Teil 04

Sie ging an einem noch sehr jung aussehenden Polizeimeister vorbei, der seine Mütze in den Händen drehte und ziemlich angespannt wirkte. Anscheinend hatte er noch nicht so viele Leichen zu Gesicht bekommen. Hanna schenkte ihm ein gutmütiges Lächeln, obwohl sie selbst unter Strom stand und ein paar aufbauende Worte gerade hätte gut vertragen können.

Automatisch musste sie an Wieke denken. Seit gestern Abend schien in ihrem Leben einiges schiefzulaufen. Beziehung futsch und jetzt noch ein totes Mädchen, dessen trauriges Schicksal sie hätte vielleicht verhindern oder wenigstens beeinflussen können. Doch andererseits wusste natürlich, dass das Blödsinn war. Niki hätte keine zwei Stunden auf der Wache zubringen müssen, bis man ihre Personalien aufgenommen und den Diebstahl zur Anzeige gebracht hätte. Danach hätte man sie sowieso wieder laufenlassen. Und dann hätte sie ihrem Mörder trotzdem noch begegnen können.

Und dennoch konnte Hanna dieses Wissen keinesfalls beruhigen. Immer wieder schoben sich Bilder in ihr Gedächtnis, wie Niki sie angesehen hatte. Da war Angst in ihren graublauen Augen gewesen. Aber Hanna hatte die ganze Zeit gedacht, dass dies daher kam, weil sie erwischt worden war. Doch je häufiger sich die ganze Szene vor ihrem inneren Auge abspielte, umso mehr kam sie zu der Erkenntnis, dass Niki ihr noch etwas hatte mitteilen wollen. Wenigstens schien sie darüber nachgedacht zu haben, so wie sie Hanna noch einmal angeschaut hatte, kurz bevor sie verschwunden war.


»Was machst du denn hier?« Hanna war am Morgen gerade auf dem Weg ins Büro, als sie Karen Schendler von der Abteilung für Sexualdelikte Gang begegnete. »Hast du etwa eine feuchte Wohnung?«

Karen machte ein betretenes Gesicht. »Es tut mir leid, dass sie dich an deinem freien Wochenende reingeholt haben.« Ihre Miene wurde noch ein bisschen betrübter. »Ich habe Bereitschaft, aber ich habe das Telefon nicht gehört«, gestand sie zerknirscht. »Hab vergessen, es lautzustellen.« Sie blickte zu Boden und strich mit der Schuhspitze über das graue Linoleum.

»Ach was, mach dir keinen Kopf.« Hanna musste schmunzeln. Da passiert ein Mord, und dann hat ausgerechnet jemand von den Sexualdelikten Bereitschaftsdienst. Wie bei den Ärzten. Hat man einen Herzinfarkt, kommt ein Gynäkologe. Sie zwinkerte ihrer Kollegin aufmunternd zu und sagte: »So etwas kann doch mal passieren.«

»Ist dir das denn schon mal passiert?«

Hanna dachte kurz nach. »Nein, ich glaube nicht. Seltsam, oder?« Sie musste über sich selbst lächeln und verzog schon fast entschuldigend das Gesicht, während sie weiter den Gang entlanglief und Karen ihr folgte.

»Der KDD meint, ich soll dich unterstützen. Falls du also Hilfe brauchst?«

Als Hanna unvermittelt wieder stehenblieb, prallte Karen fast auf sie drauf. Es hätte sie nicht verwundert, wenn Karens Schuhsohlen gequietscht hätten, so eine Vollbremsung, wie sie hingelegt haben musste.

Über die Worte nachdenkend drehte Hanna sich wieder zu Karen um. Zum jetzigen Zeitpunkt hatte es noch keinen Sinn, bei der Vermisstenstelle nachzufragen. Sie bezweifelte, dass Niki bereits vermisst wurde. Falls überhaupt irgendjemand sie vermisste. Aber dann fiel ihr doch noch etwas ein. »Du kannst tatsächlich etwas für mich tun«, begann sie. »Könntest du mal recherchieren, ob von einem Harry Wagner aus Elmenhorst ein Diebstahl angezeigt wurde? Die Tote hatte seine Geldbörse bei sich.«

»Aber natürlich«, erklärte Karen sich eifrig bereit. Das schlechte Gewissen musste ihr arg zu schaffen machen. Im Moment würde sie wahrscheinlich jede Aufgabe erledigen, die anfiel. Sie machte auf dem Absatz kehrt und lief den Gang zurück. Bei dem Tempo hüpfte ihr Zopf auf und nieder. »Ich melde mich, sobald ich was hab«, rief sie noch, ehe sie um die Ecke verschwand.

