Teil 08

Nadja erstarrte. Sie wagte es nicht, sich umzudrehen. Ihr ganzer Körper stand sofort unter Spannung und hinterließ ein schmerzhaftes Ziehen im Nacken. Unruhig knetete sie ihre Finger, weil sie mit den Händen nicht wusste, wohin.

»Klar. Meinetwegen«, antwortete Jil. Ihre Stimme war ruhig. Und trotzdem klang es unentschlossen, als würde sie sich wünschen, Stella hätte diese Entscheidung nicht von ihr abverlangt.

Einen Moment lang füllte Stille den Raum. Nadjas Herz schlug so heftig, dass sie glaubte, es würde gleich aus ihrer Brust herausspringen.

Ein leichter Luftzug streifte ihre linke Schulter, als Jil an ihr vorbeiging. Sie folgte ihr mit den Augen und ließ sehnsuchtsvoll ihren Blick über die schlanke Statur gleiten.

Jil holte sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Dann ging sie den gleichen Weg wieder zurück, dicht an ihr vorbei. Doch sie schaute sie nicht an. Sekunden später schloss sich hinter ihr wieder die Tür.

Plötzlich fühlte Nadja eine tiefe Einsamkeit in sich. Die Anspannung fiel von ihr ab. Ihre Schultern sackten zusammen, und sie kämpfte gegen die Enttäuschung an. Sie konnte nichts dagegen tun. Ein paar Stunden nur, und trotzdem hinterließ Jil bereits Spuren bei ihr.

2

Als Nadja erwachte, war es noch früh am Morgen. Behäbig rollte sie sich auf den Rücken, die Augen noch halb geschlossen. Dann hob sie den Kopf und stützte sich auf die Ellenbogen. Ihr schlaftrunkener Blick fiel aus dem Fenster und sie sah, wie die Sonne über den sanft gewellten Hügeln am Horizont emporstieg und die unendliche Weite der Prärie in ein Schattenmeer tauchte. Der Himmel war glutrot.

Sie seufzte. Ihr Blick glitt weiter, und sie schaute sich in dem schwach erhellten Raum um. Sie hatte gut, aber viel zu kurz in dem großen Bett geschlafen, in dem sie sich fast ein wenig verloren vorkam.

Stella hatte ihr gestern ein Zimmer im ersten Stock, am Ende des Flures, fertig gemacht. Es hatte nur wenige Möbel. Ein Bett, ein Schrank, ein kleiner, runder Tisch, auf dem eine Vase mit frischen Blumen stand. Dazu zwei Ledersessel mit Armlehnen, die im Used-Look einen Hauch von Westerncharme versprühten.

Es wirkte wie ein typisches Gästezimmer in einer Pension. Und doch strahlte es eine wohlfühlende Atmosphäre aus, weil es trotz der spärlichen Möblierung liebevoll eingerichtet war. Pastellmalereien an den Wänden mit Landschafts- und Pferdemotiven rundeten das behagliche Bild, das Nadja sich bot, ab.

Sie dachte zurück an den gestrigen Abend. Während sie mit Stella bei einem Glas Wein auf der Veranda saß, sich über alles Mögliche mit ihr unterhalten hatte, hatte sie Jil kaum mehr zu Gesicht bekommen. Zweimal nur, als Jil kurz an ihnen vorbei ins Haus huschte, um irgendetwas zu holen, ehe sie wieder rüber zu den Nebengelassen geeilt war.

Die ganze Zeit über hatte Nadja gehofft, Jil würde sich vielleicht zu ihnen gesellen. Aber was auch immer die zu so später Stunde noch trieb, Stella schien sich darüber nicht zu wundern.

Nach Einbruch der Dunkelheit war sie schließlich müde und erschöpft zu Bett gegangen.

Jetzt, Ende Juli, war es auch hier im Westen Kanadas abends noch sehr lange hell. Auch wenn der Mittsommer inzwischen vorüber war. Aber Nadja hatte sie erlebt, die Nächte mit den tanzenden Polarlichtern am Himmel, als sie vergangenen Monat in Yukon unterwegs war, und als die Sonne praktisch gar nicht unterging.

Die Erinnerungen daran ließen sie ein bisschen wehmütig werden. Doch sofort schoben sich wieder Jils graublaue Augen dazwischen. Sie bewegte den Kopf hin und her, als könnte sie dadurch das brennende Verlangen, Jil ganz nah zu sein, einfach von sich abschütteln. Sie stieß einen weiteren, tiefen Seufzer aus.

Dann setzte sie sich aufrecht und streckte die Arme in die Luft. Es war an der Zeit, dem Trübsal ein Ende zu bereiten. Ein neuer Tag war erwacht, und heute würde sie den Schwestern ihre Hilfe anbieten. Auf der Ranch gab es bestimmt eine Menge zu tun. Egal was. Es würde allemal besser sein, als untätig herumzusitzen und sich mit gefühlsduseligen Gedanken herumzuplagen.

Als sie aus dem Bett stieg, knarrten die Holzdielen unter ihren nackten Füßen. Auf Zehenspitzen ging sie zur Tür, öffnete sie leise und tastete sich dann durch den dunklen Flur. Wo war das Bad gleich nochmal? Den Gang runter und dann rechts, meldete sich lakonisch die Stimme in ihrem Kopf. Nadja unterdrückte das Bedürfnis, über sich selbst zu lachen. Lautlos lächelte sie nur vor sich hin.

Es gab eindeutig zu viele Türen hier, und sie sahen alle gleich aus. Was, wenn sie plötzlich in einem der Schlafzimmer stand? In Jils? Ihre Mundwinkel zuckten. Ein Bild von der schlafenden und sich im Bett räkelnden Jil lief wie ein Film vor ihren Augen ab. Ob Jil nackt schlief? Ein immer stärker werdendes Kribbeln bis unter die Haarspitzen, ließ sie wie versteinert innehalten. Ihr Atem galoppierte in drohender Schallgeschwindigkeit, und sie presste die Luft keuchend aus ihren Lungen heraus.

Plötzlich öffnete sich schwungvoll eine Tür, direkt vor ihrer Nase. Ausweichen! Du musst ausweichen! Aber sie konnte sich keinen Millimeter bewegen. Die Seitenkante der Holztür verfehlte nur um Haaresbreite ihr Gesicht.

Jil trat hervor und stoppte unvermittelt ab. Ihre Augen wurden immer größer, während sie mit der Hand die Türklinke weiter umklammert hielt.

Völlig bewegungslos standen sie sich gegenüber wie Fluchtwild, das vom grellen Licht eines Scheinwerfers geblendet in Schockstarre verfiel.

Blitze schossen durch Nadjas Kopf, als sie Jil so sah, mit zerzaustem Haar und nur in T-Shirt und Boxershorts bekleidet. Ihr wurde schwindlig, und sie hatte das Gefühl, der Boden unter ihren Füßen löste sich auf. Sie merkte kaum, dass sie anfing zu schwanken, bis Jils Hand plötzlich nach vorn schoss und sie am Arm festhielt. Augenblicklich spürte sie die Gänsehaut, die schleichend an ihr hochkroch.

Jil senkte ihren Blick auf sie herab. Mit angehaltenem Atem folgte Nadja den flackernden Augen, die wie ein Streicheln über ihr erhitztes Gesicht glitten, dann langsam abwärts über ihren Hals und das Dekolleté wanderten, bis sie schließlich an ihren Brüsten hängenblieben, die unter dem ärmellosen, dünnen Hemdchen bebten.

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