Teil 07

Die Kleine war pfiffiger als erwartet. Hatte sie sich zuvor noch fast um Kopf und Kragen geredet, so wurde Hanna erst jetzt bewusst, dass Sandy durchaus sehr geschickt darin war, ihre Gefühle und Ängste hinter einer Maske zu verbergen. Und wahrscheinlich hatte sie sich an die Möglichkeit, dass Nicole nur etwas länger bei der Polizei aufgehalten wurde, wie an einen Strohhalm geklammert.

Gerade als Hanna zu einer Antwort ansetzen wollte, klingelte das Telefon. Sie erhob sich und ging um den Schreibtisch herum. »Entschuldigen Sie mich kurz«, sagte sie an Sandy gewandt.

Ein Mitarbeiter vom Kriminaltechnischen Institut des LKA war am Apparat, um ihr eine Treffermeldung zur Toten auf schnellstem Wege zu übermitteln. Die Kollegen von der hiesigen Kriminaltechnik hatten die Fingerabdrücke also direkt weitergeleitet. Nun bekam Hanna die Bestätigung. Niki konnte eindeutig als Nicole Bernhagen, geboren am elften Juni 1998 in Stralsund, identifiziert werden, weil sie vor einem Jahr wegen einer gefährlichen Körperverletzung bereits erkennungsdienstlich behandelt worden war. Sandy hatte also die Wahrheit gesagt, zumindest was den Geburtstag betraf. Hanna bedankte sich für die zügige Information.

Nachdenklich verharrte sie noch vor dem Telefon, obwohl sie inzwischen aufgelegt hatte.

»Frau Hilpert?«, sprach sie Sandy schließlich an, um deren Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

Sandy hob langsam den Kopf. Sichtbar mehr Tränen rannen ihr jetzt unaufhaltsam über das Gesicht. Ihr Blick war fragend und verängstigt.

»Sie haben gesagt, dass Sie befürchteten, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte. Was sollte das Ihrer Meinung nach sein? Hatte Nicole oder hatten Sie beide in letzter Zeit vielleicht irgendwelche ernsthaften Schwierigkeiten?«

Die junge Frau ihr gegenüber fing laut an zu schluchzen. Da sie sich offenbar gerade nicht imstande fühlte, ihr zu antworten, nickte sie nur hefig.

Hanna griff in ihre Schreibtischschublade und holte eine Packung Zellstofftaschentücher hervor. Sie reichte ihr eins, und Sandy schnäuzte sich mit zittrigen Fingern die Nase. Hanna ließ ihr ein wenig Zeit, um sich etwas zu beruhigen.

Nach einer Weile fing Sandy zu erzählen an. »Niki und ich, wir hatten Schulden. Doch wir hatten nie ernsthafte Probleme, weil wir immer pünktlich gezahlt haben. So ist das, wenn man frei sein will. Das ist das Gesetz der Straße«, fügte sie energisch hinzu, als Hanna nur Luft holte, als ahnte sie, dass die Kommissarin mehr darüber wissen wollte. »Aber Niki hatte sowieso keine Angst, vor niemandem«, setzte sie fort. »Selbst als sie eines Tages mit einem fettgeschwollenen Auge und zerfetzten Klamotten zurückkam. Sie hatte überall blaue Flecken. Ich dachte, da ist vielleicht was schiefgelaufen, während sie auf Tour war. Aber sie hat es abgetan, als wäre es nichts. Doch kurz darauf erzählte sie mir, dass sie sich verfolgt und nicht mehr sicher fühlte und wir deswegen untertauchen müssten.«

Sandy hörte auf zu reden. In sich gekehrt schien sie ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Doch dann sprach sie weiter. »Niki redet nie groß über ihre Probleme. Sie mimt immer die Starke. Vor ein paar Wochen sind wir also von Kühlungsborn nach Warnemünde umgesiedelt. Eine Zeitlang war Ruhe, aber vor drei Tagen war dann unsere kleine Strandhütte, die wir selbst gebaut haben, völlig zerstört worden, und an einem Holzbalken stand mit roter Farbe Du bist tot.

Einen kurzen Moment herrschte eine fast schon unheimliche Stille im Raum. »Wieso haben Sie das nicht der Polizei gemeldet?«, fragte Hanna, die sich inzwischen wieder Sandy gegenüber auf ihren Bürostuhl gesetzt hatte.

