Teil 10

»Na was wohl. Geld wollte sie. Ich hab ihr ’nen Fuffi gegeben«, erwiderte Moritz Bernhagen. »War’s das jetzt? Ich muss wirklich los.«

Hanna nickte ihm zu. Aber innerlich konnte sie nur den Kopf schütteln. Sie hatte wirklich schon eine Menge in ihrem Job erlebt. Doch das hier war auch für sie eine neue Erfahrung. Es war einfach nur erschreckend.

Nachdem Moritz Bernhagen in seinen Porsche gestiegen und davongebraust war, wandte Hanna sich wieder dessen Mutter zu. »Und Sie? Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrer Tochter gesprochen?«

Frau Bernhagen bedachte sie mit einem eisigen Blick. »Ich hatte seit zwei Jahren nichts mehr von ihr gehört. So etwas Undankbares«, echauffierte sie sich. »Wohlgemerkt war sie meine Stieftochter«, fuhr sie fort. Sie fächelte sich theatralisch mit der Hand Luft zu. »Konrad, mein Mann, war während unserer Ehe von so einem Flittchen fehlgeleitet worden. Als wäre das nicht schlimm genug, hat sich dieses Betthäschen dann auch noch von einem Auto überfahren lassen. Und natürlich hat Konrad als treusorgender Vater das Kind bei sich aufgenommen.« Sie lachte abfällig, und ihr Gesicht sah aus wie eine bizarre Karikatur von Schneewittchens böser Stiefmutter.

Es ließ tief blicken, dass die Bernhagen bei sich aufgenommen und nicht bei uns aufgenommen gesagt hatte. Hanna war nun wirklich keine Frau, die Untreue guthieß, aber im Fall von Silvia Bernhagen verwunderte es Hanna nicht im Geringsten, dass ihr Mann sie betrogen hatte. Vielmehr konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass diese Frau überhaupt zu Liebe fähig war. Vielleicht bei ihrem Sohn, aber geheiratet hatte sie wohl nur das Geld.

»Wann war Nicole denn in Ihre Familie gekommen?«, fragte sie einfach irgendwas, um sich nicht zu einer unbeherrschten Äußerung hinreißen zu lassen. Was bei dieser kaltherzigen Frau wirklich schwierig war. In ihrer Nähe bekam Hanna regelrecht Schüttelfrost.

»Nicole war drei«, antwortete Silvia Bernhagen ungerührt. »Ich hab mir ehrlich Mühe mit ihr gegeben. Ich dachte, mit der richtigen Erziehung könnte man noch was retten und aus dem Mädel eine ehrbare Frau machen. Doch es half alles nichts.« Sie verdrehte die Augen. »Bei ihrer Herkunft und einer Mutter, die im Supermarkt an der Kasse saß, was will man da auch erwarten?«

Hanna wusste nicht genau, ob die Frage an sie gestellt war oder ob sie rein rhetorisch gemeint war. Natürlich behielt sie ihre Meinung für sich. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, was die Frau unter einer richtigen Erziehung verstand. Bei dem Gedanken daran drehte sich ihr der Magen um. Im Moment brachte es auch rein gar nichts, mit Frau Bernhagen weitere Zeit zu verschwenden. Die hatte sich zu keinem Zeitpunkt die Mühe gemacht, ihre Verachtung für Nicole auch nur ansatzweise zu verbergen. Aber mit dem Tod ihrer Stieftochter schien sie vermutlich nichts zu tun zu haben.

Bei Moritz Bernhagen dagegen war Hanna sich da nicht so sicher. Er hatte auf jeden Fall etwas zu verbergen, so, wie er sich die ganze Zeit über verhalten hatte. Und dann dieser merkwürdige und fast schon überstürzte Abgang. Doch hütete Hanna sich davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Sie musste unbedingt auch mit dem Vater sprechen. Von ihm versprach sie sich deutlich mehr. Vor allem hoffte sie, dass er das Bild von dieser schrecklichen Familie nicht noch komplettierte.

