Teil 04

Das war ihr schon lange nicht mehr passiert, dass eine Frau sie auf Anhieb so gefangennahm. Ungewöhnlich.

Vielleicht war es diese Szene mit Vic gewesen, die so einen tiefen Eindruck in ihr hinterlassen hatte. Es schien, als ob Vic Sarah sehr unglücklich machte – das hatte ja auch Carlo bestätigt –, Sarah aber trotzdem zu ihr hielt, obwohl von außen betrachtet alles nach Trennung schrie.

Manche Frauen waren furchtbar loyal, auch wenn der Gegenstand ihrer Loyalität das vielleicht gar nicht verdient hatte.

Aber was wusste sie schon über die beiden? Sie hob die Augenbrauen. Sie sollte sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angingen.

Vic interessierte sie nicht, nur Sarah.

Und Sarah war am Wochenende allein.

2

»Es freut mich, dass Sie gekommen sind.« Fabiola lächelte Sarah an, als sie vom Kellner im Fra Diavolo an ihren Tisch geführt wurde.

»Bin ich zu spät?« Sarah setzte sich, und der Kellner rückte ihr den Stuhl zurecht. »Ich dachte, ich wäre pünktlich. Tut mir leid, wenn ich Sie habe warten lassen.«

»Sie sind nicht zu spät.« Fabiola betrachtete Sarahs leicht erhitztes, rosig schimmerndes Gesicht. Wie süß, dachte sie. Sie ist wirklich sehr süß. »Ich bin immer zu früh.« Entschuldigend lächelte sie erneut. »Das ist eine nervige Angewohnheit von mir.«

»Wen nerven Sie damit?« Sarah lächelte auch. Sie nahm die Menükarte und überflog die erste Seite.

»Alle.« Fabiola hatte bereits gewählt. Sie beachtete die Speisekarte nicht. »Trinken Sie Wein?«, fragte sie. »Ich habe einen Gagnerot bestellt, den ich letztes Jahr selbst aus Frankreich mitgebracht habe. Da ich oft hier esse, habe ich ein paar Flaschen in den Weinkeller legen lassen.«

»Ich verstehe nicht viel von Wein.« Sarah zog ein wenig die Stirn kraus.

»Es ist ein Burgunder. Rot.« Fabiola hob ihr Glas und betrachtete kurz den dunkel schimmernden Inhalt. »Ich mag diese leidenschaftliche Farbe.« Sie musterte Sarah über den Rand ihres Glases hinweg mit einem intensiven Blick.

Sarah tat so, als hätte sie die Anspielung nicht bemerkt. »Ich dachte, es kommt eher auf den Geschmack an«, sagte sie.

Fabiola lachte leicht. »Sie lassen mich abblitzen. Das ist gut.« Schmunzelnd stellte sie ihr Glas ab.

»Oh nein, entschuldigen Sie.« Es schien Fabiola, als erinnerte Sarah sich daran, dass es darum ging, eventuell ein Bild oder sogar mehrere an Fabiola zu verkaufen. Sie wirkte auf einmal verlegen. »So war es nicht gemeint.«

»Doch, war es«, entgegnete Fabiola leicht amüsiert. Sie umfasste Sarah lächelnd mit ihrem Blick. »Und das gefällt mir. Sehr.« Sie beugte sich leicht vor. »Bitte sagen Sie mir, wenn ich Sie belästige. Das möchte ich nicht.« Ich möchte viel lieber, dass du es nicht als Belästigung empfindest, dachte sie. Dass du dasselbe willst wie ich. Aber das würde sich erst zeigen.

»Ich sollte Sie vielleicht ehrlicherweise darüber aufklären, dass ich nicht ungebunden bin«, erklärte Sarah kühl. »Falls Sie es sich noch einmal überlegen wollen, bevor ich bestelle.«

Fabiola lehnte sich zurück und lachte leise. »Sie meinen, das sollte ich tun: es mir noch einmal überlegen?« Sie schüttelte belustigt den Kopf. »Ihre wunderbare Ehrlichkeit macht Sie nur noch attraktiver. Da fällt es mir schwer zu überlegen.«

Diese Bemerkung schien Sarah zu überraschen. »Sie sind aber auch ziemlich ehrlich«, meinte sie erstaunt.

»Ich habe die Erfahrung gemacht«, erwiderte Fabiola, »dass das am meisten bringt. Wir sollten beide wissen, wo wir stehen, bevor wir irgendeine Entscheidung fällen.«

»Eine Entscheidung?« Sarah hob die Augenbrauen. »Die einzige Entscheidung, die ich hier sehe, ist das Auswählen der Speisen. Und natürlich«, sie hob leicht die Hand, »falls Sie über die Bilder der Künstlerin sprechen wollen, auf deren Vernissage Sie gestern waren. Oder irgendwelche anderen Bilder.«

In diesem Moment erschien der Kellner an ihrem Tisch, und sie gaben ihre Bestellung auf.

