Teil 01

Tag 0: Der Ausbruch

Das Klirren einer Schlüsselkette durchbrach ihre Gedanken, und sie sah verwirrt auf. Als könnte sie sich nicht erinnern, wie sie an diesen Ort gekommen war.

Ein Schlüssel wurde ins Schloss geschoben und herumgedreht. Das Geräusch erschien unnatürlich laut.

Sie drehte den Kopf, erblickte die in Weiß gekleidete Gestalt, die eintrat.

»Es gibt Mohnbrötchen. Die mögen Sie doch, nicht wahr?« Eine sanfte, tiefe Stimme. So unpassend für die große Pflegerin.

Bernadette stand auf und ging auf die Pflegerin zu, die sie freundlich anlächelte.

Mit einer ansatzlosen Bewegung schoss ihr Bein in die Höhe, traf die Pflegerin am Kinn. Der lange Körper fiel um wie ein gefällter Baum.

Vorsichtig, aber dennoch zielgerichtet huschte Bernadette zu ihr, legte ihre Finger auf die Halsschlagader. Sie spürte, wie das Blut pochte. Sie hatte den Tritt exakt berechnet. Schließlich wollte sie die Pflegerin nicht töten. Nur raus hier.

Schnell zog sie die Frau in den Raum hinein, entkleidete sie ihres Kittels, hievte sie auf die Schlafliege an der Wand und deckte sie zu. Die Schlüssel klapperten verheißungsvoll in der Kitteltasche, als sie ihn anzog. Das war der Weg nach draußen. Nur musste sie noch den Weg bis zum Ausgang überwinden.

Sie war bisher wie eine Schlafwandlerin durch die Gänge geschlurft, von ihrem Zimmer zu Untersuchungen oder Therapie und zurück, aber ihr fotografisches Gedächtnis hatte sich von dem Schock, den sie erlitten hatte, nicht beirren lassen. Sie konnte die Bilder wie aus einem Album abrufen.

Bilder, Gesichter, Reaktionen, Uhrzeiten. Wann viele Leute da waren und wann wenige. Wie viele es waren. Wo sie standen. Wie sie sich verhielten.

Jetzt war es Morgen, früher Morgen, aber schon Zeit fürs Frühstück, denn man aß zeitig hier, egal, welche Mahlzeit es war. Zur Frühstückszeit war immer eine Menge los, alle kamen und gingen, und die Angestellten des Hauses waren morgendlich müde, mussten erst richtig an ihrem Arbeitsplatz ankommen. Viele rieben sich noch den Schlaf aus den Augen. Das war günstig.

Sie blickte auf das Tablett, das die Pflegerin auf dem Tisch am Eingang abgestellt hatte. Nein, eigentlich mochte sie keine Mohnbrötchen.

Den Kopf gesenkt ging sie an dem Tisch vorbei, huschte mit dennoch energischen Schritten – die Pflegerinnen waren immer an ihren energischen Schritten zu erkennen – durch den Gang, der Treppe zu. Schnell lief sie hinunter. Bis jetzt hatte niemand sie aufgehalten.

Sie hatte den Notausgang in ihrem Gedächtnis abgespeichert. Dort musste sie hin. Notausgänge durften nie verschlossen sein. Brandschutzvorschriften.

Am Ende des Ganges sah sie das rote Emblem leuchten. Sie ging darauf zu. Mühsam beherrschte sie sich, nicht zu laufen. Sie durfte auf keinen Fall auffallen.

»Schwester!«

Jemand rief sie an, aber sie drehte sich nicht um.

»Schwester, helfen Sie mir doch mal!«

Sie wandte leicht den Kopf. Sie kannte die Frau nicht, die sie gerufen hatte. Es würde Aufsehen erregen, wenn sie weiterging. Mit einem schiefen Lächeln blickte sie zurück. »Ich hab’s eilig.«

»Nur einen Moment.« Es war eine junge Ärztin, die offenbar mit einem Rollstuhl kämpfte, der sich nicht aufklappen lassen wollte.

Bernadette rechnete schnell alle Alternativen und deren Folgen im Kopf durch. Ihr Blick flog dabei wie ein Suchscheinwerfer über den Gang. Sie waren ziemlich allein. Aber die Ärztin außer Gefecht zu setzen war doch zu gefährlich. Und jeden Moment konnte die Pflegerin in ihrem Zimmer entdeckt werden, auch wenn sie die Tür abgeschlossen hatte.

Sie legte mit raschen Schritten die Distanz zu der jungen Ärztin zurück und klappte den Stuhl auf. »Hatte sich nur verhakt.« Gleich darauf war sie wieder auf dem Weg zum Notausgang. Die auf einmal überraschten grauen Augen hatten sich ihr eingeprägt. Aber kein Ruf erscholl.

