Teil 10

Nadja verharrte. Still und darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen, musterte sie Jil. Wie schön sie war. So stolz und so stark. Das enge, schwarze Shirt, das sie heute trug, gestatte ihr einen Blick auf die schlanken, muskulösen Arme und den flachen Bauch.

Nadja schluckte angestrengt. Ihre rechte Augenbraue zuckte nervös. Jede Faser ihres Körpers war zum Zerreißen gespannt. Sie musste die Augen schließen, um der Reizüberflutung, die Jils Anblick bei ihr auslöste, irgendwie Herr zu werden.

Doch auf einmal, noch während sie wieder aufsah und Jils feucht glitzerndes Haar bemerkte, stutzte sie. Das gibt’s doch nicht! Von wegen, ich lass dir den Vortritt.

Sie räusperte sich, ein bisschen zu laut vielleicht. »Ähm . . . Das Bad wäre jetzt frei.« Ihre eigene Stimme hörte sich merkwürdig fremd an.

Jils Kopf schnellte nach oben. Ihr erschrockener Gesichtsausdruck hielt jedoch nur einige Sekunden an. Dann hoben sich ihre Mundwinkel zu einem feinen, verschmitzten Lächeln. »Wir haben zwei Bäder im Haus. Eins oben«, ihr Blick ging hoch zur Decke, »und eins hier unten.«

Jetzt erinnerte Nadja sich. Gestern war sie doch zwei-, dreimal hier auf der Toilette gewesen. Da hatte sie auch eine Dusche gesehen. Wo war sie bloß mit ihren Gedanken? Na, wo schon, lästerte ihre innere Stimme. Sie spürte, dass sie errötete. Schon wieder!

»Kaffee?«, fragte Jil wie beiläufig. Wenigstens tat sie ihr den Gefallen, sich nichts anmerken zu lassen. Denn ihre Verlegenheit konnte sie unmöglich übersehen haben. »Ist aber nur Automatenkaffee. Geht schneller.« Sie zuckte mit den Schultern.

»Gern.« Selbst dieses einzelne Wort kam Nadja nur mühsam über die Lippen. So konnte es doch nicht weitergehen. Dass sie jedes Mal, wenn sie Jil gegenübertrat, völlig von der Rolle war. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Irgendeine Strategie erfinden, um gegen die Übermacht ihrer Gefühle für diese Frau, die ihr genaugenommen doch noch fremd war, anzukommen. Was wusste sie denn schon über sie? Absolut nichts! Und dennoch erschien sie ihr in manchen Augenblicken so vertraut, als würden sie sich schon ewig kennen.

Jil holte sie aus ihren Gedanken, als sie ihr die Tasse mit dem heißen Gebräu reichte. »Der Automechaniker kann erst morgen kommen, um sich deinen Truck anzusehen«, sagte sie in die Stille hinein. »Wirst du so lange warten können?« Ein Hauch von Ironie schwang in der Frage mit.

Aus einem unerfindlichen Grund fühlte Nadja sich wegen ihrer eigenen Gedanken ertappt. Hatte sie die etwa laut ausgesprochen, ohne es zu merken? Das wäre ja entsetzlich. Aber nein, das war es nicht, was Jil zu dieser Bemerkung veranlasst hatte. Vielmehr lag es wohl daran, dass sämtliche Emotionen, die wie ein gewaltiger Wasserfall über Nadja hereinbrachen, ihr buchstäblich im Gesicht abzulesen waren. Sie konnte es einfach nicht verbergen, egal wieviel Mühe sie sich auch gab.

