Teil 03

Paul, der die Diskussion mitangehört hatte, schüttelte nur den Kopf. »Ich geh mal ’ne Runde mit Gregor.«

Er stieg mit dem Hund die Kellertreppe hinunter. Da sie keinen Haustürschlüssel hatten und die Tür nicht aufbrechen wollten, nutzten sie die Kellertür als Ein- und Ausgang. Dort hatte der Originalschlüssel neben der Tür gehangen. Jeder von ihnen hatte inzwischen einen Nachschlüssel, und so konnten sie alle kommen und gehen, wann sie wollten.

»Dann würde ich sagen, spendiert ihr heute Abend mal wieder eine Runde Pizza.« Basti stand plötzlich im Raum. Natürlich mit einer Bierflasche in der Hand. »Euer Erfolg muss ja schließlich gefeiert werden.«

Tabeas Laune sank augenblicklich auf den Nullpunkt. Sie hatte eigentlich gehofft, endlich mal wieder Zeit mit Kerstin allein verbringen zu können. So wie früher.

Als sie sich auf der Straße kennengelernt und beschlossen hatten, die Nächte fortan zu zweit zu verbringen, um ein wenig mehr Sicherheit zu haben, war aus dem Zweckbündnis schnell mehr geworden. Tabea hatte sich Hals über Kopf in Kerstin verliebt. Sie gab ihr genau das, was sie zu Hause nicht bekommen hatte: das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Egal wie kalt es draußen auch war, wenn sie mit Kerstin zusammen war, fühlte sie eine innere Wärme. Zudem schien Kerstin gar nicht genug von Tabea zu kriegen. Jede Nacht waren sie engumschlungen eingeschlafen.

Das alles hatte zwar nachgelassen, als sie in das Haus eingezogen waren, aber Tabea hatte sich nichts weiter dabei gedacht. Schließlich mussten sie hier nicht mehr auf der Straße schlafen, sondern hatten richtige Betten. Außerdem war es doch bei allen Paaren so, dass nach der ersten Verliebtheit alles ein wenig einschlief. Auch wenn sie zugeben musste, dass ihr Kerstin schon lange nicht mehr die Aufmerksamkeit wie früher schenkte. Sie war auch nicht mehr so zärtlich wie am Anfang. Alles schien selbstverständlich geworden zu sein.

Doch Tabea wollte sich nicht beschweren. Es ging ihr immer noch sehr gut bei Kerstin.

»In Ordnung«, lachte Kerstin und klatschte in die Hände. »Ich bestelle die Pizza, und du holst sie.«

»Och Mann, warum schon wieder ich?«, maulte Tabea.

»Ganz einfach«, sagte Kerstin. »Bis Basti in seinem Schneckentempo wieder hier ist, sind sie kalt. Und ich will mich schon mal um den Verkauf der Uhr kümmern.« Demonstrativ tippte sie auf ihrem Handy herum.

Hätte Tabea nicht so einen Hunger gehabt, hätte sie sich dieses Mal geweigert. Aber da es eh keinen Sinn hatte, weiter zu diskutieren, gab sie sich geschlagen. Gegen die beiden anderen kam sie nicht an. Also fügte sie sich widerwillig. »Bestell noch eine Schinkenpizza für Paul mit dazu«, murrte sie.

Auf dem Weg zum Dönerladen kamen ihr Paul und Gregor entgegen. »Ich hole Pizza«, erklärte sie ihm, da er offenbar überrascht war, sie draußen anzutreffen. »Auch eine für dich.«

»Danke.« Er lächelte. »Mit Schinken?«

»Aber klar.« Sie lächelte jetzt auch und kraulte Gregors Kopf.

Paul blickte auf seinen Hund hinunter. »Er wird dir ewig dankbar sein.«

»Dann bis gleich.«

Sie wollte weitergehen, doch Paul hielt sie am Arm. »Lass dich von den beiden nicht so ausnutzen.«

»Wie meinst du das?«, fragte sie erstaunt.

»Nur so.« Paul blickte zu Boden, dann wieder zu ihr. »Du bist einfach viel zu lieb.«

»Danke. Aber ich passe schon auf mich auf.« Ihr gelang bei diesem Satz jedoch nur ein schiefes Lächeln.

