Teil 09

Hannelore nickte und konnte Ilses Blick kaum standhalten. Sie hatte sie eiskalt erwischt. Wie oft hatte sie sich in letzter Zeit dabei ertappt, an Ilse zu denken, und wie oft hatte sie es sich selbst verboten.

Es verzweifelt versucht.

»Tut mir leid, wenn ich hier einfach so auftauche, ich scheine dich ganz schön überrascht zu haben.«

Hannelore versuchte abzuwehren, doch ihre Stimme klang dünn. »Ich habe nicht damit gerechnet, dich so schnell wiederzusehen.«

»Ich musste mich auch eine Weile durchfragen, bis ich herausgefunden habe, wo ihr untergekommen seid. Das war gar nicht so einfach. Ich kenne ja nur deinen Vornamen.«

»Du hast also wirklich nach mir gesucht?«

»Ich musste dich wiedersehen.« Nun war es Ilses Stimme, die zerbrechlich klang, aber ihr Blick, mit dem sie Hannelore festhielt, blieb fest.

Und dann wurde ihr Körper von heißen Wogen durchströmt. Ilses Lippen auf ihren, warmer Atem, der ihr Gesicht streichelte und ihre Körper, die sich in eine innige Umarmung zogen, ließen Hannelore taumeln.

Sanft drückte Ilse sie gegen die Holzwand, ihren Körper noch enger an ihren, fordernde Küsse, die kaum Luft zum Atmen ließen.

Minuten fühlten sich wie Sekunden an.

Erst ein lautes Knarren im Hof ließ die beiden Frauen auseinanderfahren.

Eilig fischte Ilse in ihrem Mantel nach einem Stück Papier, das sie flink in Hannelores Manteltasche verschwinden ließ. »Lass mich nicht zu lange warten«, raunte sie Hannelore ins Ohr, und sofort stieg erneut Hitze in Hannelore auf.

Im Schutze der Nacht und auf leisen Sohlen verschwand Ilse kurz darauf, ohne dass Hannelore sie davon abhalten hätte können.

Wie ein schwarzer Panther entschwand sie in der Dunkelheit.

•••

Greta drehte das kleine Stück Papier vorsichtig zwischen ihren Fingern.


Auerhof

Von da aus Richtung Süden

Alte Scheune

Sonntagabend

Ich warte auf dich


Auerhof. Auerhof?

Greta dachte angestrengt nach. Der Name sagte ihr irgendetwas, doch es mochte ihr nicht einfallen. Wie sie ihre Gedanken auch drehte und wendete, sich zu fokussieren versuchte, sie kam allein nicht weiter.

Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, wählte sie die Nummer ihrer Eltern.

Nach langem Läuten hätte sie beinahe schon aufgelegt, als sich doch noch zur Gretas Freude die sonore Stimme ihres Vaters meldete.

Telefonate mit ihrem Vater waren immer sehr unaufgeregt. Meist sehr kurz, die wichtigsten Informationen wurden ausgetauscht, und sobald man sich gegenseitig versichert hatte, dass es dem jeweils anderen gutginge, legte man mit gutem Gewissen wieder auf.

Doch ehe ihr Vater auch heute ihrer eingeschliffenen Tradition nachgehen konnte, schob Greta flink ihr eigentliches Anliegen ein. »Sagt dir ein Auerhof etwas?«, fragte sie mit bemüht ruhiger Stimme. Innerlich kämpfte sie mit ihrer Unruhe, die sie niederzuringen versuchte.

Kurzes Schweigen. Ein kurzes Schnaufen. »Willst du nicht lieber deine Mutter fragen?«

»Ich glaube, dass das momentan keine gute Idee ist, Papa. Weißt du nicht irgendetwas.«

Greta merkte, wie ihr Vater zu zögern schien. »Das ist der alte Hof drüben in Pfingstin. Aber da kümmert sich keiner mehr darum. Ist den Nachkommen wohl nicht fein genug.«

Ihr Vater fragte nicht nach, warum Greta sich für diesen Hof interessierte. So war er. Sie würde schon ihre Gründe haben, warum sie das wissen wollte. Er war nur da, um Antworten zu geben.

»Weißt du mehr über den Hof?«

»Nur, dass er momentan leersteht. Sprich mit deiner Mutter, wenn du uns das nächste Mal besuchst. Ich kann dir nicht mehr dazu sagen. Vielleicht weiß sie mehr.«

»Danke«, erwiderte Greta. In ihr widerstrebte sich alles, im Moment mit ihrer Mutter darüber zu sprechen. Schließlich hatte es etwas mit ihrer Großmutter zu tun, und das schien ein rotes Tuch für ihre Mutter zu sein. Greta wollte sich nicht erneut auf Diskussionen oder Predigten einlassen.

