Teil 04

Stella und Jil schauten sie gleichermaßen verdutzt an. Während es so schien, als würde Stella sie noch irgendwie aufhalten wollen, zeichnete sich um Jils Mundwinkel lediglich ein süffisantes Lächeln ab.

Eilig drehte Nadja sich von den beiden Frauen weg und verließ überstürzt die Küche. Sie hatte nicht die Kraft für große Erklärungen. Was sollte sie denn auch sagen? Sie benahm sich völlig idiotisch.

Draußen auf der Veranda wäre sie beinahe noch über Ronja gestolpert. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Die Hündin war aufgesprungen und schüttelte ihr Fell. Dann schaute sie Nadja aus ihren großen, dunklen Augen an. Es wirkte fast so, als spürte sie, wie innerlich aufgelöst Nadja gerade war. Mit ihrer Schnauze stupste sie gegen Nadjas Hand.

Was mach ich denn hier? Ich bin nicht mehr ich selbst. Nadja blickte traurig auf Ronja hinunter. Hier war die einzige Hilfe, die sie vielleicht auf die nächsten fünfzig Kilometer erwarten konnte. Die Sonne brannte immer noch heiß vom Himmel. Und sie hatte keine Idee, wie es jetzt weitergehen sollte.

Niedergeschlagen hing sie ihren Gedanken nach. Sie merkte nicht, dass sich hinter ihr die Haustür öffnete. Wohl aber Ronja, die sich sogleich an ihr vorbeischob.

»Machst du das immer so?«, hörte sie Jil wie durch einen Schleier fragen.

»Was meinst du?« Es war nicht mehr als ein leises, gequältes Krächzen, das ihre Lippen verließ.

Hinter ihr stieß Jil geräuschvoll die Luft aus. »Wieso stürzt du hier raus, als wärst du auf der Flucht?« Sie schritt an Nadja vorbei und lehnte sich mit dem Rücken lässig gegen das Geländer der Veranda. Ihre Augenbrauen hoben sich fragend. Sie wirkte so unglaublich gelassen, wie sie da mit verschränkten Armen vor ihr stand. Anscheinend geduldig auf eine Antwort wartend.

Zaghaft hob Nadja den Kopf. Doch schließlich sah sie Jil geradewegs in die blauen Augen, die mit etwas Grau gemischt waren. Wieder fühlte sie sich magisch von diesem Blick angezogen. Es war faszinierend und beängstigend zugleich. Blaue Augen, Himmelsstern, küssen und posieren gern. Wo hatte sie das bloß gelesen? Verwirrt schüttelte sie den Kopf.

Sie brauchte ein paar Sekunden, um sich auf Jils Frage zu besinnen. »Ich möchte einfach niemandem zur Last fallen«, begann sie, und ihr kam es so vor, als hörte sie sich etwas hölzern an. »Und es ist nun wirklich offensichtlich, dass du nicht gerade begeistert bist von meiner . . .«, sie schluckte, ». . . Anwesenheit.«

Jils Wangenknochen zuckten kurz, ansonsten blieb sie völlig regungslos. Nadja fragte sich, ob sie zu jenen Menschen gehörte, die nichts aus der Ruhe bringen konnte und denen emotionale Schwankungen fremd waren. Sie vermochte es nicht einzuschätzen. Diese Frau irritierte sie einfach nur, und das vom ersten Moment an.

»Und was hast du jetzt vor?«, fragte Jil plötzlich, ohne auf Nadjas Bemerkung einzugehen. Sie tat so, als hätte Nadja überhaupt nichts gesagt. Also hatte sie es entweder ganz bewusst überhört, oder Nadja hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, und Jil wollte es nur nicht zugeben.

