Teil 02

Ihre Wange tat immer noch weh. Aber wenigstens blutete sie nicht mehr.

Jetzt erst traute sie sich, das Geld aus der Tasche zu holen. Ihr Herz hüpfte vor Freude, als sie vier Fünfzig-Euro-Scheine, drei Zwanziger und vier Zehner zählte.

Sie waren selten mit leeren Händen aus einem Haus herausgekommen, aber manchmal war es nur sehr wenig Beute. Und je weniger sie an Geld, Schmuck oder sonstigen Wertgegenständen fanden, desto mieser war danach Kerstins Laune. An ganz schlechten Tagen konnte sie dann regelrecht ausrasten. Wenn Tabea ehrlich war, machten ihr diese Momente richtig Angst. Aber das kam wirklich nur sehr selten vor. Und das eine Mal, als sie Tabea dabei die Lippe aufgeschlagen hatte, war auch nur ein Versehen gewesen.

Kerstin kümmerte sich sonst immer gut um sie. Sie war nicht nur ihre Partnerin, sondern quasi auch ihre Familie. Außer Kerstin hatte sie niemanden, dem sie wichtig war. Deshalb wollte sie Kerstin stolz machen. Und mit dem heutigen Ergebnis würde Kerstin sicherlich zufrieden sein.

Nach einer Weile traute sich Tabea vom Baum wieder herunter und machte sich auf den Heimweg.

Sie schob das Brett am Zaun beiseite und betrat das verwilderte Grundstück. Es war damals wie ein Sechser im Lotto gewesen, als sie zusammen mit Kerstin dieses Haus gefunden hatte. Eigentlich hatten sie dort einbrechen wollen, mussten dann aber feststellen, dass es unbewohnt war.

Es war fast schon ein wenig unheimlich, denn es standen noch so ziemlich alle Möbel darin. Die waren zwar nicht sonderlich hübsch, aber voll funktionsfähig. Sogar ein paar Klamotten lagen in dem einen oder anderen Kleiderschrank. Den Besitzer, wer auch immer das war, schien es nicht zu interessieren, dass das Haus von Fremden bewohnt wurde und diese Bewohner sogar auf seine Kosten lebten. Was ihm eigentlich auffallen müsste, denn Strom und Wasser waren bis jetzt nicht abgestellt worden. Einziges Manko: Die Heizung funktionierte nicht. Somit gab es auch kein warmes Wasser. Aber Tabea wollte sich nicht beklagen. Immerhin hatte sie ein Dach über dem Kopf und einen sicheren Ort, an dem sie sich in Ruhe schlafenlegen konnte.

Sie stieg die Stufen zur Kellertür hinab und betrat das Haus.

Kaum war sie im Flur, fiel ihr Kerstin um den Hals. »Na, wie viel haben wir?« Sie streckte Tabea fordernd die Hände entgegen.

»Dreihundert Euro.« Tabea lächelte und zog das Geld aus der Tasche.

Kerstin riss es ihr sofort gierig aus der Hand und tanzte damit ins Wohnzimmer. So nannten sie jedenfalls das Zimmer, wo ein altes, durchgesessenes Sofa stand und ein kleiner Fernseher, den sie irgendwo mal geklaut hatten. Zusammen mit einer DVB-T-Antenne konnten sie also sogar Fernsehen schauen. Die Antenne war natürlich – was auch sonst – geklaut.

»Was ist dir denn passiert?« Paul kam aus der Küche und zeigte auf Tabeas Wange. »Hat dich jemand geschlagen? Das sieht ja übel aus.«

Sie ging zu einem Spiegel, der gegenüber der Garderobe hing und schaute hinein. Es sah auf den ersten Blick wirklich erschreckend aus. Ihre Wange war nicht nur blutverschmiert, sondern hatte mittlerweile auch einen dicken blauen Fleck und war leicht angeschwollen.

»Nein«, beruhigte sie Paul. »Ich bin versehentlich gegen einen Ast gerannt.«

»Aha, musste es also wieder mal schnellgehen.« Er schaute zu Kerstin, die freudig das Geld um sich warf.

»Sozusagen.« Tabea lächelte schief und kniete sich dann hin, um Gregor zu begrüßen, der schon aufgeregt mit dem Schwanz wedelte, um endlich von ihr gestreichelt zu werden. Sie war froh, sich dem Vierbeiner zuwenden zu können, denn sie schämte sich ein wenig vor Paul.

