Teil 10

»Das war nur . . . Gewohnheit«, verteidigte Lian sich. »Nichts Ernstes.«

»Aber mit Nicola ist es ernst.« Maggie seufzte auf. »Das solltest du dir wirklich gut überlegen. Ich meine«, wieder warf sie einen Blick auf die Kellnerin, die jetzt am Nebentisch bediente und sich dabei vorbeugte, sodass man ihre ›Talente‹ gut betrachten konnte, »das ist doch etwas Handfestes. Etwas, womit man etwas anfangen kann. Dafür braucht man keine weiteren Gefühle.«

»Ob sie das wohl genauso sieht?«, sagte Lian und starrte in ihr Glas. Dann nahm sie einen großen Schluck, als wollte sie alle störenden Gedanken damit herunterspülen. »Aber du hast natürlich recht. Ich sollte mich nicht weiter darum kümmern. Einen netten Urlaubsflirt habe ich gesucht, sonst nichts.«

»Brav«, sagte Maggie. »So gefällst du mir wieder.«

Aber ein bisschen misstrauisch betrachtete sie Lian trotzdem.

7

»Ja, mache ich sofort.« Nicola nickte.

Dorothea Wrede zur Mühlen, Nicolas Chefin, warf einen argwöhnischen Blick auf sie. »Und dann den hinteren Teil«, fügte sie ihrer vorherigen Anweisung noch hinzu.

Als ob ich silberne Löffel stehlen würde, dachte Nicola genervt. Und dabei gibt es hier gar keine.

Dorothea Wrede zur Mühlen war eine jener Frauen, die gar nicht arbeiten mussten, es aber unbedingt wollten, jedoch auf Teufel komm raus nicht konnten. Deshalb hatte Frau Wrede zur Mühlen Nicola eingestellt, die durchaus wusste, was arbeiten war und wie man es machte.

Da die hochwohlgeborene Dorothea davon aber keine Ahnung hatte, meinte sie immer noch, dass Nicola sich vor der Arbeit drückte und mehr hätte arbeiten können, wenn sie nur gewollt hätte. Insbesondere seit Nicola sich hatte krankmelden müssen. Vermutlich hatte die schöne Dorothea – sie war nicht schön, aber dafür hielt sie sich – den Verdacht, dass Nicola gar nicht krank gewesen war, sondern sich stattdessen einen kleinen Urlaub auf den Malediven auf Kosten ihrer Arbeitgeberin gegönnt hatte.

Wie gern ich das getan hätte, seufzte Nicola innerlich. Urlaub könnte ich wirklich gebrauchen. Sie hatte sich kaum von dem Virus erholt gehabt, da war sie schon wieder zur Arbeit gegangen, sie wusste selbst nicht genau, warum. Vermutlich war sie einfach arbeitssüchtig. Oder masochistisch. Das musste man sein bei einer Chefin wie Dorothea Wrede zur Mühlen.

Obwohl sie eigentlich als Verkäuferin eingestellt worden war und deshalb vorn im Laden sein sollte, schickte Dorothea sie oft nach hinten, ließ sie putzen und sortieren, Regale einräumen und ausräumen und wieder einräumen, als ob sie nichts als eine Handlangerin wäre. Ihre Kundinnen – oft Freundinnen von ihr aus den gleichen Kreisen, in denen sie privat verkehrte – bediente Dorothea am liebsten selbst, obwohl sie nichts davon verstand.

Schon öfter hatte sie zudem durchblicken lassen, dass Nicola die Kleider aus dem Laden tragen sollte, quasi als Vorführmannequin, um den Damen den richtigen Eindruck zu vermitteln, und das hätte Nicola ja auch gern getan, aber leider ging Frau Wrede zur Mühlen davon aus, dass Nicola sie dafür zuerst kaufen müsste. Was Nicola sich nicht leisten konnte, denn die Preise begannen oberhalb ihres Gehaltsniveaus.

»Frau Harnoncourt! Wo sind Sie denn schon wieder?« Dorotheas schrille Stimme fing sich hinten im Lager.

»Du hast mich doch gerade erst hier hingeschickt.« Aufseufzend ließ Nicola den Pullover, den man auch als Abendkleid hätte tragen können – zumindest wenn man vom Preis ausging –, im Karton, und begab sich wieder nach vorn.

Sie hatte schon manchmal den Verdacht gehabt, dass Dorothea sie nur wegen ihres wohlklingenden Namens eingestellt hatte, den sie dann durch den Laden rufen und damit Eindruck schinden konnte. Hätte Nicola einfach nur Müller oder Schmidt geheißen, hätte sie das vielleicht nicht so oft getan. Oder sie gar nicht erst eingestellt.

»Kundschaft«, empfing Frau Wrede zur Mühlen sie mit einem strafenden Blick. Und von ihrem Tonfall ausgehend schloss Nicola daraus, dass diese Kundin nicht zum engeren Freundeskreis der schönen Dorothea gehörte, da sie sie sonst selbst bedient hätte.

