Teil 03

Die Hauptmeisterin hob einen Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen an. »Unsere Ablösung dürfte gleich da sein«, sagte sie. Und im selben Moment kamen zwei Streifenwagen angefahren. »Passt doch.« Sie lächelte verschmitzt und tippte sich an die Polizeimütze.

Hanna nickte ihr zur Verabschiedung kurz zu. Dann ging sie über die Wiese. Dabei achtete sie darauf, nicht auf mögliche Spuren zu trampeln.

Als erstes wollte sie mit dem Rechtsmediziner sprechen und selbst einen Blick auf das Todesopfer werfen.

Doch kaum hatte sie den Sichtschutz passiert, wodurch sie einen freien Blick auf die Leiche bekam, da erstarrte sie. Oh, mein Gott. Sie schaute auf den leblosen Körper zu ihren Füßen. Die Begrüßung von Dr. Weiland nahm sie nur wie durch einen Schleier wahr.

Ein einziger Blick hatte genügt. Die zerschlissene Jeans, der schwarze Kapuzenpullover und die blonde Fransenfrisur, die nun gar nicht mehr so keck wie gestern Abend in der Kneipe aussah. Das Opfer war Niki, der sie doch noch vor ein paar Stunden gegenübergestanden hatte.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, drangen des Doktors Worte dann doch zu ihr durch. »Sie sehen so blass aus.«

Nur mühsam wandte Hanna sich von dem Anblick ab. Als hätte sie einen Bleigürtel im Nacken, hob sie den Kopf. Ihr Mund fühlte sich staubtrocken an, und so musste sie sich erst räuspern, um vernünftig antworten zu können. »Nein, schon gut. Ich hatte heute Morgen nur noch keinen Kaffee.« Sie versuchte zu lächeln, aber sie wusste selbst, dass ihr das gehörig misslang.

Und so, wie Dr. Weiland sie ansah, konnte sie sich ausmalen, was er dachte. Beruflich hatten sie schon mit vielen Todesfällen zu tun gehabt. Und er kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ihr beim Anblick einer Leiche nicht gleich übel wurde. »Kennen Sie die Frau?«, hakte er prompt nach, weil ihm das wahrscheinlich am logischsten erschien.

Innerlich stöhnte Hanna auf. Sie hätte jetzt einfach ihre Arbeit machen wollen. Stattdessen sah sie sich nun in Erklärungsnot. Ein paar Möwen flogen kreischend über sie hinweg, und sie strich sich seufzend die Haare aus der Stirn. »Ich kenne oder besser gesagt ich kannte sie nicht. Aber ich bin ihr gestern Abend kurz begegnet. In einer Kneipe, unten an der Flaniermeile.« Ihre unruhigen Hände schob sie vorsorglich in die Taschen ihrer Stoffhose. »Können Sie denn schon etwas sagen?«

Der Oberarzt rückte die Brille auf seiner Nase zurecht. »Nun, sie ist noch nicht lange tot. Höchstens fünf Stunden. Aber genau kann ich das natürlich erst nach der Obduktion sagen. Sie wurde mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen. Hier, schauen Sie.« Er zeigte mit dem behandschuhten Finger auf die größere Wunde am Hinterkopf. »Vermutlich war sie schon bewusstlos, als sie vornüber ins Gras fiel. In ihren Haaren und oberhalb des Nackens finden sich Reste von Erde. Sieht aus, als hätte man ihr anschließend auf den Kopf getreten. Dadurch wurde ihr Gesicht in den Boden gedrückt, und sie ist erstickt. Aber wie gesagt, Näheres nach der Obduktion.«

Mit zusammengepressten Lippen hatte Hanna die Informationen aufgenommen und in ihrem Kopf abgespeichert. »Danke, Doc«, sagte sie schließlich.

Eine der drei Leute von der Kriminaltechnik trat zu ihnen. Es war Sandra Bommer, eine zierliche Frau. Und in dem weißen Schutzanzug wirkte sie fast ein wenig verloren. Doch ihre Stimme, als sie Hanna freundlich begrüßte, war kraftvoll und sprühte vor Energie. Und auch ihr war offenbar nicht entgangen, dass Hanna aussah, als hätte sie einen Geist gesehen. »Was ist los?«, fragte sie leise.

