Teil 04

Perplex verharrte Bea vor dem Zelt, in das sie wegen der Dämmerung kaum Einblick hatte.

Es vergingen wahrscheinlich nur ein paar Sekunden, auch wenn es Bea viel länger vorkam, als Mel zurückkehrte.

»Tut mir leid«, murmelte sie traurig. Der Glanz in ihren Augen war verschwunden. »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, aber ich . . . ich muss . . .« Sie hielt inne und schüttelte seufzend den Kopf.

»Geh zu ihr«, sagte Bea sanft. »Es ist richtig so, und ich verstehe das.« In ihrem Inneren sah es freilich anders aus, aber darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Sie waren schon viel zu weit gegangen. Es hätte gar nicht so weit kommen dürfen.

»Danke«, sagte Mel mit kratzender Stimme. Dann bedachte sie Bea noch mit einem letzten, tiefen Blick und verschwand hinter der Zeltplane.

Bea starrte vor sich hin. Sie fühlte sich wie die Weinflasche, die einsam und verlassen auf dem Boden stand. Langsam und mit schweren Beinen, als würden Gewichte daran kleben, schlich sie zu ihrem Zelt.

Gedankenverloren holte sie ihre Sachen aus dem Auto und bereitete ihr Nachtlager vor. Was war hier nur passiert? Es war weniger Katrins Alkoholzustand und deren ausfälliges Benehmen, das Bea beunruhigte. Aber Mel . . . Mein Gott, sie hätten sich beinahe geküsst. Wie konnte sie das zulassen? Sie muss nicht mehr Herrin ihrer Sinne gewesen sein.

Verwirrt stöhnte Bea leise auf. Sie kannte Mel kaum zwei Stunden, doch schon jetzt hatte sie das Gefühl, beim Anblick dieser faszinierenden Frau die Kontrolle über sich zu verlieren. Sie brauchte Abstand. Jawohl! Bestätigend nickte sie mit dem Kopf.

Gleich morgen früh würde sie beim Anmeldebüro nachfragen, ob sie einen anderen Stellplatz bekommen konnte. Der Campingplatz war riesig und hoffentlich groß genug, um sich nicht ständig über den Weg zu laufen. Sie konnte nicht hierbleiben, so nah bei Mel. Über Katrin wollte sie gar nicht nachdenken. Bei der war sie sowieso unten durch. Sie glaubte nicht daran, dass sich daran etwas ändern würde.

Bea warf sich auf die Luftmatratze und schloss die Augen. Ihre Gedanken schossen wild durcheinander. Was für ein Chaos. Dabei wollte sie doch einfach nur in Ruhe ihren Urlaub genießen. Doch mit der Ruhe war es schon am ersten Tag vorbei. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

Sie versuchte sich auf die Geräusche um sie herum zu konzentrieren. Sie lauschte dem Wind, der über ihr Zelt strich, hörte den Ruf eines Kauzes, vernahm das Stimmengewirr der anderen Camper, und von irgendwoher erklang Musik. Grübelnd verschränkte sie die Arme hinter dem Kopf. Ihre Glieder waren schwer wie Blei, und die bleierne Müdigkeit ließ sie schließlich in einen traumlosen Schlaf gleiten.

2

Es war punkt acht Uhr morgens, als Bea das Anmeldebüro betrat. Sie hatte kaum ihr Anliegen vorgebracht, da schüttelte die rundliche Frau hinter dem Empfangstresen schon den Kopf.

»Es ist Hochsaison. Und gestern hatten wir eine große Anreisewelle. Wie stellen Sie sich das vor?«, fragte sie. Die Frau setzte ihre Brille auf und klickerte sich durch den Computer.

»Aber es ist nur ein Zwei-Mann-Zelt und kein Kreuzfahrtschiff«, versuchte Bea, ein wenig zu scherzen.

Die Frau schaute von ihrem Computer auf und musterte Bea mit einem strengen Blick. Offenbar fand sie das gerade nicht so lustig. Bea atmete tief durch und schwieg.