Als sie die Tür nach draußen aufstieß, warf sie einen Blick zurück. Die junge Ärztin stand da, immer noch mit diesem überraschten Ausdruck im Gesicht.

Die schwere Eisentür fiel hinter Bernadette zu. Auf der Straße rollte der Verkehr. Autos, Busse, Fahrräder, Fußgänger. In einer einzigen Bewegung atmete sie tief durch und startete wie von einer Feder geschnellt einen blitzartigen Lauf, sprintete über den Bürgersteig davon, dass die Menschen ihr erstaunt nachsahen.

Sie lief und lief, bis Seitenstiche sie davon abhielten weiterzulaufen. Sie musste sich umziehen. Dieser weiße Kittel war zu auffällig, damit würden sie sie sofort finden. Kurzentschlossen bog sie in eine schmutzige Gasse ein. Müllcontainer. Sie zog den Kittel aus, öffnete eine der großen Klappen und verzog das Gesicht. Der Geruch, der ihr entgegenschlug, ließ sie fast ohnmächtig werden. Wenn da etwas drin war, würde sie es kaum tragen können. Aber loswerden konnte sie den Kittel so schon. Schnell ließ sie ihn in die stinkende Tiefe fallen und schlug die Klappe wieder zu.

Sie drehte den Kopf. Ihr Blick nahm alles in sich auf. Auf der großen Straße, die hinter dieser Gasse lag, gab es ein Kaufhaus, das wusste sie. Man musste den Stier bei den Hörnern packen, wenn man gewinnen wollte. Wer hatte das immer gesagt? Für einen Moment verdunkelten sich ihre Augen.

Emmi. Sie hatte es gesagt. Und dabei gelacht. Dieses wunderbare Lachen . . .

Bernadette riss sich zusammen. Es war verschwunden. Genauso wie Emmi. Nie mehr würde sie lachen oder so etwas sagen. Blut. Rot. Bilder blitzten in ihr auf, die ihr Unterbewusstsein gleich wieder unterdrückte. Aber ihr Bewusstsein wusste, dass Emmi umgebracht worden war. Schließlich war sie, Bernadette, dafür verurteilt worden.

Aber sie hatte es nicht getan. Auch wenn sie keine Erinnerung daran hatte, was geschehen war, aber das hatte sie nicht getan. Niemals. Niemals ihre schöne, zarte, wunderbare Emmi.

Ihre Lippen pressten sich zusammen. Welches Schwein auch immer das getan hatte, er würde es büßen.

Als ob sie nur auf dem Weg zu einem Einkaufsbummel wäre, betrat sie das Kaufhaus, blickte sich wie zufällig um. Aha, da war der Hausdetektiv. Den musste sie im Auge behalten. Sie nahm einen Schuh in die Hand, drehte ihn. Falsche Größe.

Während sie herumschlenderte, suchte sie sich alles zusammen, was sie brauchte. Dann ging sie auf die Toilette und zog sich um. Sie riss die Diebstahlsicherungen aus den Kleidungsstücken heraus. Auch eine Perücke hatte sie mitgenommen. Nun war sie blond, obwohl ihre Haare sonst dunkel wie die Nacht schimmerten.

Die Sonnenbrille verdeckte ihre Augen, die neuen Kleider ließen sie wie eine völlig andere Frau erscheinen. Geschmack hatte sie immer gehabt, aber diesmal hatte sie nach pragmatischen Gesichtspunkten ›eingekauft‹: dunkle, unauffällige Sachen.

Langsam ging sie zum Ausgang. Sie hoffte, sie hatte keine der Diebstahlsicherungen übersehen, sonst würden alle Alarmglocken schrillen, wenn sie das Kaufhaus verließ. Sicherheitshalber stieß sie beiläufig ein paar Parfümfläschchen auf dem Glasverkaufstisch am Eingang um. Auch eine Vase. Sie zerbrach mit splitterndem Knall auf dem Boden.

Alle Augen richteten sich auf das Unglück. Sie glitt hinaus wie eine Schlange im Dschungel, die zufrieden damit ist, dass sie Beute gemacht hat, und niemand belästigte sie.

Draußen angekommen hielt sie sich nah an der Hauswand, bis sie wieder in eine Gasse abbiegen konnte. Nun hatte sie Kleider, aber immer noch kein Geld. Sie würde nicht weit kommen, wenn sie es ohne das versuchte.

Erneut zeigte sich das schiefe Lächeln auf ihrem Gesicht, das für sie so typisch war. Gestohlen hatte sie schon lange nicht mehr. Sie hatte gedacht, das läge hinter ihr. Es war wie eine Reise in ihre Vergangenheit.

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