Teil 01

1

»Darf ich mal bitte?«, fragt eine genervte Stimme hinter Marla. Dann drängelt sich die Frau, der diese Stimme gehört, auch schon unwirsch an ihr vorbei.

Immer diese Samstagseinkäufer, die denken, es gäbe die nächsten sechs Monate keine Lebensmittel mehr, nur weil am nächsten Tag Sonntag ist. Marla verdreht die Augen und schüttelt den Kopf. Eigentlich vermeidet sie es konsequent, samstags einkaufen zu gehen. Aber heute hat sie in eine leere Kaffeedose geschaut. Und das ist ungefähr vergleichbar mit dem Blick einer hungrigen Katze in einen leeren Napf – ein Drama.

Also schlendert sie gemütlicher als alle anderen durch den Supermarkt und überlegt, ob sie noch etwas braucht außer Kaffee.

An der Truhe mit den Tiefkühlgerichten wird sie schon wieder unsanft zur Seite gedrängt. Diesmal dreht sie sich genervt um und wirft der Frau einen finsteren Blick zu. Doch nur eine Millisekunde später weicht die Finsternis aus ihrem Gesicht, und ihr wird es plötzlich ganz heiß.

Der Anblick dieser unverschämten Frau überwältigt sie auf eine ungewohnte Art. Diese funkelnden braunen Augen, das freche Grinsen, das sich auf ihren wundervollen Lippen abzeichnet, als sie Marla fast ein bisschen zu eindringlich taxiert, lässt ihre Knie weich werden. Und die lässige Art, mit der diese Frau ihr gegenübersteht, als würde sie auf ein Donnerwetter warten, macht ihren Mund ganz trocken.

Mit hochrotem Kopf dreht Marla sich schnell wieder um und hofft, dass sie in einem der Pizzakartons verschwinden kann. Wie lange hat sie die Frau bloß angestarrt? Hoffentlich nicht so lange, wie es sich angefühlt hat.

Angespannt blickt sie in die Truhe und wartet darauf, dass die Kundin verschwindet. Doch in dem Moment spürt sie einen fremden Arm an ihrem. Die charismatische Supermarkt-Schönheit lehnt sich direkt neben ihr in die Truhe und angelt auf eine auffallend ungeschickte Weise nach einer Hawaiipizza.

Als sie sich wieder aufrichtet, wirft sie Marla ein verschmitztes Lächeln zu und lässt sie dann mit den restlichen Tiefkühlgerichten allein.

Wie erstarrt bleibt Marla noch eine Weile stehen und entscheidet sich dann für eine Gemüsepizza, bevor sie den Kaffee aus dem Regal nebenan holt und zu den Kassen marschiert.

An Nummer zwei steht nur eine kleine, etwa hundertzwanzig Jahre alte Dame mit grünem Filzhut und bemüht sich, ihren Einkauf auf das Kassenband zu befördern.

Gerade will Marla sich anstellen, da huscht jemand an ihr vorbei und schneidet ihr den Weg ab.

Mit Wutwolken über dem Kopf pflaumt Marla: »Jetzt reicht es aber! Ich war hier zuerst.«

Die Kundin dreht sich um und grinst Marla frech an. »Aber ich war schneller.«

»Verfolgst du mich etwa?«, platzt es aus Marla heraus, als sie sieht, dass es wieder diese Frau ist.

»Du stehst doch hinter mir. Müsste ich dich dann nicht eher fragen, ob du mir schon die ganze Zeit absichtlich auf den Fersen bist?«, kontert sie schlagfertig.

Marla weiß nicht, ob sie lachen oder wütend sein soll. Was bildet die sich denn ein? Ziemlich unverschämt. Und ziemlich . . . heiß. Sie fasst sich an den Kragen ihres Shirts, als müsste sie ihn lockern, um in dieser plötzlich aufkommenden Hitze genug Luft zu bekommen.

Dann entscheidet sie sich gegen die Wut und verzieht ihre Mundwinkel zu einem unsicheren Lächeln. »Da werden wir uns jetzt wohl nicht einig«, sagt sie und deutet an, dass die Frau nun an der Reihe ist.

»Nun, wenn du so viel Wert drauf legst, diesen Sachverhalt aufzuklären, dann können wir das gern bei mir weiter ausdiskutieren«, schlägt die braunäugige Schönheit mit ihrer weichen und doch etwas verwegenen Stimme vor.

