Teil 01

1

»Überleg’s dir nochmal.« Ein besorgtes Stirnrunzeln stand im Raum. Es gehörte zu Edith Helten, ihres Zeichens verantwortliche Redakteurin eines regional orientierten Fernsehsenders, der jedoch schon oft überregional Aufsehen erregt hatte.

»Das habe ich.« Kathrin Wiehler seufzte. »Auch wenn das im Augenblick vielleicht überstürzt erscheint, aber es geht einfach nicht mehr. Ich mache die Sendung jetzt seit über zehn Jahren. Ich habe Hunderte von Menschen interviewt, mir ihre Lebensgeschichten angehört, quasi mit ihnen und durch sie gelebt. Aber wo ist mein eigenes Leben?«

Edith, ihre Chefin, stand hinter ihrem mit Skripten und sonstigen Papieren überladenen Schreibtisch auf. Manchmal hatte man das Gefühl, das Computerzeitalter hatte sie noch nicht erreicht. Sie war zwar eine moderne Frau, vertrat zuweilen jedoch durchaus unmoderne Ansichten wie zum Beispiel die, dass Computer die Kreativität zerstörten. Also arbeitete sie lieber altertümlich auf Papier.

»Du hast ungeheuer viel erlebt«, widersprach sie, während sie hinter ihrem Arbeitsplatz hervorkam und lächelnd vor Kathrin stehenblieb. »Mehr als andere, die nur zu Hause sitzen oder Kinder großziehen.«

»Tja.« Kathrin stieß einen entsagungsvollen Seufzer aus. »Für Kinder hatte ich ja auch nie Zeit. Ich habe keine eigene Familie, meine privaten sozialen Kontakte kann ich an einer Hand abzählen, und wann habe ich mal eine Minute für ir­gend­was anderes als Arbeit? Ich bin erfolgreich im Beruf, die Leute erkennen mich auf der Straße, aber ist das wirklich die Erfüllung?«

»Du meine Güte!« Edith schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Denkst du wirklich, da hast du was verpasst? Ich bin dreimal geschieden, meine beiden Kinder kommen nur zu mir, wenn sie Geld wollen, und die Männer . . . Pff! Die kannst du doch sowieso vergessen. Mit einer erfolgreichen Frau können die nichts anfangen.«

»Ich bedauere dich zutiefst, Edith.« Mit einem verdächtigen Zucken ihrer Mundwinkel warf Kathrin einen Blick auf das sorgfältig zurechtgemachte Gesicht vor sich, eingerahmt von einer Frisur, bei der Kathrin sich immer gefragt hatte, wie Edith es fertigbrachte, jedem Härchen einen festen Platz zuzuweisen, der sich nie änderte. Als ob sie einbetoniert wären.

Tadelnd schüttelte Edith den Kopf. »Du hast gut reden. Ich weiß, das Problem hast du nicht.«

»Als ob das ein Unterschied wäre.« Kathrin atmete tief durch. »Ein romantisches Abendessen trage ich zwischen all den anderen Terminen in meinem Kalender ein. Und wenn etwas Berufliches dazwischenkommt, sage ich es ab.«

»Romantisches Abendessen?« Edith lächelte leicht, als hätte sie das auf eine Idee gebracht. »Ist das der Grund, warum du deinen Vertrag nicht verlängert hast?«

Etwas irritiert hob Kathrin die Brauen. »Ich habe dir rechtzeitig Bescheid gesagt, damit du einen Ersatz finden konntest.«

»Ein Ersatz ist immer nur ein Ersatz.« Edith seufzte. »Das Original wäre mir lieber.«

Auch wenn sie diese Bauchpinselei von Edith eigentlich nicht gewöhnt war, wusste Kathrin, dass Edith sie in diesem Moment äußerst zielgerichtet einsetzte, und fühlte sich deshalb nicht unbedingt geschmeichelt. »Ist das der Grund, warum du den Zuschauern bis jetzt nicht gesagt hast, dass ich aufhöre?«, fragte sie stirnrunzelnd. »Dass sie heute von dem neuen Moderator völlig überrascht werden? Weil du gehofft hattest, dass ich es mir überlege und dass gestern nicht meine letzte Sendung war?«

»Warum hast du es ihnen denn nicht selbst gesagt?«, fragte Edith etwas hinterlistig. Sie schob ein paar Blätter zur Seite, was an der anderen Tischkante dazu führte, dass ein Skript zu Boden flatterte, und setzte sich mit einer Pobacke auf den Schreibtisch. Wie ordentlich auch immer Ediths Haartracht war, ihr Schreibtisch war das Gegenteil davon. Vielleicht versuchte sie deshalb, auf ihrem Kopf die Ordnung zu erzwingen, die sie in ihren Papierstapeln nicht erzwingen konnte.

Ehrlich gesagt wusste Kathrin keine Antwort auf Ediths Frage. Sie hasste Sentimentalitäten, und deshalb hatte sie gestern an ihrem letzten Tag vor der Kamera keinen tränenreichen Abschied hinlegen wollen, bei dem sie ihren Zuschauern und Zuschauerinnen für ihre Treue zu ihrer Sendung in den vergangenen zehn Jahren dankte und ihnen vielleicht sogar versprach, dass sie wiederkommen würde, um den Abschiedsschmerz zu lindern.

Lügen waren in der TV-Branche nichts Besonderes oder Unerwartetes, zu großen Teilen lebte sie sogar davon, also wäre diese Lüge nur eine weitere von vielen gewesen, aber irgendwie hatte Kathrin sich nicht dazu durchringen können. Und die Wahrheit zu sagen, dass sie es einfach satt hatte, immer dasselbe zu tun, in einem Beruf, um den andere sie beneideten, das war dann vielleicht doch zu ungewohnt.

»Du weißt, ich bin nicht gut in so was«, erwiderte sie ausweichend. »Und außerdem: Habe ich denn überhaupt kein Recht auf ein Privatleben? Endlich mal?«

»Was mich zurückführt zu dem . . . romantischen Abendessen.« Ediths zweideutiges Lächeln enthielt eine Aufforderung, ihr mehr zu erzählen. »Mit wem?«

Tief durchatmend schüttelte Kathrin den Kopf. »Mit niemandem. Darum geht es nicht. Es geht einfach darum, dass ich . . . etwas an meinem Leben ändern will, sonst nichts.«

»Ist doch immer dasselbe.« Ediths Seufzer klang fast wie ein schicksalsergebenes Aufstöhnen. »Ihr Mädels tut nichts einfach so, wenn nicht eine andere Person dahintersteckt. Auf einmal willst du Zeit für dich, für ein . . . Privatleben.« Es hörte sich so an, als ob sie das Wort fast ausspuckte. »Bisher warst du ganz zufrieden damit, keins zu haben. Also ist jemand aufgetaucht, der Zeit von dir verlangt, mit dem du Zeit verbringen willst, die du nicht hast. Weshalb du einfach deinen Job hinschmeißt.« Noch einmal seufzte sie tief auf, aber es klang ziemlich theatralisch, nicht wirklich echt. »Wenn du nicht du wärst, würde ich dich jetzt fragen, ob du schwanger bist.«

»Dann bist du sicherlich erfreut zu hören, dass ich es nicht bin.« Kathrin schmunzelte heftig. »Edith, bitte . . .« Sie trat den letzten Schritt, der sie noch von ihr trennte, auf Edith zu und musterte ihr Gesicht. »Da ist niemand, wirklich. Es geht nur um mich. Um mein Leben. Das ich bisher nicht hatte. Kannst du das denn nicht verstehen? Ich weiß nicht, was ich jetzt tun werde. Aber was auch immer sich ergibt, ich will frei sein, es zu tun. Nicht eingezwängt in einen Zeitplan, der mir kaum Luft zum Atmen lässt.« Sie holte tief Luft, als ob sie illustrieren wollte, wie dringend sie sie brauchte. »Ich muss etwas Neues ausprobieren. Was auch immer es ist. Ob es gutgeht oder nicht.«

Für einen Moment sah Edith nachdenklich aus. »Du willst mir also nicht sagen, wer es ist.« Sie nickte, stand auf, ging um ihren Schreibtisch herum und setzte sich wieder. Dann lächelte sie zu Kathrin hoch. »Dann probier es aus. Das ist dein gutes Recht. Ich würde dich gern davor bewahren, dir all die Enttäuschungen abzuholen, die ich schon hinter mir habe, aber das hat wohl keinen Sinn. Es ist ein Unterschied, ob man es erlebt und für unnütz befunden hat oder ob man –«

»Genau«, bestätigte Kathrin, indem sie sie unterbrach und lächelte. »Oder ob man es nie ausprobiert hat.«

»Und deshalb nicht für unnütz befinden konnte.« Edith lachte leise. »Jeder muss seine Erfahrungen selbst machen. Ich bin ein ganzes Stück älter als du, deshalb würde ich es wohl nicht mehr versuchen, aber in deinem Alter«, sie seufzte, »habe ich das dritte Mal geheiratet.«

»Während ich selbst das erste Mal noch vor mir habe.« Schief verzogen sich Kathrins Mundwinkel. »Gerade fühle ich mich, als wäre ich noch Jungfrau.«

Diesmal lachte Edith laut auf. »Das glaube ich dir aber jetzt nicht!«

Kathrin grinste ein wenig. »Stimmt. Dafür hatte ich Zeit. Geht ja auch schnell.«

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