Teil 01

»Sie haben gerufen, Mademoiselle?« Die fragend blickende Zofe sprach Englisch, jedoch mit sehr starkem französischem Akzent.

»Ja«, antwortete eine amerikanische Stimme. »Ich brauche dich, Jeanne. Komm her.«

Jeanne, dunkelhaarig, kräftig und mit dem dunklen Teint des sonnenreichen Südens Frankreichs ausgestattet, trat in das Zimmer, schloss die Tür hinter sich und ging zu der jungen blonden Frau hinüber, die halbnackt vor dem Spiegel stand. »Oui, Mademoiselle?« Sie wechselte nun ins Französische.

»Du musst mir helfen«, verlangte die junge Lady, auch auf Französisch, aber mit amerikanischem Akzent, und wies auf ihr Korsett.

»Das sehe ich«, bemerkte die Zofe mit einem Zucken ihrer Mundwinkel, während sie auf die steif hervorstehenden Brustwarzen oberhalb des Korsetts starrte.

»So habe ich das nicht gemeint.« Die junge blonde Lady sprach wieder Englisch, vielleicht, weil das abweisender klang als die anschmiegsame Melodie der französischen Sprache. »Ich muss auf den Ball –«

»Aber natürlich, Mademoiselle.« Jeanne blieb bei Französisch. »Sie gehen auf den Ball . . . und Sie werden wunderschön aussehen.« Sie beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf die unbedeckten Schultern. »So wie jetzt.«

Die junge Amerikanerin erzitterte. »Nicht hier, Jeanne«, flüsterte sie. »Wir sind nicht zu Hause.«

»Aber du willst es«, flüsterte Jeanne zurück. »Das sehe ich.«

»Du weißt, dass das nicht gut ist.« Im Gesicht der jungen Lady bildeten sich erregte rötliche Flecken. »Es sind viel zu viele Leute im Haus.«

»Dann musst du eben leise sein.« Geschickt begann Jeanne das Korsett zu öffnen. »Das kannst du doch, oder?«

»Jeanne, ich befehle dir –!« Der Satz brach mittendrin ab, als Jeanne mit beiden Händen über die Brustwarzen fuhr, die zuvor schon ihre Aufmerksamkeit erregt hatten. Die junge Lady stöhnte auf und biss sich dann schnell auf die Lippen.

»Wenn du mir befiehlst zu gehen, werde ich gehen«, hauchte Jeanne der jungen Frau ins Ohr. »Willst du das?«

Die Lady antwortete nicht. Ihr Atem ging schnell.

»Wusste ich’s doch.« Jeanne lachte leise. »Deshalb hast du mich gerufen. Nur deshalb.«

»Nein«, widersprach der schön geschwungene Mund. »Ich wollte wirklich, dass du mir beim Anziehen hilfst.« Die Augen der jungen Frau, die die Zwanzig noch lange nicht erreicht hatte, wanderten kurz zu dem ausladenden Ballkleid hinüber, das sie heute Abend tragen wollte. Wie üblich würde sie mit der Krinoline, über die der Stoff fiel, kaum durch eine Tür kommen, aber das war sie gewöhnt. Ob Alltag oder Ball – jedes Kleid verlangte so viel Platz.

»Ich glaube, du hast dich versprochen«, bemerkte Jeanne neckend. »Du meintest wohl: beim Ausziehen.«

Ein leises Seufzen kam von den jugendlichen Lippen ihrer Herrin, als Jeanne nun das Korsett endgültig entfernte und ihr auch noch das Unterkleid über den Kopf zog. »Du bist verrückt, Jeanne«, flüsterte sie wehrlos.

Unter dem hohen Fenster hörte man Pferdehufe trappeln. Eine Kutsche hielt, dann drangen Stimmen von der Straße herauf.

»Die De La Fontaines!« Die blonde Frau sprang fast in die Luft. »François wird mich sehen wollen!« Sie atmete heftig mit weit aufgerissenen Augen.

»Oh ja, das wird er.« Süffisant ließ Jeanne ihren Blick über die nackte Gestalt schweifen, die vor ihr stand. »Und wie begeistert wäre er wohl, dich so zu sehen?« Ihre Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen, und ihre Hand legte sich auf die feste kleine Brust und begann die Brustwarze sanft hin und her zu bewegen.

Ein tiefes Stöhnen war die Antwort, und die blauen Augen schlossen sich. »Du musst ihnen sagen«, hart biss sie sich auf die Lippen, als Jeanne die Brustwarze nun zwischen ihre sog, »dass ich . . . noch nicht . . .«, nur abgerissen flatterten die Silben zwischen den zitternden Lippen hervor, »fertig bin.«

»Das wirst du aber bald sein«, hauchte Jeanne an ihrer Brust, bevor sie langsam an ihr hinabglitt. »Du brauchst doch nie lange.«

Es schien, als ob die Knie der jungen Lady einknickten, und sie sank, nackt, wie sie war, auf einen Stuhl.

»Ich werde dich gut für den Ball vorbereiten«, murmelte Jeanne, während ihr Blick sich in den feucht glitzernden blonden Haaren zwischen den leicht geöffneten Schenkeln verfing.

