Teil 04

Genau das versuche ich gerade, aber das Ding ist so verdammt rund und widerspenstig. »Nicht überkippen . . . Kriegst du das hin?«

In Hab-Acht-Stellung steht Renée unmittelbar vor mir, um mich vor dem Absturz zu bewahren. Falls es denn dazu kommen sollte.

»Hmm . . . jaaa . . . irgendwann . . . Stunden später . . .«, flachse ich, während ich versuche, meinen Körper auszutarieren.

Das kann ja was werden. Fieses Teil! fluche ich innerlich auf den Pezziball.

Aber ich bin hartnäckig, und schließlich bekomme ich meinen Willen. Ich sitze. Relativ sicher. Mal sehen, für wie lange. Mit meinem Gleichgewicht ist es nämlich nicht so weit her.

»So, kann losgehen.« Bemüht, die Balance zu halten, lächle ich zerknautscht.

»Wir fangen mit ganz einfachen Übungen für die Beweglichkeit an. Bisschen was, um den Stoffwechsel anzukurbeln. Sobald du irgendwelche Schwierigkeiten hast, sagst du Bescheid.«

»Okay, mach ich.«

Als sie mir so gegenübersteht, kann ich ihre Sommersprossen auf der Nase und den Wangen erkennen. Sie stehen ihr unerhört gut, diese kleinen, niedlichen Dinger. Auch auf ihrem Dekolleté hat sie vereinzelt welche. Und ich würde nichts lieber tun, als sie zu berühren.

Eigentlich sollte ich dafür – gerade in diesem Moment – kein Auge haben, denn ich bin wirklich schwer beschäftigt.

Nach fast zwanzig Minuten verordneter Krankengymnastik bin ich geschafft. Einfach platt. Wie eine Flunder. Aber sie wedelt schon vor meinem inneren Auge, die schwarz-weiß karierte Flagge.

Endlich kommen die erlösenden Worte. »So, das war’s. Für heute hast du es geschafft. Alles in Ordnung? Keine Schwierigkeiten?«, fragt Renée.

»Alles gut. Nur ’n bisschen wacklig auf den Beinen, aber das gibt sich.«

»Okay, Nicola, dann sehen wir uns übermorgen wieder.«

»Alles klar. Bis dann.


Ohne dass ich meine Therapeutin nur auf ihre offensichtlichen Vorzüge reduzieren will, stelle ich – nun, da ich wieder in meinen eigenen vier Wänden bin – zufrieden fest, dass sie echt spitzenmäßig ausgestattet ist.

Sie ist nicht unbedingt schlank, jedoch befinden sich ihre Rundungen an den richtigen Stellen. Dass mich das kaltlässt, kann ich nicht behaupten. Und ich bin neidisch auf ihre Figur, auch das muss ich zugeben.

Ihr Äußeres, die wohlproportionierten weiblichen Attribute, die blondgesträhnten Haare und diese Wahnsinns-Augen, hatte mich im Krankenhaus schon fasziniert. Ganz sicher. Aber ihr Aussehen ist nicht alles. Das einnehmende Lächeln ist das Tüpfelchen auf dem i. Die Schlagsahne auf der Obsttorte. Der Ketchup auf den Pommes.

Und sie hat so eine Leichtigkeit und Entspanntheit, die immer und in jeder Situation spürbar ist. Sie ruht regelrecht in sich, ist selbstbewusst und unerschrocken. Und sie lässt sich durch nichts aus der Fassung bringen, wie man sieht.

Allein der Gedanke an Renée lässt eine warme Freude in mir pulsieren, die nicht fragt und keine Antwort will. Sie tut es einfach. Von den Fingerspitzen bis hinunter in die Fußsohlen. Was es alles so gibt!

Renées Frage, die mehr einer Feststellung glich, drängt sich aus der hintersten Windung meines Gehirns hervor. ›Du hast noch mehr an Gewicht verloren, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?‹ Genau das waren ihre Worte. Sie sieht es also auch.

Ja, ich habe abgenommen, und es geht immer weiter abwärts mit den Pfunden. Jetzt könnten sie langsam aufhören zu purzeln, denn sonst bin ich genau das, was ich nicht sein möchte. Zickig-dürr pflege ich diesen Zustand zu nennen.

Schlanksein an sich ist ja gut und schön, wer will das nicht. Wenn’s dann aber beim Gehen bereits anfängt zu klappern, ist es auch wieder nix. Das geht ja mal gar nicht. Jedenfalls nicht für mich. Ist eben Geschmackssache.

Wie von allein tragen mich meine Beine zum Spiegel im Schlafzimmer, in dem man sich komplett bewundern kann. Im positiven als auch im negativen Sinne.

Spieglein, Spieglein an der Wand . . . Darauf, dass ich die Schönste im ganzen Land bin, werde ich wohl ziemlich lange warten müssen.

