem den Arm kurz hinterm Ohr ab.«

»Ach, jetzt spielst du die Deutsch-Karte? Darauf habe ich schon lange gewartet!« Neles Augen blitzten.

Aber Olivia war offensichtlich nicht gewillt, den verbalen Schlagabtausch fortzusetzen, denn sie blickte demonstrativ auf die Uhr. »Nelly, so gern ich auch mit dir noch weiter plaudern würde – ich habe einen Termin. Um es kurz zu machen: Wir fliegen am Freitag und bleiben übers Wochenende. Ich habe ein Motelzimmer für uns beide gebucht. Am Montag fliege ich dann wieder nach Hause, und du machst Kentucky unsicher. Zum Whiskeyverkosten brauchst du mich nicht. Du kannst übernachten, wo du willst, du darfst nur dein Spesenkonto nicht überziehen. In vier, spätestens in sechs Wochen bist du wieder hier. In der Zwischenzeit erwarte ich den einen oder anderen Bericht. Alles klar?«

Nele waren während Olivias kurzer Ansprache die Gesichtszüge entgleist. Die wunderbare, aber kurzfristige Aussicht auf schier endlose Zeit mit Olivia war wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen. Tonlos antwortete sie: »Alles klar.«

»Ich habe dir alles noch einmal zusammengestellt«, erklärte Olivia, jetzt ganz im Business-Modus. »Du solltest den Rest der Woche nutzen, um dich einzuarbeiten. Am besten, du redest auch mal mit Jane Cunningham. Die gibt dir sicher noch ein paar Tipps.« Sie reichte Nele eine Aktenmappe über den Tisch. Dann schaute sie erneut auf die Uhr und stand auf. »Tut mir leid, aber ich muss dich jetzt hinauskomplimentieren.«

Auch Nele erhob sich. Sie starrte auf die Mappe, als hätte sie so einen Gegenstand noch nie gesehen. Schließlich fasste sie sich und lächelte Olivia schwach zu. »Danke dir«, sagte sie leise. »Ich werde dich sicher nicht enttäuschen.«

»Davon bin ich überzeugt«, entgegnete Olivia förmlich.

Nele ging zur Tür. Ehe sie sie öffnete, drehte sie sich noch einmal um. »Liv?«

Olivia, die sich bereits in einige Unterlagen vertieft hatte, schaute kurz hoch: »Ja?«

»Warum hast du mir das alles nicht schon gestern Abend erzählt?«

»Weil ich Berufliches und Privates grundsätzlich trenne. Ich gedenke nämlich, meinen Job noch eine Weile zu behalten«, gab Olivia freimütig zurück.

»Okay. Und was ist mit heute Abend? Sehen wir uns?«

Olivia schüttelte den Kopf, so dass ihr blonder Zopf hin und her flog. »Ich denke nicht. Ich habe noch ein Geschäftsessen. Vielleicht morgen. Ich sag dir Bescheid. In Ordnung?«

»Ja, sicher doch. Du bist der Boss«, seufzte Nele ergeben und verließ das Büro.


Als Nele Olivias Bürotür hinter sich schloss, nahm sie alles um sich herum nur noch wie durch einen dichten Nebel wahr. In ihrem Inneren tobte ein wahrer Gefühlssturm. Da war die Freude darüber, dass Olivia ihr eine so wichtige Aufgabe übertrug. Da war unfassbares Glück, dass sie beide immerhin ein ganzes Wochenende für sich allein haben würden. So etwas hatte es überhaupt noch nie gegeben in ihrer kurzen Beziehung.

Alles, was sie bisher voneinander gehabt hatten, war Sex. Sehnsuchtsvoller, gieriger, überwältigend erfüllender Sex. Geredet hatten sie dabei kaum – weder davor noch dabei noch danach. Und wenn, dann waren es Liebkosungen gewesen. Geflüsterte Zärtlichkeiten, glutvolle Koseworte, die beide nur noch mehr in Ekstase versetzt hatten.