»Irgendwann erwischen sie euch, oder es geht mal richtig was schief«, mahnte er wie so oft. »Hier und da im Laden mal was mitgehen lassen ist das eine. Aber in fremde Häuser einsteigen, das ist eine ganz andere Nummer.«

»Du hast ja recht«, gab sie geknickt zu. Sie hatten diese Diskussion schon oft geführt. Sie hatte ihm auch immer wieder gesagt, dass sie damit aufhören wollte. Aber spätestens, wenn kein Geld mehr da war und sie nach einem Tag Betteln auf der Straße kaum zehn Euro zusammen hatte, ließ sie sich nur allzu leicht von Kerstin zu einem neuen Diebeszug verführen.

»Du kannst dir Gregor gern mal einen Tag ausleihen. Glaub mir, mit einem Hund an deiner Seite fühlst du dich nicht nur wohler, die Leute geben dir auch mehr.«

Tabea mochte Paul. Ein paar Wochen, nachdem sie das Haus für sich entdeckt hatten, waren Paul und Basti zu ihnen gestoßen. Kerstin hatte vor Basti mit ihrem tollen Winterunterschlupf geprahlt, daraufhin wollte er natürlich auch wissen, wo der ist. Basti brachte Paul mit, und der hatte seinen Hund Gregor im Schlepptau.

Weitere Gäste kamen zu Tabeas Erleichterung nicht dazu. Gegen Mitbewohner wie Paul hatte sie nichts, und Gregor hatte sich schnell in ihr Herz geschlichen. Der etwa hüfthohe Mischlingshund war zwar ein großer Brummer, aber eine herzensgute und treue Seele. Sie liebte es, einfach nur bei ihm zu liegen, und er genoss es, von ihr stundenlang gekrault zu werden.

Doch mit Basti hatte sie ein Problem. Er verkörperte den klassischen Punker. Trug einen langen Iro, dessen Farbe immer mal wieder variierte, und lief meist in schwarzen Lederklamotten herum. Überall im Gesicht trug er Piercings, und Bier schien seine Hauptnahrungsquelle zu sein.

Sie hatte grundsätzlich nichts gegen Punker. Immerhin zählte ihre Freundin schließlich auch irgendwie dazu. Aber dieser Typ war ihr nur noch zuwider. Er benahm sich wie der Rotz am Ärmel.

»Und wie viel hast du?«, wollte Tabea nun von Kerstin wissen, während sie sich auf das Sofa fallenließ.

»Ich habe nur knapp hundert.« Kerstin machte ein trauriges Gesicht. Dann grinste sie bis über beide Ohren. »Und die hier!« Sie holte eine goldene Armbanduhr hinter ihrem Rücken hervor und hielt sie Tabea triumphierend vor die Nase. »Die wird einiges an Kohle bringen.«

»Sicher ein paar hundert Euro, oder?«, fragte Tabea. Sie kannte sich mit Schmuck nicht so gut aus. Kerstin kümmerte sich immer darum, wenn es etwas zu verkaufen gab. Aber Gold war immer gut. So viel wusste sie inzwischen.

»Denke ich auch«, stimmte ihr Kerstin zu.

»Darf ich dieses Mal mitgehen?«, bat Tabea.

»Wohin?«

»Zum Verkaufen.« Tabea versuchte, Gregors Hundeblick zu imitieren.

Doch Kerstin schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Bitte, Kerstin«, flehte Tabea.

»Nein.« Kerstin blieb hart.

Tabea verschränkte die Arme und lehnte sich auf dem Sofa zurück. »Warum denn nicht?«

»Du weißt genau warum, und damit Ende.«

Kerstin hatte Tabea bis jetzt noch nicht verraten, wo und an wen sie den Schmuck vertickte. Einmal hatte sie Tabea erzählt, dass sie es ihr nicht sagen wollte, weil der Käufer sonst verschreckt werden könnte, wenn zu viele davon wüssten. Ein anderes Mal erzählte sie ihr, dass es immer unterschiedliche Käufer seien, je nachdem, ob sie Uhren, Schmuck oder Münzen anzubieten hätte.

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