Teil 03

Aber wenn ich schon wieder auf mein Äußeres bedacht bin, geht es aufwärts, und das ist gut so.

Um mir selbst diesen Trend zu bestätigen, schnappe ich mir das grässlich-gelbe Telefon – ein Überbleibsel fremder jugendlicher Geschmacklosigkeit – und rufe die Ambulanz an.

Frau Dr. Hector sagt mir erneut professionelle Hilfe zu und stellt mir eine Therapeutin zur Seite, die mich physisch und auch psychisch unterstützen wird, wie sie sich ausdrückt.

Prompt komme ich zu einer Verordnung für Physiotherapie. Ohne große Erklärungen und Diskussionen.

Oh, Wunder! Es gibt sie doch noch.

Und ich stehe nicht allein auf weiter Flur. Ein kleiner Trost in Anbetracht dessen, was mir noch bevorsteht.

Da ich den Apparat schon mal in der Hand habe, kann ich auch gleich in Suses Praxis anrufen und mir einen Termin geben lassen. Je eher, desto besser.

»Praxis für Physiotherapie, Susanne Reichelt. Guten Morgen«, meldet sich nach nur zweimal klingeln die Chefin persönlich. Eine gute Freundin, die mir noch aus Schulzeiten erhalten geblieben und jetzt meine einzige Vertraute ist.

»Single-Haushalt Nicola Molitor. Guten Morgen, Suse.«

Überschwänglich dringt ein ganzer Redeschwall durch die Strippe an mein Ohr, ›Lange nichts von dir gehört‹, ›Wie geht’s dir denn?‹ und so weiter. Ich brauche gar nichts zu sagen, das erledigt alles Suse.

Irgendwie habe ich am Ende ihres Monologes jedenfalls einen Termin. Schon am Nachmittag, weil eine andere Patientin ihre Behandlung abgesagt hatte.

So kenne ich sie. Wenn Not an der Frau ist, kann sie sich auf Suses Hilfe verlassen.


»Mensch, Nicola, wir haben uns ja eine gefühlte Ewigkeit nicht gesehen«, übertreibt Suse mal wieder maßlos. »Nun sag schon, wie geht es dir?«, piesackt sie mich und schiebt gleich noch ein »Besonders gut schaust du nicht aus!« hinterher.

Tja, wo sie recht hat, hat sie recht. Sie ist eben keine Schönrednerin. Und ich weiß ihre Ehrlichkeit zu schätzen.

»Würde es mir noch besser gehen, wäre es schon gar nicht mehr auszuhalten«, antworte ich. Den ironischen Unterton in der Stimme kann ich mir dabei nicht verkneifen, kläre das jedoch sofort auf. »In den letzten Wochen ging’s mir nicht sonderlich gut. Drüber reden mag ich aber nicht«, füge in gleich vorbeugend hinzu, denn zweifellos wird Suse mir genau das anbieten. Reden. »Eigentlich will ich’s nur noch vergessen.«

»Ist kein Problem. Wenn dir aber danach sein sollte, bin ich für dich da«, versichert Suse mir. »Das weißt du.«

»Ja.« Dankend berühre ich sie am Oberarm.

Während unserer Unterhaltung registriere ich eine Person in meinem Augenwinkel, die flink wie ein Wiesel um die Ecke huscht, flüchtig grüßt und mit einer Moorpackung, die sie in den Händen hin- und herschubst, in einem Behandlungsraum verschwindet.

»Wer war das denn?«, frage ich Suse mit großen Augen.

»Das ist die Verstärkung, von der ich dir schon vor etlichen Wochen erzählt habe. Letzte Woche hat sie angefangen.«

»Und? Wie ist sie so?«, horche ich mal vorsichtig an.

»Das wirst du gleich merken.« Suse grinst mich breit an. »Sie behandelt dich. Das heißt . . .«, sie zögert kurz, »wenn du damit einverstanden bist.«

Sie schaut mich etwas skeptisch and und wartet darauf, wie ich reagiere. Zu Recht, denn sie weiß, dass ich es nicht leiden kann, wenn ich so mir nichts dir nichts fremde Leute präsentiert bekomme. Mit denen ich dann auch noch Körperkontakt haben werde.

Ich funkele Suse an, nehme es aber so hin. »Ist schon gut. Vielleicht ist sie ja ganz nett.« Ich sage das betont gleichgültig, aber Suse kann ich nicht täuschen. Sie weiß, wie ich ticke.