»Hey, Nelly! Hat sie dir den Kopf abgerissen?«

»Ähm, was?« Erschrocken stotternd tauchte Nele aus ihrer Traumwelt auf. Vor ihr stand Stewart Higgins, ein junger, athletischer Kollege aus der Werbeabteilung, und grinste sie breit an.

»Ich habe gefragt, ob der Eisberg dir den Kopf abgerissen hat. Du siehst ganz blass aus«, wiederholte er seine Frage und schaute sie forschend an.

Nele setzte ein breites Lächeln auf. »Was du gleich wieder denkst, Stew. Kleine deutsche Mädchen stehen unter Artenschutz, denen reißt niemand etwas ab. Im Gegenteil – sie hat mich nach Kentucky zum Whiskeyverkosten geschickt. Heute muss mein Glückstag sein.«

»Dein Glückstag?« Stewart legte seine hohe Stirn in Falten. »Na, ich weiß ja nicht. Ehrlich, Honey, es gibt wirklich interessantere Staaten als ausgerechnet Kentucky. Aber der Whiskey ist toll, das stimmt schon. Da wirst du richtig feine Sachen finden. Trink nicht so viel!« Er lächelte, winkte und ging seiner Wege.

»Von wegen viel trinken. Ich muss den guten Stoff ja immer wieder ausspucken«, grummelte Nele vor sich hin und ging in ihr Büro. Sie legte ihre Akte auf den Schreibtisch, dann rief sie Jane Cunningham an.

»Hi, hier ist Nelly Wagner. Sie wissen schon, der Neuzugang aus Deutschland.«

»Oh, hi, Nelly, wie geht es Ihnen? Haben Sie sich gut bei uns eingelebt?«

»Sehr gut, danke vielmals. Und Ihnen? Alles in Ordnung mit dem Baby?«

»Ja, fabelhaft. Sie tritt schon kräftig, die Kleine. Wie kann ich Ihnen helfen, Nelly?«

Froh, die obligatorische Smalltalkphase überwunden zu haben, kam Nele zum Wesentlichen: »Ich wollte fragen, ob Sie heute Lust und Zeit hätten, mit mir zum Lunch zu gehen? Olivia meinte, Sie könnten mir ein bisschen was über Kentucky erzählen.«

»Oh, Sie dürfen das dieses Jahr tun?« Jane Cunningham klang beinahe erleichtert. »Natürlich gehe ich gern mit Ihnen zum Lunch. Um eins? Wir treffen uns unten am Eingang?«

»Perfekt. Bis dann. Und vielen Dank schon mal.«

Erleichtert legte Nele auf. Sie musste sich noch immer große Mühe geben, nicht mit der berühmt-berüchtigten deutschen Direktheit auf ihr Ziel zuzupreschen. Auch nach mehr als drei Monaten fiel ihr das manchmal noch schwer. Vor allem machte es sie kribbelig, wenn ihr etwas unter den Nägeln brannte und sie einfach nur vorankommen wollte, sich aber stattdessen erst durch endlose Floskeln quälen musste. Sie öffnete die Akte und begann, die Liste kentuckyanischer Whiskeybrennereien zu studieren.

Pünktlich um kurz vor eins stand sie dann vor dem Eingang des One World Trade Center. Sie atmete tief ein und lächelte. Das emsige Treiben um sie herum – die hastenden New Yorker, die bummelnden Touristen, der rauschende Verkehr –, davon konnte sie gar nicht genug bekommen. In dieser lauten, hektischen Stadt fühlte sie sich lebendig. Und bei diesem wunderschönen Frühlingswetter erst recht. Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nase, so dass sie niesen musste.

»Bless you! Gesundheit!«, sagte jemand neben ihr.

»Oh, danke.« Nele blinzelte gegen die Sonne und erkannte Jane Cunningham, die rund und rosig vor ihr stand. »Hallo, Jane. Schön, dass Sie Zeit für mich haben. Worauf haben Sie und der Nachwuchs Appetit?« Sie schüttelte ihrer Kollegin die Hand.

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars
Add comment
  • No comments found

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche