Teil 02

Sie schaute sich um, als sie den Marktplatz betrat. Hier würde es leicht sein, sich ein wenig Geld zu verschaffen. Die Leute achteten nicht sehr auf ihre Sachen, wenn sie Porree und Äpfel aussuchten.

Die Frauen ließ sie in Ruhe. Sie bestahl nur Männer. Sie waren so nachlässig, trugen ihr Portemonnaie in der Gesäßtasche. Nichts einfacher, als es dort herauszuziehen. Ihre Finger waren nicht mehr im Training, aber es dauerte nicht lange, und sie hatte einiges zusammen.

Schnell verließ sie den Marktplatz, sprang in die nächste Straßenbahn und fuhr irgendwo hin. Sie hatte nicht darauf geachtet, welche Linie oder Richtung es war. Das war völlig egal.

Heftig presste sie die Augenlider zusammen. Sie musste sich erinnern. Sie musste einfach. Was war damals geschehen? Was hatte sie gesehen?

In ihrem Gedächtnis waren alle Indizien eingegraben. Alle Indizien, die auf sie hingewiesen hatten. Doch diese Hinweise waren falsch. Waren sie mit Absicht gelegt? Aber von wem? Wer wollte Emmi töten und es ihr, Bernadette, in die Schuhe schieben?

Oder war es gar nicht so? Sie hob den Kopf und starrte blicklos durch die Scheibe hinaus, hinter der Häuser und Menschen verschleiert vorbeizogen.

Blut. Rot. Blut. Rot. Immer wieder blitzte diese Erinnerung in ihr auf. Es war die einzige Erinnerung, die sie hatte. Aber sie sagte ihr nichts.

Sie hatte die Fotos gesehen. Die Fotos von Emmis Leiche. Sie hatten sie ihr vorgelegt, um ein Geständnis von ihr zu erzwingen. Aber sie hatte geschwiegen. Das war nicht Emmi auf diesen Fotos, das war nur ein toter Körper, der nichts mit ihr, Bernadette, zu tun hatte. Fast distanziert hatte sie die Fotos betrachtet.

Sie waren gnadenlos gewesen, diese Fotos, zeigten jedes noch so grausame kleine Detail, und dennoch hatten sie sie kaum berührt. In der Erinnerung kniff sie die Augen zusammen.

Um Emmi herum hatte sich ein See aus Blut gebildet. Sie musste jeden Tropfen Blut verloren haben, den sie besaß. Unzählige Stiche hatten ihren Körper perforiert, die Halsschlagader getroffen und die Schlagader am Bein, viele Wege für das Blut geöffnet.

Das hatte man ihr, Bernadette, vorgeworfen: die besondere Grausamkeit dieses Verbrechens. Nur ein Psychopath konnte so etwas tun. Und sie hatte eine Geschichte als Psychopathin. Sie war schon einmal in der Psychiatrie gewesen, als Jugendliche.

Damals hatte sie sich angewöhnt, überhaupt nichts zu sagen. Jedes Wort konnte verdreht werden. Und zum Schluss kam doch nichts dabei heraus, nichts Positives jedenfalls. Wenn sie es verdrehten, dann sicherlich nicht zu ihren Gunsten. Sie wollten, dass Bernadette es gewesen war. Man hatte sie blutverschmiert über der Leiche gefunden, mit dem Messer in der Hand. Was brauchten sie noch?

Gar nichts. In ihren Augen war sie von Anfang an die Schuldige gewesen. Sie hatten gar nicht nach jemand anderem gesucht. Und dann waren sie alle aufmarschiert, die Schatten aus ihrer Ver-gangenheit, die Psychologinnen und Psychiater, die sie schon damals in der Jugendpsychiatrie betreut hatten.

Sie wäre immer verschlossen gewesen, hätte nie menschliche Bindungen gesucht oder sie sogar verachtet, willentlich zerstört, was andere ihr anboten. Sie wäre asozial, bindungsunfähig, ver-stieße gegen alle Regeln und Vorschriften, ihren Gefühlen entfremdet. Wenn sie überhaupt welche hatte.

Sie sah die Augen von Dr. Heidelinde Schnabel vor sich, als sie das gesagt hatte. Dr. Schnabel hatte sich sehr bemüht, Bernadette zu öffnen, ganz und gar. Denn Dr. Schnabel hatte sich in Bernadette verliebt. Es war Bernadette klar gewesen, als Dr. Schnabel sie das erste Mal berührte.

Wie alt war sie damals gewesen? Fünfzehn? Und doch hatte sie schon gewusst, dass Dr. Schnabel eine Chance war. Ihre erste Reaktion war verhalten gewesen, denn sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, so etwas war zuvor nie nötig gewesen. Aber dann hatte Dr. Schnabel ihr schnell gezeigt, was sie von ihr erwartete. Es war nicht schwer.

