Teil 01

1

Leise schlich sich Tabea im Garten von Baum zu Baum. Immer näher an das Haus heran. Von der Straße aus war sie nicht zu sehen. Es war das perfekte Grundstück für einen Einbruch. Vorn hell erleuchtet, aber rundherum durch Hecken vor fremden Blicken geschützt. Was als Schutz der Privatsphäre vor den Nachbarn gedacht war, wurde für sie zu einem ausgezeichneten Sichtschutz vor unerwünschten Blicken.

Kerstin wartete an dem kleinen Loch in der Tujahecke, durch das Tabea zuvor schon hindurchgeschlüpft war. Es sollte eigentlich keiner der Bewohner zu Hause sein. Sie hatten es die letzten Tage gründlich ausbaldowert.

Das war gar nicht so einfach gewesen. Schließlich fielen sie in dieser noblen Wohngegend auf wie bunte Hunde. Nicht nur, weil Kerstin einen roten Irokesenschnitt hatte, den sie beim Auskundschaften meistens unter einem Cappy versteckte. Allein schon an ihren Klamotten war zu sehen, dass sie nicht ganz hierhergehörten. Aber wenn man täglich um jeden Euro kämpfte, konnte man es sich eben nicht leisten, schicke Kleidung zu tragen. Auch wenn Tabea darauf achtete, dass sie wenigstens einigermaßen sauber war. Was gar nicht so einfach war, wenn man ihre Lebenssituation betrachtete.

Es lief offenbar wie geplant. Der Mann war zum Sport gegangen, und die Dame des Hauses hatte sich von einem Taxi abholen lassen. Außer den beiden wohnte anscheinend niemand im Haus. Einen Hund gab es auch nicht. Dennoch wollten sie auf Nummer sicher gehen. Sie wollten drinnen auf keine bösen Überraschungen stoßen.

Der Sommer neigte sich dem Ende, und vereinzelt fielen schon ein paar Blätter. Das bedeutete nicht nur, dass es abends noch angenehm warm war, sondern es war auch noch Tageslicht vorhanden. Ein Nachteil, wenn es darum ging, sich unbemerkt durch fremde Wohngegenden zu schleichen. Aber ein Vorteil, wenn es darum ging, von außen in die Häuser zu schauen. Außerdem erhöhte es die Wahrscheinlichkeit, dass die Bewohner ein Fenster im Haus zum Lüften offenließen.

Tabea befand sich mittlerweile direkt an der Hauswand. Jetzt kam der kritische Teil, denn an dieser Stelle konnte sie von den Nachbarn gesehen werden, falls die aus den oberen Stockwerken heraus aus den Fenstern schauten. Sie suchte deshalb Schutz hinter einer Wassertonne.

Bingo. Von hier aus sah sie ein Fenster direkt über sich, das lediglich gekippt war. Sie gab ein Schnalzen von sich, und wenige Sekunden später war Kerstin direkt neben ihr. Wie kein Zweiter konnte sich Kerstin lautlos fortbewegen. Sie hatte Tabea dadurch schon einige Male zu Tode erschreckt, wenn sie plötzlich wie aus dem Nichts hinter oder neben ihr erschienen war.

Kerstin zog einen Schraubenzieher aus ihrem Rucksack. Es war für sie eine Kleinigkeit, das Fenster aus den Angeln zu heben. Und auch wenn es nicht ihr erster gemeinsamer Einbruch war, klopfte Tabeas Herz bis zum Hals, als sie das knirschende Geräusch hörte, während Kerstin das Fenster aufhebelte.

Jetzt musste alles ganz schnell gehen. Kerstin sprang ins Haus, gefolgt von Tabea. Wie erwartet setzte der schrillende Ton der Alarmanlage ein. Davon ließen sich die zwei aber nicht beirren. Da sie schon oft genug von außen in das Gebäude geschaut hatten, wussten sie genau, wer wo hingehen würde.

Mit ein paar geübten Griffen öffneten sie gezielt Schubladen, Kaffeedosen, unauffällige Kästen oder das Gefrierfach im Kühlschrank. Keine dreißig Sekunden dauerte es, bis sie wieder den Rückzug antraten.

