Teil 03

Oh je, dachte Bea. Bestimmt gab es jetzt gleich Ärger. Einerseits wunderte sie sich schon ein wenig, dass Mel mit ihr allein durch die Gegend ziehen wollte. Aber andererseits konnte sie Mel auch verstehen, so wie Katrin drauf war und wie sie sich benahm. Unbewusst fragte sie sich, ob Katrin immer so war und was das dann für eine Art Beziehung sein sollte zwischen den beiden.

»Hier kann man doch sein eigenes Wort nicht mehr verstehen«, antwortete Mel laut, jedoch ohne sich umzudrehen. Mehr sagte sie nicht. Offensichtlich war sie nicht gewillt, weitere Erklärungen abzugeben.

Bea sah, wie die Rothaarige Mel ziemlich unsanft am Arm packte. Mit unheilbringender Miene schob die sich direkt hinter Mel und sagte dann etwas zu ihr, was Bea allerdings nicht verstehen konnte. Mel wirkte plötzlich wie erstarrt, und ihre Fröhlichkeit war wie weggeblasen.

In Beas Kopf arbeitete es. Sollte sie sich einmischen, Mel irgendwie zur Seite stehen? Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. »Gibt es ein Problem?«, fragte sie nun doch, weil sie aus irgendeinem Grund sich dazu genötigt sah, etwas zu unternehmen.

»Nein«, antwortete Mel schnell. Sie drehte sich um und versuchte sich aus Katrins festem Griff zu lösen. Als die nicht gleich losließ, warf sie ihr einen wütenden Blick zu.

»Ob’s ’n Problem gibt?«, lallte Katrin. »Wie wär’s, wenn du einfach in deine Eskimohütte verschwindest.« Jetzt war ihre gesamte Aufmerksamkeit nur noch auf Bea gerichtet. Sie war größer, augenscheinlich auch kräftiger.

Auf keinen Fall wollte Bea, dass die ganze Situation hier womöglich noch ausartete. Worauf hatte sie sich da bloß eingelassen? Aber wenn Rotlöckchen glaubte, sie würde sich von ihr einschüchtern lassen, dann hatte sie sich geschnitten. Daher sagte sie mit fester Stimme: »Das werde ich tun, wenn Melanie das möchte.«

Wie in Zeitlupe klappte Katrin der Unterkiefer nach unten. Aus zusammengekniffenen Augen starrte sie Bea finster an, und irgendwie rechnete Bea schon damit, dass sie sich gleich einen Schlag einfing.

Plötzlich trat eine gespenstige Ruhe ein. Das Geplapper der anderen verstummte, die Musik-Playlist war offenbar zu Ende. Nur noch das Rauschen der Bäume war zu hören, denn das Unwetter schien sich mit einem Male verzogen zu haben.

»Lass sie in Ruhe, Katrin«, erklang fast unwirklich Mels leicht zitternde Stimme. »Tu mir einen Gefallen und schlaf deinen Rausch aus. Okay?« Sie wartete nicht auf eine Antwort. Stattdessen nahm sie Bea an die Hand und verließ mit ihr ohne ein weiteres Wort den Wohnwagen.

Als sie draußen standen, hatte es tatsächlich aufgehört zu regnen. Bea schob die Hände in die Taschen ihrer Shorts. Ihr war unbehaglich zumute. »Vielleicht sollte ich wirklich gehen, damit du dich um deine Freundin kümmern kannst«, sagte sie verhalten.

»Nein. Bitte bleib.« Mel schloss die Augen und fuhr sich seufzend durchs Haar. Inzwischen hatten sich noch weitere Strähnen aus ihrem Zopf gelöst.

Bea fand Mel einfach nur bildschön, und natürlich wollte sie gern Zeit mit ihr verbringen. Aber wo sollte das denn hinführen? Irgendwie war hier der Stress vorprogrammiert. Und das konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen, erst recht nicht in ihrem Urlaub. Und dann meldete sich auch noch hartnäckig ihr Anstandsgefühl, dass sie sich nicht in die Beziehung der beiden, wie auch immer die aussehen mochte, drängen sollte.

»Weißt du . . .«, setzte sie an, wurde aber von Mel unterbrochen.

»Es tut mir leid, dass ich dich in diese unangenehme Lage gebracht habe. Ich wollte eigentlich gar nicht hierher mit dir. Deswegen hatte ich auch die Gaststätte vorgeschlagen.«

Wieso wollte sie denn nicht zu ihrer Freundin? fragte Bea sich unweigerlich. Sollte sie Mel danach fragen? Doch sie schob ihre Überlegung beiseite, als Mel weitersprach.

»Und ich wusste auch nicht, dass die anderen alle da waren und dass vor allem Katrin schon so viel intus hat. Ich war spazieren gewesen, bevor ich dich . . .« Sie brach ab und ließ die Schultern hängen. Ihr trauriger Gesichtsausdruck traf Bea mitten ins Herz. »Wenn Katrin so betrunken ist, dann ist es besser für mich, ich gehe ihr aus dem Weg«, setzte sie fort. »Dann ist einfach nicht gut Kirschen essen mit ihr.«

»Kommt das denn oft vor?«, fragte Bea nun schon ein wenig alarmiert.

Mel spannte kurz die Schultern an. Doch gleich darauf sank sie wieder in sich zusammen, als wäre ihr jegliche Körperspannung abhandengekommen. Sie wirkte so zerbrechlich in diesem Moment.

