Teil 01

1

»Schnell! Ich bitte Sie! Schnell! Fahren Sie los!«

Ronja blickte milde ausgedrückt etwas erstaunt auf die junge Frau im Hochzeitskleid, die gerade in ihr offenes Cabrio gesprungen war.

»Bitte!« Voller Verzweiflung umfasste die blonde Schönheit Ronjas Arm mit beiden Händen. »Fahren Sie!«

»Aber . . .« Ronja schaute sich um, ob sie auf der Straße, an deren Rand sie geparkt hatte, etwas entdecken könnte, was diese junge Braut in solche Panik versetzt haben konnte.

»Hilfe! Bitte, helfen Sie mir!« Die etwas über schulterlangen blonden Locken streiften Ronjas Gesicht, als die Frau den Kopf herumwarf, als ob sie gleich in heftiges Schluchzen ausbrechen würde.

»Wer kann einer Jungfrau in Nöten schon so eine Bitte abschlagen?«, murmelte Ronja zwischen Verwunderung und Unverständnis schwankend, blinkte und fuhr langsam aus der Parklücke auf die Straße hinaus. Sobald sie sich in den Verkehr eingefädelt hatte, beschleunigte sie, blieb aber innerhalb der vorgeschriebenen Geschwindigkeitsbegrenzung.

»Können Sie nicht schneller fahren?« Mit weit aufgerissenen Augen blickte die Blonde hinten über das heruntergeklappte Verdeck hinaus.

»Nicht in der Stadt«, sagte Ronja. »Das Auto mag zwar schnell aussehen, aber es kann auch langsam fahren.«

»Wenn er uns einholt . . .«, murmelte die junge Frau, den Blick nun in ihren Schoß gesenkt.

»Wer?« Ronja warf einen kurzen Blick auf sie. Sehr nett, dachte sie. So was springt einem nicht jeden Tag in den Wagen.

»Mein Mann«, antwortete die junge Frau mit tränenunterdrückter Stimme. »Nein, nicht mein Mann, mein Verlobter. Gerade eben wollten wir heiraten.«

Ronja hob die Augenbrauen. »Und Sie sind weggelaufen?«

Die junge Frau nickte. »Er . . . Er . . . Es wäre nicht gutgegangen.«

»Das ist Ihnen erst vor dem Altar eingefallen?« Auf einmal musste Ronja lachen. »Ich dachte, so was passiert nur in Filmen.«

»Ich . . . Ich . . . Ich dachte . . . Aber es geht nicht.« Wieder senkte die junge Frau schamhaft den Kopf, und der weiße Schleier legte sich über ihre Wange.

»Und was wollen Sie jetzt machen?«, fragte Ronja. »Oder – da Sie schon einmal in meinem Auto sitzen – wo soll ich Sie hinfahren?«

»Ich weiß nicht.« Leicht runzelte sich die jugendlich glatte Stirn. »Nach Hause kann ich nicht zurück.« Sie hob ihre Hände. »Und ich habe auch gar kein Geld bei mir.«

Ronja schmunzelte über die kindliche Ratlosigkeit in dem hellen, fast schneeweiß geschminkten Gesicht. »Das sind allerdings keine guten Voraussetzungen. Haben Sie denn gar keine Familie, wo Sie hinkönnen? Freunde, Bekannte, Verwandte?«

»Nein.« Sie atmete tief durch. »Niemand, der ihm nicht gleich Bescheid sagen würde.«

»Das ist nicht gut.« Ronja begann zu überlegen.

»Sie sagen es«, bestätigte die junge Frau. »Ich . . . Ich . . . Vielleicht könnten Sie mich bei der Bahnhofsmission absetzen oder so was.«

»In dem Kleid?« Ronja lachte leicht. »Ich kann mir kaum vorstellen, was die sagen würden.«

»Aber . . . Aber . . .« Hilflose blaue Augen streiften Ronjas Profil. »Ich muss doch irgendwohin!«

Nachdenklich schaute Ronja sie an und atmete dann tief durch. »Nun ja, ich habe eine ziemlich große Wohnung.« Bist du verrückt? dachte sie sofort. Du weißt, dass du niemand in deiner Wohnung vertragen kannst. Aber nun hatte sie es bereits ausgesprochen. »Da könnten Sie sich erst einmal ausruhen«, schränkte sie ein.

Immerhin war es noch Vormittag, im Laufe des Tages konnte sich einiges ergeben. Vielleicht fand sie sogar eine Unterkunft für die junge Dame. Oder alles renkte sich wieder ein. Junge Leute bekamen ja schon manchmal kalte Füße, wenn es ernst wurde. Möglicherweise rief sie ihn gleich an, und dann stand er stammelnd und rotgesichtig vor der Tür, entschuldigte sich, flehte sie inständig an, ihn zu heiraten, und schon war alles wieder in Butter.

