Teil 09

Doch hier war die Ausgangslage eine andere. Aufgrund der Gegebenheiten war eher davon auszugehen, dass Nicoles Familie ihr mit völliger Gefasstheit, wenn nicht sogar mit Gleichgültigkeit begegnete.

Von der Straße aus war die Villa nicht zu sehen gewesen. Eine hochgewachsene, aber akkurat geschnittene Hecke, die das Privatgelände umschloss, hatte die Sicht versperrt.

Hanna lenkte ihren Wagen über den langgezogenen Weg, der durchgehend von einer Allee gesäumt war und parkte schließlich vor dem großen Gebäude, dessen herrschaftlicher Stil beeindruckend war.

Sie stieg aus und ging auf den breiten Treppenabsatz zu. Während sie die Stufen erklomm, wurde die Haustür geöffnet. Ein Schönling im weißen Poloshirt und sportlich geschnittener Hose erschien und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. Sein Blick, mit dem er Hanna begegnete, wirkte kühl und abweisend. Vielleicht wollte er gerade zum Golfplatz und wurde nun wegen einer nervigen Polizistin aufgehalten.

»Also, worum geht’s?«, fragte er gelangweilt, kaum dass Hanna die letzte Stufe erreicht hatte.

Hanna zückte ihre Dienstmarke. »Kriminalhauptkommissarin Platner, Kripo Rostock«, stellte sie sich erneut vor. »Darf ich erfahren, wer Sie sind?«

Der Mann mit dem schnöselhaften Auftreten verzog affektiert das Gesicht. »Ich bin Moritz Bernhagen, Sohn von Konrad und Silvia Bernhagen sowie der zukünftige Besitzer dieses Anwesens. Reicht Ihnen das als Antwort?«

»Dann sind Sie also Nicole Bernhagens Bruder?« Hanna ignorierte seinen herablassenden Ton und blickte ihn mit entwaffnender Freundlichkeit an.

Moritz Bernhagen stierte sie an. Es schien, als hätte ihn Hannas Frage ein wenig aus dem Konzept gebracht. »Sie ist meine Halbschwester«, korrigierte er Hanna schließlich. Offenbar legte er auf diesen kleinen Unterschied großen Wert. »Hat sie wieder irgendwelchen Mist gebaut?«

Eine elegant gekleidete Dame mittleren Alters tauchte hinter ihm auf. Das muss Silvia Bernhagen, Nicoles Mutter sein, vermutete Hanna sofort.

»Was ist denn los, Moritz?«, fragte sie, während sie Hanna eingehend musterte.

Mit ihrem Outfit passte Hanna natürlich nicht ins Bild. Wahrscheinlich genauso wenig wie die Tatsache, dass sie Polizistin war. »Ich bin –«

»Mutter, darf ich vorstellen, Hauptkommissarin Platner von der Kripo Rostock«, fuhr Moritz Bernhagen ungeduldig dazwischen. »Sie ist wegen Nicole hier.« Er schaute auf Hanna herab, was ihm wegen seiner stattlichen Körpergröße nicht sonderlich schwerfiel. »Sie hätten sich den weiten Weg zu uns auf die Insel sparen können. Hier werden Sie Nicole jedenfalls nicht finden.«

»Ich –«, setzte Hanna erneut an, als nun Silvia Bernhagen ihr unvermittelt ins Wort fiel.

»Eines sage ich Ihnen gleich.« Sie schob sich an ihrem Sohn vorbei und baute sich nun fast schon drohend vor Hanna auf. »Falls Nicole im Knast sitzt, dann kann sie dort bleiben, bis sie schwarz wird. Ich werde jedenfalls keine Kaution für sie zahlen, um sie da rauszuholen.« Ihr bitterböser Blick aus kalten Augen ließ keinen Zweifel aufkommen, dass sie überhaupt irgendetwas für ihre Tochter tun würde.

Abgesehen davon, dass die Frau vielleicht auch zu viele amerikanische Filme gesehen hatte. Denn in Deutschland war eine Kaution für Verdächtige eher selten. Dieses Geschäft mit der Strafkaution gab es bei uns nicht. Doch das behielt Hanna für sich. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um belehrend aufzutreten. Doch diese Herzlosigkeit ging nicht spurlos an ihr vorüber. Sandy Hilperts Worte kamen ihr in den Sinn. Und innerlich musste sie dem Mädel jetzt zustimmen.

