Teil 02

Sie ist seit jeher fasziniert von Menschen mit Tattoos und hat sich immer gefragt, ob sie auch so ein Mensch sein könnte. Oder ob es ihrer eigentlich eher zurückhaltenden Persönlichkeit widerspricht.

Doch an jenem Abend vor fünf Monaten hatte sie Inas neueste Kreation zum ersten Mal gesehen, einen kunstvoll gestochenen Drachen, der sich vom linken Schulterblatt über den Rücken bis zum Steißbein erstreckt. Und da war es um sie geschehen.

Ina nahm Marla wenige Tage später mit ins Studio, wo sie Hanna, Inas langjährige Tätowiererin, kennenlernte. Sie besprachen alles. Von Marlas Ängsten und Befürchtungen bis hin zu den ausgesprochen genauen Vorstellungen, die sie seit einer Ewigkeit im Kopf zusammengesponnen hat.

Hanna überwältigte Marla dann nur wenige Tage später mit einem außergewöhnlichen und ganz persönlichen Entwurf, der ihr wie aus ihrem eigenen Geiste entsprungen schien.

Da fühlte es sich richtig an. Und sie machte einen Termin.

Der Termin ist heute. In zwei Stunden. Und da es sich keineswegs um ein winziges Gänseblümchen handelt, das Hanna ihr auf den Rücken zaubern wird, spürt sie nun doch langsam die aufsteigende Aufregung.

Aber sie schafft das. Sie hat so lange darauf gewartet. Nun gibt es kein Zurück mehr.

Mit diesem kraftvollen Gedanken schließt Marla die Wohnungstür auf, verstaut ihre Einkäufe in der Küche und huscht noch einmal unter die Dusche.

2

»Oh Gott . . . Ahrgh . . . Scheiße, Hanna . . .«, stöhnt Marla und beißt mit zusammengekniffenen Augen in das leicht verwaschene aber herrlich frisch duftende Handtuch, das ihr mittlerweile seit vier schmerzhaften Stunden als Kopfkissen und seit zwei Stunden als Beißring-Ersatz dient.

Ihre Schultern und Arme schmerzen von der ungewohnten und alles andere als bequemen Haltung, angewinkelt unter ihrem Kopf. Ihre Finger kribbeln, weil sie zum zehnten Mal eingeschlafen sind, und Marla friert trotz Außentemperaturen von knapp fünfundzwanzig Grad, als würde sie auf einem Eisblock in der Arktis liegen statt auf der gepolsterten und unter anderen Umständen sicher äußerst gemütlichen Liege.

Sie ist überwältigt von dem Schmerz, den die Tätowiermaschine bei jeder kleinen Berührung auf ihrer Haut hinterlässt.

Sie schließt die Augen und versucht, das brennende Gefühl, das sie an eine heiße Messerspitze erinnert, die ihr gerade mit einer unerträglichen Langsamkeit den Rücken aufschneidet, wegzuatmen. Nicht, dass sie schon einmal mit einem Messer aufgeschlitzt wurde. Aber so in etwa muss es sich anfühlen. Als würde Hautschicht um Hautschicht langsam und genüsslich durchtrennt.

Und während ihr Rücken schon an ungefähr siebzig Stellen von klaffenden Wunden übersäht ist, findet Hanna noch immer eine Stelle, die bisher offenbar verschont geblieben ist.

Marlas Haut brennt. Und selbst das anfänglich als weich empfundene Tuch, mit dem Hanna nach jeder Linie, jedem Punkt und jedem Schatten die überflüssige Farbe wegwischt, fühlt sich mittlerweile an wie Schleifpapier.

Die Maschine stellt ihre Arbeit ein, und Marlas Rücken fühlt sich plötzlich federleicht und angenehm warm an. Sie genießt das leichte Prickeln, das durch die Reizung der Haut hervorgerufen wird, und atmet das erste Mal seit Stunden wieder gelassen und erleichtert ein und aus.

Auf ihre schwachen Arme gestützt legt sie ihren Kopf in die Hände, um besser lauschen zu können, was sich am Tresen des Tattoostudios abspielt.

Es ist ein stilvolles Studio, geschmackvoll eingerichtet und eine gute Mischung aus den typischen Elementen, die man von einem solchen Etablissement erwartet, und einem leicht ländlichen, natürlichen Touch, der eine gewisse Wärme und Häuslichkeit versprüht.

»Ähm, Hanna?«, sagt eine junge, mädchenhafte Stimme, die zu Jil, der neuen Praktikantin, gehört. »Eva ist da. Sie sagt, sie hat einen Termin bei Dirk. Aber . . . Dirk ist doch gerade nach Hause gefahren.«

Sie betritt den Raum, in dem bei Hochbetrieb drei Kunden von drei Tätowierern gleichzeitig gequält werden, zieht eine Augenbraue hoch und blickt einigermaßen verwirrt über Marlas Körper hinweg zu Hanna, die endlich auch das letzte Summen der Maschine abgestellt hat.

