Teil 04

»Charlotte Ahrens?« Renni seufzte nicht sehr begeistert auf. »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.«

Fragend legte Alfons den Kopf zur Seite.

»Sie hat mehr eine Hexenjagd auf diese Bernadette Ernst veranstaltet«, erklärte Renni skeptisch. »Wollte sie unbedingt verurteilt sehen, um sich zu profilieren. Hat ihrer Karriere ja auch einen ganz schönen Schub verpasst.« Tief holte sie Luft. »Die macht mir das ganze Team kaputt, wenn das wieder so läuft.«

»Du leitest das Team, nicht sie«, wandte ihr Chef ein. »Du bist verantwortlich für das, was geschieht, und für die Ergebnisse.« Er lächelte zuversichtlich. »Ich weiß, dass du nicht der Typ für Hexenjagden bist.«

Renni hob schief einen Mundwinkel. »Die Frage ist: Weiß sie das auch?«

»Ist doch nicht die erste Mordkommission, die du leitest. Du schaffst das schon.« Mit einem aufmunternden Schlag auf die Schulter verabschiedete er sich von ihr und ging in sein Büro.

»Du hast gut reden.« Unzufrieden blickte Renni ihm hinterher. Ihr Chef hatte eine äußerst nonchalante Art, Entscheidungen für seine Mitarbeiter zu treffen, die sie nachher ausbaden mussten. Eigentlich war er ein ganz netter Kerl, und meistens kam sie gut mit ihm zurecht, aber in solchen Momenten hätte sie ihm gern die Meinung gesagt.

Nützte aber sowieso nichts. An ihm prallte alles ab. Mit einem Lächeln. Was es schwierig machte, ihm böse zu sein.

Sie ging in ihr Büro zurück und machte sich Gedanken über ihr Team. Charlotte Ahrens stand zu ihrem Leidwesen zwar schon fest, und selbstverständlich gehörte Monika dazu, die die Leiche untersuchen musste, aber wer sonst noch?

Ingo, weil er zuerst am Tatort gewesen war. Und zudem war er – trotz all seiner Sprüche – ein guter Polizist. Aber er war genauso voreingenommen wie Charlotte Ahrens. Renni gefiel es nicht, jemanden schon im Voraus zu verurteilen. Sie hatte lieber Beweise.

Charlotte Ahrens hatte wirklich eine Hexenjagd veranstaltet. Und Bernadette Ernst hatte ihr in die Hände gespielt, weil sie sich nicht gewehrt hatte.

Warum hatte sie sich nicht gewehrt? Diese Frage drehte sich erneut in Rennis Kopf. Sie musste sich unbedingt die alte Akte besorgen, vielleicht gab die Aufschluss. Nachdenklich ging sie hinunter ins Archiv.

»Frau Schneyder! Das ist ja nett, dass Sie mich mal wieder besuchen!« Ein freundliches Gesicht empfing sie in den eher unfreundlichen dunklen Kellergewölben. Die ältere Angestellte lächelte ihr entgegen.

»Ja, in letzter Zeit haben wir uns wohl immer verpasst.« Renni lächelte auch und trat auf den kleinen Tresen, hinter dem die Angestellte saß, zu. »Anscheinend waren unsere Arbeitszeiten sehr verschieden. Und dann waren Sie glaube ich . . . in Urlaub?« Sie beugte sich vor und lehnte ihre Ellbogen auf die Platte.

»Ach, Urlaub . . .« Frau Schüssler seufzte. »Das habe ich ja schon fast wieder vergessen. Endlich mal wieder ans Meer . . .«

»Dabei haben wir das schwäbische Meer doch vor der Tür.« Renni schmunzelte ein wenig.

Frau Schüssler schüttelte den Kopf. »Das können Sie nicht verstehen, wenn Sie nicht am Meer geboren sind, am richtigen Meer, an der Nordsee. Das ist nicht zu vergleichen.«

»Da haben Sie sicherlich recht«, erwiderte Renni. »Es tut mir jedoch leid, dass ich nicht länger bleiben kann«, fügte sie etwas bedauernd hinzu, »aber ich war eigentlich nur gekommen, um mir eine Akte zu holen.«

»Weshalb auch sonst?« Frau Schüssler verzog entsagungsvoll die Lippen. »Nur deshalb kommen ja alle zu mir.«

»Aber nein, Frau Schüssler.« Rennis Lächeln wurde noch wärmer. »Wir kommen alle nur deshalb, weil Sie so ein netter Mensch sind.«

Fast schien Frau Schüssler ein wenig zu erröten. »Danke«, hauchte sie fast wie ein Teenager, was Renni zeigte, dass sie ent-schieden zu wenig Komplimente bekam, denn sie war wirklich sehr nett. »Welche Akte brauchen Sie denn?«

Renni sagte es ihr, und Frau Schüssler ging nach hinten ins Archiv und kehrte bald darauf an den Eingangstresen zurück, wo Renni sich auf der Liste eintrug. So konnte jeder sehen, dass die Akte bei ihr war.