»Warum wollen Sie denn überhaupt den Platz wechseln?«, fragte die Dame nun. »Gab es irgendwelche Probleme?«

Probleme? Nein, wie kommt sie denn darauf? dachte Bea sarkastisch. Sie zuckte mit den Schultern. »Mir ist es dort einfach zu laut«, flunkerte sie. Was sollte sie auch sonst sagen? Dass ihr Hormonhaushalt verrücktspielte und sie befürchtete, ihre Finger nicht von einer fremden und offensichtlich vergebenen Frau lassen zu können? Sie gluckste spöttisch, setzte aber beim Anblick ihres Gegenübers sogleich wieder ein ernstes Gesicht auf.

»Und Sie meinen, bei einem vollbesetzten Campingplatz wird es an einem anderen Platz ruhiger zugehen?« Die grauhaarige Dame kniff die Augenbrauen zusammen. Ihre Mundwinkel hingen herunter. Verständnis sah irgendwie anders aus.

Angespannt stieß Bea die Luft aus. »Bitte«, flehte sie schon fast.

Stirnrunzelnd warf die humorlos wirkende Bürotante einen weiteren Blick in den Computer. »Okay«, lenkte sie plötzlich ein. »Sie sind jetzt in Parzelle D, und ich kann Ihnen maximal noch Parzelle G anbieten. Dort wäre im Bereich des Waschhauses noch Platz. Allerdings . . .«, sie verzog das Gesicht, »ist dort auch noch der Strandzugang, und da dürfte ein reges Begängnis sein. Und Sie wollten es ja ruhiger.«

»G ist perfekt«, sagte Bea schnell. Im Moment war ihr alles recht, selbst wenn sie ihr Zelt mitten im Waschhaus aufschlagen müsste.

»Na, wenn Sie das sagen.« Zum ersten Mal deutete sich so etwas wie ein kleines Lächeln um die Mundwinkel der Frau an. Ein kurzes Zucken, dann war es auch schon wieder vorbei.

Bea bedankte sich artig und verließ erleichtert das Büro. Schnurstracks lief sie zu ihrem Zelt zurück. Dort angekommen stellte sie äußerst beruhigt fest, dass sich schräg gegenüber noch nichts regte. In Windeseile warf sie ihre Sachen ins Auto.

Mach dich nicht lächerlich, mahnte sie sich zur Ruhe. Und dennoch baute sie das Iglu im Rekordtempo ab. Innerhalb einer Viertelstunde hatte sie alles verstaut. Noch einmal warf sie einen Blick auf den Wohnwagen, in dem Mel und ihre Freundin vermutlich noch schliefen. Wehmut machte sich in ihr breit. Sie fühlte sich wie eine sehnsuchtsvolle, einsame Streunerin.

Es war wie ein endgültiger Abschied. Ein merkwürdiger Gedanke angesichts der Tatsache, dass sie immer noch auf demselben Campingplatz verweilen wird. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie einer der beiden doch wieder über den Weg lief? Wünschte sie sich bei Mel insgeheim nicht sogar, dass es dazu kommt? Seufzend startete sie den Motor und fuhr langsam los.

Diesmal kam keine Fee vorbei, um Bea ihre Hilfe anzubieten, als sie nun ein zweites Mal ihr Zelt aufbaute. Zwischen zwei Bäumen hatte sie ein annehmbares Plätzchen gefunden. Sie sah ihren Ortswechsel positiv, bot er ihr doch gleich zwei Vorteile. Sie hatte es nicht weit zu den sanitären Anlagen, und der Weg zum Strand war ebenfalls deutlich kürzer. Was die Geräuschkulisse betraf, das würde sich freilich noch zeigen. Aber im Moment war sie zufrieden mit ihrer Entscheidung.

Natürlich dachte sie oft an Mel, genaugenommen ständig. Die Frau ging ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ihre Gedankenströme bewegten sich nur in diesem Radius. Hatte Mel inzwischen bemerkt, dass sie nicht mehr da war? Wie ging es ihr und was machte sie gerade? Verdammt noch mal, fluchte Bea leise vor sich hin.

Sie beschloss, an den Strand zu gehen, sich einfach nur vom Meeresrauschen treiben zu lassen. Sie musste endlich den Kopf freibekommen. Selbst wenn sie dafür bis zum etwa neun Kilometer entfernten Seeheilbad Graal-Müritz spazieren müsste.

