Teil 12

Und dabei saß Hanna weder in einem enganliegenden Kleid noch in einem ultrakurzen Rock vor ihm. Dazu hatte sie sich dann doch nicht durchringen können. Aus ihrer Zeit als verdeckte Ermittlerin hatte sie davon zwar noch etwas in irgendeiner Kiste vorrätig, aber ihrer Meinung nach stand ihr das einfach nicht. Letztlich hatte sie sich also für einen eleganten Business-Look entschieden und die Bluse mit dem tiefsten Ausschnitt gewählt, die sie in ihrem Kleiderschrank hatte finden können.

»Wenn Sie mir verraten, mit wem ich das Vergnügen habe, dann sehr gern«, säuselte sie unter Aufbietung all ihrer schauspielerischen Fähigkeiten zurück.

»Raimund Hassbach. Ich bin der Besitzer dieses kleinen, aber feinen Ladens.« Seine Hand mit den dicken Fingern schnellte hervor. Zusätzlich deutete er noch eine leichte Verbeugung an.

Hanna setzte ein Lächeln auf und nahm die dargebotene Hand. Sie konnte sich gerade noch so zurückhalten, ihr Gesicht nicht angewidert zu verziehen, als sie mit der schweißnassen Handfläche des Mannes in Berührung kam.

»Wollen wir uns nicht lieber an einen Tisch da drüben setzen? Die Sessel sind doch auch viel bequemer«, schlug er vor und senkte dabei geheimnistuerisch seine Stimme. Währenddessen nickte er der Bedienung wortlos zu, die offenbar trotzdem sofort verstand und eine Flasche Sekt sowie ein weiteres Glas unter dem Tresen hervorzauberte.

Erneut setzte Hanna ihr schönstes Sonnenscheinlächeln auf. Sie glitt geschmeidig von ihrem Hocker und ließ sich von Hassbach zum Tisch geleiten. Wenn sie diesem Kerl überhaupt etwas Gutes abgewinnen konnte, dann, dass er wenigstens versucht war, charmant zu sein. Auch wenn ihm das völlig misslang. Wie würde er sich ihr gegenüber wohl verhalten, wenn er wüsste, dass sie Polizistin ist?

Nachdem sie in den weißen Ledersesseln Platz genommen hatten, ließ Raimund Hassbach im wahrsten Sinne des Wortes den Korken knallen. Der Sekt schäumte über, und er lachte darüber wie ein alter Ziegenbock. Hanna unterdrückte den Impuls, mit den Augen zu rollen. Stattdessen stieg sie in das affektierte Lachen ein. Ihre Tarnung aufrechtzuerhalten und dieses grässliche Spiel mitzuspielen, gestaltete sich schwieriger, als sie angenommen hatte. Andererseits war sie ganz zufrieden mit dem Umstand, so schnell Hassbachs Aufmerksamkeit gewonnen zu haben. Das wiederum hatte sie sich nämlich nicht so einfach vorgestellt.

Hassbach zeigte auf Hannas Glas und bedeutete ihr auszutrinken. Doch Hanna lächelte nur, als sie ihren Zeigefinger in die Luft hob und rügend hin und her schwang. »Immer mit der Ruhe«, hauchte sie. »Ich hab’s nicht eilig.«

Der schmierige Barbesitzer wackelte in seinem Sessel wie ein Michelin-Männchen. Hinzu kam noch, dass er keinen Hals hatte. Sein breiter, stets leicht geröteter Kopf saß ihm auf den Schultern wie ein Findling auf der Kuppe eines Hügels. »Darf ich fragen, wie es dazu kommt, dass sie meinem bescheidenen Etablissement einen Besuch abstatten?«, fragte er plötzlich.

Kurz erschien es Hanna so, als hätte er sie ein wenig argwöhnisch gemustert. Doch im schwachen Lichtschein konnte das auch täuschen. Etwas überrascht war Hanna dennoch. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Hassbach, wenn hoffentlich auch nur unbewusst, ihre Unterhaltung so schnell in diese Richtung lenken würde. Darauf wollte sie hinarbeiten, aber nun waren sie eher als erwartet bei dem Thema gelandet.

»Ach, wissen Sie . . .« Sie lehnte sich zurück und schlug elegant die Beine übereinander. »Bekannte von mir hatten mir ein paar Sehenswürdigkeiten von Wismar empfohlen. Ich bin sehr selten in dieser wunderschönen Stadt, und ich wollte den Abend in entspannter Atmosphäre ausklingen lassen.«

Mit seinen Froschaugen schien der Kerl Hanna regelrecht verschlingen zu wollen. »Und wer sind Ihre Bekannten?«, fragte er auffallend neugierig.

