Teil 12

Dorothea hätte wohl am liebsten nach Luft geschnappt wie ein Fisch auf dem Trockenen, aber sie fing sich, bevor sie sich ganz und gar lächerlich machen konnte. »Dazu halte ich meine Angestellten immer an«, bemerkte sie mit einem giftigen Blick auf Nicola. »Das ist ein Grundsatz unseres Hauses.«

»Dann werde ich hier vielleicht noch öfter einkaufen«, entgegnete Lian so charmant, dass wahrscheinlich selbst Dorothea die Knie weich wurden.

»Geschenkpapier?«, fragte Nicola, die das Kleid mittlerweile sorgfältig in einen schützenden Karton verpackt hatte. »Irgendeinen speziellen Wunsch? Eine Schleife vielleicht? Oder eine Grußkarte? Sollen wir das Kleid liefern?«

»Nein, ich denke«, Lians weiße Zähne blitzten raubtierhaft, »ich werde es selbst überreichen. Wenn Sie es mir bitte als Geschenk einpacken würden, das wäre ganz reizend von Ihnen.«

Ein bisschen hatte Nicola den Eindruck, Lian wollte sie auf den Arm nehmen, aber sie war sich nicht ganz sicher. »Aber selbstverständlich, gern«, erwiderte sie deshalb betont geschäftsmäßig, griff nach einer Rolle mit exquisit bedrucktem bunten Papier, die in dem Regal unter der Kasse lag, zog sie heraus und verpackte den Karton schnell und geschickt darin. Dann versah sie ihn noch mit einer passenden kleinen Schmuckapplikation. »Ist es so recht?«, fragte sie Lian mit möglichst neutraler Stimme.

»Wundervoll«, sagte Lian. Ihr Blick suchte Nicolas Augen. »Jetzt ist die Verpackung ja fast schöner als das Kleid.«

Mit diesen Worten und einem tiefen Blick in Nicolas Augen nahm sie den Karton entgegen, klemmte ihn lässig unter den Arm und verließ leicht damit herumschlenkernd das Geschäft.

Nicola hätte sich gern noch etwas von Lians Blick erholt, der ihr durch und durch gegangen war, und von dem Vibrieren in ihrer Stimme, als sie ihre Augen zum Schluss hatte in Nicolas versinken lassen, aber sie sah Dorotheas Lippen sich verdächtig bewegen, und bevor ihre unartige Chefin etwas sagen konnte, begab sie sich schnell wieder nach hinten. »Ich habe noch mit Auspacken zu tun«, erklärte sie schon halb im Gang. »Darin bin ich vorhin ja unterbrochen worden.«

Obwohl sie sich gleich wieder dem Pullover widmen wollte, den sie zuvor hatte liegenlassen müssen, konnte sie es nicht.

Lian hatte bei ihr auf jeden Fall weiche Knie hinterlassen, und sie musste sich erst einmal setzen.

Diese blauen Augen! Verdammt, diese blauen Augen! Und überhaupt . . . Ihr ganzes Verhalten. Wie sie Dorothea Wrede zur Mühlen in die Schranken gewiesen hatte. Und die hatte nichts dagegen tun können.

Ein Kichern wollte sich durch ihren Brustkorb nach oben schieben. Und auch wenn sie es zu unterdrücken versuchte, es gelang ihr nicht. Wie gern hätte sie ihre Chefin einmal so behandelt. Und nun hatte es Lian getan. Für sie.

Nein, natürlich nicht für sie. Für sich selbst. Lian war eben so.

Aber trotzdem musste sie sich für mindestens zwei Minuten auf der Toilette einschließen, bis der Lachanfall vorbei war.

Dafür hatte es sich gelohnt, früher zur Arbeit zurückzukehren, obwohl sie noch nicht ganz gesund gewesen war. Das hätte sie auf keinen Fall verpassen mögen, diesen Auftritt von Lian.

Auch wenn das natürlich alles höchst unverschämt gewesen war. Ihr, Nicola, gegenüber und auch Dorothea gegenüber.

Aber trotzdem konnte sie ein Grinsen kaum von ihrem Gesicht verbannen, als sie das Einräumen in die Regale wieder aufnahm.

8

»Da ich nicht genau wusste, ob dein Fahrrad in mein winziges Halbauto passt«, Lian grinste und lehnte sich gegen ihr Cabrio, neben dem sie lässig wie James Bond stand, »dachte ich, ich erwarte dich gleich bei dir zu Hause.«

Nicola wäre zwar tatsächlich fast vom Rad gefallen, als sie um die Ecke bog und Lians Auto vor der Tür stehen sah, aber sie beherrschte sich und tat so, als wäre ihr das völlig egal. In gewisser Weise hatte sie Lians Auftauchen auch fast schon erwartet. Nach der Vorstellung im Laden heute Vormittag.

