Teil 01

1
Negativentwicklung

Was Ellis zuerst sah, war ein wilder Lockenkopf, der an der Kasse über irgendetwas gebeugt war. Dann hob sich der dunkle Wuschel, und ein strahlendes Gesicht kam dazu. Wie von der Feder losgesprungen eilte die äußerst schick gekleidete Person ihr entgegen. Bevor Ellis Details wahrnehmen konnte, stand die Schwarzgelockte schon vor ihr.

»Hallo! Ich bin Tülya, und du musst Ellis sein.«

Ellis fiel als Allererstes auf, dass die Stimme eine ganz eigene, raue Qualität hatte. Eine graziöse Hand wurde ihr hingestreckt, die sie automatisch ergriff. Kurz umschloss ein fester Händedruck ihre Hand, die ihr in dem Moment fast unförmig groß vorkam, obwohl sie nach objektiven Maßstäben ganz normale Hände für eine Frau ihrer Größe hatte.

Bevor sie mehr als »Hallo« murmeln konnte, drehte sich der feingliedrige Wirbelwind von ihr weg und rief in die Tiefen der Boutique hinein: »Aynur! Du musst jetzt übernehmen. Die Fotografin ist da.«

»Jaha. Du brauchst nicht so zu schreien. Bin ja da.« Eine Frau, die der Boutiquebesitzerin sehr ähnlich sah, aber im Gegensatz zu ihr spaghettiglatte, lange Haare hatte, kam um die Ecke und schenkte Ellis ein Lächeln und ein konspiratives Augenrollen. Schwestern, vermutete Ellis.

»So, ich zeig dir erst einmal den Laden und meine Kollektion. Dann können wir bei einem Espresso alles besprechen«, wandte sich die quirlige Boutiquebesitzerin wieder an Ellis und zog sie praktisch mit sich, obwohl sie sie gar nicht berührte. Aber dem Energiewirbel, den sie ausstrahlte, konnte man sich nicht entziehen. Ellis folgte also brav, nickte interessiert zu sämtlichen Erklärungen und musterte aufmerksam ihr Gegenüber. Gern hörte sie dieser Stimme zu, die so gar nicht zu der Gestalt passen wollte – das Reibeisen bildete einen starken Kontrast zur Zartheit. Und am liebsten hätte sie sofort ihre Kamera gezückt und diese grazile Person mit der erstaunlich mitreißenden Energie fotografiert. Ihre Lockenpracht schien unter Strom zu stehen, so wie der ganze Mensch. Und gleichzeitig hatte sie auch etwas Zerbrechliches wie eine Porzellanpuppe. Ellis hatte es schon lange nicht mehr so in den Fingern gekribbelt, ein Foto zu schießen. Nein, am besten eine ganze Serie, um die Boutiquebesitzerin Tülya in ihren dynamischen Bewegungen einzufangen.

Sie war über sich selbst erstaunt und gleichzeitig erfreut. Das letzte Mal, dass sie jemanden einfach so fotografieren wollte, ohne Auftrag, ohne Anliegen, war Jahre her. Genau drei Jahre, sieben Monate und dreiundzwanzig Tage, um exakt zu sein. Das dazugehörige Datum würde sie niemals vergessen, und jeder Tag, der seither verstrichen war, häufte sich in ihrem Innern nur einfach oben auf den bereits entstandenen Berg. Aber hier war jetzt das erste Mal eine Frau – sogar eine Frau! –, die sie sofort knipsen wollte. Und nicht konnte. Weil diese Frau schließlich eine Auftraggeberin und sie selbst auf Empfehlung ihrer ältesten Freundin hier war.