Nachdem er wieder gegangen war, verschränkte Sarah ihre Hände auf dem weißen Tischtuch. »Vielen Dank übrigens für die Blumen, die mich heute Morgen in der Galerie erwartet haben.«

»Haben sie Ihnen gefallen?«, fragte Fabiola. »Ich wusste nicht, was Sie mögen.«

»Oh, wem gefallen langstielige dunkelrote Rosen im Dutzend nicht?«, erwiderte Sarah etwas spöttisch. Sie hob die Augenbrauen. »Leider war der Strauß so übertrieben groß, dass ich ihn ins Lager stellen musste. Ich habe nicht viel davon gesehen.«

Was für eine Frau, dachte Fabiola. Sie gefällt mir immer besser. Wenn das überhaupt noch geht. »Wie schade«, bemerkte sie fast noch belustigter als zuvor. Dieses Abendessen gestaltete sich wesentlich vergnüglicher, als sie es erwartet hatte. »Ich hatte so gehofft, dass Sie sie den ganzen Tag über anschauen und sich auf den Abend freuen.«

»So etwas Ähnliches habe ich mir gedacht.« Sarahs Mundwinkel zuckten. »Aber es wäre vielleicht besser, Sie betrachten das hier als Geschäftsessen, nicht als ein privates Treffen.«

»Ah.« Fabiola beugte sich wieder vor. »Das heißt, Sie sehen das hier als reine Verkaufsverhandlung?«

»Ich dachte, das ist es, ja.« Sarah hielt Fabiolas Blick stand, der sie eindringlich musterte. »Ich erhalte Prozente von jedem Bild, das ich verkaufe.«

»Dann muss ich Ihnen ja etwas abkaufen«, lächelte Fabiola. »Damit Sie Ihre Zeit hier nicht verschwendet haben.«

»Frau de Arrighi . . .« Sarah schaute sie mit tadelnd hochgezogenen Brauen an.

»Ich sehe, Sie haben sich nach meinem Namen erkundigt«, schmunzelte Fabiola.

»Er stand auf der Karte«, erwiderte Sarah kühl. »Kaum zu übersehen.«

»Nun ja, Sie mussten ja schließlich wissen, von wem die Blumen kommen«, erklärte Fabiola nonchalant. »Könnte ja sein, dass mehr als ein Strauß pro Tag bei Ihnen abgegeben wird.«

Sarahs Mundwinkel zuckten erneut. Zumindest schien sie sich zu amüsieren. »Ja, manchmal bekomme ich Blumen von Kunden, das stimmt. Sie sind nicht die erste.«

»Nun ja . . .« Fabiola hob die Augenbrauen. »Ich hatte eher daran gedacht, dass Vic einen Strauß geschickt hat. Um sich für das ausgefallene Wochenende zu entschuldigen.«

Sarahs Miene verschloss sich. »Vic ist kein Blumentyp«, sagte sie. Auf einmal begannen ihre Augen zu blitzen. »Und im Übrigen geht Sie das überhaupt nichts an!«

»Da haben Sie wohl recht.« Mit einer um Verzeihung bittenden Geste hob Fabiola die Hände. »Es tut mir wirklich leid, aber . . .«, sie ließ ihren Blick über Sarahs angespanntes Gesicht schweifen, »ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen helfen könnte, das Wochenende so angenehm wie möglich zu gestalten.«

Weit öffneten sich Sarahs Augen. »Sie bieten mir an . . .« Ihre Lippen zuckten unentschlossen. »Sie bieten mir an, Vic an diesem Wochenende . . . zu ersetzen?«, fragte sie dann ungläubig. »Das ist verrückt.«

Fabiola lächelte weich und einnehmend. »Ist es wirklich so verrückt, das Wochenende mit einer schönen Frau verbringen zu wollen?«

Mit einem Ausdruck äußersten Unverständnisses auf dem Gesicht schüttelte Sarah den Kopf. »Sie können das Wochenende verbringen, mit wem Sie wollen. Aber ich«, sie schaute Fabiola mit wütend zusammengezogener Stirn an, »stehe dafür nicht zur Verfügung.«

»Sie wollen lieber allein leiden?«, fragte Fabiola. »Oder sogar am Sonntag arbeiten?«

»Ich leide nicht.« Sarahs Gesicht war ein einziges Bild der Abwehr. »In einer Beziehung kommt so etwas nun einmal vor. Dass man mal getrennt ist. Dass die Arbeit dazwischenfunkt. Das gehört dazu.«

»Mal ja«, bestätigte Fabiola nickend. »Aber ich konnte es nicht vermeiden mitzubekommen, dass dieses Wochenende wohl nicht das erste ist, an dem Sie alleingelassen werden. Trotz Beziehung.«

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