Ein klägliches Glucksen drang aus Sandys Kehle. »Nehmen Sie es mir nicht übel, Frau Kommissarin, aber die Polizei war für uns logischerweise nie ein Thema. Eigentlich dürfte ich gar nicht mit Ihnen reden. Niki hält alle Polizisten für korrupt.« Plötzlich schien ein Ruck durch Sandy zu gehen. Sie richtete ihren Oberkörper kerzengerade auf, und zum ersten Mal überhaupt blickte sie Hanna mit einer urgewaltigen Entschlossenheit in die Augen. »Bitte sagen Sie mir, was mit Niki passiert ist.«

Der flehende Ausdruck in ihrem Blick jagte Hanna eine Gänsehaut über den Rücken. Sie hob eine Hand an ihre trockenen Lippen und strich sich mit Daumen und Zeigefinger über die Mundwinkel. Kurz zögerte sie noch, ihre Entscheidung abwägend, doch dann sagte sie: »Es tut mir sehr leid, Sandy, aber Ihre Freundin ist tot.«


Auf dem Weg von Rostock nach Putbus zum Anwesen der Familie Bernhagen hatte Hanna viel Zeit, um alle bislang erlangten Informationen zu ordnen und zu verarbeiten. Für die Strecke musste sie ungefähr anderthalb Stunden einplanen.

Sie hätte freilich die Kollegen vom Polizeikommissariat Bergen mit der Überbringung der Todesnachricht beauftragen können. Eigentlich sogar müssen. Denn die Insel Rügen lag außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches. Doch nach allem, was sie erfahren hatte, wollte sie sich selbst ein Bild von der Familie machen.

Sandy Hilpert war in einen hemmungslosen Weinkrampf verfallen, als sie offenbar endgültig begriffen hatte, dass ihre Freundin tot war. Und dann war die Wut gekommen, und sie hatte ihren ganzen Frust herausgelassen.

Als Hanna sie auf die Eltern von Nicole Bernhagen angesprochen hatte, war Sandy richtiggehend ausgetickt. »Die werden froh sein, dass sie Niki endlich los sind«, hatte sie gesagt und dabei Gift und Galle gespuckt.

Der Satz hatte sich in Hannas Gedächtnis eingebrannt. Es war schockierend, solch verbitterte Worte aus dem Mund einer jungen Frau zu hören, die doch ihr ganzes Leben noch vor sich hatte.

Warum hatte Sandy das gesagt? Ihren eigenen Worten zufolge hatte Nicole Bernhagen doch von sich aus die Familie verlassen. Und wenn auch auf sehr zweifelhafte Art und Weise, so hatte sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient, ohne ihren Eltern auf der Tasche zu liegen. So richtig ergab das für Hanna noch keinen Sinn.

Doch aus Sandy war irgendwann nichts mehr herauszubekommen. Es war, als hätte sie sich auf einmal tief in ihr Innerstes zurückgezogen und eine unüberwindbare Schutzmauer um sich aufgebaut. Von jetzt auf gleich hatte sie nur noch fortgewollt, und Hanna hatte sie nicht länger aufhalten können. Selbst das Angebot, sie zurück nach Warnemünde zu bringen, hatte sie strikt abgelehnt.

Hanna fuhr auf die Autobahn und reihte sich in den Samstagsverkehr ein. Jetzt im Juli war an der Ostsee Hochsaison, und die unzähligen Urlauber mit ihren Fahrzeugen und Wohnanhängern überfluteten geradezu die Straßen.

Während Hanna nur stockend vorankam, wählte sie die Nummer der Rechtsmedizin. Über die Zentrale ließ sie Dr. Weiland ausrichten, dass sie es heute nicht mehr schaffen würde, zu ihm zu kommen. Also bat sie darum, dass er ihr das vorläufige Sektionsgutachten zur Dienststelle schickt.

Ihre Recherche über die junge Bernhagen hatte nichts Neues zutage befördert. Nur ein Eintrag lag im Polizeilichen Auskunftssystem zu ihr vor, eben jene Körperverletzungsanzeige vor knapp einem Jahr. Es war natürlich gut möglich, dass sie früher schon Bekanntschaft mit der Polizei gemacht hatte. Doch etwaige Jugendsünden waren inzwischen natürlich aus dem System gelöscht worden.

Laut Melderegister wurde Nicole Bernhagen vor zwei Jahren von der elterlichen Adresse abgemeldet. Unbekannt verzogen lautete die offizielle Version. Tatsächlich war sie seither aber ohne festen Wohnsitz gewesen.

Als Hanna die Autobahn bei Stralsund verließ und auf die Bundesstraße fuhr, nahm das Gedränge der rollenden Blechlawine noch mehr zu.

Seufzend ließ Hanna die Scheibe zu ihrer Seite heruntersurren und schob den Ellenbogen nach draußen. Sie dachte an Harry Wagner, dessen Leben am seidenen Faden hing. Gleich am Montag musste sie unbedingt mit den zuständigen Ermittlern vom Raubdezernat sprechen. Zwischen dem Raubüberfall und dem Mord an Nicole Bernhagen bestand möglicherweise mehr als nur eine zufällige Verbindung.

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