Teil 01

1

»Schöne Kamera.«

Ein Kopf fuhr herum, mit der Kamera noch fast vor dem Auge, als ob die Linse nur eine natürliche Verlängerung wäre. Dann senkte sich das langgestreckte Objektiv. »Danke.« Graue Augen erschienen wie das Abbild eines Schwarzweißnegativs dahinter. Blonde Locken, doch kurz, nur oben durften sie sich ein wenig wellen.

»Die meisten Touristen haben Kameras dabei, wenn sie auf die Insel kommen, aber so ein großes Objektiv habe ich selten gesehen«, bemerkte Krista.

»Oh, ich –« Die grauen Augen schienen verwirrt. »Ich fotografiere für National Geographic. Vögel, Pflanzen, da brauche ich gute Objektive.«

»Sie sind also keine Touristin?« Krista hob fragend die Augenbrauen.

»Nicht direkt.« Kein Lächeln hob die Mundwinkel.

»Aha. Na dann: Willkommen.« Krista lächelte – und wenn nur aus Trotz. Sie hatte den Eindruck, diese Frau wollte sich unbedingt interessant machen, und so etwas mochte sie gar nicht. »Bleiben Sie länger bei uns auf der Insel?« Sie schaute über die Spitze der Fähre hinaus aufs Wasser, wo man in einiger Entfernung das kleine Nordsee-Eiland sah, auf das das Boot zusteuerte.

»Bei uns? Sie wohnen dort?« Die grauen Augen wirkten nun etwas lebendiger.

»Ja.« Krista wandte sich vom Wasser zurück wieder ihrer Gesprächspartnerin zu. »Ich bin auf der Insel geboren.«

Die Möwen schrien über der Fähre, sie wiesen den Weg zum Land. Eine fuhr ganz nah neben Krista herunter, streifte sie fast. »Na hör mal!« Krista wich geschickt aus und schlug spielerisch lachend nach dem Vogel.

»Begrüßen die Einheimischen Sie immer so intim, wenn Sie zurückkommen?« Ein unerwarteter Anflug von Humor schien in der trockenen Stimme mitzuschwingen.

»Intimität ist sozusagen das Hauptmerkmal einer kleinen Insel«, entgegnete Krista vergnügt. »Wussten Sie das nicht?«

Für einen Moment wirkte die Fotografin, als hätte sie eine solche Antwort nicht erwartet. Sie war sicherlich gut darin, keine Gefühle zu zeigen, aber wenn Krista sich nicht irrte, hatte sie welche.

»Das hätte ich vielleicht berücksichtigen sollen«, murmelte die Frau mit den kurzen blonden Haaren, als ob ihr gerade etwas sehr Wichtiges aufgefallen wäre.

Auf einmal tat sie Krista richtig leid. Manchmal brachten harmlose Bemerkungen Dinge zutage, die man gar nicht wissen wollte. Diese Frau war offenbar kein sehr extrovertierter Typ. Sie betrachtete die Welt wohl lieber gefiltert durch eine Linse, mit Abstand zu allem, was auf dem Bild zu erkennen war. Krista, die immer ziemlich direkt auf andere Menschen zuging, war ihr wahrscheinlich zu nahe getreten.

»Wo werden Sie denn wohnen?«, fragte sie, und die Frage hatte einen Grund.

Die Fremde schien überrascht. »Ich habe«, sie räusperte sich, »ein Haus gemietet. Soll direkt am Strand sein.«

Krista lachte. »Bei uns ist fast alles direkt am Strand.«

Sie bedauerte die Auskunft ein wenig, auch wenn sie nicht wusste, warum. Wie immer in den Ferien kam sie nach Hause, um ihren Eltern in ihrem Gasthof zu helfen, und da es nicht viele Möglichkeiten für Touristen gab, auf der kleinen Insel zu wohnen, hatte sie beinah unwillkürlich angenommen, dass diese Frau im Gasthof ihrer Eltern logieren würde. Aber das tat sie nun wohl nicht.

»Das kann fast nur die umgebaute Scheune der Hansens sein«, stellte sie freundlich fest. »Liegt ziemlich einsam.«

Es schien, als ob ein Mundwinkel im Gesicht der großen Frau zuckte. »Ich habe nichts gegen Einsamkeit«, sagte sie.

Krista betrachtete das etwas kantige Gesicht nur kurz. Sie wollte nicht in die Intimsphäre dieser Frau eindringen, an der ihr offensichtlich so viel lag. Zudem hatte Krista im Laufe der Jahre gelernt, sich nicht zu sehr für Menschen zu interessieren, die die Insel nur kurz besuchten. Im Gasthof ihrer Eltern herrschte ein Kommen und Gehen, das es kaum erlaubte, sich näher kennenzulernen.