»Ach ja?« Sie schwang sich erst auf den letzten Metern vom Sattel auf die Pedale und sprang dann geschmeidig ab. Eigentlich hatte sie etwas weniger spektakulär absteigen wollen, weil sie sich noch nicht so gut fühlte, aber wenn sie schon kein Cabrio hatte, musste sie doch wenigstens auf diese Art in Punkto Lässigkeit mit Lian mithalten. »Und was versprichst du dir davon?«

»Einen Kaffee vielleicht?« Lian hob die Augenbrauen und kam auf sie zu. »Zu dem ich dich gern einladen würde.«

»Deine Einladungen nehmen überhand in letzter Zeit«, entgegnete Nicola spitz. »Das kann ich doch gar nicht annehmen.«

»Warum nicht?« Wie fast zu erwarten hatte Lian auch einen Plan B. »Falls du dich nicht von mir in ein Café einladen lassen willst«, sie zog ein Päckchen hinter dem Rücken hervor, »habe ich hier alles mitgebracht, damit wir bei dir Kaffeetrinken können. Kaffee, Milch, Zucker, Kuchen. Und Sahne. Für den Kuchen oder für den Kaffee. Was dir lieber ist.«

Sie grinste wie ein Honigkuchenpferd. Es war ganz klar, dass sie sich nicht abwimmeln lassen wollte, egal was Nicola vorschlug. Wer wusste, was sie noch alles in ihrem Cabrio versteckt hatte, wenn Nicola auch diesen Vorschlag ablehnte?

»Ich bin eigentlich ziemlich müde . . .«, setzte sie an.

»Da gibt es doch nichts Besseres als Kaffee, um die Müdigkeit zu vertreiben.« Lian stand schon neben ihr an der Tür.

»Und Zucker nehme ich auch nicht in den Kaffee.« Es klang selbst in Nicolas eigenen Ohren schwach, wie sie nach Ausreden suchte.

»Dann ersetzt das den Zucker, den du deiner Nachbarin geliehen hast«, sagte Lian.

»Den hat sie schon zurückgebracht.« Seufzend zog Nicola ihren Schlüssel aus der Tasche. »Aber ich sage dir eins: Ich bin keine gute Gesprächspartnerin heute. Und außerdem bin ich sowieso immer noch sauer auf dich wegen dem, was du heute Vormittag im Laden abgezogen hast.« Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn herum, um aufzuschließen.

Laut und höchst vergnügt lachte Lian auf. »Was ich im Laden abgezogen habe?« Sie wurde kurz ernst. »Hat deine überspannte Chefin das an dir ausgelassen? Das täte mir leid.« Echt bekümmert wie es schien verzog sie das Gesicht.

»Nein, nein.« Nicola winkte ab und drückte die Tür auf, wobei sie gleichzeitig versuchte, ihr Fahrrad hineinzuschieben.

»Warte, ich halte sie auf.« Sofort sprang Lian ihr zur Seite.

So konnte Nicola ihr Zweirad ganz bequem in den breiten Gang neben dem Treppenhaus befördern, wo schon andere Räder standen. Sie stellte ihres an einen leeren Platz an der Wand. »Danke«, sagte sie.

»Keine Ursache.« Lian grinste wieder und ließ die Haustür ins Schloss fallen. »Ehrlich gesagt hätte ich wirklich große Lust auf einen Kaffee. Ich will nur die Zeit verkürzen, bis ich ihn bekomme.«

»Bis du einen Kaffee bekommst?« Nicola schüttelte den Kopf und ging die Treppe hinauf. »Ich glaube, das ist nur eine verkappte Bezeichnung für etwas anderes.«

»Für Sex, meinst du?« Lian lachte.

»Psst!« Ruckartig drehte Nicola sich um und hielt einen Finger über ihre Lippen. »Hier im Treppenhaus kann man jedes Wort verstehen.«

»Denkst du wirklich, deine Nachbarn wüssten nicht, was diese . . .«, Lian machte eine genüssliche Pause, »Lieblingsbeschäftigung der meisten erwachsenen Menschen ist?«

»Schon«, sagte Nicola. »Aber man spricht nicht darüber. Zumindest nicht im Treppenhaus.«

»Ah. Eine Regel, die ich noch nicht kannte.« Lian tat, als würde sie diese Information ernsthaft abspeichern. »Werde ich mir merken.«

»Du machst dich nur über mich lustig«, sagte Nicola, blieb auf dem Treppenabsatz stehen und sah auf Lian hinunter, die noch zwei Stufen unter ihr stand. Auf diese Art war Nicola wenigstens ein einziges Mal größer. Das hob ihr Selbstbewusstsein. »Und dabei vergisst du wohl, dass du noch nicht in meiner Wohnung bist. Ich könnte dir immer noch die Tür vor der Nase zuschlagen, dich gar nicht erst reinlassen.«

»Das würdest du machen?« In gespielter Verzweiflung legte Lian eine Hand auf ihr Herz. »Könntest du mir das wirklich antun? Wo ich mich so nach einem Kaffee verzehre?« Sie lachte wieder. »Und der Kuchen ist auch nicht zu verachten. Ich kaufe den eigentlich nur in dieser einen Bäckerei. Die haben eine tolle Konditorin. So etwas Gutes gibt es kein zweites Mal in der Stadt.«

»Ach, du hast die Konditorin schon . . . probiert?«, bemerkte Nicola süffisant, während sie die letzten Stufen bis zu ihrer Wohnung hochstieg. »Was auch sonst?«

ENDE DER FORTSETZUNG

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