Teil 02

Eine weitere Ärztin betritt das Zimmer, wirft einen Blick auf die Monitore und mustert anschließend mich. Ohne etwas zu sagen. Sie stellt sich nicht vor, und das kleine Schildchen an ihrem Kittel kann ich auch nicht erkennen. Die Entfernung ist zu groß. Augenblicklich fällt mir ein, dass ich ja eigentlich eine Brille trage.

Wo ist sie? frage ich mehr mich selbst als eine der beiden Ärztinnen. Sie haben mir sowieso schon den Rücken zugewandt und sind in meine Krankenakte vertieft.

Wenn sie sprechen, dann ganz leise, beinahe im Flüsterton. Keine Ahnung, aus welchem Grund sie das tun. Sie wissen nicht, dass ich hören kann wie ein Luchs, und deshalb trotzdem verstehe, was sie sagen.

Zwar sind es nur Gesprächsfetzen, aber von diesem Moment an ist nichts mehr wie vorher.

». . . versagen . . . Dialyse, aber . . . wieder.«

Wovon, zum Teufel, reden die da? Von mir?

Meine Hände werden feucht, mein Mund noch trockener, als er es sowieso schon ist. Ich habe Angst. Große Angst. Ihr Geschmack liegt auf meiner Zunge, bitter und pelzig.

Meine Stirn legt sich in Falten, als wolle ich ein Teilchen zu dem mentalen Puzzle in meinem Kopf hinzufügen, an dem ich unentwegt arbeite.

Dieser Begriff – Dialyse . . . Ich mag mich gar nicht näher mit seiner Bedeutung für mein Leben befassen. Er löst in mir ein diffuses Ohnmachtsgefühl aus.

Neben mir beginnt es erneut zu piepsen, rote Lämpchen fangen an zu blinken. Eine herbeieilende Pflegekraft drückt mich zurück ins harte, kratzende Kissen und wirft einen prüfenden Blick auf die Gerätschaften, mit denen ich verkabelt bin. Es schein nichts Gravierendes zu sein, und sie schaltet den Ton ab.

Für ein paar Sekunden liege ich einfach nur so da und warte. Darauf, dass sich mein wild hämmerndes Herz beruhigt.


Der Schrecken vom aufgeschnappten Gespräch am Vormittag sitzt mir noch immer in den Knochen, aber ich versuche einfach, nicht daran zu denken.

Vielleicht kann mir ja die Physiotherapeutin, die sich angekündigt hat, die nötige Ablenkung verschaffen. Ich habe sie schon ein paarmal gesehen, aber immer nur aus einiger Entfernung.

Bevor ich diesen Gedanken zu Ende führen kann, ist sie auch schon bei mir.

»Hallo, ich bin Renee Strauss. Und Sie«, sagt sie mit einer Stimme, die bei mir sofort Wirkung zeigt, »müssen Frau Molitor sein. Hallo.«

Herzlich lächelnd kommt sie näher, bis an den Giebel des Bettes.

Mit meiner Brille, die sich inzwischen wieder angefunden hat, kann ich die Physiotherapeutin wunderbar erkennen. Erwartungsvoll und hoffentlich nicht zu bewundernd schaue ich sie an.

Wie ihre Augen leuchten.

»Richtig. Hallo«, erwidere ich etwas verzögert, weil ich in Gedanken ganz woanders bin. Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht steigt und meine Ohren anfangen zu glühen. Auch das noch . . . wie peinlich!

Wieder dieses Lächeln, und ihre Augen leuchten mit. Sie sind blau, stelle ich für mich selbst fest.

»Haben Sie denn schon mal auf der Bettkante gesessen?«, fragt sie.

Ich schüttle verneinend den Kopf, bin unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen.

»Okay, dann fangen wir mit ganz einfachen Bewegungen an, bei denen Sie bitte liegenbleiben.«

Es sind wirklich ganz leichte Übungen, aber sie strengen mich dermaßen an, dass ich schon nach wenigen Minuten resignierend abwinke. »Ich kann nicht mehr.«

»Ein bisschen muss ich Sie schon noch quälen, schließlich wollen Sie sich doch wieder ohne Schwierigkeiten bewegen können. Oder sehe ich das etwa falsch?«

Nein, tust du natürlich nicht.

Ich zwinge mich dazu, ihren Anweisungen so gut ich kann zu folgen. Ich gebe mir wirklich Mühe, schließlich will ich sie ja nicht enttäuschen.

