Teil 05

Hannelore nickte und machte einen kleinen Schritt zur Seite, sodass die Frau sich neben sie stellen und sich ebenfalls an der Trennwand zwischen den Abteilen anlehnen konnte.

Sie folgte Hannelores Blick und ließ ihn über die Mitreisenden schweifen. »Sieh uns an. Wer hätte das vor einem halben Jahr noch gedacht? Wir dachten, uns würde nichts aus der Bahn werfen.« Ihre Stimme klang fest, beinahe unerschütterlich. »Ich bin übrigens Ilse«, fügte sie hinzu, und ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie Hannelore ansah.

»Hannelore«, erwiderte sie knapp. Ihr Mund fühlte trocken an.

»Ich weiß«, sagte Ilse und zwinkerte.

Fragend sah Hannelore sie an.

»Damals, als ich dich auf der Feier bei Jakub das erste Mal gesehen habe, wollte ich wissen, wer dieses Mädchen ist, das so Hals über Kopf verschwand. Denk nicht, dass mir das nicht aufgefallen wäre.«

Hannelore wurde heiß. »Ich . . . ich war noch anderweitig verabredet.«

Ilse nickte. Doch ihr Lächeln verriet, dass sie Hannelore kein Wort glaubte.

Eine Weile standen sie nur nebeneinander und schwiegen. Die schneebedeckte Landschaft zog im Eiltempo an ihnen vorbei. Immer wieder durchbrachen lediglich kleine Dörfer die Tristesse.

»So schrecklich all das hier ist, alles, was uns und diesen Menschen hier passiert, so gibt es doch einen kleinen Lichtschimmer, der mich all das mit leiser Hoffnung ertragen lässt.« Ilse sprach so leise, dass Hannelore angestrengt hinhören musste, um jedes ihrer Worte zu verstehen.

Sie sah Ilse von der Seite an. Die Locken fielen ihr wirr ins Gesicht. Sie betrachtete ihre Lippen, während sie sprach, und die kleinen Grübchen, die sich auf ihren Wangen abzeichneten. Es bedurfte keiner ausgesprochenen Worte, nur eines Blickes, um Ilse zu zeigen, dass sie wissen wollte, was dieser Hoffnungsschimmer wäre.

Doch Ilse schenkte ihr nur ein letztes Lächeln. Und als sie sich von der Wand abstieß, um zu gehen, berührte ihre Hand kurz Hannelores und hinterließ ein sanftes Kribbeln, das noch anhielt, als Ilse bereits wieder in der Menge verschwunden war.

7

Der laue Sommerabend hüllte Greta in eine warme Umarmung. Letzte Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Blättermeer des Baumes, unter dem sie Platz genommen hatte.

Sie hatte Glück. Der kleine Hinterhof, der von allen Bewohnern des Hauses, in dem vor allem Studenten wohnten, genutzt werden durfte, war heute ausnahmsweise friedlich leer. Keine andere Menschenseele hatte sich hierher verirrt. Heute war er ihre kleine Oase.

Der leise Singsang der Vögel, das Vibrieren der aufgeheizten Luft und der leichte Hauch kühlerer Luft, der sich dazumischte, schienen sie zu erden. Das erste Mal, seit sie hier angekommen war, hatte sie das Gefühl, frei atmen zu können.

Greta lehnte ihren Kopf gegen die Rinde des Baumes und schloss die Augen. Ihr Körper hatte förmlich nach Ruhe geschrien, als sie nach Hause gekommen und den Koffer in ihrem Zimmer abgestellt hatte. Entgegen ihrer fast überschäumenden Neugierde, den Inhalt des Koffers sofort und auf der Stelle zu erkunden, übertrumpfte das Gefühl, endlich den Pausenknopf zu drücken, jegliches andere Verlangen.

Und so hatte sie den Koffer verschlossen und unangerührt in ihrem Zimmer zurückgelassen. Stattdessen versuchte sie, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.

Freiheit ist das, was du selbst daraus machst. Das hatte ihre Großmutter ihr stets eingebläut.

Nun nahm Greta sich die Freiheit, die Gedanken an diesen denkwürdigen Nachmittag mit aller Kraft beiseitezuschieben und Schönes herbeizudenken. Sie wollte nicht mehr an das seltsame Verhalten ihrer Mutter denken. Zumindest für einen kurzen Augenblick.

