Teil 02

»Jil«, erwiderte die andere knapp. Sie beugte sich erneut vor, um Nadja die Hand zu reichen. Ein kurzer, fester Händedruck, dann war es schon wieder vorbei. Sie machte keinerlei Anstalten, von ihrem Shadow abzusteigen. Ihre Hand, mit der sie Nadja eben noch begrüßt hatte, wies die Straße entlang Richtung Norden. »In zirka zwei Kilometern kommst du an einer Ranch vorbei. Dort dürftest du zumindest ein Telefon finden, um die nächstgelegene Werkstatt anzurufen.« Die letzten Worte sprach sie betont langsam aus. Es schien, als würde sie sich über Nadja lustig machen.

Nadja seufzte schwermütig auf. Doch sie bekam keine Gelegenheit, irgendetwas zu erwidern. Denn schon im nächsten Augenblick gab Jil ihrem Pferd mit leiser, tiefer Stimme ein Kommando. Der stolze Rappe – zumindest vermutete Nadja, dass es sich um einen Rappen handelte, weil alles an ihm schwarz war – trabte bereitwillig los und ging kurz darauf in den Galopp über. Jil hatte sich nicht einmal verabschiedet. Perplex schaute Nadja ihr hinterher, bis sie hinter den Hügeln verschwand.

Kopfschüttelnd zog Nadja sich die Handschuhe über und öffnete die Motorhaube. Sie hatte die Hoffnung, dass sie nur Kühlwasser auffüllen und den Truck eine Weile stehenlassen muss, noch nicht aufgegeben.

Doch ein Blick in den Motorraum verriet nichts Gutes. Sie hatte das Problem viel zu spät erkannt. Und wer weiß, was noch alles dabei kaputtgegangen war. In Bezug auf Autos hatte sie einfach zu wenig Ahnung, aber Jil kannte sich offenbar damit aus.

Beim Gedanken an Jil überkam Nadja plötzlich ein merkwürdiges Gefühl. Wie von Geisterhand bewegt drehte sie sich nach allen Seiten um. Ihr Herz schlug spürbar schneller und hämmerte hart in ihrer Brust. Wurde sie etwa beobachtet? Oder kam Jil vielleicht wieder zurück? Irgendwie musste Nadja ja auch den Truckcamper von der Straße bekommen. Aber nein, da war nichts.

Werd nicht albern, mahnte sie sich zur Ruhe. Trotzdem setzte sie sich nun eilig in den Wagen und versuchte den Motor zu starten. Doch nichts passierte. Resigniert lehnte Nadja sich in den Sitz zurück. Sie schloss für einen Moment die Augen, um sich etwas zu beruhigen. Schließlich raffte sie sich auf, packte ihren Rucksack mit den notwendigsten Sachen zusammen, und dann machte sie sich auf den Weg zu dieser Ranch.

Nadja war sich nicht sicher, ob das wirklich nur zwei Kilometer waren. Ihr kam es deutlich weiter vor.

Ihr fiel auf, dass die Vegetation sich veränderte. Die unfruchtbar wirkende Gegend machte jetzt zunehmend Weideflächen, auf denen Rinder grasten, Sträuchern und Büschen Platz. Und am Horizont erschienen nun auch wieder die ihr inzwischen so vertrauten riesigen Nadelbäume.

Als sie einen weiteren Hügel überquerte, stieß sie auf einen kleinen Fluss, der wahrscheinlich aus den Bergen kam und sich jetzt seitlich des Weges entlangschlängelte. Und endlich kam auch die Ranch zum Vorschein. Nadja sah mehrere Koppeln, auf denen verteilt einige Pferde standen. Schattige Baumoasen grenzten an die Nebengelasse. Wahrscheinlich waren dort auch die Stallungen.

Sie lief die langgezogene Einfahrt entlang. Ein paar Gänse und Enten überquerten schnatternd den Weg, um sich zu einem schön angelegten Teich auf der anderen Seite zu begeben.