Sie räusperte sich kurz und startete einen weiteren Versuch, endlich zu Wort zu kommen. »Ich habe eine sehr traurige Nachricht für Sie«, begann sie, obwohl sie sich inzwischen bestätigt fühlte und sich sicher war, dass ihre nachfolgenden Worte nicht zu großer Trauer führen würden. Allein der Gedanke entsetzte sie. »Es tut mir aufrichtig leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Nicole nicht mehr am Leben ist. Sie wurde heute Morgen in einem Park in Warnemünde tot aufgefunden.«

Stille trat ein, und nur das Zwitschern der Vögel war zu hören. Mutter und Sohn starrten Hanna gleichermaßen ungläubig an. Während Hanna bei Moritz Bernhagen eine zunehmende Blässe in dessen Gesicht zu erkennen glaubte, schien seine Mutter sich schnell wieder gefangen zu haben.

»Das musste ja irgendwann mal passieren«, murmelte sie kopfschüttelnd. »Diese verdorbene Göre hat nur Schande über unsere Familie gebracht.«

Wie bitte? Hanna glaubte, sich verhört zu haben. Zwar überraschte sie es nicht, dass keiner der beiden in einen ohnmächtigen Schockzustand verfiel oder einen körperlichen Zusammenbruch erlitt, aber das, das hatte sie nicht erwartet. Jetzt war sie eher diejenige, die wirklich schockiert war. Wollten die denn nicht einmal wissen, wie es passiert war? Interessierte sie das tragische Ende einer jungen Frau, die trotz aller möglichen Differenzen und Enttäuschungen doch ein Mitglied ihrer Familie war, denn gar nicht?

»Mein Beileid«, rang sie sich dennoch zu einer Beileidsbekundung durch. »Das Polizeikommissariat in Bergen wird sich in den nächsten Tagen mit Ihnen in Verbindung setzen, sobald Nicoles Leichnam freigegeben wurde.«

»Freigegeben? Was soll das denn heißen?«, fragte Silvia Bernhagen barsch.

Hanna sah ihr ruhig in die Augen. »Ich ermittle wegen Mordes, Frau Bernhagen. Die Umstände, wie Ihre Tochter zu Tode kam, sprechen leider dafür, dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Derzeit befindet sich ihr Leichnam zur Obduktion in der Rechtsmedizin.«

»Was?«, stieß Silvia Bernhagen mit schriller Stimme aus. »Sie war eine kleine Gaunerin, ein Nichtsnutz. Wem sollte es etwas bringen, sie zu ermorden?«

Ihr verzerrtes Lachen schmerzte Hanna in den Ohren. »Nun, das versuche ich herauszufinden«, erwiderte sie sachlich. »Fühlen Sie sich in der Lage, mir ein paar Fragen zu beantworten?« Es war abstrus, dass sie diese Frage überhaupt so feinfühlig formuliert hatte, obwohl die Dame des Hauses kalt wie ein Eisblock war.

Silvia Bernhagen zuckte die Schultern. »Wenn es denn sein muss.« Plötzlich formten sich ihre Augen zu schmalen Schlitzen. »Sie denken doch nicht etwa, dass wir etwas damit zu tun haben?«

»Ich denke gar nichts, Frau Bernhagen. Ich möchte Ihnen nur ein paar Fragen stellen«, antwortete Hanna beherrscht. Ihr Blick fiel auf Moritz Bernhagen, der immer noch stumm wie ein Fisch war. Er wirkte wirklich sehr blass jetzt. War ihm Nicoles Tod vielleicht doch nicht so egal? »Brauchen Sie Hilfe oder möchten Sie sich vielleicht lieber setzen?«, sprach sie ihn vorsichtig an.

Tatsächlich schien er wie aus einer Trance zu erwachen. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Ich muss sowieso los. Bin schon viel zu spät dran. Wenn Sie also nichts dagegen haben? Meine Mutter kann Ihnen ja Ihre Fragen beantworten.« Verglichen mit seiner minutenlangen Schweigsamkeit hatte er jetzt ohne Punkt und Komma gesprochen. Er war aufgewühlt und nervös, das blieb Hanna keinesfalls verborgen.

»Warten Sie«, hielt Hanna ihn auf, da er sich bereits an ihr vorbeigeschlichen hatte und die Treppe hinunterlief. »Ich muss von Ihnen beiden wissen, wann Sie das letzte Mal Kontakt zu Nicole hatten.«

Moritz Bernhagen drehte sich seufzend zu ihr um. Sein Blick traf jedoch nicht Hanna, sondern ging an ihr vorbei zu seiner Mutter. »Keine Ahnung. Ist schon ein paar Monate her«, antwortete er auffallend widerwillig.

»Und was wollte sie?«, fragte Hanna gleich weiter.

Wieder ging der Blick des Schönlings zu dessen Mutter. Hanna warf einen schnellen Blick zur Seite. Doch im Gesicht von Silvia Bernhagen konnte sie nichts lesen. Nichts, was darauf hindeutete, dass ihr Sohn versuchte, seine Antwort vorher mit ihr abzustimmen.

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren. Es gibt keine Tracker und keine Weitergabe Ihrer Nutzungsdaten an Dritte.