Teil 06

»Also, dann mal los!« Jil schlug von außen die Fahrertür des Trucks zu. Dann ging sie nach vorn.

Kurze Zeit später hörte Nadja, wie der Motor des Geländewagens gestartet wurde. Ein paarmal noch atmete sie tief ein und aus, bis sich ihr Puls wieder halbwegs normalisiert hatte.

Etwa eine Viertelstunde später bogen sie in die Einfahrt zur Ranch ein. Geschickt steuerte Jil ihren Pick-up mit Nadjas Truckcamper im Schlepptau um die Kurve. Sie fuhr direkt auf den Hof, der sich vor den Nebengebäuden erstreckte. Schließlich stoppte sie, und Nadja trat ebenfalls auf die Bremse. Ein leichtes Ruckeln ging durch den Truck.

Jil war inzwischen ausgestiegen und warf einen prüfenden Blick auf sie. Nein, wohl eher auf den deutlich in die Jahre gekommenen Toyota Tundra, in dem Nadja saß. Wahrscheinlich wollte Jil sich nur vergewissern, ob das Fahrzeug an diesem Platz gut aufgehoben war und nicht im Weg stand.

Sie nickte offenbar zufrieden und kam zu Nadja an die Fahrerseite.

Nadja öffnete die Tür, blieb aber noch sitzen. »Ich danke dir wirklich sehr für deine Hilfe«, sagte sie fast im Flüsterton, weil sie fürchtete, ihr könnte die Stimme versagen. »Ich weiß nur überhaupt nicht, wie ich das Geld für die Reparatur auftreiben soll.« Erschöpft strich sie sich übers Gesicht.

»Nun, ich hoffe nur, der Typ, dem du das Vehicle abgekauft hast, hat dich nicht über den Tisch gezogen. Der Truck ist eines der ersten Modelle und uralt. Nur der Camperaufsatz scheint etwas neuer zu sein.« Jils Gesichtsausdruck wirkte jetzt regelrecht besorgt. Sie war plötzlich so verändert, so mitfühlend. Nichts erinnerte mehr an ihre bis vor kurzem noch herablassende Art Nadja gegenüber.

Nadja zuckte unsicher mit den Schultern. »Ich glaub nicht. Ich habe siebentausend Dollar bezahlt. Es schien mir ein guter Preis für das Komplettpaket. Allerdings ist fast mein ganzes Erspartes dabei draufgegangen. Aber ich wollte unabhängig sein, und ich dachte, ich könnte hier und da mal ein bisschen Geld dazuverdienen. In Kanada gibt es doch immer was zu tun, oder?«

»Abgesehen davon, dass man auch hier eine Arbeitserlaubnis braucht . . .« Jil lächelte milde. »Ich werde mir schon was einfallen lassen. Ich kenn da jemanden, der sich dein Schmuckstück zumindest erst mal anschauen kann. Vielleicht ist es ja auch nur halb so schlimm.« Auf ihrer Stirn bildeten sich ein paar Falten.

Für Nadja ein untrügliches Zeichen, dass Jil dies nicht wirklich glaubte. Aber vermutlich wollte sie ihr den einzigen noch verbliebenen Hoffnungsschimmer nicht einfach so nehmen. Das war unglaublich süß von ihr. Am liebsten wäre Nadja ihr um den Hals gefallen. Natürlich tat sie das nicht, denn Jil machte nicht den Eindruck, als wäre sie ein Freund derart überschwänglicher Dank­barkeitsbekundungen.

Als ihre Blicke sich trafen und miteinander verschmolzen, rutschte Nadja unruhig auf dem Fahrersitz umher. Sie war machtlos gegen die Urgewalt der Gefühle, die durch ihren Körper strömten, jedes Mal, wenn Jil sie so ansah. Ihr Bauch rebellierte, und das Kribbeln in ihrem Unterleib verstärkte sich.

Jils Gesicht kam ihrem gefährlich nah. So groß gewachsen wie sie war, begegneten sich ihre Augen auf gleicher Höhe.

Die Sekunden verstrichen. Nadja spürte schon Jils heißen Atem, der wie eine leichte Brise über ihre Wangen strich.

Doch wie aus einer Trance erwacht senkte Jil plötzlich den Blick – ausgerechnet sie. Sie wich einen Schritt zurück. Ihre Mimik war fast ausdruckslos und verriet nicht viel. Aber ihr Gesicht war blass geworden.

»Du solltest jetzt besser ins Haus gehen und deinen Kaffee trinken. Er ist bestimmt schon kalt«, sagte sie mit rauer Stimme. Sie räusperte sich, während ihre Augen rastlos umherschweiften.

»Und du?«, fragte Nadja leise. Hatte sie irgendetwas falsch gemacht? Verunsichert fuhr sie sich mit der Hand durch ihre schwarzen, kinnlangen Haare, die in Wellen ihre Wangen umschmeichelten. Sie klemmte sich die dicken Strähnen hinter die Ohren. Ihr Gesicht glühte wie im Fieber, sodass sie die ungebändigten Haare jetzt einfach nur als störend empfand.

Jil schüttelte abwesend den Kopf. »Ich hab noch zu tun. Die Pferde müssen versorgt werden, und ich muss . . .«, sie winkte ab. »Ist ja auch egal.« Sie drehte sich weg und lief über den breiten Hof in Richtung der Stallungen. »Wir sehen uns später«, rief sie Nadja dann noch zu, ehe sie durch das offene Scheunentor trat.

Als Nadja aus dem Truck stieg und langsam rüber zum Haus ging, fühlte sie sich wie erschlagen. Immer wieder schaute sie sich um, aber Jil ließ sich nicht mehr blicken.

Ronja trabte wie ein Begleitschutz neben ihr her. Innerlich rang Nadja mit sich. Sollte sie zurückgehen zu Jil? Sie könnte ihr ihre Hilfe anbieten. Zwar hatte sie noch nie wirklich mit Pferden zu tun gehabt, aber eine Stallbox auszumisten, frisches Heu in die Futterkrippe zu geben, das konnte doch nicht so schwer sein.

Sie dachte darüber nach, ob es sich hier um Zuchtpferde handelte. Sie schüttelte den Kopf. Du hast wirklich überhaupt keine Ahnung!

Aber etwas regte sich in ihr, und das hatte nichts mit Pferden zu tun. Jils seltsames Verhalten. Was hatte das zu bedeuten? Tief in Gedanken versunken und ohne es richtig zu bemerken war sie inzwischen an der Veranda angekommen. Just in dem Moment trat Stella aus dem Haus.

»Ah, du bist wieder da«, sagte die zu ihr. Ihre Mundwinkel zuckten verschmitzt.

Nadja machte ein bedröppeltes Gesicht. »Ja . . . Ich . . . Es tut mir leid. Mein Benehmen vorhin war unmöglich. Du bist so nett zu mir, und ich . . .« Schwer atmend brach sie ab.

Das Lächeln um Stellas Mundwinkel verstärkte sich. »Ist schon gut. Jil ist bei Fremden manchmal etwas . . .«, sie schien nach dem passenden Wort zu suchen, ». . . unsensibel«, formulierte sie schließlich.

»Das ist eigentlich kein Problem für mich«, nuschelte Nadja undeutlich. Wie sollte sie Jils Schwester erklären, was sie wirklich beschäftigte und derart aus der Fassung brachte? »Ich habe überreagiert. Und dabei bin ich euch für eure Hilfe so dankbar.« Sie presste die Lippen zusammen und starrte vor sich auf den Boden.

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