»Ich würde gern noch mit Ihrem Mann sprechen. Ist er vielleicht da, oder können Sie mir sagen, wie ich ihn erreichen kann?«

Die Bernhagen schüttelte den Kopf. »Er ist auf Geschäftsreise in England. Eigentlich noch bis nächste Woche. Aber ich werde ihn nachher anrufen und ihm sagen, dass er zurückkommen muss, damit er sich um die Beerdigung seiner Tochter kümmern kann.«

Die Worte kamen der Frau so emotionslos über die Lippen, dass Hanna fast die Spucke wegblieb. Sie holte eine Visitenkarte hervor und reichte sie ihr. »Bitte richten Sie Ihrem Mann aus, dass ich mit ihm sprechen muss.«

Silvia Bernhagen nahm die Karte wortlos entgegen, und Hanna verabschiedete sich, indem sie ihr die Hand reichte. Die Hand fühlte sich genauso kalt an wie alles, was Hanna mit diesem Ort und dieser Familie hier verband. Es war für sie unvorstellbar, wie Nicole hier jemals auch nur eine klitzekleine Chance auf eine glückliche und unbeschwerte Kindheit gehabt haben sollte. Armes Mädel, dachte sie betrübt.


Es war bereits Abend, als Hanna endlich nach Hause kam. Sie war jetzt seit mehr als zwölf Stunden auf den Beinen und wollte nur noch unter die Dusche und danach in ihr Bett.

Achtlos stieg sie aus ihrer Hose und ließ sie auf dem Boden im Wohnzimmer liegen. Kraft- und saftlos fühlte sie sich im Moment. Die schweißtreibende Hitze und die bleierne Müdigkeit, die es ihr inzwischen schwermachte, überhaupt noch die Augen offenzuhalten, forderten ihren Tribut.

Just als sie in die Duschkabine steigen wollte, klingelte es an der Tür. Hanna stieß einen wilden Fluch aus und starrte dabei mit wütendem Blick in den Spiegel. Sie wollte weder bis zur Tür gehen und schon gar nicht wollte sie diese öffnen. Doch als es ein zweites und ein drittes Mal klingelte, rollte sie genervt mit den Augen, stieg nur in ihre Pants und warf sich ein T-Shirt über. Immer noch vor sich hinfluchend trabte sie in den Flur.

Kaum dass sie die Türklinke heruntergedrückt hatte, stand Wieke auch schon in ihrer Wohnung. Mit einem langen Blick musterte sie Hanna von oben bis unten. »Störe ich gerade?«, fragte sie spitz.

»Ehrlich gesagt, ja. Ich wollte gerade unter die Dusche.«

»Ah, unter die Dusche also.« Wieke wandte ihren Kopf in alle Richtungen, schien jeden Zentimeter des Raumes unter die Lupe zu nehmen. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie wahrscheinlich noch mit einem Röntgenblick durch die Wände gesehen. Schließlich landete sie wieder bei Hanna, die mit gerunzelter Stirn darauf wartete, dass ihre Ex-Freundin ihr sagte, warum sie hier war.

»Wie immer ist es gar nicht so einfach, dich anzutreffen«, ließ sie die nächste eindeutig zweideutige Bemerkung fallen. Wieder nahm sie Hanna in Augenschein, als würde sie sie abscannen. »Siehst ziemlich fertig aus«, kommentierte sie weiter. »Warst du mal wieder an deinem Lieblingsplatz auf Arbeit, oder . . .«, gekünstelt verzog sie die Mundwinkel, »hat das kleine Flittchen aus der Kneipe gestern dich um den Schlaf gebracht?«

Zorn machte sich in Hanna breit. »Sag mal, geht’s dir noch gut?« Sie merkte, dass sie kurz davor war, die Geduld zu verlieren. »Erstens wüsste ich nicht, was dich das noch«, betonte sie, »angeht. Zweitens, es ist schon bemerkenswert, dass du nach deinem gestrigen Abgang die Frechheit besitzt, hier einfach so aufzutauchen. Und drittens«, sie holte tief Luft, »was willst du von mir?«

Wiekes Gesichtsfarbe war währenddessen ins Dunkelrot gewechselt. Doch dann schien sie sich zu besinnen und setzte, wenn auch offensichtlich nur gespielt, eine desinteressierte Miene auf. »Von dir will ich überhaupt nichts. Ich habe noch meinen Laptop hier. Und den hole ich mir jetzt, das ist alles. Ich kann ja nichts dafür, wenn du den ganzen Tag nicht erreichbar bist.«

»Wie wäre es denn gewesen, wenn du vorher angerufen hättest?«, schoss es aus Hanna heraus.

Ein lässiges Schulterzucken war alles, was Wieke dafür übrig hatte. Es war schier unglaublich, dass zwei Jahre Beziehung für sie jetzt anscheinend gar keine Bedeutung mehr hatten.

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