»Danke.« Ein scheues Lächeln überzog das nun etwas entspanntere Gesicht. »Haben Sie vielen Dank. Sie sind meine Lebensretterin.«

»Wollen wir mal nicht gleich übertreiben«, wehrte Ronja etwas schroff ab. »In Lebensgefahr waren Sie ja nun wirklich nicht.«

»Sie wissen ja nicht –« Vertraulich lehnte die Braut sich gegen sie. »Sie wissen ja nicht, wovor Sie mich bewahrt haben.«

Ronja versuchte, ihre Schulter etwas in die andere Richtung zu bewegen, weil ihr so viel Nähe unbehaglich war, zumal noch mit einer Fremden, aber das blonde Köpfchen schien wie mit ihrem Arm verschmolzen.

Glücklicherweise waren sie nun an Ronjas Wohnung angelangt. Schnell fuhr sie in die Tiefgarage und machte den Motor aus. »Wir sind da«, sagte sie hastig und nutzte die Gelegenheit, als ihre Begleiterin aufblickte, um aus der Fahrertür zu schlüpfen.

»Ich wusste nicht, dass diese alten Häuser auch Tiefgaragen haben«, bemerkte die verkrachte Hochzeiterin erstaunt, als Ronja ihr die Beifahrertür öffnete, damit sie aussteigen konnte.

Mit diesem Kleid war das gar nicht so einfach. Ronja reichte ihr die Hand, um ihr zu helfen. »Einige Hausbesitzer haben das gemacht«, sagte sie. »Auch wenn es eine Menge kostet.«

»Entschuldigen Sie, ich bin so einfach in Ihr Leben gesprungen.« Die junge Frau lachte. »Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich sollte mich vielleicht erst einmal vorstellen.« Sie streckte erneut die Hand aus, die Ronja gerade erst losgelassen hatte. »Ich heiße Marina.«

Obwohl Ronja froh war, endlich zu wissen, wie ihre unerwartete Begleiterin hieß, zögerte sie. Irgendwie ging ihr das alles viel zu schnell. »Ronja«, sagte sie endlich, nahm die Hand kurz und ließ sie dann sofort wieder los, als sie ein Kribbeln verspürte. Vorhin, als sie Marina die Hand beim Aussteigen gereicht hatte, war das nicht so gewesen, aber jetzt auf einmal . . .

»Ronja.« Es war, als ließe sich Marina den Namen auf der Zunge zergehen. »Sehr erfreut.«

Ronja lachte leicht. »Dem kann ich mich anschließen.« Immer noch lächelnd musterte sie Marina etwas genauer. »Bei so einem italienischen Namen habe ich mir bisher immer eine rassige schwarzhaarige Schönheit vorgestellt. Sie werfen meine ganzen Vorstellungen über den Haufen.«

»Ja, besonders rassig bin ich wohl nicht.« Marina schmunzelte, und kleine Grübchen bildeten sich auf ihren Wangen.

Ronja konnte gar nicht hinschauen. Schnell wandte sie sich zum Fahrstuhl. »Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber gedacht«, erwiderte Marina. »Wie auch immer, der Name hat wohl nicht mehr viel mit Italien zu tun. In meiner Familie jedenfalls nicht. Niemand stammt von da.«

»Nun ja, so selten ist er ja auch nicht«, wiegelte Ronja ab. »Da gibt es sicher nicht nur blonde, sondern auch rothaarige, mausgraue oder kastanienbraune Marinas.«

»Mausgraue Marinas?« Marina runzelte die Stirn.

»Entschuldigung. Ich denke manchmal nicht nach, bevor ich etwas sage.« Möglicherweise war das Blond gar nicht echt, kam es Ronja in den Sinn. So genau hatte sie nicht darauf geachtet. Und nun war die junge Frau beleidigt, weil ihre Haarfarbe aus der Tube kam und sie ursprünglich tatsächlich mausgrau war.

»Ah, so sehen Sie gar nicht aus.« Marina lächelte sie im Fahrstuhl an, und Ronja wünschte sich, er wäre größer gewesen. Viel größer. »Sie denken bestimmt ganz viel. Daher die vielen Falten auf der Stirn.«

Es war, als wollte sie darüberstreichen, aber Ronja wich aus. »Das ist einfach nur das Alter. Wenn Sie mal so alt sind wie ich –« Sie lachte abwehrend.

»Sie sind doch nicht alt«, protestierte Marina sofort. »Wenn Sie ein Mann wären, hätten Sie bestimmt graue Schläfen. Das mag ich.«

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