So ein Quatsch! Was soll das denn heißen? Du tust das nicht für sexy Renee, sondern für dich! flüstert es in meinem Kopf.

Dass mir die simpelsten Bewegungsabläufe mal so schwerfallen würden . . . Aber es ist so.

Als die Therapiestunde endlich vorbei ist und Frau Strauss sich mit »Morgen versuchen wir es dann im Sitzen« verabschiedet, schlafe ich innerhalb von wenigen Minuten völlig erschöpft ein.

Nach zwei weiteren Tagen auf der Intensivstation mit zweimal täglich Physiotherapie – jeweils vor- und nachmittags – bin ich zumindest so fit, dass ich verlegt werden und von da an mit einer Gehhilfe und drei angehenden Therapeutinnen im Schlepptau die Flure unsicher machen kann. Die ersten, wichtigsten Schritte sind also getan.

Immer wieder frage ich mich, wo wohl Frau Strauss sein mag . . .

Ob sie Urlaub oder eventuell andere Dienstzeiten hat? Eigentlich könnte es mir egal sein, aber da ist dieses Gefühl, dass mir etwas oder besser gesagt jemand fehlt.


Meine Entlassungspapiere in der Hand steige ich in der Woche darauf in ein Taxi und lasse mich nach Hause chauffieren.

Während der Fahrt starre ich durch das Seitenfenster. Hinaus auf die an mir vorbeiziehende Landschaft. Um diese Zeit ist sie immer sehr farbenfroh, jedoch nicht für mich. Alles ist ein Grau in Grau.

Allein sie habe ich vor Augen. Erneut hängen meine Gedanken Renée Strauss nach, die mich bei meinen ersten Schritten zurück ins Leben begleitet hat.

Doch jetzt ist sie nicht mehr da, und ich bin wieder auf mich allein gestellt.

Reiß dich zusammen, du schaffst das!

Na klar. Allerdings könnte ich jetzt ganz gut einen Tritt in den Hintern gebrauchen. So als kleinen Ansporn. Aber es geht auch ohne. Wetten?

Dann leg ich auch schon los. Meine Tasche lasse ich direkt neben mir zu Boden plumpsen, die Sneakers kicke ich – mehr oder weniger behände, aber doch eher weniger – in die Ecke und . . . ab aufs Sofa, Füße hoch. Eine Runde Couchpotatoe! Denk, ich. Aber zehn Minuten müssen drin sein.

Nur kurz verschnaufen. Die paar Meter vom Taxi ins Haus haben mich ziemlich geschlaucht. Kann eigentlich nicht sein. Wieder plagen mich diese Selbstzweifel.

Hat ja nicht lange angedauert, dein Optimismus.

Angesäuert gönne ich meinen zittrigen Beinen einen Blick, der alles andere als begeistert ist. Sie fühlen sich an wie ein Haufen Matsch, den ich ohne Weiteres durch die Finger quetschen könnte. Bildlich vorstellen mag ich mir das lieber nicht.

Jetzt, wo ich nach Wochen auch den ersten Blick in den Spiegel wage, haut es mich fast um. Der Anblick gibt mir – sozusagen – den Rest. Das, was mir da gegenübersteht und mich permanent anstarrt, gefällt mir überhaupt nicht.

So sehen also sechzig Pfund weniger aus. Erschreckend. Am Hals und an den Händen zeichnen sich unter meiner blassen, eigenartig wächsern schimmernden Haut, so scheint es, sämtliche Sehnen ab. Und das überdeutlich.

Ich muss schlucken. Das blöde Gefühl runterschlucken. Aber es ändert sich nichts. Es sitzt fest.

Früher, in der Davor-Zeit, war ich gut genährt. Das blühende Leben, wie man so schön sagt. Und nun? Ich sehe aus wie . . . na ja . . . ungesund eben.

Wenn ich mich genauer betrachte, meine Finger zum Beispiel . . . Von wegen Klavierfinger! Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie erinnern sie mich eher an Spinnenbeine. So lang und dürr.

Und meine Frisur hat auch mächtig gelitten, die Haare stehen in sämtliche Richtungen. Gerade so, als hätte ein Vogel versucht, sich ein Nest zu bauen.

Sie sind eindeutig zu lang. Ich muss unbedingt zum Friseur.

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