Hannas Computer hatte offenbar auch Wochenende, so elend lange, wie er brauchte, um das Betriebssystem zu starten. Ungeduldig trommelte Hanna mit den Fingern auf die Schreibtischplatte. Es war noch zu früh, um jetzt schon ins Institut zu Dr. Weiland zu fahren. Und die Kriminaltechniker waren mit der Tatortarbeit vermutlich auch noch nicht fertig. Sie brauchte erst die Fingerabdrücke oder eine DNA-Probe von Niki, um überprüfen lassen zu können, ob die junge Frau schon mal erkennungsdienstlich behandelt wurde. Sobald sie den Zahnstatus hatte, konnte sie auch eine Anfrage an die kassenzahnärztliche Vereinigung schicken.

Doch im Moment war sie ein bisschen zur Untätigkeit verdammt. Und nichts hasste sie mehr als das. Daher schrieb sie nun doch eine Mail an das Führungs- und Lagezentrum und an die Geschäftsstelle der Fahndungsabteilung, die neuerdings auch die Vermisstenfälle bearbeitete, und gab die wenigen Infos, die sie zu Niki hatte, bekannt. So waren die Kollegen dort wenigstens schon vorinformiert, falls in den nächsten beiden Tagen doch noch eine Vermisstenmeldung einging, die auf Nikis Beschreibung passte.

Während sie schon mal die Datenbanken nach etwas Verwertbarem durchforstete, kam Karen mit ein paar losen Zetteln in der Hand zu ihr ins Büro. Hanna hob den Kopf und sah ihre Kollegin erwartungsvoll an.

»Keine Anzeige von Herrn Wagner«, begann Karen jedoch nicht sehr vielversprechend.

Hanna runzelte die Stirn. War das etwa schon alles?

»Aber ich habe da etwas gefunden«, setzte Karen sogleich fort. Wahrscheinlich war ihr Hannas unzufriedener Gesichtsausdruck nicht entgangen. »Er wurde vorgestern auf offener Straße überfallen und dabei ziemlich schwer verletzt. Die Kollegen vom Raubdezernat konnten noch nicht mit ihm sprechen. Er liegt auf der Intensivstation und wurde ins künstliche Koma versetzt. Vielleicht schafft er es nicht.«

Niki, eine brutale Räuberin? So richtig konnte Hanna sich das nicht vorstellen. »War jemand bei ihm gewesen?«

Karen schüttelte den Kopf. »Nein. Er ist gegen elf Uhr abends von einer Firmenfeier, die im Hotelrestaurant Am neuen Teich stattgefunden hatte, zu Fuß nach Hause gegangen. Allein, haben seine Kollegen gesagt. Er soll einiges intus gehabt haben. Ein Radfahrer hat ihn dann blutüberströmt auf der Straße gefunden und den Rettungsdienst gerufen.« Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Unterlagen, ehe sie fortfuhr. »Die Ehefrau von Herrn Wagner hatte gemeldet, dass das Portemonnaie ihres Mannes nicht bei seinen Sachen im Krankenhaus war. Er hatte es an dem Abend aber auf jeden Fall bei sich.«

»Ich gehe davon aus, dass noch nicht überprüft werden konnte, ob die Kredit- oder Girokarte fremdbenutzt wurde«, sprach Hanna mehr zu sich selbst. In so kurzer Zeit war mit Sicherheit noch keine Bankauskunft erteilt worden.

Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Sie griff zum Telefon und rief Sandra Bommer an. Schnell brachte sie ihr Anliegen vor. Zwar hatte Niki die Geldbörse samt Inhalt bei sich, was eigentlich Beweis genug war. Trotzdem bat Hanna darum, alle Sachen kriminaltechnisch und vor allem auf Fingerabdrücke zu untersuchen.

Mit einem Seufzer legte Hanna den Hörer auf. Sie faltete ihre Hände im Nacken und ließ gedankenverloren ihren Blick schweifen, bis er an Karen hängenblieb, die immer noch am Aktenschrank lehnte. Sie schien förmlich auf den nächsten Auftrag zu warten, so erwartungsvoll, wie sie Hanna anschaute. Über diese Dienstbeflissenheit musste Hanna sogar ein bisschen schmunzeln. Aber sie hatte Erbarmen mit Karen, die jetzt sowieso nichts weiter tun konnte. Und wer wusste schon, ob nicht schon das nächste Verbrechen vor der Tür stand, das ihren Einsatz erforderte.

»Danke, Karen. Du hast mir wirklich sehr geholfen.« Sie lächelte ihre Kollegin freundlich an. »Aber ich denke, du kannst dich jetzt erst mal abmelden und nach Hause fahren. Dann wärst du vielleicht noch rechtzeitig zum Frühstück bei deiner Familie.«

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren. Es gibt keine Tracker und keine Weitergabe Ihrer Nutzungsdaten an Dritte.