Teil 03

»Na, dem werd’ ich was erzählen!« Wutentbrannt stand Renni auf. »Ich habe die Leiche nicht gesehen, wie sie gefunden wurde, keine Spuren . . .«

»Die SpuSi hat bestimmt alles gesichert. Der Fundort ist auch abgesperrt, kannst ihn dir ansehen.« Er wollte sich umdrehen.

»Nicht ohne dich, mein Freund!« Renni hielt ihn mit ihrer Stimme auf. »Du warst dort und hast alles gesehen, oder?«

»Hmhm.« Er nickte widerstrebend.

»Dann werden wir uns das noch mal zusammen ansehen«, entschied Renni. »Jetzt sofort. Auch wenn die Leiche nicht mehr da ist.«

Er zuckte die Achseln. »Wenn du das dem Chef verkaufst . . .«

»Darauf kannst du Gift nehmen!« Renni nahm ihre Waffe aus dem Schreibtisch und schnallte sie um. Dann zog sie ihre Jacke an. »Los, bevor noch mehr Zeit verlorengeht.«


»Kannst du schon etwas sagen?« Renni trat durch die Tür des Sektionssaals und ging schnell auf den hinteren Teil zu.

Monika hob höchst irritiert die Augenbrauen, während sie sich über der Leiche auf dem Untersuchungstisch aufrichtete. »Hast du einen neuen Fall?«

»Den da, denke ich.« Renni wies mit dem Kinn auf den Tisch. »Sieht jedenfalls so aus.«

Verwundert blickte Monika sie an. »Das ist doch Lohses Fall.«

»War es. Ich war gerade mit ihm am Leichenfundort.« Mit einem bedauernden Ausdruck verzog Renni das Gesicht. »Leider war die Leiche nicht mehr da. Die war schon bei dir.«

Monikas Mundwinkel zuckten. »Hättest du mir Bescheid gesagt, hätte ich selbstverständlich auf dich gewartet.«

Renni trat näher auf sie zu. »Ich habe es erst erfahren, als es schon zu spät war. Ingo kam mit den Fotos zu mir, als du den hier«, sie ließ ihren Blick über den nackten Körper schweifen, in dem kein Leben mehr war, »wahrscheinlich schon aufgeschnitten hast.« Sie seufzte. »Der Chef ist der Meinung, ich bin besser geeignet, den Fall zu untersuchen.«

»Ach?« Monika beugte sich über den geöffneten Brustkorb und schaute interessiert hinein, bevor sie mit Hilfe eines Skalpells eine Gewebeprobe entnahm und sie sorgfältig in einer Schale versorgte.

»Schatz?« Mit schiefgelegtem Kopf schaute Renni sie an. »Hast du irgendwas?«

Monikas Augäpfel drehten sich, ohne dass ihr Kopf folgte. Sie blinzelte Renni von unten herauf seitlich aus den Augenwinkeln an. »Du weißt, wie ich es hasse, nach Ergebnissen gefragt zu werden, bevor ich mit meinen Untersuchungen fertig bin.«

»Ich weiß.« Renni lächelte und hauchte einen Kuss auf ihre Wange. »Also?«

»Plage du.« Gleichzeitig tadelnd und doch nachsichtig verzog Monika die Lippen. »Geh und lass mich arbeiten, dann kriegst du den Bericht.«

»Monika . . . Liebling . . .« Locker umfasste Renni von hinten ihre Hüften und zog sie sacht an sich. »Ich habe schon Zeit verloren durch die Umstände. Und konnte den Tatort nicht ordentlich besichtigen, weil ich nicht als erste gerufen wurde. Könntest du nicht einmal von deinen eisernen Regeln abgehen? Für mich?«

Monika seufzte. »Wie oft ich das schon getan habe . . .« Ihre Stimme klang jedoch wesentlich weicher als zuvor.

Renni schmiegte sich leicht an ihren Rücken. »Todesursache?«, hauchte sie in ihr Ohr. »Todeszeitpunkt?«

»Er ist erstochen worden«, erwiderte Monika. »Das konntest du aber selbst auf den Fotos erkennen. Dreizehn Stiche in Brust, Rücken und Unterleib.«

»Dreizehn?« Renni runzelte die Stirn. »Könnte das etwas zu bedeuten haben? Irgendein Ritual? Eine Sekte oder so etwas?«

»Satanisten?« Mit skeptisch verzogenem Gesicht schüttelte Monika den Kopf. »Kann man natürlich nie genau sagen, aber ich würde es bezweifeln.«

»Was ist das da?« Renni streckte einen Arm aus und wies auf die Hand des Toten.

»Der Finger ist gebrochen«, sagte Monika.

Interessiert betrachtete Renni die Bruchstelle. »Ist das beim Kampf passiert? Als er sich gegen das Messer verteidigt hat?«

»Nein.« Monika schüttelte erneut den Kopf. »Das ist schon ein paar Tage alt. Hat nichts mit seinem Tod zu tun.«

»Ein Sturz oder so etwas?«, fragte Renni.