Kerstin öffnete die Terrassentür, und sie stürmten hinaus in den Garten. Aus dem Nachbarhaus schrie ihnen noch jemand hinterher. Tabea konnte nur schwer dem Drang widerstehen, ihren Kopf in dessen Richtung zu drehen. Gleichzeitig war sie froh, ihren Kapuzenpulli zu tragen. Die Kapuze hatte sie vor Betreten des Gartens übergestülpt und tief ins Gesicht gezogen.

Jetzt rannten sie auf das Loch zu, durch das sie zuvor schon hereingeschlüpft waren. Kerstin preschte zuerst hindurch und blieb fast mit dem Rucksack an einem störrischen Ast hängen. Mit Wucht riss sie sich los und rannte weiter.

Der Ast schnellte jedoch zurück und traf Tabea im Gesicht. Ihre rechte Wange brannte, doch es blieb keine Zeit, sich darum zu kümmern.

Kerstin lief einfach weiter. Sie hatte anscheinend gar nicht bemerkt, was hinter ihr passiert war. Tabea folgte ihr, während sie spürte, dass es ihr warm an der Wange herunterlief.

Sie durchquerten einen angrenzenden Garten, sprangen über einen Zaun und schlugen sich durch eine weitere Hecke. Das Glück war ihnen hold. Genau in diesem Moment hielt ein Bus an der Haltestelle. Sie stiegen wortlos ein und setzten sich weit auseinander. Tabea zog ein zerfleddertes Tempo aus ihrer Hosentasche und drückte es sich gegen die blutende Wange.

Beim nächsten Halt stiegen sie wortlos aus und verschwanden in verschiedene Richtungen, ohne sich anzusehen.

Etwa eine Stunde lief Tabea kreuz und quer durch die Stadt. Immer mal wieder schaute sie sich um oder versuchte in spiegelnden Schaufensterscheiben zu erkennen, ob sie jemand verfolgte. Sie hasste dieses Gefühl, auf der Flucht zu sein. Die panische Angst davor, doch noch erkannt und von der Polizei geschnappt zu werden.

Wie so oft schwor sie sich, dass dies der letzte Einbruch war. Sie war nicht stolz darauf, dass sie andere Leute beklaute. Selbst wenn es den reichen Schnöseln nicht schaden konnte, ein wenig von ihrem Wohlstand mit der Gesellschaft zu teilen, wie Kerstin es immer formulierte. Tabea musste aber auch zugeben, dass es einen gewissen Reiz hatte, auf Beutezug zu gehen. Natürlich ging es letztendlich nur darum, dass sie sich am Ende des Tages nicht hungrig schlafenlegen musste. Dennoch konnte es ihr nicht das schlechte Gewissen nehmen, das sie nach jedem Diebstahl überkam.

Ihr Puls hatte sich mittlerweile wieder beruhigt. Niemand schien hinter ihr her zu sein oder Verdacht zu schöpfen, dass sie gerade eine Straftat begangen hatte. Dennoch war sie nervös und griff mit der linken Hand immer wieder in die Hosentasche, um sich zu vergewissern, dass das Geld noch da war. Noch hatte sie keine Ahnung, wie viel es tatsächlich war. Sie hatte einfach nur zugelangt, als sie die Scheine in der Keksdose gefunden hatte.

Endlich hatte sie den kleinen Park erreicht und lief schnurstracks auf ihren Lieblingsbaum zu. Problemlos schwang sie sich hoch in dessen Äste und lehnte sich an seinen Stamm. Sie zog die Beine an und suchte mit den Füßen Halt in einer Astgabel. Jetzt saß sie bequem und hatte einen Überblick nach allen Seiten. Sie würde es sofort bemerken, sollte jemand was von ihr wollen.

Für einen Moment schloss sie die Augen. Sie hörte die Vögel um sich herum zwitschern und das freudige Geschrei der Kinder, die im Park Fußball spielten.

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren.
Datenschutzerklärung Einverstanden