Die Ruhe ist für Marlas Ohren eine Wohltat. Ihre Gehörgänge fühlen sich an wie mit Watte ausgepolstert. Die pure Erleichterung fließt durch Marlas Körper.

»Och nee. Typisch Dirk, ey. Ja, weiß ich jetzt auch nicht. Musste ihn anrufen und mal fragen, was du der lieben Eva sagen sollst«, antwortet Hanna, während sie die Spitze der Maschine schon wieder in den Farbtopf tunkt.

Marla lässt den Kopf vorsichtshalber schon mal sinken, um bei Bedarf umgehend in das Handtuch beißen zu können.

Doch das ist gar nicht nötig. Denn es dauert keine zehn Sekunden, da umspielt Marlas Nase der eindringliche Duft eines herben Parfüms, gepaart mit der Note einer Hautcreme, die davon zeugt, dass die Person, die beides trägt, viel Wert auf die Pflege ihres Körpers legt.

Die Maschine neben Marla bleibt aus, und sie hebt den Kopf wieder an, um einen Blick auf die Frau, die vermutlich ziemlich verärgert ist, weil ihr Tätowierer sie versetzt hat, zu erhaschen.

Sie ist groß. Mindestens einsachtzig. Das schwarze, fließend fallende Oberteil aus knitterfreiem Stoff und der knöchellange schwarze Rock mit einem unanständig hohen Schlitz auf der rechten Seite umhüllen ihren fraulichen Körper so beeindruckend, dass Marla kaum wegsehen kann.

Sie beäugt die kurvige Frau so unbemerkt, wie es aus ihrer etwas unvorteilhaften Position eben möglich ist.

Deren Lippen sind rot, die blonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und ihr Atem verströmt einen angenehmen minzigen Geruch.

»Hanna, das ist nicht euer Ernst, oder?«, fragt sie und stellt sich mit verschränkten Armen neben Marlas Liege, ohne ihr irgendeine Beachtung zu schenken.

Der Tonfall sorgt bei Marla für eine Gänsehaut. Oder kommt die Gänsehaut von dem leichten Luftzug, der durch die geöffnete Eingangstür hereinströmt?

»Eva, ich mache Dirks Termine nicht. Ich meine, du kennst ihn. Er ist hin und wieder etwas verpeilt«, antwortet Hanna so humorvoll, wie es eben geht.

»Ja, aber es macht mich trotzdem ziemlich sauer. Ich habe vier Monate auf den Termin gewartet.« Evas Stimme wird dunkler.

Marla schluckt. Sie hat irgendwie das Bedürfnis, ihren Kopf zur anderen Seite zu drehen, um sich so weit wie möglich aus der Schusslinie zu ziehen.

»Aber du hast es ja heute ganz gut getroffen mit deiner Kundin, was?«, bemerkt Eva süffisant und wirft einen Blick auf Marla. Dann spricht sie sie direkt an. »Na? Bist du wenigstens tapfer, damit Hanna in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen kann, ohne von ständigem Gejammer genervt zu werden?«

Marla schießt das Blut, das ihr bis eben noch in Strömen aus den klaffenden Wunden auf ihrem Rücken gelaufen ist, in den Kopf und färbt ihr Gesicht in ein aufgeregtes Rot. »Ich gebe mein Bestes«, murmelt sie und grinst schief.

»Das sollte auch das Mindeste sein. Findest du nicht?«, fragt Eva mit einem überraschend bedrohlichen Unterton.

Marla schluckt und nickt nur. Was geht denn jetzt ab? fragt sie sich.

Doch ehe sie ergründen kann, was diese Frau in ihr auslöst, sagt Eva: »Sieht geil aus.« Sie beugt sich ungeniert über Marlas Körper und lässt ihren Blick eine halbe Ewigkeit über das Tattoo schweifen.

Jedenfalls meint Marla, dass der Blick nur ihrem Tattoo gilt. Die aufwendigen Wurzeln des Baumes, aus dessen Stamm das Gesicht eines Buddhas erwächst, zieren ab heute Marlas Nierengegend und bilden den Anfang für das realistisch gestochene Gesamtkunstwerk, das in den nächsten Monaten nach und nach unter ihre Haut gestochen werden wird. Die bereits vorgestochenen Linien der Baumkrone fließen über ihre Schultern, und die äußeren Äste enden kurz über ihren Ellbogen. Die sichtbaren Details und Schatten sind atemberaubend und zeugen von dem außergewöhnlichen Talent, das Hanna über Jahre perfektioniert hat.

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