Dann sank sie zwischen die zitternden Knie, spreizte sie weit und bedeckte mit ihrem Mund den erwartungsvoll pochenden Eingang zum Paradies.

Kurz darauf war nur noch leises Seufzen und Stöhnen zu hören.

1

Emma blickte die staubige, schmutzige Hauptstraße entlang. Ein Pferdefuhrwerk drängte sich am anderen vorbei, fluchende Kutscher versuchten die Straße ganz für sich zu beanspruchen, ungeheurer Lärm erfüllte die Luft.

Wie ruhig und friedlich war es doch in Irland gewesen, in ihrer Heimat. Niemals hatte sie dort solche Szenen gesehen. So viele Menschen, so viele Pferde, so viel Schmutz.

Und der Schmutz befand sich nicht nur auf der Straße, er kam auch aus den Mündern. Sie hatte hier in kurzer Zeit viele Wörter gelernt, für die ihr ihre Mutter in Irland den Mund mit Seife ausgewaschen hätte, hätte Emma sie benutzt. Nun war ihre Mutter zu schwach dazu, sie konnte sich selbst kaum auf den Beinen halten.

Der Gedanke an ihre Mutter und ihre Schwester Katie brachte sie zu dem Problem zurück, weshalb sie hier war. Hunger. Wegen des Hungers waren sie aus Irland geflohen, und nun war der Hunger noch schlimmer geworden statt dass sie ihm entkamen.

Wenn Ian nicht erschossen worden wäre . . .

Aber Ian war erschossen worden, gleich in der zweiten Woche, von betrunkenen Soldaten. Sie waren nicht besser als die Engländer, diese Menschen hier in Amerika.

Emma spuckte aus, wie sie es immer bei ihrem Bruder gesehen hatte. Ian war ihr großes Vorbild gewesen, schon so erwachsen, achtzehn Jahre alt. Emma hätte die acht Jahre, die sie trennten, am liebsten übersprungen, um mehr mit ihrem Bruder unternehmen zu können.

Ian hatte oft über sie gelacht, weil sie ihm hinterherlief wie ein kleiner Hund; er sagte, sie wäre doch ein Mädchen, kein Junge, und er hätte immer Jungssachen zu tun, die sie nichts angingen. Dennoch liebte er sie heiß und innig, seine kleine Schwester. Er warf sie in die Luft und fing sie auf, lachte, wenn sie schrie, weil er so tat, als ob er sie beim Herumschleudern loslassen würde. Wenn er sie dann sicher wieder auf den Boden stellte, während ihr vom Drehen der Kopf brummte, lachte sie auch und fühlte sich in seiner Gegenwart einfach nur geborgen. Solange er dagewesen war, hatte ihr nichts passieren können.

Doch nun war sie allein. Allein mit ihrer Mutter und ihrer Schwester, die, wie es ihr schien, schon fast nicht mehr da waren, so grau und müde und abgezehrt sahen sie aus. Ian hatte für sie gesorgt. Ian hatte immer gewusst, was zu tun war. Nun musste Emma diese Aufgabe übernehmen.

Sie schaute sich schnell um. Auch wenn sie wusste, dass ihre Mutter das niemals geduldet hätte, aber sie musste Essen besorgen, obwohl sie kein Geld hatte. Und da gab es nur eine Möglichkeit.

Schon in den letzten Tagen hatte sie die Jungs beobachtet, die sich zu einer Bande zusammengeschlossen hatten und sich so alles besorgten, was sie brauchten. Ein paar lenkten die Händler ab, die anderen stopften sich unter ihre Hemden, was sie greifen konnten, und dann preschten alle davon wie eine Herde junger Fohlen. Lachend und johlend. Sie hielten das wohl für einen großen Spaß.

Die Grundherren in Irland hätten sie dafür gehängt, die Engländer, die meinten. Irland gehörte ihnen. Sie machten auch vor Kindern nicht halt, und wenn sie verhungerten und nur deshalb stahlen.

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars
Add comment

People in this conversation

  • Anja
  • Sima
  • Ruth Gogoll
  • Sima

    Permalink

    Beim Lesen des neuen Abschnittes ist mir jetzt noch etwas aufgefallen. Das irritiert mich ein wenig.

    Francie sagt zu ihrer Zofe: “Nicht hier... Wir sind nicht zu Hause.“
    Das bedeutet also, dass sie nicht in Amerika, sondern in Frankreich sind? Zunächst hatte ich gedacht, dass es andersrum ist. Zumal Frankreich das eigentliche Zuhause für Jeanne sein dürfte. Gut, auch der Name François de la Fontaines deutet schon irgendwie darauf hin. Aber ich hätte mir vorstellen können, dass Francie weit weg von zu Hause sich viel mehr austoben könnte und sich weniger zurückhalten müsste. Wenn ich mich noch recht erinnere, sprach sie Emma gegenüber auch mal von den offenherzigen Frauen in Frankreich oder so ähnlich. Also müsste da doch gerade einiges abgegangen sein. So klingt es aber eher danach, als würde sie sonst nur in Amerika und ausschließlich mit ihrer Zofe lesbische Erfahrungen gesammelt haben.

