Teil 12

Früher hätte sie sich so eine Gelegenheit nicht entgehen lassen. Auf gar keinen Fall. Da wäre ihr so eine kleine Schmusekatze wie Nadja gerade recht gewesen. Tja, früher, da war eben alles anders. Seufzend schüttelte sie den Kopf.

Neben ihr wurde Shadow langsam ungeduldig. »Calm down«, sagte sie leise zu ihm. Sie schaute hinüber zu Nadja. Der Moment der Traurigkeit verschwand, und das Schmunzeln kehrte in ihr Gesicht zurück.

Nadja redete unentwegt auf die Stute ein. »Komm schon . . . Nun mach doch endlich . . . Sei ein liebes Pferdchen«, während ihre Hand über den Rücken strich und gegen die Flanke drückte. Doch Adya interessierte das nicht die Bohne.

»Sie versteht kein Deutsch«, sagte Jil lachend.

»Oh, stimmt ja«, rief Nadja zu ihr herüber. »Was sagst du denn immer zu ihr?«

»Gar nichts«, erwiderte Jil amüsiert.

Nadja brummelte irgendetwas Unverständliches vor sich hin. »Das hilft mir jetzt aber auch nicht gerade weiter«, sagte sie dann. Sie schleuderte Jil einen missbilligenden Blick zu.

Jil warf lachend den Kopf zurück. »Heißt das, du brauchst wieder einmal meine Hilfe?« Sie konnte kaum an sich halten.

»Haha, sehr witzig«, schimpfte Nadja wie ein Rohrspatz. Doch plötzlich, und für Jil ganz unerwartet, stapfte sie von der Koppel an ihr vorbei und lief geradewegs in die Scheune.

Die gibt aber schnell auf, dachte sie. So etwas wie Enttäuschung machte sich in ihr breit. Doch nur Sekunden später tauchte Nadja wieder auf und ging entschlossenen Schrittes zurück zur Stute. Ungläubig verfolgte Jil das Szenario.

Sie konnte es nicht fassen, als Nadja auf einmal eine Möhre hervorzauberte und dem Pferd vor die Nüstern hielt. Natürlich ließ die Stute sich kein zweites Mal bitten. Aber Nadja gab sie ihr nicht einfach zu fressen. Nein, sie hielt die Karotte immer dicht vor Adyas Maul und ging dann langsam voraus. Und tatsächlich setzte Adya sich in Bewegung und trabte ihr willig hinterher. Cleveres Mädel!

Als Nadja bei Jil ankam, lag ein undefinierbares Funkeln in ihren Augen. Noch während sie über dessen Bedeutung nachdachte – war es Stolz auf das Erreichte oder war Nadja vielleicht wütend auf sie? – marschierte die auch schon weiter zum Gatter. Immer noch das Gemüse davorhaltend, als führte sie die Stute an einer unsichtbaren Leine.

»Schon gut, schon gut. Ich mach auf.« Jil lachte und hob geschlagen die Hände. Der Punkt ging wohl eher an Nadja. Merkwürdigerweise störte sie das aber überhaupt nicht. Es gefiel ihr, dass Nadja sich zu helfen wusste. Und außerdem würde es sowieso noch die eine oder andere Situation geben, in der sie Nadjas Durchhaltevermögen testen und sie ein wenig herausfordern konnte.

4

E

s war gerade mal acht Uhr an diesem Morgen, als sie ihre Arbeit auf der Ranch fürs Erste erledigt hatten. Sie hatten die Fußböden der dreiseitig geschlossenen Unterstände gereinigt, frisches Wasser in die Tröge gefüllt, ein wenig Pferdepflege betrieben und den Tieren noch eine zusätzliche Ration zuckerarmes Kraftfutter gegeben.

Als sie gemeinsam zum Haus gingen, um zu frühstücken, da fühlte Nadja sich gänzlich unbefangen in Jils Nähe. Zum ersten Mal überhaupt. Sie war so konzentriert und von der Arbeit abgelenkt gewesen, dass sie es doch tatsächlich mal zwei Stunden geschafft hatte, mit Jil zusammen zu sein, Seite an Seite, ohne dass ständig die Hormone und ihre Fantasie mit ihr durchgingen.

Sie schielte zur Seite, um einen Blick auf Jils Gesicht zu erhaschen. Jil schien über etwas nachzudenken. Ihre geschlossenen Lippen bewegten sich hin und her, als würde sie mit den Zähnen mahlen. Sie wirkte ein wenig angespannt. Machte sie sich Sorgen um das Fohlen, von dem sie heute früh in der Küche, wenn auch nur ganz kurz, erzählt hatte? Nach dem Frühstück wollte sie deswegen nach Cache Creek fahren.