Fast singend grüßt eine weibliche, sehr melodische Stimme, die mir zwar bekannt vorkommt, der ich aber kein Gesicht zuordnen kann. So lange, bis die Frau vor mir steht.

»Halloooo, kennen wir uns nicht? Gut sehen Sie aus, Frau Molitor.« Sie zwinkert mir freundlich zu.

Das soll jetzt sicher ein Witz sein, oder? Hat sie was mit ihren Augen? Ihren wunderschönen . . . langbewimperten . . . mitternachtsblauen . . .

Vielleicht sollte ich meine mal kurz zukneifen und dann schauen, ob mein Gegenüber nicht doch noch fata-morgana-mäßig verschwindet. Tut es aber nicht. Es ist immer noch da, mein Gegenüber.

Sie ist immer noch da, und ich bin hin und weg. Sie ist . . . Renée Strauss!

Ich beginne zu schwanken, meine Beine drohen unter mir wegzuknicken. Nach einer Schrecksekunde erweisen sie sich jedoch als gnädig und halten mich in der Senkrechten.

Langsam fange ich mich wieder, aber die Gedanken in meinem Kopf wirbeln umher wie die Flocken in einer Schneekugel. Chaos. Unmöglich, auch nur eine zu erwischen.

»Hallo, ich hab mich schon gefragt, ob und wann mich diese zarten Hände noch einmal berühren werden«, sprudelt es wie von selbst aus meinem Mund.

Habe ich das jetzt wirklich gesagt? Am liebsten würde ich mir selbst auf die Zunge beißen, denn damit bin ich zweifelsohne übers Ziel hinausgeschossen. Ich versuche zu retten, was zu retten ist, rudere zurück.

»Entschuldigung. Ich . . . ich wollte Sie nicht . . . ich meine . . . Das bin nicht ich.«

Mein Gegenüber grinst und stellt gleich drei Fragen auf einmal. »So, nicht du? Ich darf doch ›du‹ sagen? Wer ist es denn, der da so unverfroren gräbt?«

Das wüsste ich allerdings auch gern. Vielleicht sind das die Spätfolgen des Klinikaufenthaltes? Womöglich ist mir mein ureigenes Ich auf dem Rückweg vom Paradies abhandengekommen?

Sichtlich amüsiert zieht Renée ihre Augenbrauen hoch. Strotzt regelrecht vor Coolness. Und ich bin total neben der Spur, zucke nur reichlich beschämt mit den Schultern. Wie komme ich da bloß wieder raus? Ohnmächtig werden? Oder doch lieber im Erdboden versinken? Eine wirklich schwere Entscheidung, wie ich feststellen muss.

»Du hast noch mehr an Gewicht verloren, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?«, fragt sie und befreit mich damit von der ›Strafe‹ des Antwortens, fährt jedoch mit ziemlich kritischem Blick meinen Körper ab. Von oben bis unten. Ja, macht man denn sowas?

Ist das jetzt vielleicht die Retourkutsche für meinen Fauxpas? Oder kommt es mir nur vor, als würden ihre Augen . . . so hin und wieder . . . in ganz bestimmten Regionen . . . Aber da geht wohl meine Fantasie mit mir durch.

Zu meiner Erleichterung klingelt irgendwo ein Wecker, der mir direkt sympathisch ist, und Renée Strauss eilt mit einem »Ich bin sofort bei Ihnen, Frau Sensche!« zu einer Patientin, die direkt nebenan hängt. Nennt sich Extensionsbehandlung, das Ganze.

Mit dem Finger wische ich mir einen imaginären Schweißtropfen von der Stirn. Gerade noch mal drumrum gekommen.

Dann schiebt Renée schwungvoll die Falttür zum Warteraum auf. »Frau Baltzer, einmal nach hinten durch, bitte!«, fordert sie eine Patientin auf. »Meine Kollegin wird Sie sofort verkabeln.«

Omma greift nach ihrer Krücke und humpelt erstaunlicherweise recht flott für ihren Zustand den Gang entlang in einen der hinteren Räume.

»Und Nicola, du kommst mit mir in den Sportraum.«

Ich folge ihr mit einem Lächeln auf den Lippen und mit einem ganz schön heftigen Kribbeln im Bauch. Diese Rückseite ist sowas von umwerfend, da wird mir glatt die Luft knapp.

Im Sportraum legt sie mir ohne große Worte einen giftgrünen Sitzball vor die Füße.

»Okay, mal vorsichtig draufsetzen . . .«

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