Doch, endlich ging ein Ruck durch ihren Körper. Sie spannte ihren Rücken an, hob das Kinn und antwortete fast schon trotzig: »Natürlich kann ich warten. Kein Problem.«

»Okay«, erwiderte Jil. Sie schien etwas überrascht zu sein. Ihre graublauen Augen ruhten unverwandt auf Nadjas Gesicht. »Ich muss dann mal los«, sagte sie schließlich, aber zögernd, als wünschte sie, es gäbe eine andere Wahl. »Die Tiere müssen versorgt werden, und ich muss heute auch noch nach Cache Creek.« Eine Sorgenfalte bildete sich auf ihrer Stirn. »Es gibt ein Problem mit einem Fohlen, das ich dort hingebracht habe«, fügte sie erklärend hinzu. Doch dann kehrte ein warmes Lächeln in ihr Gesicht zurück. Sie zwinkerte Nadja noch kurz zu und sagte: »Ich wünsche dir einen schönen Tag.«

Jil war schon fast zur Tür hinaus, als Nadja reagierte. »Darf ich nicht mitkommen?«, sprudelte es hastig aus ihr heraus. »Vielleicht kann ich dir ja behilflich sein, sozusagen als Gegenleistung für deine Mühen wegen des Trucks.« Bitte, lass mich hier nicht so stehen, flehte sie innerlich.

Jil hielt inne und drehte sich langsam wieder zu ihr um. Sie schmunzelte leicht. »Wobei willst du mir denn helfen?«

Nadja hob etwas ratlos die Schultern. »Ich weiß nicht genau. Aber vielleicht hast du ja eine Aufgabe für mich. Ich möchte hier nicht einfach nur die Zeit absitzen.«

»Hm.« Nachdenklich kratzte Jil sich am Hinterkopf. »Verstehst du denn was von Pferden?«

Mist! Das war genau die falsche Frage. Nadja seufzte schwer. Jetzt musste sie Jil gleich zu Beginn enttäuschen. »Nein, leider nicht«, antwortete sie kleinlaut. Sie sah, dass Jil bereits wieder im Begriff war, sich der Tür zuzuwenden. Fieberhaft dachte sie nach. Dann kam es wie aus der Pistole geschossen: »Aber ich lerne schnell, und ich mag Pferde.« Ihre Worte überschlugen sich fast.

Ein Anflug von Verblüffung zeichnete Jils Gesichtszüge. »Na, das werden wir ja sehen«, sagte sie dann. Mit einer geschmeidigen Bewegung setzte sie ihren Cowboyhut auf. Sie nickte Nadja zu, was wohl eine Aufforderung sein sollte, ihr zu folgen. Gleich darauf war sie in der Dunkelheit verschwunden.

Wie in einer Endlosschleife gefangen konnte Nadja sich einen Moment lang überhaupt nicht rühren. Warum nur hatte sie das Gefühl, Jil würde ihr bei jeder passenden Gelegenheit aus dem Weg gehen? Immer dann, wenn sie sich gerade einander näherkamen, hatte Jil diesen Augenblick unversehens beendet. Dabei wünschte Nadja sich so sehr, mehr über sie zu erfahren, sie besser kennenzulernen. Aber Jil tat so, als wäre jedes längere Gespräch mit ihr reine Zeitverschwendung.

Nadja blies die Wangen auf und ließ die angestaute Luft langsam entweichen. Mit großen Schlucken trank sie den Kaffee aus. Ein Brennen auf ihrer Zunge signalisierte ihr, dass sie das noch heiße Getränk viel zu schnell getrunken hatte. Sie biss die Zähne zusammen und verzog schmerzlich das Gesicht. Schnell stellte sie die Tasse noch in die Spüle, dann hastete sie Jil hinterher.

Als sie nach draußen trat, war die Sonne schon ein wenig höher geklettert. Nadja blickte sich um und entdeckte Jil unweit der Scheune. Sie trug zwei große Blechschüsseln und begab sich soeben zu einem mit Bäumchen und Sträuchern begrünten Freigehege.

Zwei Holzunterstände mit Schilfdach dienten als Unterschlupf für ein Dutzend Enten und eine Handvoll Gänse. Auch Ronja war schon aktiv und wuselte um Jils endlos wirkende Beine herum. Sie sprang auf und nieder, und Jil lachte und sagte irgendetwas zu ihr. Sie gaben so ein harmonisches Bild ab, dass es Nadja ganz warm ums Herz wurde.

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