»Das hier sind die ersten Stücke meiner Kollektion. Der Rest liegt noch bei der Schneiderin. Aber so kannst du dir schon mal ein Bild machen, in welche Richtung das Ganze geht.«

Eine Hose, ein Oberteil und ein ärmelloses Top wurden in Windeseile auf einem Holztisch ausgebreitet. Sah ganz nett aus – schöne Stoffe, ausgefallene Muster. Aber Ellis war mehr darin bewandert, Kleidungsstücke in ihrer Wirkung am lebenden Objekt zu beurteilen. Sie konnte nicht mehr als die Farben abschätzen und versuchen, den Stil einzuordnen, um Ideen für ein mögliches Fotoshooting zu entwickeln. Denn das war es ja, wofür sie gebucht worden war: Modefotografien einer neuen Kollektion. So wie sie ihre Freundin Yve Hagen verstanden hatte, war das die erste Kollektion überhaupt, die ihr Gegenüber entworfen hatte. Die sollte entsprechend mit einem Knall an den Start gehen. Ellis hatte sich vorgenommen, schon allein für Hagen und weil sie wusste, dass Tülya deren beste Freundin hier in Köln war, ihr absolut Bestes zu geben und aus der Kollektion alles herauszuholen. Selbst wenn es die letzten Fetzen sein sollten. Was ja schon mal nicht der Fall war, Gott sei Dank.

»Wie viele Stücke umfasst denn die Kollektion? Und hast du auch Accessoires dazu?«

Die Boutiquebesitzerin grinste sie an. Es wirkte erfreut. Die goldbraunen Augen glitzerten voller Übermut. »Natürlich hab ich Accessoires. Was wäre ich wohl für eine Modedesignerin, wenn ich nicht an die kleinen Kinkerlitzchen denken würde. Das macht doch am meisten Spaß.«

»Wenn du das so sagst«, erwiderte Ellis mit einer skeptisch hochgezogenen Augenbraue.

»Aber hallo!« Ein Zwinkern blitzte zu ihr herüber, dem sie nicht widerstehen konnte. Ausnahmsweise musste sie ganz leicht zurücklächeln. Diese Person war wirklich ansteckend in ihrer Lebensfreude. Kein Wunder, dass Hagen mit ihr befreundet war. Die Persönlichkeit dieser quirligen Modeexpertin war diametral zu Hagens eher unterkühlter und zurückhaltender Art. Das würde sich in einer Freundschaft sicher gut ergänzen. Eigentlich war es erstaunlich, dass sie sich bisher nie getroffen hatten, denn sie selbst war bestimmt schon genauso lange Jahre mit Hagen befreundet. Aber da sie bis vor ein paar Monaten noch in Berlin gelebt hatte, war es eben nie zu einer Begegnung gekommen. Den Namen hatte sie in Erzählungen schon oft gehört, aber mehr auch nicht. Und im Grunde wusste sie auch nichts über Tülya. Nicht mehr als die groben Fakten: war seit fünfzehn Jahren mit Hagen befreundet – hatte vor Urzeiten eine kurze Affäre mit ihr gehabt – war Besitzerin einer erfolgreichen Boutique in Köln – Deutschtürkin – für Hagen neben ihrer Frau Amelie der wichtigste Mensch – fertig. Mehr hatte sie im Laufe der Jahre nicht abgespeichert, und sie hoffte, dass ihr Gegenüber genauso wenig über sie wusste. Aber Hagen war kein Plappermaul. Sie wusste, dass es Ellis nicht recht war, wenn Menschen, mit denen sie es zu tun hatte, zu viel von ihrer Geschichte wussten. Es war ihr lieber, ein unbeschriebenes Blatt zu sein. Gut, wenn sich jemand die Mühe machte, ausführlich über sie zu recherchieren, war alles irgendwo im Internet zu finden. Aber warum sollte Tülya das tun? Ellis kam auf Empfehlung ihrer besten Freundin; ihre Mappe an Modefotografien, die sie die letzten drei Jahre gemacht hatte, hatte sie ihr gemailt; sie hatte von ihr ein mehr als gemäßigtes Honorar gefordert – das sollte ausreichen, alle weiteren Fragen und auch aufkeimende Neugierde zu befriedigen. Ellis wollte einfach nur arbeiten, damit die Zeit schneller herumging und sie nicht so viel nachdenken musste.

