Teil 08

Trockener, ekliger Geschmack lag in ihrem Mund. Unangenehmes Pochen in den Schläfen ließ sie zusammenzucken.

Ihr Shirt klebte an ihr.

Sie war viel zu müde für Krawall in Gedanken und in ihrem Unterbewusstsein. Hastig griff sie nach der Wasserflasche neben ihrem Bett und stürzte das kühle Nass hinunter. Es wirkte wie Löschwasser für ihre aufgewühlten Nerven.

Greta schob die Decke zur Seite. Die ganze Wohnung fühlte sich fremd an. Die kahlen Wände umzingelten sie. Ein Wohlfühlort wie aus dem Bilderbuch.

Nur langsam beruhigte sich ihr Atem wieder. Sie hatte kaum vier Stunden geschlafen und das auch nur unruhig und mit Unterbrechungen. Sie fühlte sich, als hätte sie die Nacht durchgesoffen, und dabei hatte sie außer zwei Bier im Club nichts getrunken.

In der Dämmerung tastend hangelte sie nach einem neuen T-Shirt, schälte sich aus dem schweißnassen und streifte sich das neue über. Dann rappelte sich auf.

Sie hatte das dringende Bedürfnis, die letzte Nacht so schnell wie möglich im Duschwasser zu ertränken.


Sie hatte ewig nur dagestanden und das warme Wasser über ihren Körper laufen lassen, der sich nur allmählich beruhigte. Den Kopf gegen die Fliesen gelehnt, versuchte sie, halbwegs aufrecht zu stehen. Das Prasseln des Wassers hatte irgendwann die Stimme ihrer Mutter verdrängt. Sie hatte versucht, sich allein darauf zu konzentrieren.

»Es war nur ein Traum. Nur ein Traum«, murmelte sie immer wieder vor sich hin. Und erst als sich ihr Pulsschlag wieder in normalen Takten zu bewegen schien, stellte sie das Wasser, das mittlerweile das ganze Badezimmer in eine Dampfwolke getaucht hatte, ab, schlüpfte in ihren Bademantel und ging anschließend in die kleine Küche, die mehr Nische als Raum war.

Mit einer Tasse Koffein bewaffnet – und ja, sie wusste, dass dies alles andere als beruhigend war, doch die Müdigkeit wollte vertrieben werden – setzte sie sich an den kleinen Esstisch, den sie wenige Tage zuvor samt Stühlen am Flohmarkt um die Ecke erstanden hatte, schloss die Augen und ließ Kaffeeduft in ihre Nase steigen.

Als sie die erste Tasse geleert hatte, hatte sie das Gefühl, langsam zu sich zu kommen. Aber es gab keine Eile, schließlich war Sonntag.

Tag der Ruhe.

Doch dann fiel ihr Blick auf den kleinen Holzkoffer in der Nähe und sie wusste, dass Ruhe sicher nicht das war, was sie heute empfinden würde.

9

»Margot Vogl. Heidi Führmann. Hannelore Führmann. Und Elisabeth Führmann«, schallte eine tiefe Männerstimme durch den Raum. »Bitte kommen Sie mit.« Er verwies die Frauen an einen weiteren Mann und fuhr damit fort, weitere Namen aus einer Liste vorzulesen, die er anschließend einem anderen Kollegen zuwies.

Die Frauen ergriffen ihr weniges Hab und Gut und folgten dem Mann ins Freie.

»Sie kommen auf dem Bauernhof der Familie Artinger unter. Sie können dort wohnen, bekommen Essen, müssen aber auf dem Hof mithelfen«, erklärte er, und sein Schnurrbart tanzte dabei auf seiner Oberlippe, als er die Frauen durch das Dorf führte, in das sie letzten Endes mit einigen weiteren Familien nach einem langen, abschließenden Fußmarsch vom weiter entfernten Bahnhof gelandet waren.

Ihre Klamotten fühlten sich klamm an. Der Winter hatte sich bis auf ihre Haut gefressen. Wie sehr sehnten sie sich nach einem warmen Ort, trockener Kleidung, nach einer warmen Suppe und so etwas wie Sicherheit. Doch alles um sie herum war beängstigend. Der bayerische Dialekt machte ihnen zu schaffen. Sie verstanden nur die Hälfte des Gesagten, wenn überhaupt. Es klang wie ein undeutliches Nuscheln und Gebelle.

