Teil 06

»Ich kann mir in etwa vorstellen, was Sie damit meinen«, antwortete Hanna nickend, obgleich sie sich das jetzt nicht zu genau vorstellen wollte. »Haben Sie vielleicht auch ein Foto von Nicole?«, fuhr sie daher fort, ohne weiter auf die Bemerkung einzugehen.

»Logo«, antwortete Sandy. Auch sie wurde jetzt wieder ernster, als wäre sie enttäuscht, weil Hanna nicht weiter nachgefragt hatte. Sie fischte einen Brustbeutel unter dem T-Shirt hervor, und eine kleine Klarsichthülle kam zum Vorschein, die sie Hanna reichte.

Das Foto, das in der Hülle steckte, zeigte zwei unbeschwert lachende Mädchen, die vor dem Leuchtturm von Warnemünde standen. Hanna schluckte den Kloß, der sich in ihrem Hals bilden wollte, hinunter. Obwohl sie es die ganze Zeit gewusst hatte, war sie nun doch betroffen, als sie Niki, die Tote vom Kurpark, darauf erkannte.

Aber was sollte sie jetzt tun? Sandy sagen, dass ihre Freundin ermordet wurde? Sie war keine Angehörige, und noch war Nicole nicht eindeutig identifiziert, um zunächst ihre Familie zu benachrichtigen. Jetzt hätte Sie doch noch Karens Hilfe gut gebrauchen können. Mit dem Nicoles Geburtstag war es ein Leichtes, nach dem Mädchen zu recherchieren. Doch das musste jetzt warten. Hinzu kam, dass Hanna sich immer noch nicht erklären konnte, warum Sandy Hilpert nur wenige Stunden später und wegen einer verpassten Verabredung zur Polizei gekommen war. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Sie stand auf, ging um ihren Schreibtisch herum und setzte sich auf den Rand. Die Arme vor der Brust verschränkt, fragte sie: »Weshalb sind Sie wirklich hier, Sandy?«

»Aber das wissen Sie doch«, gab Sandy sich äußerst erstaunt. Sie brachte es sogar fertig, Hanna dabei anzuschauen.

Doch Hanna war erfahren genug, um zu merken, dass dieser Blick nur aufgesetzt war. Das unruhige Flackern in den blauen Augen und das nervöse Herumgezappel, all das war für sie Indiz genug, dass Sandy Hilpert etwas vor ihr verheimlichte. Nur was? Die Sorge um Nicole schien echt zu sein, beinahe extrem, auch wenn Sandy das immer wieder zu kaschieren versuchte. Doch auch für sie, Hanna, war es keineswegs einfach, den Schein zu wahren und die traurige Wahrheit über Nicoles Tod vorerst für sich zu behalten.

»Wie oft wurden Sie schon beim Klauen erwischt?«, fragte sie nun. Den empörten Gesichtsausdruck ignorierend, setzte sie fort: »Ich kann auch nachschauen, aber da Sie nun einmal hier sind, können Sie es mir auch gleich selbst sagen.«

Sandy blickte stur an Hanna vorbei. »Wie kommen Sie denn darauf, dass ich schon erwischt wurde?« Offensichtlich passte es ihr gar nicht, dass die ihrer Meinung nach eigene Unzulänglichkeit hier so offengelegt wurde.

»Nun, Sie haben vorhin selbst erzählt, dass Sie nicht so gut darin sind.« Hanna machte eine kleine Pause, ehe sie fortfuhr. »Das bedeutet aber auch, dass Sie es schon ein paarmal probiert haben müssen, um das einschätzen zu können.«

Sandys Augen schweiften ab und glitten zur Wand. Hanna folgte ihrem Blick. Das schlichte Weiß der Raufasertapete wirkte jetzt irgendwie trostlos. Schließlich schaute Sandy wieder zu ihr zurück. Resignation schien sich in dem zarten Gesicht widerzuspiegeln. »Okay, drei-, viermal vielleicht«, gab sie sich mit leiser Stimme offenbar geschlagen.

Damit hatte sie Hannas Vermutung bestätigt. »Sie haben also schon Erfahrung mit der Polizei und kennen die Prozedere. Sie wissen daher, dass niemand wegen eines einfachen Diebstahls gleich im Knast landet und dass Nicole in diesem Fall spätestens nach ein paar Stunden sowieso wieder auf freiem Fuß wäre. Warum sollten Sie sich also bemühen, zur Polizei zu gehen, nur um herauszufinden, ob Ihre Freundin geschnappt wurde?«

»Das stimmt doch gar nicht«, widersprach Sandy sofort. »Ich bin zu den Bullen, weil Nicole spurlos verschwunden ist.« Jetzt gab sie sich keine Mühe mehr, ihren Unmut zu verbergen. Sie presste die Lippen aufeinander und ballte ihre schmalen Hände zu Fäusten.