Mit Freundinnen von Freundinnen hatte sie bisher noch nicht beruflich zu tun gehabt, aber sie hoffte, das würde ganz genauso ablaufen wie sonst: distanziert und professionell. Auch wenn die momentane Auftraggeberin sie über die ersten Stücke ihrer Kollektion hinweg mit einem forschend-frechen Ausdruck bedachte.

»Willst du einen Espresso? Wir könnten uns nach hinten ins Lager setzen. Ich will nicht, dass die gesamte Kundschaft mitkriegt, was ich so plane.« Das Letzte wurde geflüstert und nach einem Blick über die Schulter auf die zwei, drei Kundinnen, die sich an diesem Nachmittag im Laden befanden, mit einem verschwörerischen Blinzeln kommentiert.

»Danke, nein. Ich trinke keinen Kaffee. Aber ein Wasser würde ich nehmen, falls du es hast.«

»Was?! Keinen Kaffee? Wie geht das denn? Kann man überhaupt leben ohne Kaffee? Wenn Yve mir gesagt hätte, dass du keinen Kaffee trinkst, hätte ich dich nie engagiert. Das geht ja gar nicht.«

Ellis wusste nicht, was sagen auf diesen Ausbruch. Sie musste Tülya wohl reichlich konsterniert angeschaut haben, denn die brach in ein rauchiges Lachen aus und legte ihr für eine flüchtige Millisekunde die Hand auf den Ellenbogen.

»Schau doch nicht so entsetzt. Das war ein Scherz«, lachte sie. »Ich hol dir dein Wasser und mir einen Espresso. Bin gleich wieder da.«

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People in this conversation

  • Anja
  • Sima
  • Ruth Gogoll
  • Sima

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    Beim Lesen des neuen Abschnittes ist mir jetzt noch etwas aufgefallen. Das irritiert mich ein wenig.

    Francie sagt zu ihrer Zofe: “Nicht hier... Wir sind nicht zu Hause.“
    Das bedeutet also, dass sie nicht in Amerika, sondern in Frankreich sind? Zunächst hatte ich gedacht, dass es andersrum ist. Zumal Frankreich das eigentliche Zuhause für Jeanne sein dürfte. Gut, auch der Name François de la Fontaines deutet schon irgendwie darauf hin. Aber ich hätte mir vorstellen können, dass Francie weit weg von zu Hause sich viel mehr austoben könnte und sich weniger zurückhalten müsste. Wenn ich mich noch recht erinnere, sprach sie Emma gegenüber auch mal von den offenherzigen Frauen in Frankreich oder so ähnlich. Also müsste da doch gerade einiges abgegangen sein. So klingt es aber eher danach, als würde sie sonst nur in Amerika und ausschließlich mit ihrer Zofe lesbische Erfahrungen gesammelt haben.

    Vielleicht könntest Du auch noch hinzufügen, dass sie jetzt gerade in Frankreich sind. Zumal es danach mit Emma in Amerika weitergeht. ?

    Vielleicht bin ich auch nur etwas verwirrt und Du kannst das gar nicht nachvollziehen. Das ignoriere meine Anmerkungen einfach. :)

    Montag, 2. Oktober 2017 18:49
  • Ruth Gogoll

    Sima Permalink

    Gemeint ist: Francie ist zu dem Ball bei den De La Fontaines (in Frankreich, während der zwei Jahre, die sie in Frankreich war) eingeladen und ist dort (auf deren Landsitz oder wo immer) vielleicht schon ein paar Tage oder sogar Wochen. Das heißt, sie sind nicht bei Francie in dem Haus, wo sie normalerweise in Paris wohnt, deshalb "nicht zu Hause". Francie zieht sich für den Ball bei den De La Fontaines um, hat also quasi nur ein Gästezimmer dort.