Am Hoftor empfing sie eine kleine, verhärmte Gestalt, die sich knapp als Josefa, Magd des Hofes, vorstellte und dann mit eiligen kleinen Schritten vor den Frauen über den Hof tippelte, eine Außentreppe nach oben stieg, dort eine kleine Tür aufstieß und nach innen zeigte. »Dieses Zimmer können Sie haben. Waschzuber und so weiter steht unten im Stall. Stellen Sie Ihre Sachen ab und kommen Sie runter in die Stube. Die Hofbesitzer wollen Sie kurz kennenlernen.«

Und dann drückte sie sich an den Frauen, die scheu und überfordert auf der Treppe stehengeblieben waren, vorbei und tippelte die Stufen wieder nach unten. Dann war sie verschwunden.

Hannelore steckte als Erstes den Kopf in das kleine Zimmer. Es war eng, durch ein kleines Fenster fiel nur spärlich Licht hinein. Doch es standen tatsächlich kleine Betten darin. Und darauf, Hannelore konnte ihr Glück kaum fassen, lagen dicke Bettdecken, die endlich etwas Wärme für die anstehende Nacht versprachen.


Weder Hannelore noch ihre Mutter oder Tante hatten jemals zuvor auf einem Hof gearbeitet. Die schwere körperliche Arbeit machte ihnen besonders in den ersten Tagen zu schaffen.

Während die kleine Elisabeth bei den Kindern der Artingers gut aufgehoben war, malochten die Frauen im Stall, schleppten Holz für das Kaminfeuer oder nähten, stickten und stopften Kleidung und Decken. Immerhin konnten sie Letzteres im Warmen ausführen.

Viele der Tätigkeiten musste Hannelore erst lernen, noch nie hatte sie nähen oder sticken müssen, all das hatte zu Hause ihre Mutter übernommen, während sie jeden Tag mit dem Vater zur Arbeit aufgebrochen war.

Die Artingers schienen zunächst wenig begeistert davon, Flüchtlinge auf ihrem Hof aufzunehmen, doch als sie sahen, dass die Frauen bereit waren anzupacken, änderte sich langsam ihre Haltung und hin und wieder wurde auch ein persönliches Wort gewechselt.

Die Angst, die Hannelore vor allem in den ersten Tagen und Wochen jede einzelne Sekunde begleitet hatte, verglimmte nun langsam. Doch der Verlust ihres Zuhauses, ihrer Heimat, brannte in ihr weiter wie Feuer.

Sie lebten wie in einer Blase.

Schlafen, arbeiten.

Schlafen, arbeiten.

Schlafen, arbeiten.

Tag für Tag.

Bis zu jenem Tag, der die neugewonnene Sicherheit erneut gefährlich ins Wanken brachte.

•••

In der einsetzenden Dämmerung näherte sich eine zierliche Gestalt schnellen Schrittes den langen Weg hinab zum Hoftor. Die Hand war schützend über die Augen gelegt, Februarschneeflocken zeigten noch einmal ihr ganzes Repertoire.

Hannelore unterbrach ihr Tun, kniff die Augen zusammen und versuchte, den späten Besuch zu erkennen. Sie stand allein im Hof, suchte nun Schutz an der Mauer und spähte weiter in die Dämmerung.

Das spärliche Hoflicht flackerte im Wind. Als die Gestalt schließlich das Hoftor öffnete, flink hindurchschlüpfte, sich kurz umsah und dann zielsicher auf Hannelore zueilte, hatte Hannelore das Gefühl, alles um sie herum beginne sich zu drehen.

Ilse zitterte am ganzen Körper, als sie sich neben Hannelore an die Mauer drückte, die sie trotzdem nicht vor der Kälte schützte. Ohne nachzudenken griff Hannelore nach Ilses Hand und zog sie mit sich Richtung Stall, in dem sich um diese Zeit keine Menschenseele mehr aufhielt. Die Arbeit war verrichtet, das Leben spielte sich um diese Zeit im Haus ab.

Ilses blonde Locken waren übersät mit Schneeflocken, Nase und Wangen von der Kälte gerötet. Ihre Stimme zitterte, als sie zu sprechen begann. Sie wirkte völlig nervös und es war ein leichtes, Hannelore damit anzustecken. »Als ich gehört habe, dass ihr hier auf diesem Hof untergekommen seid, bin ich sofort losgelaufen.«

»Du bist ja völlig durchgefroren! Wie lange bist du denn unterwegs gewesen?«

»Wir sind zwei Dörfer weiter auf einem Hof. Alles gut, ich taue schon wieder auf«, lächelte Ilse. »Das war es mir wert. Ich habe es nicht ausgehalten und konnte nicht länger warten. Geht es euch gut?«

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