Autistische Tendenzen hatten sie ihr unterstellt, und deshalb waren alle froh gewesen, als Dr. Schnabel ihnen sagte, dass sie sich endlich geöffnet hätte. Es war Bernadettes Fahrkarte nach draußen.

Aber das lag weit in der Vergangenheit. Jetzt musste sie erst einmal sehen, dass sie nach Konstanz kam.

Denn dort befand sich die Lösung.

Tag 1: Nachmittag

»Hier, das wird dir gefallen.« Rennis Kollege Ingo kam mit einem breiten Grinsen zur Tür herein und wedelte mit ein paar Fotos. »Sie hat den Kerl geradezu abgeschlachtet. Und so, wie es aussieht, hatte er sich auf was anderes gefreut.« Er warf die Bilder auf den Tisch und setzte sich selbst auf die Ecke. »Du magst doch Frauen, die morden.«

Renni hob die Augenbrauen. »Woher willst du wissen, dass es eine Frau war?«

»Das ist klar wie Kloßbrühe.« Gleichgültig zuckte er die Achseln. »Wir wissen sogar schon, wer. Bernadette Ernst. Sie ist kurz vorher aus der Psychiatrie ausgebrochen. JVA. Saß da wegen Mord an ihrer . . .« Er runzelte die Stirn. »Wie heißt das bei euch? Geliebten? Gespielin?«

»Frau«, entgegnete Renni mit einem strafenden Blick. »Sag einfach Frau. Und lass das andere Monika lieber nicht hören.«

Ingo grinste. Er zog Renni immer wieder gern auf, auch wenn er sich manchmal das unpassende Objekt dafür auswählte. Monika gegenüber hielt er sich allerdings mit solchen Bemerkungen zurück, denn er hatte einen Heidenrespekt vor ihr. »Also verheiratet waren sie glaube ich nicht«, fuhr er fort. »Lebten nur schon eine Weile zusammen. Gemeinsame Wohnung und so.« Er grinste wieder. »Ist ihr wohl zu eng geworden, da hat sie das Mädel abgemurkst. Oder vielleicht hatte sie einen Kerl kennengelernt, und die Dame ist ausgerastet.«

Renni rollte die Augen zur Decke. »Du kennst dich echt mit Lesben aus, was?«

»Na komm . . .« Er schüttelte den Kopf. »So viel anders ist das auch nicht. Eifersucht ist immer ein gutes Motiv.«

»Da hast du recht.« Etwas abwesend schaute Renni auf die Bilder. »Wir haben doch hier in der Nähe gar keine Psychiatrie für Straftäter.«

»Sie war in Wiesloch. Die haben das immer noch nicht im Griff mit der Sicherheit.« Er verzog schief einen Mundwinkel. »Erinnerst du dich noch an den Taximörder? Der ist auch von da stiften gegangen.«

»Ich dachte, seither hätten sie aufgerüstet«, bemerkte Renni nachdenklich, immer noch den Blick auf die Bilder geheftet. Rot war die beherrschende Farbe. Blutrot. »Und haben sie den Typ damals nicht schon nach einem Tag wieder gefasst?«

»Weil er blöd war.« Er nickte. »Ist sie aber nicht. Top-Computerspezialistin. Hat für Sicherheitsfirmen gearbeitet, bevor –« Schadenfroh stülpte er die Lippen vor. »Die hat sich wahrscheinlich schlappgelacht über das, was die in Wiesloch Hochsicherheitstrakt nennen.«

»Wiesloch ist aber von hier nicht gerade um die Ecke«, wandte Renni ein. »Wieso sollte sie hergekommen sein, um hier einen Mord zu begehen?«

»Sie hat geschworen, sich für den Mord an ihrer . . . Frau zu rächen«, sagte Ingo. »Hat immer behauptet, dass sie unschuldig ist, obwohl alle Indizien auf sie wiesen. Und der Kerl hier war ein ehemaliger Kollege der Ermordeten. Wollte wohl auch was von der Kleinen. Vielleicht ist die Ernst so verrückt, dass sie denkt, er hat sie umgebracht, obwohl sie es selbst war.« Er stand auf. »Jedenfalls ist das dein Fall. Die Leiche ist in der Gerichtsmedizin.«

»Mein Fall? Wieso das denn?« Renni blickte ihn erstaunt an. »Ich war doch gar nicht am Tatort.«

»Der Chef meint wohl, du bist in dem Fall kompetenter als alle anderen.« Er grinste wieder.

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