»Ich hoffe es«, brummte Paul. Gemeinsam mit Gregor setzte er seinen Weg fort.


Als Tabea mit den vier Pizzen zurückkam, saßen die anderen schon vor dem Fernseher. Es lief irgendeine Krimiserie. »Fortbilden«, nannte Kerstin das immer.

Gierig rissen sie und Basti die Pizzaschachteln an sich.

Als sie gegessen hatten, wollte Tabea einfach nur noch ein wenig gemütlich auf der Couch rumgammeln.

Aber Kerstin wollte noch weg. Party machen. »Jetzt komm schon, sei nicht so langweilig«, forderte sie Tabea auf, mitzukommen. »Wie alt bist du? Fünfzig?«

»Ich habe heute eben keine Lust.« Das hatte sie tatsächlich nicht. Denn wie so oft würde es damit enden, dass Kerstin sich in irgendeinem Tanzschuppen die Kante geben würde. Und aus anfänglichem erotischen miteinander Tanzen würde eine peinliche Szene werden, weil Kerstin irgendwann zu keifen anfing und Streit suchte.

»Dann gehe ich eben mit«, schaltete sich Basti ein. »Musst eben diesmal in einen Schuppen gehen, in dem nicht nur Tussis erwünscht sind.«

Tabea schluckte. Fast überlegte sie es sich, denn der Gedanke daran, dass die beiden miteinander saufen gehen würden, gefiel ihr gar nicht. Aber mitgehen wollte sie auch nicht. »Gibst du mir bitte dreihundertfünfzig Euro?«, forderte sie Kerstin schließlich auf.

»Was? Wieso?«, fragte die erstaunt. »Gut vierhundert Euro haben wir heute gemacht. Fünfundzwanzig Euro gingen für die Pizza drauf. Zum Weggehen sollten dir doch dann der Rest, der von den dreihundertfünfzig Euro übrigbleibt, reichen, oder?«

»Was soll das denn jetzt auf einmal? Kriegst du deine Tage, oder was?« Kerstin wurde sauer.

Tabea war selbst überrascht von dem, was sie da sagte. Aber sie blieb dabei. »Ich habe keine Lust, dass du das ganze Geld, das wir auf riskante Weise rangeschafft haben, gleich wieder versäufst.«

Kerstin rutschte die Hand aus. Sie traf Tabea genau auf der bereits verletzten Wange. Sofort riss die leichte Kruste auf, und Blut floss. Erschrocken sahen sich alle an. Sogar Basti war für einen Moment sprachlos.

Paul reagierte als Erster. Er holte eine Rolle Klopapier und drückte Tabea ein paar Blätter davon in die Hand. Doch statt das tropfende Blut damit abzufangen, starrte sie nur fassungslos Kerstin an.

»Es tut mir leid, aber was laberst du auch so eine Scheiße.« Kerstin fand ihre Sprache wieder. »Mensch Süße, hör doch auf, hier rumzustreiten.« Sie nahm ihr das Klopapier aus der Hand und drückte es vorsichtig auf die Wunde. Tabea ließ es geschehen. Kerstin zog sie an sich und küsste sie. »Alles wieder gut?«, fragte sie, und Tabea nickte mechanisch. »Na also, dann können wir ja jetzt los. Sei kein Frosch und komm mit.«

»Ich will wirklich nicht, ich habe Kopfweh.« Tabea hielt sich nun selbst das Klopapier an die Wange.

»Na gut, dann eben nicht.« Kerstin ging ohne ein weiteres Wort ins Bad, sprühte sich noch ein wenig mit Deo ein und rief nach Basti. »Komm, lass uns losziehen.«

»Was ist mit dem Geld?« Tabea stellte sich ihr in den Weg.

»Verdammt noch mal, hier hast du die blöde Kohle!« Kerstin schleuderte ein paar Geldscheine zu Boden und stieß Tabea zur Seite. Dann verließ sie mit Basti das Haus.

Als sie weg war, sammelte Tabea das Geld ein. Wie erwartet waren es natürlich nicht einmal dreihundert Euro, die Kerstin zurückgelassen hatte. Aber immerhin würde sie nicht alles verjubeln können.

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