Teil 09

Und verlieben wollte sie sich ja sowieso nie mehr. Das führte zu nichts als Unglück.

Nein, dieses Kapitel war für sie abgeschlossen.

6

»Und wie willst du das durchziehen?« Lians Kollegin und auch langjährige Freundin Margarethe Leonora Amalie – nie hatte sie ihrer Mutter verziehen, dass sie sich so eine pompöse Namenskombination ausgedacht hatte –, genannt Maggie, blickte Lian zweifelnd an. »Ich meine, jetzt hast du ja Urlaub, aber wie willst du das machen, wenn du wieder arbeiten musst?«

Etwas schuldbewusst verzog Lian das Gesicht. »Das habe ich verdrängt. Zuerst dachte ich, nur für den Urlaub. So ein kleines Techtelmechtel zwischendurch. Zur Entspannung. Aber jetzt –« Sie schüttelte den Kopf, am meisten über sich selbst. »Ich weiß nicht. Ich finde sie so . . . aufregend. Interessant irgendwie. Das hatte ich schon lange nicht mehr.«

Maggie lachte leicht. »Also für mich klingt sie eher nach einer Zicke. Ganz schönes Explosionspotenzial. Mit nichts zufrieden.«

»Ich glaube, sie hat irgendetwas Schweres durchgemacht, eine tiefe Enttäuschung oder so.« Nachdenklich schürzte Lian die Lippen.

»Ach Gottchen!« Maggie schlug gespielt dramatisch die Hände vor sich zusammen. »Ist es nicht furchtbar? Das arme kleine Frauchen ist tief enttäuscht worden? Wie schrecklich. Und so außergewöhnlich. Ist uns anderen ja noch nie passiert.« Sie beugte sich vor. »Auf so etwas fällst du rein?«

»Ja, ich weiß.« Wieder verzog Lian das Gesicht. »Ich war immer die erste, die sich über solche Dinge lustiggemacht hat. Und ist ja auch richtig. Wir schlagen uns hier mit wirklich lebensbedrohlichen Dramen herum, und dann kommt so etwas wie so ein kleiner häuslicher Streit, der dagegen bedeutungslos erscheint. Aber das Leben besteht nun einmal daraus. Und für viele Leute hat das eine große Bedeutung.«

»Für viele Leute vielleicht«, hielt Maggie dagegen. »Aber für dich?« Sie schüttelte den Kopf. »Du weißt doch, was mir passiert ist. Bei unserer Arbeit sind wir einfach zu wenig zu Hause. Und wenn man dann mal nach Hause kommt . . .«

»Aber so muss es doch nicht sein.« Lian fühlte sich unwohl bei dieser Diskussion. Denn sie hatte sie schon mit sich selbst geführt. Und eigentlich war sie Maggies Meinung. »Sie ist wie eine Wildkatze, die sich mit ausgefahrenen Krallen gegen eine Beziehung wehrt. Deshalb will sie wahrscheinlich gar nicht so etwas Enges. Vielleicht ist es ihr ganz recht, wenn ich nicht so viel zu Hause bin.«

»Ha!« Eingebettet in einen abfälligen Luftstrom stieß Maggie das hervor. »Das glaubst du doch nicht wirklich. Im Moment tut sie vielleicht so. Aber was ist, wenn ihr euch näherkommt? Wenn es in Richtung Zweisamkeit geht? Zusammenleben, vielleicht sogar Hochzeit und der ganze Schmarrn? Was meinst du, was sie dann von dir erwartet?«

Lian grinste etwas verlegen. »Wahrscheinlich werde ich alt. Vielleicht sollte ich mir einen anderen Beruf suchen.«

»Das willst du nicht«, sagte Maggie. »Und das kannst du auch gar nicht.«

Ein tiefer Seufzer entrang sich Lians Brust. »Du hast recht. Ich will es nicht. Wenn ich es wollte, hätte ich es wahrscheinlich schon längst getan.«

»Du bist einfach nicht für einen Job hinter einem Schreibtisch geschaffen.« Maggie tippte ihr spielerisch auf den Arm. »Wozu würdest du das dann alles brauchen?«

»Meine Muskeln?« Lian hob den Arm und blickte darauf, als wollte sie ihren Bizeps spielen lassen, was sie aber nicht tat. Stattdessen ließ sie den Arm wieder sinken. »Die kann man sich auch erhalten, wenn man hinter einem Schreibtisch sitzt. Man muss nur regelmäßig trainieren.«

»Und trotzdem ist es nicht dein Ding. Mach dir doch nichts vor.« Maggie trank einen Schluck von ihrem Bier. »Du brauchst das Abenteuer. Die Aufregung. Hinter einem Schreibtisch würdest du in kürzester Zeit eingehen wie ein Baum ohne Wasser.«

»Musst du denn immer recht haben?« Lian blitzte sie an und trank ihr eigenes Bierglas nun in einem Zug aus.

