Teil 11

Doch Hanna hatte jetzt wirklich keine Kraft für eine längere Diskussion. Sie wollte nur eins, und zwar ihre Ruhe. Erschöpft winkte sie ab. »Ich glaube, er liegt im Bücherregal.« Dann drehte sie sich weg und ging zurück Richtung Bad. »Vergiss nicht, die Tür hinter dir zu schließen, wenn du gehst.«

Wieke schnaufte hinter ihr, und Hanna wartete schon darauf, dass sie ihr noch ein paar hässliche Worte an den Kopf werfen würde. Doch zu ihrem eigenen Erstaunen geschah nichts dergleichen.

Im Badezimmer lehnte Hanna sich mit dem Rücken an die kühlenden Wandfliesen. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Nur Sekunden später flog die Wohnungstür krachend ins Schloss. Hanna zuckte erschrocken zusammen, obwohl sie damit gerechnet hatte, dass Wieke die Tür nicht leise schließen würde.

War jetzt der Zeitpunkt gekommen, Tränen über eine endgültig gescheiterte Beziehung zu vergießen? Allein die Erschöpfung ließ Hannas Augen feucht werden. Sie presste sie noch fester zusammen und kämpfte gegen das Bedürfnis zu weinen an. Es war einfach ein bisschen viel heute, versuchte sie, sich selbst zu beruhigen. Sie war keine Frau, die mir nichts, dir nichts in Tränen ausbrach. Genaugenommen konnte sie sich nicht mal mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal geweint hatte. Wahrscheinlich war sie da noch ein Kind gewesen. Ihr Beruf hatte sie abgehärtet. Und dennoch konnte sie alle Abhärtung nicht vor dem Verlustschmerz und der Einsamkeit schützen. Das war es wohl, was ihr im Augenblick am meisten zu schaffen machte.

Langsam zog sie sich wieder aus und stieg in die Duschkabine. Sie stellte das Wasser auf lauwarm und drehte voll auf. Als der Strahl wie eine Massage ihre Haut verwöhnte, gelang es Hanna endlich, ein wenig zu entspannen. Sie hätte dieses Gefühl noch stundenlang genießen können, doch war sie so schrecklich müde. Sie brauchte Schlaf, einfach nur Schlaf.

Sonntag, 8. Juli

Hanna parkte ihren Ford Mustang am Straßenrand und stellte den Motor ab. Sie hatte darauf geachtet, ihren Wagen nicht direkt vor Hassbachs Stripteaselokal abzustellen.

Es war Sonntagabend, ein guter Zeitpunkt also, um dem Etablissement einen Besuch abzustatten. Sie hatte beschlossen, nicht in ihrer Eigenschaft als Polizistin, zumindest nicht offenkundig, hier aufzukreuzen. Es war kaum anzunehmen, dass Raimund Hassbach dann auch nur ein Wort mit ihr wechseln würde. Die Herrschaften, die in diesem Gewerbe tätig waren, verwiesen üblicherweise sofort auf ihren Anwalt, kaum dass man einen Guten Tag gewünscht hatte.

Stattdessen hatte Hanna sich richtig in Schale geworfen, um nach außen hin den Eindruck eines zahlungskräftigen Gastes zu vermitteln. Es war gar nicht so einfach gewesen, ihren kleinen Trommelrevolver, den sie für spezielle Einsätze als Zweitwaffe führen durfte, irgendwo an sich unterzubringen, ohne dass es auffiel. Eine kleine Handtasche wäre praktisch gewesen, aber so etwas besaß sie nicht.

Als sie das Blue Night betrat, stellte sie trotz des diffusen Lichtes fest, dass sich nur wenige Gäste hierher verirrt hatten. Die Männer lümmelten auf den Sesseln, die um kleine, runde Tische direkt vor der Bühne aufgereiht waren.

Ein nur mit einem Spitzenslip bekleidetes Mädchen tanzte an einer Stange und wand sich geschmeidig wie eine biegsame Schlange um das Metall. Zwei rote Glitzersterne zierten ihre Brustwarzen, die am Ende ihres Tanzes in der Hosentasche eines der männlichen Gäste verschwinden dürften. Als Souvenir sozusagen.

Sich umblickend entschied Hanna sich schließlich, am Tresen, gegenüber der Bühne, Platz zu nehmen. Sie schob sich auf einen der Barhocker und bestellte sich einen Prosecco.

Während die weibliche Bedienung damit beschäftigt war, ihren Getränkewunsch zu erfüllen, schwang Hanna sich auf dem Hocker herum und nahm den dicken Vorhang, hinter dem sie eine Tür vermutete, ins Visier. Bestimmt befand sich dahinter Hassbachs Büro. Der samtene Vorhang bewegte sich sacht im Luftzug. Wahrscheinlich weil die Tür dahinter offenstand.