Nadja beschloss, sich darauf einzulassen. Immerhin war Jil ihr hinterhergekommen. Und sie redete mit ihr. Ganz so egal war sie ihr dann vielleicht doch nicht. Bei dem Gedanken daran begann Nadjas Magen nervös zu flattern. »Ich . . . ich weiß nicht so recht«, rang sie nach Worten. Eher unbewusst befeuchtete sie mit der Zunge ihre trockenen Lippen.

Jils Augen weiteten sich. Es sah aus, als ob sich ihr Oberkörper anspannte und sie ihren Rücken etwas kräftiger gegen das Geländer presste. Oder bildete Nadja sich das nur ein?

So standen sie sich eine Weile schweigend gegenüber. Dann, ganz unerwartet, glitt ein angedeutetes Lächeln über Jils schön geschwungene Lippen. Doch es verschwand so schnell, wie es gekommen war.

Trotzdem genügte dieser winzige Augenblick, dass Nadjas Atem sich schon fast besorgniserregend beschleunigte. Verlegen wandte sie ihren Blick von Jil ab. Sie versuchte, sich auf die braunen Holzdielen der Veranda zu konzentrieren und strich mit der Schuhspitze über die feine Maserung.

»Komm«, sagte Jil und riss Nadja jäh aus ihren Gedanken. Sie schwenkte einen Autoschlüssel vor ihrer Nase, der wie ein Pendel eine beruhigende Wirkung erzielte.

»Wohin?«, fragte Nadja verdattert. Sie musste sich erst wieder sortieren.

Jil grinste belustigt. »Wir holen deinen Truck. Er kann schlecht auf der Straße stehenbleiben.« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, marschierte sie auch schon los. Zielstrebig lief sie um das Haus. Sie drehte sich nicht nach Nadja um, die jetzt Mühe hatte, ihr zu folgen.

Was auch immer gerade zwischen ihnen passiert war, im Gegensatz zu Nadja wirkte Jil ganz und gar unbeeindruckt. Doch was sollte denn auch passiert sein? Da war rein gar nichts. Nichts außer der Einbildung, die Nadja offenbar einen Streich gespielt hatte. Sie seufzte unterdrückt.

Als ein schwarzer Pick-up in ihrem Blickfeld auftauchte, begriff sie, dass Jil beabsichtigte, ihren Truck abzuschleppen. Da spürte sie, wie ein Stück der schweren Last von ihren Schultern fiel. Erleichtert atmete sie auf.

»Danke«, sagte sie leise, als sie bei Jil angekommen war, die sich bereits auf den Fahrersitz schwang.

»Na, steig schon ein«, erwiderte Jil lachend. »Ich kann doch nicht riskieren, dass mir meine Schwester den Kopf abreißt.«

Während Nadja noch über die Worte nachdachte, stieß Jil einen lauten Pfiff aus und rief: »Ronja!«

Wie ein Blitz kam die Landseer-Hündin angeschossen. Schon setzte sie zum Sprung an und fand ihren Platz mit einer perfekten Landung auf der Ladefläche.

Im gemäßigten Tempo lenkte Jil den Geländewagen, ein Ford Ranger, auf die schmale Straße. Sie ließ das Autofenster zu ihrer Seite herunter und stützte den Ellenbogen auf den Türrahmen. Der Fahrtwind wehte durch ihre Haare und brachte sie ganz durcheinander. Es verlieh ihr einen wilden Look, was sie in Nadjas Augen noch attraktiver machte.

Verstohlen beobachtete sie Jil, während ihr Blick ein ums andere Mal auf den Kilometerzähler auf dem Armaturenbrett fiel.

Sie sprachen kein Wort, aber das machte Nadja nichts aus. So war sie wenigstens nicht irgendwelchen ironischen oder sarkastischen Attacken ausgesetzt. Sie musste keine Hellseherin sein, um zu merken, dass Jil lieber jetzt als gleich wieder ihre Ruhe haben wollte. Wahrscheinlich half sie Nadja auch nur, weil ihre Schwester darauf bestand. Vorhin hatte sie ja so eine Bemerkung gemacht.

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