Rasch packte sie Badesachen sowie Essen und Trinken für ein kleines Picknick in den Rucksack und machte sich auf den Weg.

Schon nach wenigen Metern wurde sie aufgehalten, weil ein junger Mann ihr einen Flyer in die Hand drückte, auf dem für die heutige Stranddisco geworben wurde. Wohl eher nicht, dachte sie.

Eigentlich mochte sie ja dieses Flair, wenn sie mit nackten Füßen im Sand und über ihr der Sternenhimmel zu sommerlich beschwingten Rhythmen tanzte. Dann fühlte sie sich grenzenlos frei. Aber nun musste sie feststellen, dass diese eine Begegnung mit Mel ihren Bewegungsfreiraum erheblich einschränkte.

Betrübt stapfte sie die Düne hoch. Doch dann wurde sie mit dem atemberaubenden Blick auf das weite Meer belohnt. Wie jedes Mal, obwohl sie schon dutzende Male diesen wundervollen Anblick erlebt hatte, hielt sie tief davon beeindruckt den Atem an. Dieser Moment, wenn sie oben auf dem Dünenkamm stand und die Ostsee in ihrer Gänze erblickte, war einfach unbezahlbar.

Sie breitete die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken. Mit den Augen folgte sie dem Flug der Möwen, die krakeelend ihre Kreise zogen.

Ansonsten war es noch ruhig an diesem Morgen. Nur wenige Spaziergänger, Jogger und erste Sonnenanbeter waren zu sehen.

Bea zog ihre Flipflops aus und rannte den breiten Sandstrand bis zum flach abfallenden Ufer hinunter. Dort tauchte sie mit den Zehen in das angenehm kühle Nass ein und ließ die seichten Wellen über ihre Füße plätschern. Deutlich befreiter atmete sie tief die frische Seeluft ein.

»Auf geht’s, ihr müden Glieder«, gab sie das Kommando an ihre Beine. Vor sich hinsummend lief sie los. Fast hätte sie noch ein Wanderlied angestimmt. Sie spürte, wie der Stress allmählich von ihr abfiel.

Es war bereits abends, als Bea von ihrer langen Strandwanderung zurückkehrte. Immer wieder hatte sie zwischendurch Halt gemacht und war in die Wellen gesprungen, um sich abzukühlen. Auf dem Rückweg hatte sie sich in einem kleinen Restaurant noch eine ordentliche Mahlzeit gegönnt, da ihr Picknickvorrat schnell aufgebraucht war.

Ein bisschen erschöpft, aber gutgelaunt erblickte sie nun den Dünenaufgang zum Campingplatz. Dann sah sie, dass für die heutige Beachparty bereits alles vorbereitet worden war. Mehrere Quadratmeter aneinandergereihter Holzbohlen dienten als fester Tanzboden, wenn einem der Sand vielleicht doch nicht so geeignet schien, um Pirouetten zu drehen.

Die Strandbar hatte schon geöffnet. Seitlich davon waren zwei große Lautsprecherboxen aufgebaut, und die Lichtanlage wurde schon mal fleißig getestet, obwohl es noch nicht mal dämmerte.

Bea schirmte ihre Augen gegen die tiefstehende Sonne ab. Instinktiv hielt sie Ausschau nach bekannten Gesichtern. Es war zwar eher unwahrscheinlich, dass Mel und ihre Freundin um diese Zeit schon hier auftauchen würden, aber trotzdem spürte sie sofort ein nervöses Magenflattern.

Vielleicht wagte sie sich später hierher, im Schutz der Dunkelheit, um wenigstens ein bisschen der Musik zu lauschen. Sie konnte sich doch jetzt nicht zwei Wochen lang verstecken oder allem aus dem Weg gehen. Trotzig schüttelte sie den Kopf.

Im Sand vor ihr tauchte ein Schatten auf, der sich zu ihrem eigenen gesellte. Bea wagte kaum zu atmen. Wieso bewegte sich der fremde Schatten denn nicht weiter?

»Hey. Du bist doch Bea, oder?«, vernahm sie eine tiefklingende Stimme.

ENDE DER FORTSETZUNG

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