Je näher sie dem Wohnhaus kam, umso unruhiger wurde sie. Was wird sie hier erwarten? Würde man ihr helfen können? Aus Erfahrung wusste sie, dass die Kanadier für ihre Gelassenheit und Gastfreundlichkeit bekannt waren. Aber Nadjas Geldreserven ließen zu wünschen übrig. Sie hatte keine Ahnung, wie sie die Reparatur des Trucks bezahlen sollte. Würde es also überhaupt Sinn machen, eine Werkstatt anzurufen?

Vor dem Haus befand sich eine große, überdachte Veranda. Ein paar Steintöpfe mit seltsam anmutenden Pflanzen standen links und rechts neben der Eingangstür. Ein großer Schaukelstuhl war mittig platziert. Eine Holzbank und mehrere Korbsessel boten weitere Sitzgelegenheiten. Am Treppenabsatz lag ausgestreckt und im Halbschatten dösend ein Hund von stattlicher Größe.

Nadja lächelte still vor sich hin. Wie im Film, ging ihr durch den Kopf. Genauso hatte sie sich das immer vorgestellt.

Unschlüssig blieb sie vor dem weiß-schwarzen Vierbeiner stehen, der den Zugang zur Veranda gänzlich versperrte. »Bewachst du das Haus, mein Hübscher?«, sprach sie ihn mit sanfter Stimme an, da das Geschlecht des Tieres ihr noch verborgen blieb.

Sie musste unwillkürlich schmunzeln, als der Hund nur müde und scheinbar vollkommen desinteressiert den Kopf hob. Sie wusste natürlich, dass er sie schon längst bemerkt und jeden ihrer Schritte mit wachem Blick aus seinen dunkelbraunen Augen verfolgt hatte. Mit Hunden kannte sie sich wesentlich besser aus als mit Pferden. Und jetzt, wo sie vor ihm stand und langsam in die Hocke ging, erkannte sie auch, dass es ein Landseer Neufundländer war. Eine schöne Rasse, wie sie fand.

»Der Hübsche ist eine Sie und ihr Name ist Ronja.« Wie aus dem Nichts war die Frau, zu der die Stimme gehörte, aufgetaucht.

Überrascht blickte Nadja hinter sich. Eine kräftig gebaute Frau mit blondgelockten Haaren lächelte sie freundlich an.

Die Hündin sprang auf und lief mit einem freudigen Schwanzwedeln auf ihre Herrin zu, um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen.

»Ronja, wie die Räubertochter?«, fragte Nadja verschmitzt. Plötzlich stutzte sie. Was für ein Zufall! Noch eine Frau, die meine Sprache spricht. Und das an einem Tag! Sie schüttelte verwundert den Kopf. Natürlich, es gab viele deutsche Auswanderer, aber hier in dieser Gegend hätte sie das nicht für möglich gehalten.

Die Blonde lachte herzlich auf eine unbekümmerte Art, und die Lebensfreude stand ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. »Na ja, das könnte durchaus zu ihr passen.« Sie wischte sich die Hand an ihrer Reithose ab und kam mit ausgestrecktem Arm auf Nadja zu. »Ich bin Stella. Und mit wem hab ich das Vergnügen?«

Nadja erhob sich und ergriff die dargebotene Hand. »Nadja«, antwortete sie. »Ich komme aus Deutschland, aber das war wohl nicht schwer zu erraten«, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

Stella zuckte schmunzelnd mit den Schultern. »Ich bin gebürtige Kanadierin. Aber fairerweise muss ich sagen, dass ich meine ersten sechs Lebensjahre in der Nähe von Koblenz verbracht habe.«

»Oh, daher das gute Deutsch«, purzelte es interessiert aus Nadja heraus.

Stella lächelte vergnügt. »Ich denke, das habe ich vor allem meinem Vater zu verdanken, der auch in den vielen Jahren in Kanada nicht auf seine geliebte deutsche Muttersprache verzichten wollte. Aber . . .«, sie winkte leichthin ab, »du bist wahrscheinlich nicht hier, um meiner Familiengeschichte auf den Grund zu gehen.«

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