Teil 04

»Warum lässt du dir das gefallen?«, fragte Paul.

»Ich habe doch nur sie.«

Tabea war dankbar, dass Paul nicht mehr nachhakte.

Sie gingen zurück ins Wohnzimmer und schauten noch ein wenig fern. Gregor legte sich neben sie auf die Couch, und sie kuschelte sich an den großen Hund.

2

»Wir sollten in Zukunft anders vorgehen.« Kerstin war gegen Mittag aufgestanden und saß nun bei ihr und Paul im Wohnzimmer.

Tabea hielt einen gewissen Abstand zu ihr. Auch wenn Kerstin die Ohrfeige vom Vorabend wohl schon vergessen hatte, Tabea hatte das noch lange nicht. Darüber mussten sie noch reden. Aber jetzt hatte das keinen Sinn. Zum einen war Kerstin noch leicht verkatert, zum anderen schien sie wieder eine neue Idee zu haben. Und die musste sie jetzt kundtun.

»Es ist einfach zu gefährlich, weiterhin tagsüber in die Häuser zu gehen. Davon abgesehen, dass uns doch mal jemand erkennen könnte oder den Helden spielen will, haben immer mehr Häuser auch Kameraüberwachung«, erklärte sie. »Ich habe keinen Bock, dass sie uns dann im Nachhinein noch andere Brüche anhängen können, falls sie doch mal einen von uns erwischen. Tagsüber würden die Bilder dafür sicher ausreichen, aber die Bilder, die eine Kamera nachts aufnimmt, sind meist noch zu schlecht.«

»Ihr solltet halt noch Masken tragen«, warf Basti ein. »Das ist immer noch die sicherste Methode, um nicht erkannt zu werden.«

»Und was willst du stattdessen machen?« Tabea beachtete Basti gar nicht. »Etwa nachts in die Häuser?«

»Ja. Warum nicht?« Kerstin sah sie an. »Das ist die einzig logische Folgerung.«

»Bist du bescheuert?«, mischte sich nun auch Paul ein. »Das ist viel zu gefährlich.«

Kerstin warf ihm einen bösen Blick zu. »Wieso? Im Dunkeln wird man nicht so schnell gesehen.«

»Aber du selbst siehst auch nichts«, argumentierte Paul. »Du bist in einem fremden Haus und hast keine Ahnung, wer oder was da drin auf dich wartet. Wenn es dann mal schnellgehen muss, sitzt du ruckzuck in der Scheiße.«

»Alles eine Frage der Vorplanung.« Kerstin wischte alle Bedenken weg. »Die Vorteile überwiegen eindeutig. Und ich hätte da auch schon ein interessantes Objekt im Auge.« Ihre Augen blitzten. »Das Haus von einer alten Schachtel. Die spendet wohl immer recht viel. Sie wohnt allein im Haus und schläft bestimmt wie ein Stein. Außerdem hören alte Leute nicht mehr so gut. Sie wird also selig schlummern, während wir sie um ein paar Besitztümer erleichtern. Wahrscheinlich wird es ihr nicht einmal auffallen, wenn etwas Kohle fehlt.«

»Du willst da reingehen, während sie im Haus ist?«, fragte Tabea ungläubig.

»Nein, natürlich nicht.« Kerstin nahm einen Schluck Cola. »Ich bin doch nicht verrückt. Das war nur ein Witz. Wir werden wie immer abwarten, bis sie mal nicht da ist.«


Wenige Tage später nahm Kerstin sie mit zu dem Haus, das sie sich für den Einbruch ausgesucht hatte. Es war natürlich wieder mal eine noble Wohngegend. Sie schlenderten wortlos die Straße entlang. Kerstin blickte sich unauffällig um, ob ihnen irgendjemand hinterherschaute. Tabea starrte fast nur auf den Boden.

»Sag mal, hast du eigentlich irgendein Problem, oder warum bist du so muffelig?« Kerstin war nicht entgangen, dass Tabea stiller war als sonst.

»Alles gut«, sagte sie jedoch nur.

»Wenn du meinst.« Kerstin rümpfte die Nase.

Tabea hatte versucht, mit ihr über den Abend nach ihrem letzten Einbruch zu reden. Doch sie hatte sie gnadenlos abgewürgt. Sie blieb bei ihrer Meinung, dass es Tabeas eigene Schuld war, von ihr eine gefangen zu bekommen. Gleichzeitig hatte sie klargemacht, dass sie über das Thema nicht mehr reden wollte. Für sie war es erledigt. An Tabea nagte es dagegen noch immer.

»Hier, das ist es.« Kerstin blieb stehen und deutete mit dem Kopf in die Richtung einer alten Villa, die noch etwa zwanzig Meter von ihnen entfernt war.

Langsam gingen sie am Grundstück vorbei. Das gab Tabea die Möglichkeit, sich die Umgebung des Hauses genau einzuprägen.

Zu den Nachbarhäusern war es jeweils nur durch einen niedrigen Jägerzaun abgetrennt. Am Gehweg entlang zog sich eine kleine, weiße Mauer. Sie reichte etwa bis zum Bauchnabel. Man hatte so freien Blick auf das Haus und den Garten.

Es sah wunderschön aus. In der Mitte der Mauer war ein kleines Gartentörchen. Von dort aus führte ein gepflasterter Weg zur Haustür. Kleine Beete mit Blumen durchbrachen gepflegten Rasen. Auch zwei Zierbäumchen standen linkerhand des Weges.

Doch der Blickfang war ein großer Kastanienbaum. Unwillkürlich blieb Tabea stehen. Der Baum zog sie in seinen Bann. Er stand so perfekt in diesem Garten, als wäre alles um ihn herum extra nur dafür gebaut worden, damit diese mächtige Kastanie zur Geltung kam.

Tabea genoss den Anblick. Gleichzeitig wanderten ihre Gedanken zu ihrer Kindheit zurück. Als kleines Mädchen hatte sie immer davon geträumt, einen eigenen Kastanienbaum zu haben. Sie liebte es, im Herbst Kastanien zu sammeln. Jede einzelne, die sie fand, war für sie ein Schatz.

»Jetzt komm schon, geh weiter.« Kerstin stupste sie unsanft an und riss sie aus ihren Gedanken. »Wir fallen sonst noch auf.«

Doch Tabea konnte nicht anders. Sie wechselte die Straßenseite und ging auf das Gartentor zu.

»Was tust du, verdammt?«, zischte es von hinten.

Tabea ließ sich nicht abhalten. Direkt vor dem Grundstück blieb sie stehen und beugte sich nach vorn. Sie griff nach einer Kastanie, die über den leicht abschüssigen Weg bis zur Straße gerollt war. Sie steckte noch in der grünen, stacheligen Hülle. Tabea hatte das immer besonders geliebt. Es war jedes Mal aufs Neue spannend gewesen, die Hülle von Hand zu öffnen. Und als hätte sie nie damit aufgehört, drückte sie den Daumennagel in die dünne Ritze der grünen Hülle und schälte den Inhalt heraus. Es kam eine wunderschöne dunkelbraune Kastanie zum Vorschein. Tabea lächelte zufrieden.

Als sie wieder aufblickte, stellte sie fest, dass sie beobachtet wurde, und zwar aus den brillenbesetzten Augen einer älteren Frau, die durchs Fenster schaute. Als sich ihre Blicke trafen, hätte Tabea vor Schreck fast die Kastanie fallenlassen. Sie senkte schnell ihren Kopf, zog die Schultern hoch und eilte davon. Gefolgt von einer fluchenden Kerstin.

»Musste das sein?«, schimpfte Kerstin, als sie ein paar Straßen weiter wieder im normalen Tempo nebeneinanderhergingen. »Jetzt hat sie dich gesehen.«

»Sie hat nur jemanden im Kapuzenpulli gesehen. Also beruhig dich wieder.«

»Trotzdem war es unnötig«, schnaubte Kerstin.


In dieser Nacht lag Tabea lange wach. Die alte Frau ging ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatte bis jetzt zwar so gut wie immer die Bewohner des Hauses gesehen, in das sie wenig später eingestiegen waren, jedoch hatte sie es bisher stets vermieden, sich weitere Gedanken über diese Menschen zu machen. Es waren für sie nur reiche Leute, die es verkraften würden, ein wenig Geld zu verlieren.

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