Teil 11

Als sie an das Gehege herantrat, lauschte sie ein Weilchen dem Geschnatter der Entenvögel, die sich über das Fressen hermachten, kaum, dass Jil die eine Schüssel entleert und die andere auf dem Boden abgestellt hatte. Sie musste schmunzeln, als sie das aufgeregte Treiben beobachtete.

Jil war bereits dabei, den Wassertrog aufzufüllen. Plötzlich hob sie den Kopf und sah in Nadjas Richtung. Sie schob ihren Hut zurück und schlenderte gemächlich auf Nadja zu.

»Es sind ja keine Pferde«, sie lachte leicht, »aber vielleicht hätte ich mit der Fütterung auf dich warten sollen?«

Nadja begegnete ihrem Blick, dieses Mal fest gewillt, sich nicht verunsichern zu lassen. Dann schaute sie an ihr vorbei auf die gefiederten Tiere. Mit einem Kopfnicken wies sie auf die Schüsseln und sagte: »Fallobst für die Gänse und in Milch eingeweichtes Brot, vielleicht mit Haferschrot vermengt, für die Enten. Richtig?«

»Wow!« Jil nickte anerkennend mit dem Kopf. »Du siehst mich beeindruckt.« Sie lächelte schief, sodass für Nadja nicht ganz klar war, ob sie das nun ernstgemeint hatte oder nicht.

»Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Das ist alles«, erwiderte Nadja lapidar. Aber sie hatte Mut gefasst, also sprach sie weiter: »Jetzt im Sommer finden sie hier sonst alles, was sie noch brauchen. Übrigens, ein hübscher Teich da drüben.«

»Findest du?« Jils Mundwinkel hüpften nach oben, während sie Nadja einen langen Blick zuwarf.

»Jaaa«, antwortete Nadja gedehnt. Wenn Jil sie noch länger so ansah, dann konnte sie bald für nichts garantieren. Dieser stechende Blick machte sie völlig irre. »Ähm, was machen wir jetzt?«, versuchte sie, dem Sog zu entrinnen.

Jil schob sich den Hut wieder ein wenig tiefer ins Gesicht und wandte ihren Blick von Nadja ab. »Jetzt kommen die Pferde dran.«

Da war es wieder, dieses schelmische Lächeln, als freute sie sich schon diebisch auf dieses Erlebnis. Irgendwie ahnte Nadja dabei nichts Gutes.

3

Jil grinste erheitert vor sich hin, während sie Nadja dabei beobachtete, wie die sich mit der Stute abmühte. Adya, die stolze Dame, bewegte sich keinen Millimeter vorwärts und verharrte störrisch wie ein Esel an ihrem Platz.

Jil hatte Nadja großzügig die Wahl gelassen, als sie ihr erklärte, dass sie die Pferde von der einen Koppel auf die andere bringen mussten. Sie war sich sicher, dass Nadja sich nicht für Thunder, den furchteinflößenden Hengst, und auch nicht für Shadow, ihren Lieblingswallach, entscheiden würde. Das wäre auch nicht gut gewesen, denn dann hätte Jil ihr helfen müssen. Denn vor allem Thunder war unberechenbar, und niemals würde sie Nadja solch einer Gefahr aussetzen. So aber konnte sie sich das Schauspiel ganz entspannt aus einigen Metern Entfernung anschauen.

Normalerweise genügte es, das Gatter zu öffnen, das die beiden Koppeln voneinander trennte. Meistens liefen die Pferde dann ganz von allein los. Und wenn nicht, dann reichte ein einfaches Go oder ein kleiner Klaps aus, um sie zu überzeugen.

Zugegeben, Jil kam sich schon ein bisschen gemein vor, dass sie das Gatter heute noch geschlossen hielt. Aber der Reiz, es Nadja nicht ganz so einfach zu machen, war irgendwie größer.

Schmunzelnd dachte sie an deren skeptischen, fast schon ehrfürchtigen Gesichtsausdruck eben. Sie fand das überaus reizend und süß, wie so einiges an dieser schwarzhaarigen Frau mit den sanften, braunen Augen. Sie vermutete, dass Nadja ein paar Jahre jünger als sie war, höchstens dreißig. Und sie, Jil, war gut und gern einen Kopf größer.

Automatisch glitten ihre Gedanken weiter, und sie dachte daran zurück, wie Nadja sich vorhin auf dem Weg ins Bad wieder einmal verirrt hatte. Scheinbar besaß sie ein Talent dafür. Aber der Ausdruck in ihren dunklen Augen, als sie wie aus dem Nichts vor ihr gestanden hatte, der war nicht mit dem von eben zu vergleichen.

Erneut hatte Jil dieses sehnsuchtsvolle Verlangen gesehen, wie schon tags zuvor am Truck. Nicht nur gesehen. Sie hatte es tief in sich drin gespürt. Und ihre Libido, die die letzten zwei Jahre schon fast eingeschlafen war, war sprunghaft angestiegen und hatte sich ins Unermessliche gesteigert.

Aber meine Güte, Nadja hatte nur dieses dünne Flatterhemdchen getragen, oder wie auch immer man diesen Hauch von Stoff bezeichnete. Es war ein atemberaubender Anblick gewesen, und sie hatte wirklich alle Mühe gehabt, sich zusammenzureißen, weil ihr Begehren eine ganz andere Sprache sprach. Schon mehr als einmal musste sie sich deswegen innerlich zurechtweisen.

Die Deutsche hatte es ihr aber wirklich angetan. Das musste sie sich eingestehen. Und ihre plötzliche Anwesenheit hatte sie kurzzeitig aus dem Gleichgewicht gebracht.

Nadja war ausgesprochen hübsch mit ihren langen, dichten Wimpern, die ihre großen Kulleraugen noch intensiver zur Geltung brachten. Dazu diese kleinen Sommersprossen um ihre schmale Nase herum. Und ihre sexy geschwungenen Lippen erst, die geradewegs zum Küssen einluden. Jil hatte schon bei ihrer ersten Begegnung nicht anders gekonnt, als ihre Augen über die attraktive Erscheinung gleiten zu lassen.

Außerdem fand sie Nadja durch und durch interessant. Sie hatte Mut, dass sie hier so ganz allein durch Kanada tourte. Dafür zollte Jil ihr großen Respekt. Und sie schien eine gehörige Portion Selbstbewusstsein zu haben, wie ihre ganze Körperhaltung und ihr Gang verrieten. Wenn denn nicht gerade alles an ihr bebte . . . Jil senkte die Augenlider und lächelte sinnierend.

Letztendlich war es aber auch die Art, wie Nadja gegen ihre süßen Verlegenheitsanfälle, die sich dann wie ein zarter Schleier über ihr schön geschnittenes Gesicht legten, anzukämpfen versuchte. Das machte Jil ganz schwach. Sie hatte es vom ersten Augenblick an geliebt.

Natürlich, sie wusste sonst kaum etwas über Nadja. Aber wollte sie das denn überhaupt? Mehr über sie wissen? Nie wieder würde Jil einer anderen Frau ihr Vertrauen oder gar ihre Liebe schenken. Wofür sollte das dann also gut sein? Also hatte sie nur darüber nachgedacht, sich auf ein sexuelles Abenteuer mit ihr einzulassen. Nadja war eine Touristin, und bald schon würde sie weiterziehen. Was wäre also schon dabei? Sie waren zwei Frauen mit offenbar denselben Bedürfnissen.

Aber irgendetwas hielt Jil ab. Als gäbe es da eine unsichtbare Macht, die sie gewaltsam in Ketten legte.

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