»Ja, selbstverständlich«, sagte Nicola. »Ich kümmere mich darum.« Wie um alles hier, dachte sie.

Sie ging an einem Ständer mit teuren, dafür aber umso stoffärmeren Blusen vorbei, und erstarrte fast, als sie die ›Kundschaft‹ erkannte.

»Hallo«, sagte Lian.

Ein paar Sekunden lang konnte Nicola nicht reagieren. »Woher weißt du, wo ich arbeite?«, fragte sie dann in scharfem Ton, aber so unterdrückt, dass es fast wie ein Zischen klang. Das fehlte ihr noch, dass Frau Wrede zur Mühlen mitbekam, dass Lian und sie sich kannten.

»Woher weißt du, dass ich nicht gekommen bin, um etwas zu kaufen?«, fragte Lian zurück.

Nicola schürzte die Lippen. »Ich würde sagen, das, was hier verkauft wird«, sie ließ ihren Blick über die Ständer mit exaltierten Kleidern, Blusen und Schuhen gleiten, die sich in krassem Gegensatz zu dem befanden, was Lian trug, »ist nicht so ganz dein Stil.«

»Und wenn es nicht für mich ist?«, fragte Lian. »Ich bin auf der Suche nach einem Geschenk.«

»Ach so.« Warum versetzte ihr das jetzt so einen Stich? Sie kannte Lian doch überhaupt nicht. Sie hatten einmal miteinander zu Abend gegessen, sonst gar nichts. Lians Nummer hatte sie auf ihrem Handy blockiert, weil sie beschlossen hatte, dass es dabei auch bleiben sollte. Warum sie sie nicht gleich gelöscht hatte, darüber machte sie sich lieber keine Gedanken. »Welche Größe hat die Dame?« Nicola lächelte leicht spöttisch. »Wobei ich vielleicht dazusagen sollte, dass alles über Size Zero hier in dem Laden schon als Übergröße gilt.«

»Kann ich mir vorstellen«, sagte Lian. Sie lächelte im Gegensatz zu Nicola freundlich, fast wie um ihr zu zeigen, dass es keinen Grund gab, es nicht zu sein. »Aber die . . . Dame ist ziemlich dünn. Könnte also passen.« Lässig schlenderte sie auf einen Ständer zu und ließ ihre Finger über den Stoff eines Kleides gleiten. »Schön«, sagte sie. »Seide?«

Nicola nickte. »Mit einem Hauch von Bambus. Sehr angenehm im Sommer.«

»Führst du die Kleider auch vor?« Kurz ließ Lian einen Blick über ihre Figur schweifen. »Dir passt es doch auch, oder?«

Schon wollte Nicola diese Zumutung zurückweisen, da erschien plötzlich Dorothea wie aus dem Nichts neben ihnen. »Ist das Ihr Wagen da draußen?«, fragte sie und betrachtete Lian neugierig.

»Stehe ich im Halteverbot?« Nicht wirklich besorgt warf Lian einen Blick zum Schaufenster hinaus.

»Oh nein, nein.« Dorothea war plötzlich die Verbindlichkeit selbst. »Das ist völlig in Ordnung. Ein Bekannter von mir fährt dasselbe Modell. Speziell importiert.«

»Ich weiß«, sagte Lian. Sie lächelte auf eine Art, die anzeigte, dass sie das nicht als etwas Besonderes empfand.

»Sie können wieder nach hinten gehen, Frau Harnoncourt«, warf Dorothea Nicola hin wie einem Hund einen Knochen. »Ich übernehme hier.«

Ist mir mehr als recht, dachte Nicola, drehte sich um, kam aber kaum einen Schritt weit, bevor sie Lian sagen hörte:

»Ich hatte Frau . . . Harnoncourt gerade gefragt, ob sie die Kleider auch vorführt.«

»Sie hat aber nicht dieselbe Größe wie Sie«, protestierte Dorothea ein wenig abwehrend.

»Das Kleid ist ja auch nicht für mich«, erklärte Lian. »Die Dame, für die es gedacht ist, hat so ziemlich dieselbe Größe wie Frau Harnoncourt.«

»Frau Harnoncourt«, hielt Dorothea Nicola widerwillig zurück. »Könnten Sie bitte bleiben?«

Das klang ein wenig gepresst aus dem schmallippigen Mund, aber eine Kundin, die ein Kleid kaufen wollte, das sie sich – wenn man ihren Wagen betrachtete – auch leisten konnte, hatte natürlich gewisse Rechte. Zumal der Verkauf dieses Kleides Dorothea auf einen Schlag so viel Geld einbrachte, dass sie sich dasselbe Auto wie das, was draußen vor der Tür stand, fast gleich selbst davon hätte kaufen können.

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