Teil 03

Nadja nickte bestätigend. Ein Seufzer des Bedauerns glitt über ihre Lippen. Urplötzlich sah sie sich wieder mit ihrer misslichen Lage konfrontiert. Für einen Augenblick hatte sie das Problem mit dem Truckcamper völlig vergessen. »Ich bin mit meinem Wagen liegengeblieben, und ich befürchte, dass es nur mit gutem Zureden nicht getan ist.«

»Ach herrje, du Ärmste.« In Stellas Worten lag aufrichtiges Mitgefühl. »Na, komm erst mal rein. Das werden wir schon irgendwie hinbekommen.« Sie klopfte Nadja aufmunternd auf die Schulter und machte eine einladende Geste.

Nadja lächelte dankbar. Während Stella vorausging, warf sie noch einen fast um Erlaubnis bittenden Blick auf Ronja. Aber die hatte es sich bereits wieder auf der Veranda gemütlich gemacht. Offenbar hatte sie Nadja als Besucherin akzeptiert und schien keinerlei Einwände zu haben.

Nadja beugte sich über sie, strich ihr durch das weiche Fell und kraulte sie hinterm Ohr. »Danke«, flüsterte sie.

Dann folgte sie Stella ins Haus. Sie hörte ein Klappern und ging den Flur entlang, bis sie an eine Tür kam, die zu einer großen Wohnküche führte.

»Möchtest du lieber Tee oder Kaffee?«, fragte Stella. Sie entzündete den Gasherd, stellte den Wasserkessel auf und drehte sich zu Nadja um.

»Kaffee wäre schön . . . Aber bitte, ich möchte keine Umstände machen«, antwortete sie zögernd.

Stella winkte energisch ab. »Ach was, das macht doch keine Umstände. Ich hätte jetzt so oder so Kaffee gekocht. Auf unser geliebtes Heißgetränk verzichten wir nur im äußersten Notfall.« Sie lachte. »Das ist schon wie ein Ritual, jeden Tag zur gleichen Zeit.«

»Rituale sind kleine Auszeiten im Alltag«, sagte Nadja mit einem Lächeln im Gesicht.

Stella schmunzelte nun ebenfalls und nickte zustimmend. Dann setzte sie einen Filter auf eine Porzellankanne und füllte löffelweise das Kaffeepulver hinein. »Ich weiß, das ist ziemlich altmodisch«, meinte sie beinahe entschuldigend, »aber ich finde, nur so kann der Kaffee sein volles Aroma entfalten.«

»Ich würde es eher als urig bezeichnen. Es hat etwas Beruhigendes, und ich mag das Geräusch, wenn das heiße Wasser langsam durch den Filter läuft«, erwiderte Nadja mit bedeutungsvoller Miene.

Stella schaute sie verwundert an. »Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?« Lachend wandte sie sich der Anrichte zu und holte drei Kaffeebecher heraus.

Für wen wohl die dritte Tasse ist? fragte sich Nadja, gerade als sie zu einer Antwort ansetzen wollte.

»Natürlich meint sie das ernst. Was denkst du denn, Schwesterchen?«

Nadja fuhr erschrocken herum. Mit weitaufgerissenen Augen starrte sie zur Tür. Sie versuchte etwas zu sagen, aber sie brachte keine Silbe hervor.

»Jil, da bist du ja«, plapperte Stella munter drauflos. Sie schien nicht zu bemerken, dass Nadja wie zur Salzsäule erstarrt war. »Wie du siehst haben wir einen Gast.«

»Hm«, machte Jil nur, während sie Nadja nicht aus den Augen ließ. Sie setzte ihren Cowboyhut ab und warf ihn lässig auf eine Kommode. Mit der Hand wuschelte sie durch ihre braunen Haare.

Von Jils stechendem Blick fühlte Nadja sich völlig außer Gefecht gesetzt. In diesem Moment wünschte sie, ein Loch würde sich im Erdboden auftun, in dem sie versinken könnte.