»Die Akte?« Frau Schüsslers Augen zeigten einen Anflug von Abscheu, bevor sie Renni die Akte überreichte. »Das war ja vielleicht eine furchtbare Sache. Wie kann eine Frau so etwas tun? Eine Frau!« Ihre Abscheu ging in Entsetzen über.

»Möglicherweise . . .«, erwiderte Renni langsam, »war sie es gar nicht.«

Das schien Frau Schüssler stutzen zu lassen. »Aber Frau Ahrens hat das damals doch eindeutig nachgewiesen. Sie war absolut davon überzeugt, dass dieses . . .«, ihre Mundwinkel fielen nach unten, »Monster es getan hat.«

»Ja.« Renni nickte. »Frau Ahrens . . . war davon überzeugt, sonst hätte sie sie sicherlich nicht vor Gericht gestellt.«

Sie wollte sich schon umdrehen, da sagte Frau Schüssler: »Frau Ahrens ist allerdings von so einigen Dingen überzeugt.«

Renni konnte ihre Mundwinkel kaum davon abhalten zu zucken, aber sie versuchte es soweit wie möglich zu unterdrücken. »Ach ja?« Sie hob die Augenbrauen.

»Also . . . ich meine . . . sie hatte ja recht . . .« Es schien, als wüsste Frau Schüssler nicht so recht, ob sie ihrer Abneigung gegen Charlotte Ahrens, die deutlich in ihrer Stimme zu hören gewesen war, oder ihrem Entsetzen über die grausame Tat den Vorzug geben sollte. »So etwas muss bestraft werden.«

»Natürlich.« Renni nickte. »Verbrechen dürfen nicht ungesühnt bleiben. So eins schon gar nicht.«

»Aber nicht alles ist gleich ein Verbrechen«, schränkte Frau Schüssler ein. »Manchmal ist es einfach nur . . . Junge Leute sind manchmal eben etwas übermütig, und dann sollte man . . . sollte man . . .« Sie brach ab. »Sollte man ihnen doch eine Chance geben«, fuhr sie dann geradezu trotzig fort.

»Das finde ich auch.« Wieder stimmte Renni ihr aus vollem Herzen zu.

»Wissen Sie, ich habe da so einen Neffen«, sagte Frau Schüssler. »Also eigentlich ist er nicht mein Neffe, er ist der Sohn meiner Cousine, aber wir sagen der Einfachheit halber Neffe.«

Ohne sie zu unterbrechen schaute Renni sie nur an. Sie wusste, das würde sie am ehesten im Redefluss halten.

»Als Frau Ahrens noch am Jugendgericht war –« Für einen Moment wirkte es so, als wollte Frau Schüssler nicht weitersprechen, aber dann tat sie es doch. »Na ja, da hat er mal eine Dummheit gemacht. Er ist wirklich kein schlechter Junge, aber wenn die Jungs so zusammen sind, dann hecken sie eben manchmal etwas aus . . . Er kommt doch aus einem guten Elternhaus. Meine Cousine und ihr Mann sind sehr anständige Leute . . . Aber das hat Frau Ahrens alles nicht interessiert. Sie hat ihm gleich die Höchststrafe aufgebrummt. Obwohl es das erste Mal war.«

Das war so typisch für Charlotte Ahrens, dass Renni sich nicht wirklich darüber wundern konnte. »Das ist nicht üblich«, sagte sie. »Nicht unter diesen Umständen.«

»Eben.« Frau Schüssler schaute sie an. »Und weil sie das getan hat, ist er dann in schlechte Gesellschaft geraten, und nun . . . nun ist das ein großes Problem für meine Cousine und ihren Mann.«

»Er hat wieder etwas Dummes getan?«, fragte Renni.

Frau Schüssler nickte. »Das wäre alles nicht passiert, wenn –« Sie presste die Lippen zusammen.

»Verstehe«, sagte Renni. »Vielleicht kann ich ja etwas für Ihren Neffen tun. Manchmal braucht es nur die richtigen Argumente.« Sie lächelte zuversichtlich.

»Das würden Sie tun?« Frau Schüssler Augen öffneten sich weit vor Überraschung.

»Aber natürlich«, sagte Renni. »Geben Sie mir nur die Nummer seiner Eltern, dann rufe ich sie an. Vielleicht können wir auf Ihren Neffen einwirken.«

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