Teil 04

Kaum hat sie diesen Gedanken zu Ende gebracht, beginnt das Surren neben ihr. Sie hört den Rollhocker auf dem Laminat, und dann verstummt das Geräusch der Maschine für einen kurzen Moment. Hanna füllt sie mit Farbe. Mit Farbe, die in wenigen Sekunden unter Marlas Haut gestochen wird.

Sie beißt die Zähne zusammen, und ihre Finger krallen sich schon mal vorsorglich in den Rand der Liege. Mit fest geschlossenen Augen und angehaltenem Atem wartet sie auf die erste Berührung der Nadel auf ihrem Rücken.

Eine halbe Stunde lang tanzt die Nadel wieder auf Marlas Rücken und zieht munter Linien. Im Augenwinkel sieht Marla Eva auf der Liege sitzen. Ihr Blick ist prüfend auf Marlas Köper gerichtet, ihre Arme sind erwartungsvoll vor der Brust verschränkt.

Obwohl die Nadel ganze Arbeit in Marlas Schmerzzentrum leistet, spürt sie die längst verschwundene Hand von Eva noch immer auf ihrem Arm.

»Ah, fuck, Hanna!«, keucht Marla plötzlich auf und reißt ihren Kopf vor Schmerz in den Nacken.

Bevor Hanna auf die Worte reagieren kann, lässt sich Eva von der Liege gleiten, stellt sich neben ihren Kopf und beugt sich zu ihr herunter. Dann raunt sie: »Fluchen ist auch verboten, meine Schöne.«

Marla reißt die Augen auf und blickt in Evas amüsiertes Gesicht. Die Nadel in ihrem Rücken ist kurz vergessen. Hanna könnte jetzt sogar das heiße Messer nehmen und die letzten Linien des Tages in Marlas Fleisch schneiden. Sie würde es nicht merken.

Eva zwinkert ihr wissend zu und lehnt sich an die Wand. Marla beißt sich auf die Unterlippe und lässt das Gesicht wieder ins Handtuch sinken. Ihr Schritt pulsiert und ihr Atem ist ungleichmäßig. Sie spürt ihren Herzschlag bis zum Hals, und ihr Magen zieht sich zusammen, sobald sie mit halbem Auge zu Eva hinüberblinzelt.

Die steht nur da und füllt mit ihrer reizvollen Arroganz den gesamten Raum. Ihre Ringfinger werden von silberfarbenen Ringen mit spirituellen Zeichen geziert, und sie trägt ein Amulett um den Hals, das eine sehr kunstvolle Darstellung eines Buddhas zeigt.

Marlas Faszination für diese Erscheinung, die sich in ihren Tätowier-Termin geschlichen hat und ihren Verstand vernebelt, wächst im Sekundentakt.

Unerwartet plötzlich stößt sich Eva nach weiteren zehn Minuten, in denen Marla tapfer jedes Fluchen und jedes Jammern unterdrückt hat, von der Wand ab. »So, ihr Lieben, ich muss los. Den Rest schafft ihr sicher auch ohne mich.« Sie zwinkert in Marlas Richtung, und Marla antwortet mit einem unsicheren Lächeln.

Dann steht Hanna auf und reicht ihr die Hand. »Ich richte Dirk herzliche Grüße von dir aus.«

Eva nickt, geht zum Kopfende der Liege und beugt sich herunter.

Marla hebt ihr von Handtuchabdrücken übersätes Gesicht und schämt sich für die wild abstehenden Haarsträhnen, die ihr längst aus dem Zopf gefallen sind.

»Mach’s gut. Und danke für die Show. Du hast mir den Tag gerettet«, haucht Eva mit schon fast erotischer Stimme. Dann legt sie noch einmal ihre Hand auf Marlas Arm und lässt ihre Finger gefühlvoll über die leicht gerötete Haut auf der linken Schulter gleiten, bevor sie kurz den Druck spürbar verstärkt und von Marla ablässt.

Eine Feuerspur bleibt zurück, und Marla lässt den Kopf sinken. Sie atmet tief durch.

Als Eva verschwunden ist, ist sie gleichermaßen enttäuscht und erleichtert. Denn endlich kann sie wieder fluchen und jammern, wenn Hanna sie quält.

»Na, da hast du unserer Eva aber den Kopf verdreht«, sagt Hanna mit einem süffisanten Lächeln. »Pass aber ein bisschen auf. Die ist nicht ohne.« Dann setzt sie wieder zum Tätowieren an, und Marla spürt ihre Gedanken in ihrem Hirn wilde Kreise ziehen.