Hanna ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken. Das von Sandy Hilpert sorgfältig aufgebaute Kartenhaus schien immer mehr in sich zusammenzufallen. Hanna musste jetzt nur dranbleiben. »Ja, sie als vermisst zu melden, ist eine clevere Idee, um auf diese Weise vielleicht an Informationen zu gelangen. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihnen sehr wohl bekannt ist, dass die Polizei bei einer Erwachsenen, die«, sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, »vor gerade mal sieben Stunden nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen ist, noch gar nichts unternimmt.« Sie ließ ein paar Sekunden verstreichen, um die Wirkung ihrer Worte sich entfalten zu lassen, ehe sie fortfuhr. »Außer es besteht der begründete Verdacht, dass der vermissten Person etwas zugestoßen ist oder sie sich in Lebensgefahr befindet. Dann wissen Sie aber mehr, als Sie mir aus welchem Grund auch immer erzählt haben. Also Sandy, verschweigen Sie mir etwas?«

Eine kleine Träne löste sich aus Sandys Augenwinkel und perlte langsam über ihre Wange. »Kann ich Ihnen denn vertrauen?«, fragte sie schniefend.

Hanna stieß sich vom Schreibtisch ab und holte ihren Drehstuhl hervor, um sich Sandy Hilpert jetzt direkt gegenüberzusetzen, ohne dass ein Tisch oder sonst was zwischen ihnen stand. »Wenn ich Ihnen sage, dass Sie mir durchaus vertrauen können, würden Sie es dann auch tun? Die Entscheidung liegt bei Ihnen«, erwiderte sie nun mit einfühlsamer Stimme.

Sandy fing an, an ihren Fingernägeln zu knibbeln. Dabei zitterte ihre Hand, deren Haut ganz blass und fahl war und gar nicht zu ihrem ansonsten sonnengebräunten Teint passte.

Ein paar Sekunden verstrichen, in denen nur der beginnende Verkehrslärm, der durch das gekippte Fenster drang, zu hören war.

Zögernd begann sie schließlich zu reden. »Ich bin zu den Bullen . . . äh, zur Polizei«, korrigierte sie sich diesmal, »gegangen, weil ich gehofft habe, dass man mir hier sagt, dass Nicole geschnappt wurde und noch auf der Wache sitzt.«

»Sie haben es gehofft?« Irritiert von dieser Äußerung zog Hanna fragend die Augenbrauen hoch.

»Ja.« Sandy nickte bestätigend. »Dann hätte ich wenigstens gewusst, dass mit ihr soweit alles in Ordnung ist. Dass es ihr gutgeht.«

Das war eine Information, die Hanna regelrecht erschütterte. Wusste Sandy also doch mehr, als sie bislang zu sagen bereit gewesen war? Hatte sie vielleicht von dem Polizeiaufgebot am Kurpark etwas mitbekommen? Die Fragen schwirrten nur so in ihrem Kopf herum. Aber sie zwang sich zur Geduld. Das Mädchen war gerade dabei, sich zu öffnen. Das durfte sie nicht mit einer überhasteten Reaktion zerstören.

»Ich hatte gleich ein ungutes Gefühl letzte Nacht, als Niki nicht am Bahnhof aufgetaucht ist«, sprach Sandy leise weiter. Ihre Stimme klang beim Versuch, neue Tränen zurückzuhalten, ein wenig verzerrt. »Wissen Sie, sie wollte mich nie dabei haben, wenn sie . . .« Sandy brach ab und räusperte sich laut. »Aber sie wurde auch noch nie erwischt. Trotzdem hatten wir für den Fall, dass mal etwas schiefgeht, vereinbart, dass ich noch ein, zwei Stunden am Treffpunkt auf sie warte und dann versuchen sollte, sie anzurufen. Aber ihr Telefon war aus.« Mit einer Hand strich sie sich ununterbrochen durch ihre schwarzen Haare. Sie hatte einen ähnlichen frechen Fransenschnitt wie Niki. »Danach bin ich zu unserem Unterschlupf am Strand gegangen und habe dort weiter auf sie gewartet. Als es immer später geworden ist, hab ich Schiss gekriegt, dass etwas Schlimmes passiert ist. Also bin ich zur Polizei.« Sie senkte ihren Kopf ein wenig und blickte unter ihren Wimpern zu Hanna auf. »Und ich habe doch recht damit, dass Niki etwas zugestoßen ist. Nicht wahr? Sonst hätte man mich doch nicht zu Ihnen zur Kripo nach Rostock gebracht.«

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