»Das ist Nadja. Sie ist . . .«

»Ich weiß, wer sie ist«, unterbrach Jil ihre Schwester. Sie grinste vielsagend in Nadjas Richtung. »Wir haben uns bereits kennengelernt.«

»Ach, tatsächlich? Wo denn?«, fragte Stella, der immer noch nicht aufgefallen zu sein schien, dass Nadja stumm wie ein Fisch war.

Jil zog ein Gesicht, als würde sie darüber erst nachdenken müssen. Dann sagte sie: »Quasi um die Ecke. Ihr Truck qualmte aus allen Poren.«

Um die Ecke? So etwas wie Aufbegehren regte sich in Nadja. Doch es gelang ihr nur schwer, sich aus ihrer Starre zu befreien.

»Also hab ich sie hierhergeschickt. Sie möchte nämlich die nächstgelegene Werkstatt anrufen.« Jil verzog spöttisch den Mund, und fast sah es so aus, als würde sie einen erneuten Lachanfall bekommen. Sie schien sich gerade noch so beherrschen zu können.

Stella lächelte verständnisvoll. »Na, da hattest du ja noch Glück im Unglück. Ich meine, dass es erst hier bei uns passiert ist. Diese Gegend ist nämlich ziemlich einsam«, sagte sie an Nadja gewandt.

Nadja räusperte sich. »Ja, ich hatte wirklich Glück«, krächzte sie, immer noch auf der Suche nach ihrer Stimme. Vorsorglich räusperte sie sich noch einmal. »Die drei oder vier Kilometer bis zu eurer Ranch waren wirklich nur ein Katzensprung.« Diesmal schaffte sie es sogar, ironisch zu klingen. Zumindest hoffte sie das.

Der Kaffee war fertig und Stella goss ihn in die Becher. Nadja war nicht entgangen, dass sie Jil einen strafenden Blick zuwarf. Die zuckte jedoch nur mit den Schultern.

Gerade, als Nadja zum Küchentisch gehen wollte, hielt Jil sie auf. »Willst du vorher nicht deinen Rucksack absetzen? Ist vielleicht bequemer.«

Nadja schaute sie fragend an. Dann machte es klick. Oh, verdammter Mist! Ich mache mich hier vollkommen zum Deppen vor dieser Frau. »Ähm, ja, natürlich«, stammelte sie. Sie spürte förmlich, wie die Röte ihr ins Gesicht schoss. Hastig streifte sie ihren Rucksack ab. Dann atmete sie tief durch und versuchte, Jils amüsiertes Grinsen zu ignorieren.

Als Stella ihr mit einem Augenzwinkern einen Platz anbot, nahm sie ihn dankbar an. Schnell setzte sie sich, denn allmählich fühlten sich ihre Beine an wie Pudding. Fahrig rieb sie ihre Hände aneinander. Sie konnte das leichte Zittern nicht verbergen. Wenn sie jetzt noch den Kaffee verschüttete, dann wäre das der Supergau. Was war nur los mit ihr? Wieso ließ sie sich von Jil so aus der Bahn werfen?

Stellas Hand legte sich sanft auf ihren Unterarm. »Keine Sorge. Wir helfen dir, das ist doch selbstverständlich«, sagte sie. »Nicht wahr, Jil?«

Jil hob fragend den Kopf, als hätte sie gar nicht zugehört. Für Stellas auffordernden Blick hatte sie nur ein Augenrollen übrig. »Wenn es denn sein muss«, grummelte sie im gelangweilten Ton. »Du spielst ja gern die Samariterin. Da wird es meine Hilfe wahrscheinlich nicht brauchen.«

Für Nadja war das einfach zu viel. Abrupt stand sie wieder auf. »Tut mir leid. Ich habe eure Gastfreundschaft schon lange genug in Anspruch genommen. Ich komm schon irgendwie klar.« Sie ging bereits auf die Tür zu, und als sie nach ihrem Rucksack griff, brachte sie gerade noch ein heiseres »Danke für den Kaffee« über die Lippen. Das war eigentlich aberwitzig. Hatte sie doch noch nicht einen einzigen Schluck davon getrunken.

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