Als sie so dem Zwitschern der Vögel lauschte, tauchten vor ihrem inneren Auge zunächst sehr zögerlich und dann immer mehr Bilder der vergangenen Monate auf, die sich tief in ihr Herz eingebrannt hatten, auch wenn sie in den letzten Tagen hatten in den Hintergrund treten müssen.

Das Zirpen der Grillen erinnerte sie an die Tage auf den Feldern, auf denen sie ihre Gastfamilie, auf deren Hof sie leben und arbeiten durfte, tatkräftig unterstützte. Das wohlige Gefühl abends, nach einem kräftezehrenden, aber produktiven Tag zurück zum Hof zu kommen, gemeinsam zu Abend zu essen und anschließend erschöpft aber glücklich ins Bett zu fallen, war unbezahlbar. Der Duft nach Heu hing immer noch in ihrer Nase.

Als sie vor drei Jahren aufgebrochen war, hatte sie sich geschworen, sich in keine engen Konventionen, keine engen Verpflichtungen drängen zu lassen. Sie wollte ihrem Herzen folgen, wenn nötig weiterziehen, wenn ihr danach war. Ohne vorgefertigten Plan in der Tasche wollte sie ihren Weg in der Welt finden.

Sie hatte schon lange davor immer wieder mit dem Gedanken gespielt, irgendwann waren ihre Recherchen konkreter geworden und die Entscheidung war gefallen. Sie hatte ihren Job gekündigt, all ihr Hab und Gut verkauft, das sie nicht bei sich tragen konnte, und hatte sich auf den Weg nach Kanada gemacht.

Im Rahmen eines Work-and-travel-Programms hatte sie erste Schritte gewagt, viele freundliche und vor allem hilfsbereite Menschen kennengelernt und so ihren Weg in den Westen des Landes in die Nähe von Banff gefunden.

Sie hatte sich verliebt. Verliebt in ein Land, dessen Landschaft wie gezeichnet, die Menschen so liebenswert waren, dass Greta anfangs völlig überwältigt war. Sie war diesem Land, das so viele wunderschöne Facetten offenbarte, Hals über Kopf verfallen.

Und von diesem Gefühl der Freiheit getragen, war sie in Gretas Leben gekommen. Gretas Herz beschleunigte seinen Takt. Eine Suchende wie sie, deren Weg sich eines Tages mit ihrem kreuzte. So zufällig wie unerwartet und doch mit einem Knall, als sie aufeinandertrafen.

Zwei Getriebene, die aufeinander zugesteuert waren, um in der Hast ihres Seins endlich ihren Schritt zu verlangsamen, wie ein Pendel, das nach heftigem Ausschlag in seine Mitte zurückfand.

Ein Halt und doch wie im Rausch. So hatte sich die Zeit mit ihr angefühlt. Die Wochen, in denen sie sich abends matt von der Arbeit, aber voller aufgeregter Sehnsucht trafen und die Nächte nur ihnen gehörten, vergingen wie im Flug. Katherine war die erste Frau seit langem gewesen, bei der Greta keine Enge, vielmehr Geborgenheit fühlte.

Sie hatten nie ausgesprochen, welchen Namen die Beziehung trug, die sie beide miteinander führten, noch hatten sie über die Zukunft, weder die nahe noch die ferne, gesprochen. Sie hatten im Moment gelebt, hatten sich genossen, ohne Fragen zu stellen.

Und dann war der Anruf aus Deutschland gekommen, und Greta hatte kopflos all ihre Sachen gepackt, hatte den nächsten freien Flug gebucht und war abgereist, ohne dass sie Katherine noch einmal gesehen hätte.

Lediglich einen kurzen Brief hatte sie für sie zurückgelassen und seitdem keinen Anruf, keine Nachricht von ihr beantwortet. Greta wusste nicht, was sie ihr hätte sagen sollen. Sie konnte noch nicht darüber sprechen, was geschehen war.

Bisher hatte es in ihr auch keinen Raum gegeben, der es zugelassen hätte, etwas anderes als Trauer zu verspüren. Der Anflug von Wut heute Nachmittag war das erste Gefühl, das sich langsam in diesen Raum gedrängt hatte.

In ihrer gemeinsamen Zeit hatten sie kaum über ihre Familien gesprochen. Die Vergangenheit hatten sie beide so weit wie möglich ausgeklammert. Vielleicht hatte ihre gemeinsame Zeit daher den Anschein gehabt, als würden sie sich in eine Seifenblase flüchten, die sie schützte und nur die positiven Gefühle einschloss. Es gab nur das Jetzt, weder das War noch das Wird.

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