Dennoch hatte sie die Leute vom Festland schon seit frühester Jugend faszinierend gefunden. Nun arbeitete sie selbst auf dem Festland, es war nichts Besonderes daran, aber als Kind hatten diese Menschen den Duft der großen, weiten Welt in ihre Vorstellung gebracht, regten ihre Phantasie an.

Was mochte dort hinter dem Horizont des trennenden Wassers vor sich gehen? Was erlebten all die Leute, die dort wohnten, die nicht in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren, die kein Boot oder Schiff brauchten, um an einen anderen Ort zu gelangen, die überall hingehen konnten, wo sie wollten?

Die große Freiheit hatte sie sich vorgestellt, und als sie das erste Mal das Festland betrat, war es wie die Entdeckung Amerikas gewesen. Ein neues Land, eine völlig andere Welt, deren Regeln sie nicht kannte.

Das hatte sich schnell geändert, und trotzdem hatte sie das Gefühl, sich jedes Mal in einen anderen Menschen zu verwandeln, wenn sie die Fähre betrat oder verließ.

Auf der Insel kannte sie jeden, und jeder kannte sie schon von Kindheit an. Sie wusste, wie die Leute reagierten, wie sie sprachen. Der Dialekt war auf der Insel viel ausgeprägter, und auch Krista, die sich im Berufsleben das reinste Hochdeutsch angeeignet hatte, verfiel wieder in ihn, sobald sie den ersten Inselbewohner begrüßte.

Es war jedes Mal eine glückliche Heimkehr in die Geborgenheit des Vertrauten.

Die Motoren wurden gedrosselt, die Fähre nahm Kurs auf die Anlegestelle. Einen Hafen hatte die Insel nicht. Der Kapitän in seinem kleinen Führerhaus schwenkte das Heck dem Landungssteg entgegen, um die Seite des Schiffes zentimetergenau am Tor des Steges andocken zu lassen.

Krista lächelte. »Sie haben Glück«, sagte sie. »Bei so spiegelglatter See sieht das alles wie ein Kinderspiel aus. Wenn die Wellen hochschlagen, ist es nicht so einfach, und die Fahrgäste müssen schon mal ein wenig sportlich sein, um an Land zu kommen.«

»Raues Wetter macht mir nichts«, sagte die blonde Frau und packte ihre Kamera sorgfältig in einen robusten Metallkoffer. »Da habe ich schon anderes erlebt.« Für einen Moment huschte ein Schatten über ihr markantes Gesicht, aber er verflüchtigte sich sofort wieder und machte einer Art gleichgültigen Maske Platz.

Was? dachte Krista. Was hast du erlebt? Denn sie spürte ganz deutlich, dass da etwas gewesen sein musste. Etwas, worüber diese Frau sicherlich nicht so leicht sprechen würde.

In diesem Augenblick gab es einen Ruck, und die Fähre wurde bereits von dem Matrosen vertäut, der schnell an Land gesprungen war.

Eine metallene Brücke quietschte, als der Landfährmann, der am Steg auf die Ankunft des Bootes gewartet hatte, sie durch die Reling der Fähre schob, und wurde dort von dem Matrosen eingehakt, der mittlerweile bereits wieder auf das Schiff zurückgesprungen war.

Das alles geschah schnell und routiniert, ohne dass eine Anstrengung zu erkennen war.

»Tscha, Krista, Deern . . .«, begrüßte der Landfährmann Krista, als sie die schwankende Metallverbindung zum Kai überquerte. »Ist denn schon wieder Weihnachten?« Er grinste breit durch eine Zahnlücke über dem unrasierten Kinn.

»Nee, Hinnerk.« Krista lachte und verfiel sofort in denselben Dialekt, in dem er sie angesprochen hatte. »Ich komm doch nicht nur an Weihnachten.«

»Ischa auch ’n büschen heiß dafür«, antwortete er, während er mit einem Auge die Fährgäste beobachtete, die den löchrigen Pfad überquerten. »Ischa Sommer.«

Heiß war ein relativer Begriff. Auf der Insel blies immer eine frische Brise, die selbst heißeste Tage – wenn es sie denn gab – in höchst angenehme Temperaturen verwandelte. Touristen unterschätzten die Sonne dann oft, die vom Meer auch noch reflektiert und verstärkt wurde, und holten sich einen ordentlichen Sonnenbrand, wenn sie nicht aufpassten.

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