Teil 05

Wie können Geschwister nur so extrem verschieden sein? fragte Nadja sich. Die beiden sahen sich auch nicht sehr ähnlich, und das nicht nur wegen ihrer unterschiedlichen Haarfarbe. Jil hatte ein markantes Gesicht, schmal, mit hohen Wangenknochen und vollen Lippen. Aber trotz dieses vermeintlichen Schönheitsideals waren ihre Gesichtszüge nicht zart oder übermäßig feminin. Vielleicht gefiel sie Nadja gerade deshalb.

Stellas Gesichtsform war rundlicher. Dadurch wirkte alles an ihr sanfter und weiblicher. Nur wenn man genauer hinschaute, entdeckte man gewisse äußerliche Übereinstimmungen, die Form der Nase etwa und ein bisschen auch der Mund. Aber nicht die Augen. Stella hatte wie Nadja braune Augen. Braune Augen sind gefährlich, aber in der Liebe ehrlich! Merk dir das, du ach so unberührbare Jil, schoss es ihr durch den Kopf.

Sie hüstelte. Beinahe hätte sie sich noch an ihrer eigenen Spucke verschluckt. Was waren denn das für unmögliche Gedanken, die da in ihr herumspukten? Unweigerlich musste sie jetzt schmunzeln. Schnell wandte sie ihren Blick von Jil ab und schaute aus dem Seitenfenster.

»Würdest du mir mal verraten, was dich so erheitert?«, fragte Jil ziemlich unwirsch, als ob sie verärgert wäre.

Nadja riss entsetzt den Kopf herum. Ihre Augen trafen aufeinander. Sie hatte das Gefühl, Jil wollte sie mit ihrem strengen Blick durchbohren. Oh Gott! Sie hat es gesehen.

Fieberhaft suchte Nadja nach einer Erklärung. Sie konnte Jil doch nicht den wahren Grund nennen. Auf gar keinen Fall! »Ich . . . ähm . . .« Ihr Blick blieb erneut am Armaturenbrett hängen. Plötzlich kam ihr eine Idee. Das Lächeln kehrte in ihr Gesicht zurück. »Zirka zwei Kilometer bis zur Ranch hattest du gesagt. Oder?«

Einen Moment lang verfinsterte sich Jils Miene noch ein wenig mehr. Automatisch hielt Nadja die Luft an. War wohl keine gute Idee! Angespannt streckte sie ihren Rücken durch und bemühte sich, dem durchdringenden Blick standzuhalten.

Doch dann schaute Jil wieder nach vorn auf die Straße. Und auf einmal – fast hätte Nadja es übersehen – stahl sich ein breites Grinsen in ihr Gesicht. »Ich wollte dich nicht schon von vornherein entmutigen«, meinte sie lapidar. Dabei warf sie einen weiteren kurzen Seitenblick auf Nadja.

Nadja verschränkte gespielt empört die Arme vor der Brust. »Nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß?«

Jil lachte unterdrückt. »Ja, so was in der Art.« Ihre Finger tippten im Takt der Musik, die leise im Radio dudelte, auf das Lenkrad. »Okay, die Strecke ist doppelt so lang«, sagte sie, als der Truckcamper vor ihnen auftauchte. »Aber so genau konnte ich das auch nicht wissen. Bin ja vorher nicht mit dem Maßband hier langgelaufen.« Wieder hoben sich ihre Mundwinkel, während sie den Pick-up wendete und sich vor den Truck stellte. »Na, dann wollen wir mal«, ließ sie verlauten und sprang aus dem Wagen heraus.

Ungläubig verfolgte Nadja Jil mit den Augen, die ein solch rasantes Tempo an den Tag legte, dass dem kaum nachzukommen war. Bloß keine Zeit vertrödeln. Vor allem nicht mit einem so ungebetenen Gast wie mir, dachte sie bekümmert.