    Jeanne war nie in Amerika (weigert sich später dann, mit Francie nach Amerika zu gehen), insofern kann das Ganze nur in Frankreich spielen. Aber es ist eigentlich nicht wirklich wichtig, deshalb habe ich das auch nicht weiter ausgeführt. Zur damaligen Zeit wurde man ja ständig irgendwohin eingeladen oder hat selbst Leute eingeladen. Ich frage mich immer, wann die Leute denn überhaupt mal zu Hause waren ;), weil man liest immer, sie sind für ein paar Wochen auf dem einen Landsitz, dann für ein paar Wochen oder sogar Monate auf dem anderen, und wenn sie selbst einen Landsitz oder ein großes Haus in der Stadt haben, haben sie auch ständig Besuch, der wochen- oder monatelang bleibt.

    Die hatten eben alle keinen Beruf, sondern hatten nur Freizeit, die sie irgendwie rumbringen mussten. Und außerdem gab es da diese ständigen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Wenn man Kinder hatte, hatte man dafür irgendwelche Nannys und Gouvernanten, oder sie waren ab dem sechsten Lebensjahr dann den größten Teil des Jahres auf einem Schul-Internat, kamen höchstens mal für die Ferien im Sommer oder für Weihnachten nach Hause. Somit musste man sich auch nicht darum kümmern, die Kinder mitzunehmen oder so etwas. Die Kinder kannten ihre Eltern ja oft kaum.

    Für Änderungen ist es jetzt aber ohnehin zu spät, das Buch ist ja schon gedruckt. ;)

    Montag, 2. Oktober 2017 19:50
  • Ach so, natürlich, das Buch ist schon gedruckt. Darum hast Du auch jetzt erst gefragt, ob der neue Anfang zu sehr nach SM klingt. ;)

    Ich war wohl eindeutig zu lange weg. Aber danke für die Erklärung, Ruth. Das leuchtet mir ein. :)

    Montag, 2. Oktober 2017 20:47
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Klingt der neue Anfang von »Wie Honig so süß« zu sehr nach SM? ;)

    Sonntag, 1. Oktober 2017 10:47
  • Nein, finde ich nicht.
    Wie Sima schon sagt, ein heisser, erotischer Anfang. :)
    Und für mich zusätzlich noch ein neues Wort für meinen Wortschatz: Krinoline.

    Montag, 2. Oktober 2017 8:14
  • Ruth Gogoll

    Anja Permalink

    Wenn man in der Zeit zurückgeht beim Schreiben und die Geschichten in der Vergangenheit spielen, lernt man ganz viele neue Wörter. ;) Ich wusste auch nicht von selbst, wie die ganzen Kleidungsstücke hießen, die Frauen damals tragen mussten, und musste das nachschauen.

    Montag, 2. Oktober 2017 9:09
  • Wieso sollte das zu sehr nach SM klingen, Ruth? Es ist einfach nur ein heißer, erotischer Beginn. Damit klärt sich gleich mal, woher (und vor allem mit wem) Francie ihre Erfahrungen in Sachen Frauenliebe hat. Das wurde bislang ja nur angedeutet. Und so hast Du auch gleich einen guten Start in der Gegenwart. Und Francie taucht direkt am Anfang auf, auch wenn ihr Name hier noch nicht erwähnt wurde. Das ist perfekt, finde ich.
    Ursprünglich fing der Roman ja mit Emmas Kindheit an. Das wäre für manch Leserin vielleicht nicht interessant genug. Aber so dürftest Du doch das Interesse deutlich gesteigert haben. :) Also mir gefällt's. ;)

    Sonntag, 1. Oktober 2017 21:56
  • Ruth Gogoll

    Sima Permalink

    Freut mich, Sima, dass Du es so siehst. :) Ich hatte auch überlegt, den Anfang mit Emmas Kindheit zu streichen, aber irgendwie finde ich das wichtig. So sieht man aber, wo die Geschichte hinführt, was ja ebenso wichtig ist.

    Montag, 2. Oktober 2017 7:26

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