Als die Bedienung ihr das Glas mit dem Schaumwein auf den Tresen stellte, traten zwei Männer hinter dem Vorhang hervor. Sie reichten sich die Hände und sprachen noch ein paar Worte miteinander, die Hanna natürlich nicht verstehen konnte.

Beide Herren trugen einen maßgeschneiderten Anzug. Keine Billigware, das konnte Hanna selbst auf die Entfernung sehen. Während der eine groß und athletisch gebaut war, war der andere eher klein und untersetzt, mit einer runden, dicken Brille auf der Nase. Bei letzterem tippte Hanna spontan auf Raimund Hassbach. Nur so konnte sie sich überhaupt vorstellen, dass Nicole ihn derart ohne Gegenwehr verprügeln konnte.

Kurz danach verabschiedete sich der Große und verließ die Bar. Dabei musste er an Hanna vorbei, die ihn aus den Augenwinkeln musterte und versuchte, sich sein Gesicht einzuprägen.

Das Mädel auf der Bühne hatte ihre Performance inzwischen beendet und ließ sich Geldscheine in den String-Tanga stecken. Wie erwartet lagen ihre Brüste jetzt vollkommen frei. Die Glitzersterne waren verschwunden.

Der Typ mit der Brille, bei dem Hanna vermutete, dass es Hassbach war, beäugte alles ganz kritisch. Oder vielmehr verfolgte er mit gierigem Blick, dass die Herren vor der Bühne auch genug Geld aus ihren dicken Portemonnaies zückten.

Die nächste Dame – dem Anschein nach war auch sie noch sehr jung – betrat die Bühne mit einem Stuhl, den sie in der Mitte platzierte. Die dicke Schminke in ihrem Gesicht konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie vermutlich noch keine zwanzig war. Trotz dass sie versucht war, sich älter zu machen.

Aus beruflicher Erfahrung wusste Hanna, dass heutzutage auch viele Studentinnen mit diesem Job ihr Studium finanzierten. Offenbar wurde er gut bezahlt, zumindest besser, als wenn man sich als ungelernte Kellnerin ein Zubrot verdiente. Ob dieses junge Mädchen aber eine Studentin war, wagte Hanna zu bezweifeln. Sie war in ein langes Seidengewand gehüllt, und im nächsten Moment erklang ein Song aus Madonnas Album Erotica.

Hanna verzichtete darauf, der Darbietung der jungen Frau ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr Blick ging wieder hinüber zu dem rundlichen Gnom mit der Brille. Auch er hatte sich jetzt wieder von der Bühne abgewandt und schickte sich an, in sein Büro zurückzukehren, als er sie am Tresen erblickte. Hanna konnte sehen, dass er kurz stutzte, und sie hoffte, dass ihre Undercover-Tarnung nicht schon aufgeflogen war. Obwohl sie das nicht glaubte, weil sie dem Herrn noch nie begegnet war. Daran hätte sie sich erinnert.

Nach kurzem Zögern kam der untersetzte Mann mit dem feisten Gesicht auf sie zu. Hanna griff nach ihrem Sektglas und nippte scheinbar desinteressiert an dem Prosecco. Über den Rand des Glases behielt sie den Typ jedoch genau im Auge.

Er blieb vor ihr stehen und grinste sie mit einem widerlichen Lächeln an, sodass sein Goldzahn in der oberen Zahnreihe hervorblinkte. »Ich freue mich immer sehr über weibliche und dazu noch so gutaussehende Kundschaft«, schmalzte er, dass es einem schon schlecht wurde. »Leider habe ich heute aber kein Men-Strip im Angebot«, informierte er Hanna fast schon entschuldigend.

»Och, das ist aber schade«, gab Hanna sich enttäuscht. Sie musste sich wirklich beherrschen, vor Lachen nicht in ihr Glas zu spucken. »Da habe ich mich wohl im Tag geirrt«, fügte sie mit einem Augenaufschlag hinzu, den eine Professionelle vermutlich nicht besser hinbekommen hätte.

»Tja, leider. Erst am Donnerstag wieder«, äußerte er bedauernd. »Aber vielleicht kann ich Ihnen ja ein bisschen Gesellschaft leisten, damit Sie nicht ganz umsonst gekommen sind.« Er leckte sich über die wulstigen Lippen, sodass bei Hanna das Brechreizgefühl noch zunahm. Fehlte nur noch, dass er auch noch zu sabbern anfing.

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