Mit großer Vorsicht und eher mühsam als elegant steigt Marla aus ihrem kleinen Corsa, der sie nicht ganz so bequem wie gehofft nach Hause gebracht hat. Sie schnauft erleichtert auf, als sie sich in der sicheren Senkrechten befindet, klopft ihrem Auto liebevoll aufs staubige Dach und schließt die Tür ab.

Müde und den Kopf gefüllt mit wirren Gedanken und verrückten Erinnerungen an eine nicht ganz so gewöhnliche Sitzung im Tattoostudio schleppt sie sich in ihre Wohnung.

Wenn sie könnte, würde sie sich jetzt liebend gern auf ihre durchgesessene Couch fallenlassen und die Augen schließen. Doch sowohl Couch als auch fallenlassen sind gerade eher gewagte Optionen. Daran wird Marla schmerzlich erinnert, als sie die Jacke aufhängt und der Hosenbund über die Folie reibt, unter der sich das frischgestochene Tattoo befindet.

Einmal mehr fragt sie sich, warum sie sich das antut. Sie ist Mitte dreißig und konnte bisher auch wunderbar ohne Tattoo leben. Was hatte sie bloß geritten, als sie sich begeistert mit Hanna zusammengesetzt hatte, um ein Tattoo zu entwerfen, das diese Ausmaße hat?

Sie verschwendet einen kurzen Gedanken daran, dass ein kleines Gänseblümchen am Handgelenk auch gereicht hätte. Doch dann betrachtet sie das Foto des Kunstwerkes auf ihrem Handy und weiß wieder, warum sie diese Qualen über sich ergehen lässt und noch ein paarmal auf Hannas Liege Platz nehmen wird.

Es sieht wirklich überwältigend schön aus. Noch ganz gerötet. Aber es lässt sich erahnen, dass es ab dem nächsten Sommer lohnenswert sein wird, nur noch im Bikini auf die Straße zu gehen, damit jeder sehen kann, was für ein einzigartiges Werk ihren Rücken schmückt.

Glücklich entspannt und mit einer gewissen Vorfreude lässt sie das Handy wieder in die Hosentasche gleiten.


»Unfassbar, was ihr heute geschafft habt«, staunt Ina, als sie am späten Abend bei Marla vorbeischaut, um sich vom Stand der Dinge zu überzeugen. Sie legt einen Finger auf Marlas Schulter und fährt neben dem Ast des Baumes entlang. Marla zuckt unwillkürlich, und Ina fragt irritiert: »Was ist los? Habe ich zu kalte Finger?«

»Was? Nein, alles gut. Ich habe nur . . . Ach . . . egal«, stammelt Marla als Antwort und schließt die Augen, während sich hinter ihren Lidern ein Film über Eva abspielt.

Einen kurzen Augenblick stellt sich Marla vor, dass Eva gerade hinter ihr steht und sie betrachtet. Das Tattoo, ihren Körper, alles an ihr gehört in dieser Vorstellung Evas festem Blick, und sie spürt ein verräterisches Kribbeln in ihrem Schritt.

Doch Ina reißt sie aus ihren Gedanken. »Marla? Willst du mir irgendwas sagen?« Neugierig legt sie ihren Kopf auf Marlas Schulter und grinst sie an.

Marla verzieht die Mundwinkel zu einem Lächeln und zuckt mit den Schultern. Will sie? Will sie Ina erzählen, was im Studio los war?

Sie bleibt stumm, und Ina sagt: »Okay, dann nicht. Aber wenn du über irgendwas mit mir reden willst, dann bin ich für dich da. Und du weißt, ich brenne auf Neuigkeiten. In meinem Leben passiert ja gerade nicht so viel.« Mit einem Schmunzeln gibt sie Marla einen Klaps auf den Hintern und raunt ihr scherzhaft ins Ohr: »Na los, Kleines, zieh dich wieder an.«

Marla verdreht die Augen. »Erst darfst du aber noch meinen Rücken eincremen. Aber ganz sanft, hörst du? Sonst springe ich im Dreieck und vergesse meine gute Kinderstube.«

»Muss ja nicht die schlechteste Aussicht am heutigen Abend sein«, scherzt Ina mit einem gespielt verführerischen Klang in der Stimme. Sie gibt ihr von der Seite einen kleinen Kuss auf die Wange, bevor sie grinsend zu Marlas Tasche geht und nach der Wundsalbe angelt.

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