Teil 03

Marla liebt ihr Tattoo. Jetzt schon. Auch wenn es noch nicht fertig ist und sie es in einer kleinen Pause nur kurz im Spiegel bewundern konnte. Und sie ist gerade ziemlich beflügelt von dem knappen Kompliment aus dem minzigen Mund.

Dann passiert eine quälende Zeitlang gar nichts. Marla wird nervös. Aber warum? Verwirrung breitet sich in ihr aus, während sie auf der Liege liegt und nicht weiß, was die Stille zu bedeuten hat.

»Ja, das gefällt mir«, brummt Eva dann endlich, und Marlas Herz klopft einen Takt schneller.

»Mädels, ich husche kurz vor die Tür«, sagt Hanna und legt die Maschine beiseite. »Marla, brauchst du was? Kann ich dir ein Wasser mitbringen?«

»Nein danke, Hanna. Alles gut, soweit«, antwortet Marla, und ihr Atem stockt bei dem Gedanken daran, dass sie mit dieser fremden Frau allein sein wird.

»Tu mir den Gefallen und stell dich hin. Sonst sehe ich ja nicht das gesamte Werk.«

Marlas Herzschlag setzt einen Moment aus. Dann pulsiert jede Faser ihres Körpers aufgeregt, und sie traut sich kaum, Luft zu holen. Als ihr Herz die Arbeit wieder aufnimmt, ist Marla schon dabei, sich etwas ungeschickt von der Liege zu bewegen. Immer darauf bedacht, sich das Handtuch, auf dem sie liegt, vor ihren nackten Oberkörper zu halten.

Eva erscheint in ihrem Blickfeld und betrachtet Marla ungeniert von oben bis unten. »Ich finde das Handtuch, das du da so umklammerst, übrigens völlig überflüssig«, raunt sie mit aufregender Stimme.

Marla spürt einen dicken Kloß im Hals. Doch bevor sie auf diese anzügliche Aussage etwas erwidern kann, sagt Eva eindringlich: »Aber dieses Mal darfst du es noch behalten.«

In dem Moment geht Eva dicht an Marla vorbei. So dicht, dass sich ihre Arme berühren. Marla zieht kaum hörbar den Sauerstoff ein, den ihr Hirn unbedingt braucht, um nicht auszufallen.

Dann steht Eva hinter ihr. Im Spiegel kann Marla sie beobachten. Sie begutachtet Hannas Werk und lässt ihre Finger mit ausreichend Abstand neben den gestochenen Linien entlangfahren.

Ein unbeschreibliches Kribbeln durchfährt Marlas Körper. Sie will sich dieser sonderbaren Situation entziehen. Doch sie kann nicht. Etwas hält sie davon ab, die Flucht zu ergreifen, Eva einen Vogel für so viel Unverschämtheit zu zeigen und sie darauf aufmerksam zu machen, dass eine gewisse Distanz doch angemessen wäre.

Marla fühlt sich nackt und ausgeliefert. Und auf eine ungeahnte Weise erregt.

Da kommt Hanna wieder herein und grinst Marla wissend an. Aber warum? Was weiß Hanna, was Marla offenbar nicht weiß? Sie schluckt und spürt ein seltsames Kribbeln in ihrem Magen und in ihrem Schritt. Und irgendwie fühlt sie sich mehr und mehr überfordert mit dieser Situation.

Hanna scheint das zu bemerken und durchbricht das Spiel, das Eva mit Marla treibt. »Sorry, dass dein Termin heute ausfällt, Eva. Ich werde Dirk ordentlich auf die Finger hauen und ihn recht freundlich von dir grüßen. Er meldet sich dann morgen bei dir, okay?«

Eva lässt von Marla ab, und Marla atmet erleichtert aus. Ein Teil der Anspannung, die sich in den letzten Minuten in ihrem gesamten Körper aufgebaut hat, löst sich, und sie lächelt Hanna durch den Spiegel dankbar zu. Auch wenn sie selbst nicht genau weiß, wofür und warum sie Dankbarkeit verspürt.

Verwirrt folgt sie Hannas Einladung auf die Liege und ist äußerst froh, ihren Körper wieder auf dem sicheren Kunstleder zu spüren.