»Tja.« Maggie zuckte die Schultern. »Das liegt nun mal in meiner Natur.« Sie grinste.

»Irgendetwas stimmt nicht«, sagte Lian. Ihre Finger hatten sich um das leere Bierglas gelegt und spielten nun daran herum. »Ich habe versucht sie anzurufen. Aber sie nimmt nicht ab.«

»Na bitte.« Geradezu erleichtert blickte Maggie sie an. »Sie will gar nichts mehr von dir wissen. Das ist doch eindeutig.« Blinzelnd legte sie ein wenig den Kopf schief. »Musst du vielleicht mal wieder an deinen Fähigkeiten im Bett arbeiten?« Ihr Grinsen wurde sehr amüsiert.

Strafend blickte Lian sie an. »Ich habe nicht mit ihr geschlafen. Habe ich doch gesagt.«

»Ja, gesagt . . .« Maggie dehnte das sehr in die Länge. »Aber das ist doch ziemlich untypisch für dich. Sonst bist du ja schon eher der Typ So viele Frauen, so wenig Zeit

»Sonst ist nicht jetzt«, erwiderte Lian ärgerlich.

Ein paar Sekunden lang betrachtete Maggie sie nur. »Dir liegt wirklich etwas an ihr, hm?« Besorgt schüttelte sie den Kopf. »Das ist nicht gut.«

»Weiß ich ja.« Lian hob den Arm und winkte der Kellnerin, dass sie ihr noch ein Glas bringen sollte. »Aber sie ist wirklich etwas . . . Besonderes.«

»Wer sagt das?«, fragte Maggie süffisant. »Dein Kopf oder dein Unterleib?«

»Ich habe nicht mit ihr –«, setzte Lian erneut an.

»Aber du wolltest. Gib’s zu. Ich kenne dich doch.« Wieder beugte Maggie sich vor. »Und es beunruhigt mich, dass du es trotzdem nicht getan hast. Wirst du weich?«

»Was hat das damit zu tun?« Maggie war wie eine lästige Fliege, die einen umschwirrte und die man einfach nicht vertreiben konnte, dachte Lian. Für einen kurzen Augenblick wünschte sie sich eine Fliegenklatsche.

»Du hast solche Gefühle nie an dich herangelassen. Sie waren dir nicht wichtig«, sagte Maggie. »Und auf einmal sind sie es. Also was ist da passiert?«

Nicola ist passiert, dachte Lian. Wie eine Atombombe ist sie in mein Leben geknallt. Und jetzt bewundere ich den schön geschwungenen Pilz, ohne mir über die Gefahren Gedanken zu machen. »Es war so ein Zufall«, sagte sie. »Ich gehe normalerweise nie zu ALDI. Plötzlich fuhr ich da vorbei und hatte Durst, dachte, ich springe schnell rein und hole mir was. Und dann stand sie da an der Kasse, hatte kein Geld . . .«

»Mannomann!« Genervt aufstöhnend lehnte Maggie sich zurück. »Der weiße Ritter in der strahlenden Rüstung. Oder was bist du?«

»Du weißt, dass ich das nicht so sehe«, entgegnete Lian pikiert.

»Trotzdem bist du immer gern mit der Masche gefahren.« Maggie grinste wieder. »Und hattest Erfolg damit. Also hast du doch nur deine übliche Routine abgespult.«

Langsam schüttelte Lian den Kopf. »Es war keine Routine«, sagte sie dann. »Gar nicht.« Sie zuckte die Schultern. »Na ja, vielleicht noch bis zu der Fassadenkletterei. Aber dann abends . . .«

»Dann abends bist du ihren schönen Augen zum Opfer gefallen, oder was?« Tadelnd zog Maggie die Luft ein und stieß sie wieder aus. »Oder hat sie noch andere Talente?« Sie machte eine Geste, als wollte sie große Brüste vor ihrem Oberkörper beschreiben.

»Hörst du wohl auf!« Lian schlug leicht lachend nach ihr, musste sich dann aber zusammennehmen, weil die Kellnerin mit ihrem Bierglas kam. »Danke«, sagte sie und lächelte sie an, als sie es vor sie hinstellte.

»Siehst du?«, sagte Maggie. »Das sind Argumente.« Wieder machte sie die Geste vor ihrer Brust und schaute der Kellnerin nach. »Und jetzt bestreite nicht, dass du ihr genüsslich in den Ausschnitt geguckt hast.«

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