Dieser Ort sagte Nadja überhaupt nichts. Wie weit mochte es bis dorthin sein? Und wie lange würde es dauern, bis Jil wieder zurückkehrte?

Verwundert schüttelte sie den Kopf. Seit wann machte sie sich über solche Dinge Gedanken? Vielleicht seit dem Augenblick, als Jil ihr mitgeteilt hatte, dass Nadja sie nicht dorthin begleiten konnte. Es hatte ihr kurzzeitig einen kleinen Stich verpasst. Da hatte sie sich wohl schon ausgemalt, dass sie eine weite Strecke zu fahren hätten . . . und viel Zeit, um mit Jil allein zu sein.

So viel zu ihrer Fantasie. Glücklicherweise hatte Jil gleich wieder das Thema gewechselt. Und die Pferde hatten Nadjas vollste Aufmerksamkeit gefordert.

Jetzt kannte sie die Namen der sechs Pferde und um welche Rasse es sich dabei handelte. Sie hatte gelernt, wie man ein Pferd richtig striegelt und putzt und wie das Auskratzen der Hufe funktioniert. Geduldig und ohne Hast hatte Jil ihr alles erklärt. Und bei Thunder, einem braunen Vollbluthengst, wies sie eindringlich darauf hin, dass Nadja ohne ihr Beisein nicht in seine Nähe kommen durfte. Das wird mir nicht schwerfallen, hatte Nadja spontan gedacht, denn dieser große, vor Kraft strotzende Kerl jagte ihr schon ein bisschen Angst ein.

Außerdem hatte sie erfahren, dass Thunder der einzige Hengst dieser kleinen Herde war. Dazu drei Stuten und zwei Wallache.

Früher hatten sie noch einen weiteren Hengst gehabt, aber die beiden Rivalen hatten einander nicht akzeptiert. Zuweilen hatte das zu bösen Kämpfen zwischen ihnen geführt. Und auf der Ranch war zu wenig Platz, um die beiden permanent zu trennen. Also haben sie den anderen wieder verkauft.

Jetzt durfte Thunder sich allein um die drei Stuten kümmern. Der Glückliche!

Als ahnte Jil, was ihr gerade durch den Kopf ging, schaute sie auf und sagte mit einem bezaubernden Lächeln: »Auch bei Shadow solltest du ein bisschen vorsichtig sein . . . wenn du mal vorhast, allein zu den Pferden zu gehen.« Sie zuckte mit den Schultern, ehe sie weitersprach. »Mit Shadow reite ich am liebsten durch die Gegend. Ich mag seinen Charakter. Er ist temperamentvoll und leidenschaftlich, aber dennoch sanfter Natur.« Bei diesen Worten hatte sie ihre Stimme gesenkt, während sie Nadja unverwandt ansah.

Nadja schluckte. Wieso kam es ihr plötzlich so vor, als spräche Jil gar nicht mehr von dem Pferd? Sie blinzelte von ihrem eigenen Gedanken überrascht mit den Augen.

Jils seltsam verklärter Blick schien wie eingefroren. Dann durchbrach sie den Bann, indem sie sich räusperte und sich mit der Hand über die Stirn wischte. »Allerdings ist er Fremden gegenüber nicht sehr zugänglich. Da benimmt er sich unter Umständen ziemlich merkwürdig«, setzte sie mit ihren Ausführungen fort.

»Ach, schau an. Von wem er das wohl hat?« Ups. So schnell, wie die Worte aus Nadja herausgepurzelt kamen, konnte sie gar nicht den Mund schließen. Normalerweise hätte sie sich über einen solch unqualifizierten Kommentar geärgert. Jetzt aber lachte sie Jil nur neckend an. Es war ja ohnehin zu spät, um das Gesagte zurückzunehmen.

Jil starrte sie verdutzt an. »Kann es sein, dass du frech wirst?«, fragte sie mit einem drohenden Unterton.

»Ich? Nein . . . Ähm . . . wie kommst du denn auf so was?«, stammelte Nadja.

Jil blickte mit todernstem Gesichtsausdruck auf sie herunter. Er besaß durchaus das Potential, sie einzuschüchtern. Aber alles, woran sie denken konnte, war Heiß! Sehr heiß! Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem schiefen Grinsen.

ENDE DER FORTSETZUNG

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