Teil 01

1

Ein lauter Knall übertönte die monotonen Fahrzeuggeräusche des Truckcampers, der sich einsam und seit einer gefühlten Ewigkeit über die unebene Schotterpiste quälte. Abrupt trat Nadja auf die Bremse, so heftig, dass sie mit einem derben Ruck nach vorn in den Gurt gedrückt wurde. Fluchend rieb sie sich die schmerzende Schulter, während sie durch die verschmutzte Windschutzscheibe starrte. Kleine Rauchschwaden quollen aus den Fugen der Motorhaube.

Nadja öffnete hektisch die Fahrertür und stolperte aus dem Truck. Ein Geruch von Verschmortem lag in der Luft.

»Oh, nein, bitte nicht!«, stieß sie flehend aus. Blankes Entsetzen trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Vielleicht lag es auch an der Hitze, die ihr außerhalb ihres klimatisierten Wagens entgegenschlug. Doch im nächsten Moment erschauerte sie. Fröstelnd rieb sie sich über die nackten Oberarme.

Eine Windböe zog über sie hinweg, streifte über den trockenen Sandboden und wirbelte ockerfarbenen Staub auf, der sich wie eine zweite Haut über alles legte, was seinen Weg kreuzte. Instinktiv blinzelte Nadja mit den Augen, während sie sich mit einer Hand über das verschwitzte Gesicht rieb, um die feinen Sandkörnchen wegzuwischen.

Langsam, beinahe zögernd, trat sie vor ihren Truck. Doch als sie die Motorhaube berührte, stieß sie einen kurzen Schrei aus und zog augenblicklich ihre Hand zurück. »Auch das noch«, schimpfte sie. Missmutig stapfte sie in den Camper, um sich ein paar Arbeitshandschuhe zu holen. Als sie wieder heraustrat, vernahm sie aus der Ferne ein dumpfes Geräusch. Zwar konnte sie es nicht zuordnen, aber jemand war da draußen. Definitiv. Eine Spur Erleichterung machte sich in Nadja breit. Zügig ging sie um den Wagen herum. Mit der Hand schirmte sie ihre Augen vor dem grellen Sonnenlicht ab.

Die Luft flimmerte und plötzlich, wie eine Fata Morgana, tauchte ein schwarzes Pferd mit seinem Reiter hinter einem der kahlen Hügel auf. Als das Pferd die Spitze des Hügels erreicht hatte, blieb es stehen. Der Reiter hatte seinen Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen und blickte in Nadjas Richtung.

Zaghaft hob Nadja den Arm und winkte, aber von dem Cowboy ging keinerlei Regung aus. Verunsichert ließ Nadja ihren Arm sinken. Will er denn nicht herkommen und mir Hilfe anbieten?

Die Vorstellung, der Reiter könnte nur Einbildung sein und im nächsten Moment wieder von der Bildfläche verschwinden, machte sie nervös. Seit Stunden war sie keiner Menschenseele begegnet. Sie hatte sich völlig verfahren und fand sich auf einmal in dieser kargen Gegend wieder, in der das gelblich-bräunliche Gras verbrannt aussah und es weder Wald noch ein Fluss zu geben schien.

Dann, endlich rührte sich etwas. Und als das Pferd schließlich im lockeren Trab hinunter auf sie zukam, atmete Nadja beruhigt auf.

»Looks like you have a problem«, wurde sie sogleich begrüßt.

Nadja stutzte. Die Stimme war dunkel und rau, aber es war eindeutig eine Frauenstimme. Überrascht legte sie den Kopf in den Nacken, um der Frau, die lässig auf ihrem Ross saß, besser ins Gesicht sehen zu können. Augenblicklich spürte sie intensive Blicke, die sie abschätzig musterten.

»Yes, that’s true«, antwortete sie mit brüchiger Stimme. Sie schluckte trocken. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen, hier in dieser Einöde einer Frau und dazu auch noch einer so attraktiven Frau zu begegnen.