»Nichts. Alles in Ordnung«, beeilte Hanna sich zu sagen. Sie schielte zu Dr. Weiland hinüber, der sich aber bereits abgewandt hatte und wieder seiner Arbeit nachging. »Hatte sie einen Ausweis oder irgendwas bei sich?«, fragte sie an ihre Kollegin gewandt. Sie musste endlich wieder zu ihrer gewohnten Professionalität zurückfinden. Aber das fiel ihr unfassbar schwer. Immer wieder rauschte nur ein Gedanke durch ihren Kopf: Hätte ich Niki gestern festgenommen, dann würde sie jetzt vielleicht noch leben.

Neben ihr raschelte es, und die Kriminaltechnikerin hielt einen durchsichtigen Beutel hoch. »Das war alles, was wir bei ihr gefunden haben. Ein Portemonnaie mit Bargeld, Ausweis und Kreditkarten. Aber ausgestellt auf einen gewissen – sie drehte den Beutel in ihrer Hand, um den Namen ablesen zu können – Harry Wagner aus Elmenhorst.«

Am liebsten hätte Hanna ihren Frust herausgebrüllt. Doch sie biss sich auf die Zunge und starrte nur regungslos auf den Inhalt der sorgfältig verschweißten Plastiktüte. Verdammt noch mal, sie hätte es wissen müssen. War doch klar, dass die Kleine nicht zum ersten Mal geklaut hatte. Und sie hätte vor allem reagieren müssen, so wie es sich für eine integre Polizistin gehörte. Stattdessen hatte sie Niki einfach so gehen lassen. Und jetzt war das Mädchen tot.

Die Schuldgefühle, die Hanna mit einem Mal überkamen, erdrückten sie fast. Hätte sie die Wahl, dann würde sie den Fall jetzt einfach abgeben. Aber das stand nicht zur Debatte. Sie konnte nur noch eins für Niki tun: ihren Mörder oder die Mörderin finden.

»Ich werde diesen Herrn Wagner mal kontaktieren. Bestimmt vermisst er sein Portemonnaie schon«, murmelte sie geistesabwesend.

Sandra zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Du glaubst, sie hat ihm die Sachen geklaut?« Ihr Blick richtete sich nach unten auf die Tote, und sie schüttelte betrübt den Kopf. »Nun ja, ist schon ziemlich ungewöhnlich, dass sie die Sachen bei sich hatte. Da stimme ich dir zu. Wenn sie eine Diebin war, dann ist sie vielleicht dem Falschen auf die Füße getreten.«

Hannas Glieder schmerzten, weil sie sich immer mehr verkrampfte. »Nun, Harry Wagner wird wohl kaum ihr Mörder sein, um dann noch seine Dokumente bei ihr zurückzulassen«, platzte es ein wenig unbeherrscht aus ihr heraus. Ihre Kollegin blickte sie mit großen Augen an. Nicht nur sie. Auch Dr. Weiland schaute mit verdutzter Miene auf.

Entschuldigend hob Hanna die Hand. Sie war eindeutig neben der Spur und ließ jegliche Professionalität vermissen. »In ein paar Stunden wissen wir sicher mehr. Vielleicht liegt die Tote schon bei uns im System ein, damit wir sie identifizieren können«, fügte sie in gemäßigtem Ton hinzu. Sie spürte die Erleichterung, als Sandra ihr auf beruhigende Art zulächelte und sich wieder auf Spurensuche begab.

Am Tatort gab es für Hanna nichts mehr zu tun. Daher sprach sie noch mal mit dem alten Mann, ihrem einzigen Zeugen bislang. Aber er konnte ihr nichts Neues erzählen.

Sie blickte in alle Richtungen und schätzte die Entfernung zu den Straßen ab, die um den Kurpark führten. Einfamilienhäuser, Residenzen und Hotels gab es in der Umgebung. Aber die vielen Bäume versperrten die Sicht, und der Mord geschah im Schutz der Dunkelheit und mitten im unbeleuchteten Teil des Parks, abseits der Wege. Sie seufzte grübelnd auf.

Schlussendlich wartete sie noch den Abtransport der Leiche ab und verabschiedete sich von Dr. Weiland. Später würde sie ihm einen Besuch in der Rechtsmedizin abstatten, auch wenn das nicht so gern gesehen war. Schließlich konnten alle neuen Informationen auch per Telefon, Fax oder E-Mail übermittelt werden. Aber der Oberarzt hatte schon manchmal eine Ausnahme bei ihr gemacht. Doch während der Obduktion stand man als Polizist eigentlich nur im Weg, und so manch einer musste dann überstürzt den Sezierraum verlassen, weil ihm speiübel geworden war.

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