Als sie endlich ausgestiegen war, hatte Jil bereits die Ladeklappe geöffnet und sich das Abschleppseil gegriffen. Ronja war lautlos heruntergesprungen und schnüffelte neugierig um den Truckcamper herum.

»Wird das Seil halten?«, fragte Nadja vorsichtig.

Jil nickte betont lässig. »Bleib ganz entspannt. Das ist ein Spezialseil. In Kanada muss man schließlich immer damit rechnen, dass ein hilfloser Touri mit seinem defekten Wohnmobil hier aufkreuzt.« Sie blinzelte Nadja frech an.

»Ich bin entspannt«, erwiderte Nadja keck. Das war zwar eine glatte Lüge, aber das würde sie Jil ganz bestimmt nicht auf die Nase binden. »Ich wollte nur sichergehen«, schob sie noch eilig hinterher. Jils angriffslustige Zusatzbemerkung überging sie geflissentlich. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, aber was das betraf, fühlte sie sich ihr einfach nicht gewachsen.

Jil gab ein glucksendes Geräusch von sich. »Aha!« Mehr sagte sie nicht dazu. Dann wandte sie sich von Nadja ab und machte sich daran, die Karabiner in die Abschleppösen einzuhängen.

Um nicht unnütz herumzustehen, schloss Nadja ihren Truck auf und stieg ein. Sie blickte durch die Frontscheibe und ließ ihren Blick langsam schweifen. Jil stand nach unten gebeugt vor dem Pick-up und hantierte mit dem Seil.

Nadjas optische Reise stoppte abrupt, als ihr Blick wie hypnotisiert an Jils Po klebenblieb. Ein Anblick, der ihr Herz schneller schlagen ließ. So rund, so knackig und so verführerisch. Und durch die enganliegende Jeans noch zusätzlich betont. Himmel! Ihr wurde augenblicklich heiß. Doch als Ronja plötzlich neben ihr an der geöffneten Fahrertür auftauchte und kurz bellte, schrak sie heftig zusammen. Ihr Atem flatterte, während sie wie eine Ertrinkende nach Luft schnappte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Jil. In ihren Augen, die eigenartig glitzerten, lag Verwunderung.

Mechanisch nickte Nadja, ohne dass auch nur ein einziges Wort ihre Lippen verließ. Wo kam Jil denn auf einmal her? Sie war doch eben noch vorn am Wagen gewesen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Jils Hand über ihrem Knie schwebte. Sie wehrte sich gegen das Bedürfnis, ihre Augen zu schließen. Bitte, berühr mich, drängte es sie zu sagen. Aber sie blieb stumm, und Jil zog ihre Hand wieder zurück.

»Du musst die Handbremse lösen, den Gang rausnehmen und die Zündung einschalten«, sagte Jil mit ungewohnt einfühlsamer Stimme. »Kriegst du das hin?«

»Natürlich«, krächzte Nadja heiser. Sie war sich nicht sicher, ob Jil sie wirklich gehört hatte. Aber dann schenkte die ihr ein Lächeln, wie sie es noch nicht bei ihr gesehen hatte. Es war ein liebevolles, fast zärtliches Lächeln. Meine Hormone spielen verrückt. Ich bin verrückt!

Erst jetzt merkte sie, dass sie mit beiden Händen das Lenkrad umklammert hielt. So derb, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.

Jil lächelte immer noch, als sie sich Ronja zuwandte und ihr einen kleinen Stups gab. »Come on«, forderte sie die Hündin auf. Mit dem Kopf wies sie zum Pick-up. Und genauso wie es Shadow getan hatte, gehorchte ihr auch Ronja aufs Wort.

Dann schaute sie ein letztes Mal auf. Es schien, als suchte sie in Nadjas Augen nach irgendeinem Hinweis. Ein Hinweis, der ihr verriet, was in Nadja vorging. Doch Nadja senkte betreten den Blick. Sie konnte Jil jetzt nicht länger in die Augen schauen.

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