    Vielleicht könntest Du auch noch hinzufügen, dass sie jetzt gerade in Frankreich sind. Zumal es danach mit Emma in Amerika weitergeht. ?

    Vielleicht bin ich auch nur etwas verwirrt und Du kannst das gar nicht nachvollziehen. Das ignoriere meine Anmerkungen einfach. :)

    Montag, 2. Oktober 2017 18:49
  • Ruth Gogoll

    Sima Permalink

    Gemeint ist: Francie ist zu dem Ball bei den De La Fontaines (in Frankreich, während der zwei Jahre, die sie in Frankreich war) eingeladen und ist dort (auf deren Landsitz oder wo immer) vielleicht schon ein paar Tage oder sogar Wochen. Das heißt, sie sind nicht bei Francie in dem Haus, wo sie normalerweise in Paris wohnt, deshalb "nicht zu Hause". Francie zieht sich für den Ball bei den De La Fontaines um, hat also quasi nur ein Gästezimmer dort.

    Jeanne war nie in Amerika (weigert sich später dann, mit Francie nach Amerika zu gehen), insofern kann das Ganze nur in Frankreich spielen. Aber es ist eigentlich nicht wirklich wichtig, deshalb habe ich das auch nicht weiter ausgeführt. Zur damaligen Zeit wurde man ja ständig irgendwohin eingeladen oder hat selbst Leute eingeladen. Ich frage mich immer, wann die Leute denn überhaupt mal zu Hause waren ;), weil man liest immer, sie sind für ein paar Wochen auf dem einen Landsitz, dann für ein paar Wochen oder sogar Monate auf dem anderen, und wenn sie selbst einen Landsitz oder ein großes Haus in der Stadt haben, haben sie auch ständig Besuch, der wochen- oder monatelang bleibt.

    Die hatten eben alle keinen Beruf, sondern hatten nur Freizeit, die sie irgendwie rumbringen mussten. Und außerdem gab es da diese ständigen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Wenn man Kinder hatte, hatte man dafür irgendwelche Nannys und Gouvernanten, oder sie waren ab dem sechsten Lebensjahr dann den größten Teil des Jahres auf einem Schul-Internat, kamen höchstens mal für die Ferien im Sommer oder für Weihnachten nach Hause. Somit musste man sich auch nicht darum kümmern, die Kinder mitzunehmen oder so etwas. Die Kinder kannten ihre Eltern ja oft kaum.

    Für Änderungen ist es jetzt aber ohnehin zu spät, das Buch ist ja schon gedruckt. ;)

    Montag, 2. Oktober 2017 19:50
  • Ach so, natürlich, das Buch ist schon gedruckt. Darum hast Du auch jetzt erst gefragt, ob der neue Anfang zu sehr nach SM klingt. ;)

    Ich war wohl eindeutig zu lange weg. Aber danke für die Erklärung, Ruth. Das leuchtet mir ein. :)

    Montag, 2. Oktober 2017 20:47
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Klingt der neue Anfang von »Wie Honig so süß« zu sehr nach SM? ;)

    Sonntag, 1. Oktober 2017 10:47
  • Nein, finde ich nicht.
    Wie Sima schon sagt, ein heisser, erotischer Anfang. :)
    Und für mich zusätzlich noch ein neues Wort für meinen Wortschatz: Krinoline.

    Montag, 2. Oktober 2017 8:14
  • Ruth Gogoll

    Anja Permalink

    Wenn man in der Zeit zurückgeht beim Schreiben und die Geschichten in der Vergangenheit spielen, lernt man ganz viele neue Wörter. ;) Ich wusste auch nicht von selbst, wie die ganzen Kleidungsstücke hießen, die Frauen damals tragen mussten, und musste das nachschauen.

    Montag, 2. Oktober 2017 9:09
  • Wieso sollte das zu sehr nach SM klingen, Ruth? Es ist einfach nur ein heißer, erotischer Beginn. Damit klärt sich gleich mal, woher (und vor allem mit wem) Francie ihre Erfahrungen in Sachen Frauenliebe hat. Das wurde bislang ja nur angedeutet. Und so hast Du auch gleich einen guten Start in der Gegenwart. Und Francie taucht direkt am Anfang auf, auch wenn ihr Name hier noch nicht erwähnt wurde. Das ist perfekt, finde ich.
    Ursprünglich fing der Roman ja mit Emmas Kindheit an. Das wäre für manch Leserin vielleicht nicht interessant genug. Aber so dürftest Du doch das Interesse deutlich gesteigert haben. :) Also mir gefällt's. ;)

    Sonntag, 1. Oktober 2017 21:56
  • Ruth Gogoll

    Sima Permalink

    Freut mich, Sima, dass Du es so siehst. :) Ich hatte auch überlegt, den Anfang mit Emmas Kindheit zu streichen, aber irgendwie finde ich das wichtig. So sieht man aber, wo die Geschichte hinführt, was ja ebenso wichtig ist.

    Montag, 2. Oktober 2017 7:26

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche