Teil 01

1

Es war nur ein Hintergrundrauschen, ein dissonanter Ton, der einfach nicht mit der Melodie harmonierte, die für das gemeinsame Leben geschrieben wurde. Die sie für ihr gemeinsames Leben geschrieben hatte. Es war vielmehr ein Herz-Kopf-Tinnitus, der einen bis aufs Mark erschütterte und fassungslos zurückließ.

Wie oft sprechen Menschen von diesem einen besonderen Moment? Der Moment, der alles verändern kann. Ein Moment, in dem ein Blick reicht und die Welt sich zu drehen beginnt. Ein Moment, der ein komplettes Leben umkrempeln kann.

Doch was, wenn der eine Moment, der alles veränderte, nicht der Moment war, der dieses Szenario zeichnete, sondern ein Moment, der ein bodenloses schwarzes Loch öffnete und alles darin verschluckte, von dem man dachte, man würde so etwas wie Sicherheit und Glück darin finden? Ein Moment, der alles zerstörte.

Ohne Vorwarnung.

Wie durch zersplittertes Glas sah Emma verschwommen auf den leblos wirkenden Körper vor ihr, während sie in beiden Händen Lisas warme Hand hielt.

Ihr Körper war überzogen von Schläuchen und ihr Anblick ließ Emmas Welt stillstehen. Sie war wie betäubt vom Schmerz, taub und blind. Hielt die Hilflosigkeit kaum aus, der sie seit Stunden ausgeliefert war.

Seit diesem Anruf, der alles verändert und ihre Welt aus den Fugen gebrochen hatte.

Nur das Piepen der Maschinen erfüllte das Zimmer, in das sie Lisa nach der Operation gebracht hatten. Ein schrilles Piepen, das Emma kaum mehr aushielt.

Immer wieder wischte sie sich Tränen aus den verquollenen Augen. Stundenlang hatte sie auf dem Gang ausgeharrt. Hatte den Minutenzeiger der Uhr verfolgt und war beinahe durchgedreht, weil sie nicht wusste, was hinter den Türen des OP-Saals passierte. Niemand hatte ihr sagen können, wie es Lisa ging, wie schwer ihre Verletzungen waren und was mit ihr passierte.

Als sich die Tür öffnete und der Arzt an das Bett von Lisa trat, nahm Emma dies nur verschwommen wahr. Selbst seine Worte wollten kaum zu ihr durchdringen. Erst als eine Schwester eine Hand auf ihre Schulter legte, blickte Emma endlich auf.

»Frau Kross, Ihre Partnerin hat die Operation gut überstanden. Mein Kollege hat Ihnen ja bereits erklärt, welche Eingriffe wir vornehmen mussten. Jetzt müssen wir jedoch abwarten. Mehr können wir im Moment leider nicht tun. Ich werde immer wieder nach ihr sehen. Wir werden sie die ganze Zeit beobachten.«

»Wann wird sie aufwachen?«, fragte Emma kraftlos und drückte Lisas Hand nur noch fester, als könnte sie so Einfluss darauf nehmen.

»Ihre Partnerin hat schwere Kopfverletzungen und Brüche davongetragen. Wir werden sie noch im künstlichen Koma halten, um nichts zu riskieren. Die Operation war nicht leicht. Wir müssen warten, bis die Schwellung des Gehirns zurückgeht und dann können wir sie langsam aufwachen lassen.« Der Arzt griff nach seiner Brille und nahm sie ab. Dann trat er einen Schritt näher an Emma heran. »Ich weiß, wie schwer dies für Sie sein muss. Aber jetzt im Moment können wir alle nichts anderes tun, außer abwarten und ihr die Zeit geben, die sie braucht. Vielleicht ruhen Sie sich selbst etwas aus? Ich denke, das würde Ihnen auch guttun.«

Emma schüttelte heftig den Kopf. »Ich kann sie doch jetzt nicht einfach alleinlassen.«

Die Schwester, die Emma kurz zuvor die Hand auf die Schulter gelegt hatte, stand immer noch dicht hinter ihr, als wollte sie ihr Kraft spenden. »Gehen Sie eine Runde, holen Sie sich einen Kaffee. Draußen vor der Intensivstation warten Freunde auf Sie. Frische Luft wird Ihnen guttun und dann kommen Sie zurück. Sie weiß, dass Sie hier sind. Ganz sicher. Haben Sie keine Angst, sie ist hier in guten Händen.«

Emma atmete schwer aus und streichelte sanft über Lisas Schulter. Sie war wie erstarrt, konnte sich kaum bewegen. Wie in Trance stand sie schließlich auf, begleitet von der Schwester, die sie nach draußen brachte. Ein dumpfes Surren war jedoch alles, was Emma vernahm, was sie vollkommen umhüllte. Jeder Schritt, den sie sich von Lisa entfernte, schmerzte nur mehr, da die Hilflosigkeit ins Unermessliche zu wachsen schien.

Als die schwere Tür aufschwang und den Blick freigab auf die Welt außerhalb dieser Hölle, schien Emma jegliche Fassung zu verlieren. Da stürzte jedoch Astrid bereits herbei und fing sie auf, zog sie an sich und hielt Emma fest. Lotta, die hinterhergeeilt war, warf einen ängstlichen Blick auf den Flur der Intensivstation, ehe die Tür ins Schloss fiel und nur sie drei zurückblieben.

Emma spürte Astrids heiße Tränen auf ihrem Hals. Auch Lotta rang um Fassung, was ihr jedoch keinen Augenblick lang gelang.

Erst nach einer Ewigkeit trocknete Astrid ihre Tränen, löste sich aus der Starre und zog Emma zu einer Stuhlreihe, auf die sie sich nebeneinandersetzten.

Wortlos.

Die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Und Angst. Blanke, schonungslose Angst.

»Lisas Mutter und ihr Bruder sind schon auf dem Weg. Sie müssten in spätestens einer Stunde hier sein«, sagte Lotta leise und lehnte den Kopf nach hinten an die Wand.

Emma nickte, war jedoch unfähig irgendetwas zu erwidern. Irgendwann jedoch brach es aus ihr heraus: »Was . . . was, wenn sie es nicht . . .«

»So etwas darfst du gar nicht erst denken«, unterbrach Astrid sie vehement mit aufgerissenen Augen. »Lisa ist tough. Sie wird das durchstehen. Sie wird das ganz sicher schaffen. Und wir müssen an sie glauben.«

Emma vergrub ihr Gesicht in den Händen. Das Schluchzen klang dumpf daraus hervor. »Aber, was wenn nicht? Was soll ich denn ohne sie machen?«

Lotta verknotete ihre Hände ineinander, bis die Knöchel weiß hervortraten. So stark sie sein wollte, aber auch ihr fiel das Sprechen schwer. »Sie hat die OP gut überstanden und sie wird auch alles andere überstehen.«

Emma sah auf und fuhr sich nervös durch die Haare. Hektisch blickte sie sich um. »Ich . . . ich, es tut mir leid, muss wieder zu ihr. Ich kann nicht einfach hier sitzen und sie liegt da so allein.«

Ehe Emma jedoch aufspringen konnte, griff Astrid nach ihrer Hand und zog sie zurück. »Gib mir deinen Wohnungsschlüssel, wir fahren zu dir und holen ein paar Sachen für dich. Und wenn wir zurück sind, gehen wir kurz an die frische Luft und du isst etwas, okay? Wir bleiben ganz in der Nähe, dass du sofort zurück zu Lisa kannst, wenn du das willst. Ich will nicht, dass du mir auch noch zusammenbrichst.«

Den Schlüssel aus der Hosentasche kramend, nickte Emma kaum merklich. Ihre Hände waren schweißnass, als sie Astrid den Schlüssel in die Hand drückte, aufstand und an der Klingel zur Intensivstation läutete. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand sie durch den ersten kleinen Spalt, den die Tür preisgab.

Sie musste die Übelkeit vehement unterdrücken, die die Angst in ihr verursachte. Bei ihr sein, das war alles, was sie jetzt wollte.

2

»Sie hat die Nacht gut überstanden, das ist doch ein gutes Zeichen!« Lotta saß neben Emma auf einer kleinen Parkbank vor dem Krankenhaus. Die schlaflose Nacht war ihnen beiden deutlich anzumerken.

»Es tut so weh, nichts tun zu können«, seufzte Emma. »Und ich hätte sie nicht allein fahren lassen sollen. Sie hat mich noch gebeten mitzukommen. Aber ich . . . verdammt, warum bin ich nicht mit ihr gekommen?«

Lotta legte einen Arm um Emma und zog sie an sich. »Du hast keine Schuld an dem Ganzen. Rede dir das ja nicht ein. Der Taxifahrer hat sie übersehen.« Lotta hielt für einen kurzen Moment die Luft an und presste die Lippen aufeinander, bis sie weiß wurden. »Dieses Schwein«, presste sie schließlich hervor und schlug mit der Faust auf ihren Oberschenkel, sodass Emma aufschreckte.

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People in this conversation

  • Anja
  • Sima
  • Ruth Gogoll
  • Sima

    Permalink

    Beim Lesen des neuen Abschnittes ist mir jetzt noch etwas aufgefallen. Das irritiert mich ein wenig.

    Francie sagt zu ihrer Zofe: “Nicht hier... Wir sind nicht zu Hause.“
    Das bedeutet also, dass sie nicht in Amerika, sondern in Frankreich sind? Zunächst hatte ich gedacht, dass es andersrum ist. Zumal Frankreich das eigentliche Zuhause für Jeanne sein dürfte. Gut, auch der Name François de la Fontaines deutet schon irgendwie darauf hin. Aber ich hätte mir vorstellen können, dass Francie weit weg von zu Hause sich viel mehr austoben könnte und sich weniger zurückhalten müsste. Wenn ich mich noch recht erinnere, sprach sie Emma gegenüber auch mal von den offenherzigen Frauen in Frankreich oder so ähnlich. Also müsste da doch gerade einiges abgegangen sein. So klingt es aber eher danach, als würde sie sonst nur in Amerika und ausschließlich mit ihrer Zofe lesbische Erfahrungen gesammelt haben.

    Vielleicht könntest Du auch noch hinzufügen, dass sie jetzt gerade in Frankreich sind. Zumal es danach mit Emma in Amerika weitergeht. ?

    Vielleicht bin ich auch nur etwas verwirrt und Du kannst das gar nicht nachvollziehen. Das ignoriere meine Anmerkungen einfach. :)

    Montag, 2. Oktober 2017 18:49
  • Ruth Gogoll

    Sima Permalink

    Gemeint ist: Francie ist zu dem Ball bei den De La Fontaines (in Frankreich, während der zwei Jahre, die sie in Frankreich war) eingeladen und ist dort (auf deren Landsitz oder wo immer) vielleicht schon ein paar Tage oder sogar Wochen. Das heißt, sie sind nicht bei Francie in dem Haus, wo sie normalerweise in Paris wohnt, deshalb "nicht zu Hause". Francie zieht sich für den Ball bei den De La Fontaines um, hat also quasi nur ein Gästezimmer dort.

    Jeanne war nie in Amerika (weigert sich später dann, mit Francie nach Amerika zu gehen), insofern kann das Ganze nur in Frankreich spielen. Aber es ist eigentlich nicht wirklich wichtig, deshalb habe ich das auch nicht weiter ausgeführt. Zur damaligen Zeit wurde man ja ständig irgendwohin eingeladen oder hat selbst Leute eingeladen. Ich frage mich immer, wann die Leute denn überhaupt mal zu Hause waren ;), weil man liest immer, sie sind für ein paar Wochen auf dem einen Landsitz, dann für ein paar Wochen oder sogar Monate auf dem anderen, und wenn sie selbst einen Landsitz oder ein großes Haus in der Stadt haben, haben sie auch ständig Besuch, der wochen- oder monatelang bleibt.

    Die hatten eben alle keinen Beruf, sondern hatten nur Freizeit, die sie irgendwie rumbringen mussten. Und außerdem gab es da diese ständigen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Wenn man Kinder hatte, hatte man dafür irgendwelche Nannys und Gouvernanten, oder sie waren ab dem sechsten Lebensjahr dann den größten Teil des Jahres auf einem Schul-Internat, kamen höchstens mal für die Ferien im Sommer oder für Weihnachten nach Hause. Somit musste man sich auch nicht darum kümmern, die Kinder mitzunehmen oder so etwas. Die Kinder kannten ihre Eltern ja oft kaum.

    Für Änderungen ist es jetzt aber ohnehin zu spät, das Buch ist ja schon gedruckt. ;)

    Montag, 2. Oktober 2017 19:50
  • Ach so, natürlich, das Buch ist schon gedruckt. Darum hast Du auch jetzt erst gefragt, ob der neue Anfang zu sehr nach SM klingt. ;)

    Ich war wohl eindeutig zu lange weg. Aber danke für die Erklärung, Ruth. Das leuchtet mir ein. :)

    Montag, 2. Oktober 2017 20:47
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Klingt der neue Anfang von »Wie Honig so süß« zu sehr nach SM? ;)

    Sonntag, 1. Oktober 2017 10:47
  • Nein, finde ich nicht.
    Wie Sima schon sagt, ein heisser, erotischer Anfang. :)
    Und für mich zusätzlich noch ein neues Wort für meinen Wortschatz: Krinoline.

    Montag, 2. Oktober 2017 8:14
  • Ruth Gogoll

    Anja Permalink

    Wenn man in der Zeit zurückgeht beim Schreiben und die Geschichten in der Vergangenheit spielen, lernt man ganz viele neue Wörter. ;) Ich wusste auch nicht von selbst, wie die ganzen Kleidungsstücke hießen, die Frauen damals tragen mussten, und musste das nachschauen.

    Montag, 2. Oktober 2017 9:09
  • Wieso sollte das zu sehr nach SM klingen, Ruth? Es ist einfach nur ein heißer, erotischer Beginn. Damit klärt sich gleich mal, woher (und vor allem mit wem) Francie ihre Erfahrungen in Sachen Frauenliebe hat. Das wurde bislang ja nur angedeutet. Und so hast Du auch gleich einen guten Start in der Gegenwart. Und Francie taucht direkt am Anfang auf, auch wenn ihr Name hier noch nicht erwähnt wurde. Das ist perfekt, finde ich.
    Ursprünglich fing der Roman ja mit Emmas Kindheit an. Das wäre für manch Leserin vielleicht nicht interessant genug. Aber so dürftest Du doch das Interesse deutlich gesteigert haben. :) Also mir gefällt's. ;)

    Sonntag, 1. Oktober 2017 21:56
  • Ruth Gogoll

    Sima Permalink

    Freut mich, Sima, dass Du es so siehst. :) Ich hatte auch überlegt, den Anfang mit Emmas Kindheit zu streichen, aber irgendwie finde ich das wichtig. So sieht man aber, wo die Geschichte hinführt, was ja ebenso wichtig ist.

    Montag, 2. Oktober 2017 7:26

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