Bea tastete besorgt nach ihrer Hand. »Du musst mir das nicht erzählen, wenn du nicht willst.«

»Das ist es nicht.« Mel schüttelte den Kopf. »Katrin trinkt nicht ständig Alkohol, falls du das meinst. Aber sie verträgt nicht besonders viel. Und dann ist sie einfach unausstehlich. Sie weiß das. Aber in so einer Runde vergisst sie das gern mal.«

»Heißt das, sonst ist sie eigentlich ganz nett?« Nach diesem ersten Aufeinandertreffen konnte Bea sich das überhaupt nicht vorstellen. Aber vielleicht wollte sie sich auch gar keine nette Katrin vorstellen. Der Gedanke erschreckte sie.

Mel lachte kurz auf. »Ja, sie kann auch nett sein.« Ihr Gesicht nahm einen in sich gekehrten Ausdruck an, während sie sich mit den Fingern über die Stirn fuhr. »Gehen wir ein Stück?«, fragte sie leise.

Bea wollte schon zustimmen, doch dann zögerte sie. »Ich muss erst mal nach meinem Zelt schauen und mich ein bisschen einrichten«, antwortete sie ausweichend. Sie konnte Mel jetzt nicht in die Augen schauen. Das funkelnde Grün machte sie schwach, und sie wusste, dass sie Mels Wunsch dann nur schwer widerstehen könnte. Daher visierte sie den Baum dahinter an.

»Ist schon gut«, erwiderte Mel. »Ich kann verstehen, wenn die Situation eben dich verschreckt hat.«

Erstaunt richtete Bea nun doch wieder ihren Blick auf das hübsche Gesicht mit den kleinen, lustigen Sommersprossen, die Mel eine kesse Ausstrahlung verliehen. »Das hat mich nicht verschreckt. Es ist nur . . .« Sie räusperte sich und brachte trotzdem kein einziges Wort mehr heraus.

Mel war ihr ganz nah gekommen, viel zu nah. Bea hielt automatisch den Atem an. In ihren Ohren begann es zu rauschen, und sie glaubte schon, das Knistern zwischen ihnen hören zu können. Ganz sacht schob Mel ihre Hand in Beas Nacken. Ihre Finger streichelten zärtlich über die feinen Härchen, die sich sofort aufstellten. Zögernd kamen sich ihre Lippen näher.

Ein lautes Poltern im Wohnwagen ließ sie beide erschrocken auseinanderfahren. Dann schlug die Tür mit einem lauten Knall auf. Gleich darauf zwängte sich die ganze Meute durch den Zelteingang nach draußen. Die Männer und Frauen verabschiedeten sich kurz, beinahe hastig, von Mel. Eine der Frauen nickte Bea kurz zu. Dann waren sie auch schon in verschiedene Richtungen verschwunden.

Katrin kam auf sie zugeschwankt, und Bea konnte hören, wie Mel tief aufseufzte.

Die Rothaarige blieb dicht vor Bea stehen, während sie Mel einfach ignorierte. Ihr Blick aus glasigen Augen sprach Bände. Sie war wütend, ohne Frage. Bea konnte die Bierfahne riechen und trat davon angewidert einen Schritt zurück. Doch dann wurde ihr bewusst, dass Katrin das als Schwäche oder Angst ihrerseits auslegen könnte. Also blieb sie abrupt stehen.

Bevor Katrin jedoch etwas sagen konnte, was sie vielleicht irgendwann einmal bereute, hob Bea beschwichtigend die Hand. »Ich will wirklich keinen Ärger machen.«

»Und warum bissu dann noch hier?«, zischte Katrin. Ihre Nasenflügel bebten. Doch trotz ihres Zustandes konnte sie sich noch erstaunlich gut artikulieren.

»Katrin, es reicht«, fuhr Mel dazwischen. Sie wirkte genervt, aber in ihrer Stimme schwang auch ein bisschen Angst mit. Wurde Katrin etwa handgreiflich, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hatte? fragte Bea sich.

Katrin tat so, als hätte sie Mel überhaupt nicht gehört. Sie machte wieder einen Schritt auf Bea zu. Beim Anblick ihrer verzerrten Gesichtszüge bereitete Bea sich innerlich darauf vor, auszuweichen, falls Katrin tatsächlich ausholen würde.

»Bleib ganz cool. Okay?« Bea versuchte, beruhigend auf Katrin einzuwirken. »Wir müssen das hier nicht eskalieren lassen. Ich werde einfach gehen und gut ist.«

Sie warf einen Seitenblick auf Mel, die sich in diesem Moment regte und die Weinflasche in sicherer Entfernung auf dem Boden abstellte.

»Na dann husch, husch. Worauf wartessu noch?«, giftete Katrin. Ihre Mundwinkel verzogen sich gerade noch zu einem herablassenden Grinsen, als Mel sich unvermittelt zwischen sie und Bea zwängte.

»Ich hab jetzt wirklich genug von deinem Affentheater«, fuhr Mel ihre Freundin an. Sie packte Katrin an den Schultern und schob sie rückwärts durch den Eingang des Vorzeltes.

Bea hörte, wie Katrin laut fluchte. Und dann vernahm sie klackende Geräusche. Vermutlich stolperte Katrin jetzt gerade die kleine Metalltreppe zum Wohnwagen hinauf. Wortfetzen von Mel, die offenbar mit gedämpfter Stimme auf sie einredete, drangen nach draußen.

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