Marla spürt, wie ihre zarte rosa Gesichtsfarbe einem dunklen Purpurrot weicht. Ihr Schritt pulsiert, und sie steht plötzlich völlig neben sich. Meint sie das ernst? So ein Angebot mutet ja doch etwas dreist an. Oder ist das ein ganz normaler Flirt an der Supermarktkasse, wie er seit Hunderten von Jahren zelebriert wird, und Marla hat es einfach noch nie am eigenen Leib erlebt? Sie schaut die Kundin, die sie auf ungefähr Mitte dreißig schätzt, irritiert an.

Derweil amüsiert sich die Frau offenbar königlich über Marlas Wortlosigkeit. »Na schön, dann vielleicht ein anderes Mal«, sagt sie zwinkernd, nimmt ihre Einkäufe in die Hand und nickt Marla noch einmal zu. Dann ist sie weg.

»Entschuldigen Sie? Das macht bitte zwölf Euro vierunddreißig«, hört Marla die Kassiererin sagen, und erst dann bemerkt sie, dass das nicht die erste Zahlungsaufforderung gewesen sein kann.

Sie entschuldigt sich kleinlaut, bezahlt und verlässt schnellen Schrittes den Supermarkt.

Vor der Tür sieht sie sich prüfend um. Sie ist weg. Wirklich weg. Dabei hat Marla doch jetzt endlich die passende Antwort auf den Lippen. So ein Mist. Verdammter, verdammter Mist. Warum schafft sie es nicht ein einziges Mal, die richtigen Worte in einer angemessenen Zeit zu finden? Kein Wunder, dass sie nie eine Frau kennenlernt. Die sind nämlich alle schon längst verheiratet, wenn Marla endlich imstande ist, auf solch subtile – oder weniger subtile – Flirts zu reagieren.

Seufzend und mit den Gedanken bei der Supermarkt-Schönheit tritt Marla den Heimweg an.

Die frische Luft, die ihr in den Berliner Straßen um die Nase weht, tut gut. Noch immer fühlen sich ihre Wangen leicht gerötet an, und bei jedem winzigen Gedanken an die Begegnung im Supermarkt nimmt die rote Farbe eindeutig neue Fahrt auf.

Da klingelt ihr Handy. Umständlich angelt sie es aus der Tasche und schafft es gerade rechtzeitig, ein genuscheltes »Hallo?« in das Gerät zu japsen, bevor ihre beste Freundin Ina wieder auflegt.

»Du hörst dich ja fertig an. Was ist los? Du hast doch erst um zwei den Termin bei Hanna, oder?«, kichert Ina und zieht Marla nicht zum ersten Mal mit diesem Termin – und einer gewissen Angst vor dem Gang ins Tattoostudio – auf.

»Sehr komisch, Ina. Rufst du nur an, um mich zu ärgern, oder gibt es noch einen anderen, vielleicht etwas netteren Anlass?«, erwidert sie.

»Eigentlich wollte ich dich nur fragen, wie es dir geht und ob du aufgeregt bist. Ich könnte mitkommen, wenn du willst, dann frage ich Bettina, ob sie die Galerie solange im Auge behält.«

»Das ist wirklich lieb, aber ich schaffe das schon. Meine Aufregung hält sich in Grenzen. Noch jedenfalls«, murmelt Marla. Denn ganz so entspannt ist sie bei dem Gedanken daran, dass sie kurz davor steht, sich ihr erstes Tattoo stechen zu lassen, nicht. Sie schluckt. Einen kleinen Anflug von Panik kann sie nicht so ganz leugnen. Nur muss Ina das nicht unbedingt wissen. Also sagt sie so selbstsicher wie möglich: »Ich muss jetzt auch Schluss machen. Wir sehen uns ja heute Abend, okay?«

»Ist gut, meine Liebe. Und wenn du nach zwei Minuten feststellst, dass das doch nichts für dich ist, dann sag Hanna einfach, sie soll dir statt des eigentlichen Entwurfs einfach ein winziges Gänseblümchen stechen.« Das Feixen am anderen Ende ist quasi nicht zu überhören.

»Tschüss, du Verrückte«, sagt Marla kopfschüttelnd, aber mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen und hört gerade noch ein geflötetes »Tschüssi«, bevor sie auflegt und das Handy zurück in die Tasche steckt.

Fünf Monate ist es her, als Marla den Entschluss gefasst hatte, sich endlich unter die Nadel zu legen. Jahrelang hatte sie mit sich gerungen, ob sie es wagen soll oder nicht. Hat recherchiert und jede Menge Pro- und Contra-Listen erstellt. Sie hat Motive im Internet rausgesucht und die vielen Tattoo-Shows im Fernsehen angeschaut, die seit kurzem aus dem Boden sprießen.

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