Teil 07

Stella kam die Verandastufen herunter und trat aus dem Schatten des überhängenden Daches. Und als sie vor ihr stand, zwinkerte sie ihr tröstend zu.

»Ich werde noch mal frischen Kaffee ansetzen. Ich habe so das Gefühl, den kannst du gerade gut gebrauchen.« Sie lachte und versprühte dabei eine aufheiternde Stimmung, sodass es schließlich auch Nadja ein Lächeln entlockte.

In der geräumigen Wohnküche nahmen sie an dem großen Holztisch Platz. Dort, wo Nadja heute schon einmal gesessen hatte. Aber jetzt war Jil nicht dabei, und dadurch fühlte sie sich deutlich ruhiger.

Zu gern hätte sie Stella gefragt, warum Jil sich Fremden gegenüber so verhielt, so unsensibel, wie Stella es genannt hatte. Aber sie traute sich nicht. Sie kannte die beiden Schwestern doch kaum, dass ihr solch eine private Frage zustehen würde.

Und nur sie allein wusste, dass die wenigen Momente, die sie bislang mit Jil verbracht hatte, sie von jetzt auf gleich in ein verwirrendes Gefühlschaos gestürzt hatten. Etwas war anders. Das spürte sie tief in ihrem Inneren. Es ging längst nicht mehr nur um unsensibles oder ablehnendes Verhalten. Nein, da war mehr. Viel mehr, als Stella es vermutlich erahnen konnte.

Wie war so etwas möglich, innerhalb kürzester Zeit? Sie erkannte sich selbst nicht mehr wieder. Noch nie zuvor war ihr so etwas passiert. Jil übte eine Anziehungskraft auf sie aus, der sie sich nicht erwehren konnte.

Sie musste wieder an die Szene eben auf dem Hof denken. In jenem Augenblick hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass Jil sie geküsst hätte. Das war doch völlig verrückt. Und dann Jils Reaktion. Sie konnte sich einfach keinen Reim darauf machen. Und es hatte nur dazu geführt, dass sie jetzt erst recht verunsichert war.

Grübelnd nippte sie an dem Kaffee. Diesmal zitterte wenigstens nicht ihre Hand. Sie spürte, dass Stella sie beobachtete und hob den Kopf.

»Machst du dir immer noch Gedanken wegen vorhin?«, fragte Stella. Sie wartete nicht auf Nadjas Antwort. Ein Blick in deren braune Augen genügte ihr offenbar. »Das brauchst du nicht. Jil kriegt sich auch wieder ein. Glaub mir. Ich kenne meine kleine Schwester schon fünfunddreißig Jahre.« Sie lächelte vergnügt.

Ah, Jil ist also fünfunddreißig. Danke für die Info. Nadja grinste schräg. Die Tatsache, dass Jil größer als Stella war, ließ den Kommentar mit der kleinen Schwester ulkig erscheinen. Aber so sagte man das eben. Nadja überraschte es dennoch, dass Stella diese deutsche Redewendung benutzte, obwohl sie den Großteil ihres Lebens in Kanada aufgewachsen war.

»Wohnt ihr beide allein hier?«, wechselte sie dennoch das Thema. Als sie den Schatten sah, der sich augenblicklich über Stellas sonst so fröhliches Gesicht legte, hätte sie sich für ihre Neugierde ohrfeigen können. »Entschuldige. Das geht mich doch überhaupt nichts an. Ich weiß auch nicht, wieso . . .« Sie seufzte betrübt.

Stella schüttelte leicht den Kopf. »Nein, nein, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Es ist nur . . .« Sie zog die Stirn kraus. »Ich vergesse manchmal, wie es war, als dieses Haus noch voller Leben und mit Lachen erfüllt war. Doch deine Frage hat mich wieder daran erinnert.«

»Oh je, das wollte ich nicht.« Nadja hielt sich bestürzt die Hand vor den Mund. Sie fühlte sich miserabel. Was hatte sie da nur angerichtet?

Stella griff über den Tisch hinweg und umfasste Nadjas Handgelenk. Langsam zog sie den angewinkelten Arm wieder nach unten. »Es ist alles gut. Mach dir keinen Kopf.« Ihr Lächeln kehrte zurück. »Ich freu mich, dass du hier bist. Wenn auch unfreiwillig. Leider«, seufzte sie. »Aber wir bekommen hier nicht oft Besuch.«

Nadja musste schlucken. Da lag so viel Herzlichkeit in Stellas Worten. Das hatte sie doch gar nicht verdient, so wie sie sich aufgeführt hatte und jetzt auch noch wie ein Elefant durch den Porzellanladen getrampelt war. »Stimmt schon«, murmelte sie. »Ich bin eher zufällig hier gelandet. Ich hatte mich verfahren. Eigentlich wollte ich nach Lillooet. Und dann gab mein Truck den Geist auf. Vielleicht war das ja ein Zeichen. Zum Beispiel, dass ich unbedingt eure Bekanntschaft machen sollte.« Ihr Gesicht verzog sich zu einem schiefen Lächeln. Was rede ich denn hier für einen Unsinn? »Was ich damit sagen will, ich bin trotz meines Schlamassels froh, euch begegnet zu sein«, stammelte sie etwas unbeholfen.

Stella schmunzelte. »Wie lange bleibst du denn noch in Kanada?«, fragte sie augenzwinkernd. »Machst du hier Urlaub, so ganz allein?«

»Ich reise gern allein«, sagte Nadja leise. Gegen eine Frau an meiner Seite hätte ich allerdings nichts einzuwenden. Wenn es denn eine gäbe, dachte sie ein wenig wehmütig. Aber das behielt sie für sich. »Jedenfalls habe ich für meinen Trip durch Kanada vier Monate eingeplant. Die Hälfte ist schon bald rum.«, setzte sie fort. »Aber nun sieht es so aus, dass ich den Camper jetzt schon wieder verkaufen muss, in der Hoffnung, wenigstens noch ein bisschen Geld dafür einzustreichen. Damit könnte ich dann allerdings keine großen Sprünge mehr machen.«

Offenbar darüber nachdenkend wog Stella leicht den Kopf hin und her. Schließlich sagte sie: »Wie wär’s, wenn du erst mal hier bei uns bleibst, bis wir eine bessere Lösung für deinen Truck gefunden haben? Ich weiß, dass Jil sich darum kümmern wird. Und vielleicht musst du ihn dann gar nicht sofort verkaufen.«

»Das ist wirklich ein sehr nettes Angebot. Vielen Dank!« Nadja war von dieser Hilfsbereitschaft so gerührt, dass es ihr fast die Tränen in die Augen trieb. »Ehrlich gesagt wüsste ich jetzt auch gar nicht, was ich machen soll.« Sie nahm einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee und strich mit der anderen Hand über die polierte Tischplatte. »Aber ich möchte euch auf keinen Fall auf der Tasche liegen. Für Essen und Trinken werde ich selbstverständlich aufkommen. Und schlafen kann ich in meinem Camper.«

»Was?« Stella hob überrascht die Augenbrauen. »Das kommt doch überhaupt nicht in Frage. Wir haben ein großes Haus und genug Platz. Da werde ich dich doch nicht draußen auf dem Hof campieren lassen. Was wären wir denn für schlechte Gastgeberinnen. Stimmt’s Jil?« Ihr Kopf neigte sich zur Seite und sie blickte an Nadja vorbei zur Tür.

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