»Schon gut, Hanna. Es ist ja nicht deine Schuld. Und wir alle kennen Dirk. Ich hätte ja fast damit rechnen müssen, nachdem er mich schon mal zwei Stunden vor dem Laden hat warten lassen«, seufzt Eva. Und dann fügt sie mit einem hörbar zufriedenen Lächeln in der Stimme hinzu: »Aber ich werde ja entschädigt. Wann kann ich sonst schon mal dabei zusehen, wie so ein Werk auf den zarten Rücken einer schönen Frau gezaubert wird?«

In dem Moment fühlt Marla wieder Evas Fingerspitzen, die sanft über ihre Schulter fahren. Verrückterweise ist das Gefühl, das sie dabei auf der Haut hinterlassen, dem Gefühl der Maschine gar nicht so unähnlich. Jeder Zentimeter, den Eva berührt, brennt wie Feuer. Marla hält den Atem an, während Eva ihre Fingerspitzen auf Marlas Haut ruhen lässt.

»Schön. Sehr, sehr schön . . . Ganze Arbeit, Hanna«, murmelt Eva kehlig.

Vor Marlas innerem Auge klicken gerade die Handschellen, Seile werden um ihren Körper gebunden, und sie wird mit Gurten für alle Ewigkeit an diese Liege fixiert. Solche Assoziationen hatte sie bisher nur äußerst selten. Aber in diesem Moment sieht sie all das bildlich vor ihrem inneren Auge. Sie fühlt sich hilflos ausgeliefert und . . . erregt. Unfassbar erregt sogar. Sie schnaubt leise die angehaltene Luft aus und atmet dann Evas betörenden Duft tief ein.

»Na? Ein bisschen nervös?«, fragt die raue Stimme der Frau, die etwa Mitte vierzig sein muss.

Marlas Herz schlägt ihr bis zum Hals, und das Blut, das ihr Gesicht rot färbte, bündelt sich nun mit einer bedenklichen Geschwindigkeit in ihrem Schoß. Ein Beben geht durch ihren Körper. Jede Faser ist angespannt. Und das, obwohl die Frau mit der Maschine gerade keine Anstalten macht, die Nadel wieder in ihrer Haut zu versenken. Nein, Marlas Aufregung wird längst nicht mehr von der Tätowiermaschine erzeugt. Eva bringt sie völlig aus der Fassung.

»Seit wann liegst du schon hier?«, fragt Eva plötzlich.

Und Marla schluckt ihre Erregung hinunter, bevor sie nuschelnd antwortet: »Seit vier Stunden. Aber gefühlt seit Tagen.«

Eva lacht kurz auf und schnalzt dann mit der Zunge, als würde sie ein kleines Kind tadeln. »Du wirst das schon aushalten, stimmt’s?«

»Ja«, presst Marla hervor und muss ein weiteres Mal ihre Erregung im Zaum halten.

»So, Mädels. Seid ihr fertig? Marla? Kann es weitergehen?«, flötet Hanna und durchbricht nicht nur das Gespräch zwischen ihr und Eva, sondern auch ihre Erregung.

Hanna streift sich die Einweghandschuhe über, lässt die Enden an ihre Arme klatschen, wie man es aus schlechten Arztserien von den Ärzten kurz vor der OP kennt, und setzt sich wieder auf ihren Hocker.

»Ja«, murmelt Marla. In dem Moment lässt Eva von ihr ab und schwingt sich überraschend elegant auf eine Liege.

»Bleibst du noch?«, fragt Hanna, während sie die Maschine für die nächste Tortur vorbereitet.

»Du weißt ja, ich stehe auf Schmerzen. Und am liebsten habe ich es, wenn andere sie für mich erleiden. Es wendet sich also dank Dirks Unzuverlässigkeit alles zum Guten heute.«

Marla reißt bei dieser Bemerkung die Augen auf und vergräbt ihr Gesicht noch tiefer im Handtuch. Das kann doch nicht wahr sein.

»Stört dich doch nicht, oder?«, fragt Eva.

Und Marla huscht ein gepresstes »Nein« über die Lippen, das sie nicht selbst zu verantworten hat. Diese Antwort stammt von irgendwem. Aber nicht von ihr. Irgendetwas hat Besitz von ihrem Hirn übernommen und steuert ihre Gedanken, Worte und Gefühle.

»Sehr schön. Ach . . . und am besten störst du uns nicht mit unnötigem Gejammer. Ich möchte die Show gern genießen«, sagt Eva, und auch wenn Marla diese Frau erst eine Momentaufnahme lang kennt, hört sie das dunkle Grinsen heraus, das ihr auf den Lippen liegt.

Marla stöhnt leise auf und kann nicht fassen, was gerade passiert und was ihr noch bevorsteht. Denn eines ist klar: Wenn sie sich weiter so anstellt wie in den letzten Stunden, dann wird Eva nicht sehr erfreut sein. Und aus einem sonderbaren, unerklärlichen Grund will sie das nicht.

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