Unter dem beigefarbenen Westernhut kamen nackenlange, kastanienbraune Haare zum Vorschein. Die sonnengebräunte Haut verriet, dass die Frau viel Zeit an der frischen Luft verbrachte. Ihre Gesichtszüge waren eher kantig, und trotzdem erkannte Nadja auch etwas Weiches darin. Große, leuchtende Augen, deren Farbe durch den Schatten, den der breite Hut warf, nicht genau zu erkennen war, nahmen sie dennoch völlig gefangen. Wie gebannt versank sie darin, unfähig, ihren Blick abzuwenden.

Die andere schnippte geräuschvoll mit den Fingern gegen die Hutkrempe und holte Nadja aus ihrer Träumerei zurück. Ein hintergründiges Lächeln schob sich auf ihre Lippen. »Where do you come from?«, fragte sie.

»Germany«, erwiderte Nadja schnell. Sie fühlte sich ertappt und senkte beschämt den Blick.

»Ah, eine deutsche Touristin, die sich verirrt hat«, sagte die Frau in fast akzentfreiem Deutsch. Es klang so, als erheiterte sie diese Feststellung.

Nadja merkte zu spät, dass ihr der Mund offenstehen blieb und ihr Kopf erneut ruckartig in die Höhe schoss. Sie hätte wetten können, dass es sich bei der dunkelhaarigen Frau, die in ihrer Jeans und der karierten Hemdbluse einfach unwiderstehlich wirkte, um eine Einheimische, zumindest aber um eine Amerikanerin handelte. Warum, das war ihr selbst ein Rätsel.

Noch immer schien die schöne Unbekannte sich über sie zu amüsieren. Ihre Mundwinkel hüpften vergnügt, und ihr spöttischer Gesichtsausdruck sprach Bände.

»Ich bin keine Touristin . . . also nicht direkt«, grummelte Nadja etwas verstimmt.

»So, so.« Mit einem Kopfnicken wies die Frau auf den Truckcamper.

Nadja verdrehte die Augen und lächelte verklärt. »Ich habe ein Sabbatjahr genommen und toure derzeit durch Kanada. Und das Gefährt habe ich in Kelowna jemandem abgekauft.«

»Sieht nach einem schlechten Kauf aus.« Die Westernbraut zog skeptisch die Augenbrauen zusammen und beäugte den Truck, der weiter vor sich hinrauchte. »Ich glaube, die Kühlanlage ist hinüber. Wahrscheinlich braucht’s eine neue Zylinderkopfdichtung.«

»Was? Gott, bewahre!«, krächzte Nadja. Ihr versagte beinahe die Stimme. »Gibt es hier in der Nähe vielleicht eine Werkstatt?«

Urplötzlich brach ihr Gegenüber in schallendes Gelächter aus. Das Pferd scheute und machte wiehernd einen Schritt zurück. Aber die schöne Fremde wusste es sogleich zu beruhigen. Sie beugte sich nach vorn und fuhr mit ihren schlanken, drahtigen Fingern seitlich unter seine Mähne. Sanft rieb sie an seinem Hals entlang. »Alles gut, Shadow, wir machen nur gerade Bekanntschaft mit einem Spaßvogel.«

Shadow? Sie nennt ihr Pferd ›Schatten‹? Und was heißt denn hier Spaßvogel? Nadja kniff angesäuert die Lippen zusammen. Aber sie musste sich zusammenreißen, denn die zum Scherzen aufgelegte Lady war vielleicht ihre einzige Rettung. »Ich brauchte einen fahrbaren Untersatz und einen Platz zum Schlafen. Und das da . . .«, mit der Hand winkte sie unwirsch ab, »war leider das Einzige, was ich mir leisten konnte.«

»Hm, verstehe«, sagte die Frau, deren Namen Nadja immer noch nicht kannte.

Sie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ihr bewusst wurde, dass sie zwar den Namen des Pferdes kannte, aber nicht den seiner Besitzerin. »Ich heiße Nadja«, stellte sie sich spontan vor. Sie streckte ihre Hand nach oben.

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