»Keine Ahnung.« Monika zuckte die Schultern wie um Renni abzuschütteln. »Wenn du mich arbeiten lassen würdest, könnte ich dir sicher mehr sagen.«

»Schon verstanden.« Renni lachte leicht und ließ sie los. »Zeitpunkt?«

»Ziemlich genau zwölf Uhr mittags. Die Leiche war noch warm, als ich kam.« Monika drehte sich leicht in den Hüften, um Renni anzusehen. »Kommst du heute Abend nach Hause? Oder wirst du dich in irgendwelchen Kneipen rumtreiben, um Zeugen zu befragen? Dann spare ich mir das Kochen nämlich.«

Renni schüttelte sich. »Wie du an Kochen denken kannst, während du hier Leichenteile sezierst . . .«

»Das hat nichts miteinander zu tun. Ich bereite sie ja nicht zu.« Monikas Lippen wollten sich zu einem Schmunzeln verziehen, das sie sofort unterdrückte.

Renni hatte es trotzdem gesehen. »Manchmal habe ich das Gefühl, es würde dir nichts ausmachen, das zu tun.« Sie legte einen Arm um Monikas Taille und betrachtete kurz die Einstichwunden, die sie erkennen konnte. »Ziemlich langes Messer.«

»Habe ich noch nicht gemessen«, sagte Monika, »aber wie du weißt, wurde so eine Art Jagdmesser neben ihm gefunden. Ob das die Mordwaffe war, wird sich herausstellen.«

»Hmhm.« Renni nickte. »Ich tippe auf das Jagdmesser. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Beziehungsweise direkt neben der Leiche.« Sie duckte sich lachend, als sie Monikas Blick sah, der sie selbst fast wie mit einem Messer erstochen hätte. »Ich geh ja schon . . . Und heute Abend komme ich zum Essen nach Hause.« Noch einmal hauchte sie einen Kuss auf Monikas Wange und entfernte sich ein paar Schritte. »Versprochen.«

»Ha!« Monika stieß einen skeptischen Laut aus. »Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Ich weiß wirklich nicht, warum wir zusammen wohnen. Wenn wir uns mal sehen, dann meistens hier.«

»Ist doch schön, dass wir so viele gemeinsame Interessen haben«, scherzte Renni, während sie sich von dem Metalltisch und damit von Monika zurückzog. »Privat und beruflich. Aber dennoch bin ich froh, dass du deine Arbeit nicht mit nach Hause bringst.«

Und bevor Monika etwas nach ihr werfen konnte, lief sie vergnügt schmunzelnd rasch aus der Leichenhalle hinaus.


»Wie ist der Stand der Dinge?«

Renni blieb abrupt stehen, als sie die Stimme hinter sich hörte, und drehte sich um. »Dreizehn Stiche, aber Dr. Kowalski meint, es hat nichts zu bedeuten. Die Zahl, meine ich.«

Ihr Chef Alfons Wortmann, der als Leiter des Morddezernates aufgrund seiner Führungsposition den fast unaussprechlichen Titel Erster Kriminalhauptkommissar trug, womit ihn allerdings glücklicherweise niemand anreden musste, hob die Augenbrauen. »Schon was Neues von der ausgebrochenen Psychopathin?«

»Noch nicht, Alfons. Ich bin erst dabei, mein Team zusammenzustellen.« Bedauernd zuckte Renni die Schultern. »Sie ist zur Fahndung ausgeschrieben. Vielleicht haben wir Glück, und sie geht uns ins Netz.«

»Du glaubst das aber nicht.« Alfons Wortmann musterte sie zweifelnd. »Sehe ich dir doch an.«

»Sie ist hochintelligent.« Mit den Händen in den Hosentaschen schlenderte Renni neben ihm den Gang entlang. »Ich frage mich, warum sie sich nicht verteidigt hat, als sie angeklagt wurde. Wie sie überhaupt festgenommen werden konnte. Man sollte meinen, so jemand legt sich einen guten Plan zurecht, wenn sie einen Mord begehen will. Ein wasserdichtes Alibi. Aber sie wurde direkt neben der Leiche gefunden mit der Mordwaffe in der Hand. Wie in einem schlechten Krimi.«

»Der Fall ist abgeschlossen«, erinnerte Alfons sie. »Sie wurde verurteilt.« Etwas misstrauisch schaute er sie von der Seite an. »Morgen bei der Dienstbesprechung mit deinem Team solltest du dich besser auf den aktuellen Fall beziehen. Für alte und zudem bereits gelöste Mordfälle haben wir kein Budget.« Er spitzte die Lippen. »Ach, übrigens. Die Staatsanwältin, die sie angeklagt hat, ist auch in deinem Team. Ich dachte, da sie die Frau bereits kennt . . .«

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