Vorsicht war geboten. Doch jetzt gab es für Hanna kein Zurück mehr. Sie hatte sich das vorher ganz genau überlegt. Lächelnd wippte sie mit dem Fuß. »Silvia und ihr Mann Konrad«, erwiderte sie gekonnt beiläufig. »Sie kennen sie nicht zufällig?«, schob Hanna noch lässig hinterher. Dabei betrachtete sie ihre sorgsam gefeilten Fingernägel, um den Eindruck zu erwecken, dass sie die Antwort nicht wirklich interessierte. Doch ihr Blick war nur scheinbar auf ihre Finger konzentriert. Unter ihren Wimpern verfolgte sie jede noch so kleine Reaktion ihres Gegenübers.

Raimund Hassbach zog grübelnd die Stirn kraus. »Nein, ich glaube nicht«, antwortete er nach einer Weile. »Die Namen sagen mir nichts.«

Nicht schlecht, dachte Hanna. Er war verdammt abgebrüht. Nicht unüblich in diesem Geschäft. Wenn da nicht dieses winzige Detail gewesen wäre, als seine rechte Augenbraue zu zucken begann. Es war nur ein kurzer Moment gewesen, und doch hatte er ihn der Lüge überführt. Raimund Hassbach kannte also die Bernhagens, wie sie bereits vermutet hatte.

Sie hob leichthin die Schultern und führte sich das Sektglas an die Lippen. Natürlich nippte sie nur daran. Sie brauchte einen klaren Kopf.

»Ich hatte noch gar nicht nach Ihrem Namen gefragt«, meldete Hassbach sich wieder zu Wort. »Das interessiert mich doch viel mehr.« Er grinste. Doch sein Blick war noch durchdringender geworden.

Eigentlich war Hanna darauf vorbereitet gewesen. Sie hatte lange überlegt, ob sie einen Tarnnamen verwenden sollte oder nicht. So oder so würde dieser Widerling später die Bernhagens anrufen und nachfragen. Er sah vielleicht dümmlich aus und war womöglich auch nicht sehr intelligent, aber mit Sicherheit war er ein gerissener Typ mit einer gewissen Bauernschläue.

Sie stellte ihr Glas langsam und behutsam auf den Tisch, um etwas Zeit zu gewinnen.

Doch gerade als sie zu einer Antwort ansetzte, wurde sie von einer wohlklingenden weiblichen Stimme unterbrochen. »Ich muss mit Ihnen reden«, hörte sie die Frau sagen.

Das rauchig-warme Timbre in ihrer Stimme ließ Hanna wohlig erschauern, obwohl sie sich vor lauter Schreck schmerzhaft auf die Unterlippe gebissen hatte. Aber die Art, wie Hassbach sichtlich erstaunt aufblickte und dann unwillig das Gesicht verzog, signalisierte Hanna zu ihrer Beruhigung, dass sie nicht gemeint war. Zuerst dachte sie auch, es wäre die Barfrau, weil ihr nicht aufgefallen war, dass noch eine weitere weibliche Person hereingekommen war.

Erleichtert von der willkommenen Unterbrechung wandte sie sich mit einer gewissen Neugierde zur Seite. Doch dann stockte ihr der Atem. Die schlanke, großgewachsene Frau sah in ihrem schwarzen Outfit ziemlich streng, aber auch verdammt gut aus. Aber das war es nicht, warum es Hanna die Sprache verschlagen hatte. Das lange, braune Haar und das markante Seitenprofil ihres Gesichts gaben Hanna das Gefühl, als wäre sie einer Fata Morgana begegnet. Sie hatte die Frau sofort wiedererkannt. Es war jene brünette Schönheit, der sie vor zwei Nächten am Bahnhof in Warnemünde über den Weg gelaufen war. Nur ein paar Stunden, bevor sie vom Mord an Nicole Bernhagen erfahren hatte.

»Muss das jetzt sein?«, fragte Hassbach verärgert. »Sie sehen doch, dass ich beschäftigt bin.« Mit seinem schwammigen Schädel nickte er zu Hanna herüber.

»Ja, es muss sofort sein«, erwiderte die Frau schroff. »Es ist wichtig«, sagte sie gerade noch, als ihr Blick auf Hanna fiel. Ihre Lippen öffneten sich leicht, während sie Hanna regungslos anstarrte. Das unverkennbare Grün in ihren Augen begann förmlich zu glühen.

ENDE DER FORTSETZUNG

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