Ich gönne mir einen flüchtigen Blick . . . Und noch einen, diesmal schon etwas ausgiebiger. Was mich da mit einer Unmutsfalte auf der Stirn anstarrt, löst nicht gerade Begeisterung in mir aus.

Spontan haue ich es heraus: »Oh Mann, du siehst aber auch Scheiße aus!«

Und die Stimme in meinem Innern, die manchmal durchaus nützlich sein kann, setzt noch einen drauf.

Tja, mit Mitte dreißig ist der Lack halt ab. Zumindest bei dir. Eindeutig. Stellenweise kommen sogar schon die ersten Roststellen zum Vorschein.

Besten Dank auch!

Gern geschehen.

Dann lache ich über mich selbst. Warum kommt man sich eigentlich so doof dabei vor, wenn man allein lacht? Egal.


Mit dem Essen klappt es längst nicht so, wie ich es gern hätte. Das ärgert mich. Gerade jetzt, wo ich – meiner Ansicht nach – dringend etwas für meine nicht vorhandene Körperfülle tun muss.

Deshalb greife ich auch zu einem ungewöhnlichen Mittel. Und was liegt da näher als der Bringdienst um die Ecke? Dort ordere ich mir einen ordentlichen Snack. Burger mit doppelt Käse und dazu Pommes mit richtig viel Ketchup und fetter Mayo.

Schon nach wenigen Minuten klingelt es an der Gartenpforte. Und da steht sie, meine Mahlzeit. Vielmehr der Burgerboy, der sie in einer optisch sehr ansprechenden Zellophan-Tüte mit ausgestrecktem Arm vor mich hinhält.

Ich schnappe mir die Tüte, bezahle und gehe damit in die Küche. Appetit habe ich zwar keinen, und Hunger irgendwie auch nicht, aber die Kalorien müssen rein.

Mutig fange ich an zu essen. Ohne das Gesicht zu verziehen. Ist gar nicht so schlimm, wie ich vermutet habe.

Wenn ich mir jetzt noch etwas Angenehmes dazu vorstelle, das den Geschmack meiner Mahlzeit eher nebensächlich erscheinen lässt . . .

RENÉE – sie ist die erste, die ich mit angenehm assoziiere. Und schwupps, da zeigt sie sich auch schon. Um sie zu sehen, muss ich nicht mal die Augen schließen.

Wann immer ich an sie denke – morgens, mittags, abends und zwischendurch auch noch –, bewegen sich meine Mundwinkel automatisch nach oben. Sogar beim Kauen, wie ich erstaunt feststellen darf.

Der Burger schmeckt gleich ein ganzes Stück besser.

Während ich dabei bin, die Reste meiner Fast Food in die verschiedenen Abfalleimer zu verteilen, klingelt das Telefon.

»Hallo Schätzchen, störe ich dich?«, flötet Suse mir mit ihrer durchdringenden Stimme direkt ins Ohr. In einer Tonlage, die mich an den Biss in eine Zitrone erinnert. Aber Zitronen sind ja gesund. Also nichts für ungut. Vielleicht mag ich sie ja unter anderem auch gerade deswegen.

»Nee. Wie kommst du darauf?«

»Es hat Ewigkeiten gedauert, bis du drangegangen bist.«

Als ob ich den ganzen Tag direkt neben der Quelle der Ruhestörung sitzen und darauf warten würde, dass sie losbimmelt. »Ich habe die Küche aufgeräumt.«

»Oh, du hast gekocht? In deinem Zustand?« Suses Erstaunen war direkt zu hören.

»Ich habe nicht gekocht, sondern mir einen Burger bestellt.«

»Na, gesund ist das ja nicht gerade.« Sie lachte leicht. »Aber was ich eigentlich wollte: Eine Patientin hat ihren Termin für morgen früh abgesagt, und da dachte ich, fragste erstmal Nica, bevor du den Termin an jemand anders vergibst. Und, wie sieht’s aus?«

»Klar, gern, wenn’s nicht vorm Aufstehen ist.« Ich bin nämlich keine Frühaufsteherin und genieße es, nicht morgens früh zur Arbeit zu müssen.

»Nein, keine Sorge, der Termin ist um halb zehn. Ich trage dich dann also ein?«

»Ja, gern. Bis morgen dann!«, verabschiede ich mich und überlege, wer mich wohl morgen bespaßen wird.


Später, als ich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen im Bett liege, die blökenden Schafe zähle und darauf warte, dass ich endlich in mein persönliches Nirwana abtauche, versuche ich nicht zu denken. Mir ist schon klar, dass Grübeln sinnlos ist. Meine Gedanken haben nämlich die blödsinnige Neigung, sich ständig im Kreis zu drehen. Vorzugsweise nachts.

Diesmal ist es allerdings etwas durchaus Reizendes, das mir da im Kopf herumschwirrt und mich vom Schlafen abhält. Ich lächle still in mich hinein.

ENDE DER FORTSETZUNG

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • No comments found

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Suche


Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren.
Datenschutzerklärung Einverstanden