Pfingstin also. Nach ihrem Laptop fischend spann sie bereits Pläne für den vor ihr liegenden Sonntagnachmittag. Schädelbrummen hin oder her. Was soll’s?


Zwei Stunden später stand Greta, mehr oder weniger aufgeräumt, tatsächlich vor einer alten, halb verfallenen Scheune südlich des Hofes.

Dachschindeln hatten sich gelöst und lagen nun verstreut um die Scheune, deren Holzverkleidung auch bessere Tage gesehen haben musste.

Unschlüssig betrachtete Greta das marode Bild vor sich. In sicherem Abstand, man wusste ja nie, ob ein weiteres Geschenk vom Dach rasseln würde, schritt Greta durch das hohe Gras schließlich um die Scheune herum. Durch die großen Spalten der Holzverkleidung sah sie, dass die Scheune nichts mehr beherbergte außer vielleicht das ein oder andere Tier, das hier Unterschlupf suchte und dem Greta nicht unbedingt begegnen wollte.

Angestrengt sah sie sich um. Suchend, obwohl sie nicht wusste, wonach sie Ausschau hielt.

Was hatte sie auch gehofft zu finden?

Die Sonne brannte vom Himmel, was ihren Kopfschmerzen nicht gerade zuträglich war. Greta wischte sich den Schweiß von der Stirn und stemmte die Hände in die Hüften.

Sie hätte jetzt genauso gut im Liegestuhl im Hof liegen können, im Schatten.

Hinter der Scheune stand ein prächtiger Kastanienbaum, der zumindest etwas Schatten spendete. Greta flüchtete sich eilig in die kleine Oase.

»Wer wohl hier gelebt haben mochte? Und was hatte Großmutter damit zu tun?«, grübelte Greta.

Die Scheune allein schien keine großen Erkenntnisse mit sich zu bringen, also entschloss Greta sich, noch einmal zum Hof zurückzugehen und sich dort ein wenig genauer umzusehen.

So schnell es ihr bei der Hitze möglich war, marschierte sie den Kiesweg entlang einen kleinen Hügel hoch, bis der Hof erneut vor ihr auftauchte.

Wäre nicht helllichter Tag, ihr wäre wohl unwohl gewesen, so allein und verlassen wie das alte Bauernhaus unweit des nächsten Dorfes vor ihr lag.

Langsam fragte sie sich ernsthaft, was sie hier eigentlich zu finden glaubte. Alle Türen und Fenster waren verriegelt, der Garten um das Haus herum wucherte, wie es ihm gefiel, und das Namensschild an der Haustür hing verrostet auf halbmast.

Greta spähte durch ein Fenster ins Innere. Wie ein Stillleben lag das Esszimmer vor ihr, aufgeräumt, als hätte kurz zuvor jemand den Tisch abgeräumt. Nur eine dicke Staubschicht konservierte den Inhalt des Hauses. An der Wand erblickte Greta alte Fotografien, doch sie waren viel zu weit weg, um irgendetwas zu erkennen.

Mist.

Das war doch alles vergebene Mühe.

Zumindest für heute wurde sie aus all dem hier nicht schlauer.

Resigniert gab Greta auf, wischte sich die Hände, mit denen sie sich eben noch auf der verschmutzten Fensterbank abgestützt hatte, an der Hose ab und trat den Rückzug an.

10

Greta stand vor einer großen Pinnwand, die sie tags zuvor unter Aufbringung aller Kraft, unzähligen Schweißtropfen und ihrem gesamten Fluchrepertoire vom Baumarkt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln irgendwie nach Hause geschleppt hatte und die nun provisorisch an der leeren Wand lehnte.

So wie alles in diesem Zimmer irgendwie provisorisch war. Zweckmäßig, aber wenig liebevoll. Äußerst karg und für manchen wohl bedrückend. Der Raum strahlte bisher alles andere als Gemütlichkeit aus, Greta hatte auch wenig dazu beigetragen, ihn in eine bessere Version zu verwandeln. Bisher war sie der Meinung, dass der Aufwand sich für ein Jahr Bleibe wenig lohnen würde.

Bis dato hatte Greta dieses karge Leben nichts ausgemacht, doch als sie im Baumarkt durch die Gänge und Flure getigert war, wurde sie von einer gestalterischen Euphorie gepackt, sodass ihr Rucksack bald das Gewicht dreier Bowlingkugeln aufwies und sie zu einem äußerst aufrechten Gang verdonnert wurde.

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