Teil 11

Und plötzlich Stille.

Gretas Frage hatte Klara mit einem Mal verstummen lassen.

Ihre Wangen gerötet saß sie nun wieder starr neben Greta und blickte aufs Wasser. »Ja, vielleicht weiß ich wirklich kaum etwas von dir«, sagte sie dann leise, ohne den Blick noch einmal zu wenden.

»Klara, ich . . .«, versuchte Greta eine Antwort, doch Klara unterbrach sie umgehend.

»Du bist mir auch gar keine Rechenschaft schuldig. Ich war einfach wütend an dem Abend und auch heute, wenn ich darüber spreche, aber du kennst ja jetzt meinen Standpunkt, und damit ist alles gesagt.«

»Ich wollte dir sicher nichts unterstellen oder dich verletzten. Du bist mir wirklich wichtig geworden, auch aus der Ferne. Auch wenn Tausende Kilometer zwischen uns lagen. Aber natürlich lernt man die andere erst besser kennen, wenn man auch wirklich Zeit mit ihr verbringen kann. Denkst du nicht? Vielleicht müssen wir uns erst an die Nähe gewöhnen«, versuchte Greta ein Lächeln, um die Spannung zwischen ihnen zu mildern.

Sie wollte nicht mit Klara streiten. Es gab doch eigentlich keinen Grund dafür.

»Ja, vielleicht. Vielleicht müssen wir das. Keine Ahnung«, erwiderte Klara und schob sich irgendwie trotzig das letzte große Stück Donut in den Mund. »Vielleicht musst du meine Nähe erst einmal aushalten«, schmatzte sie dann weiter und zerknüllte die Tüte zu einem kleinen Ball.

»Ich bin mir sicher, dass ich das schaffe, und wenn ich das bei jemandem möchte, dann sicherlich und absolut bei dir«, lächelte Greta nun ehrlich und knuffte Klara in die Schulter. »Und jetzt lass uns den Sommerabend genießen, wie er genossen werden sollte. In himmlischem Frieden, zuckergesättigt und mit Grillduft in der Nase.«

11

3. Mai 1945

Langsam fällt die Arbeit auf dem Hof und den Feldern leichter. Man gewöhnt sich daran, zuzupacken und über die Erschöpfung hinaus zu arbeiten. Auch die Artingers scheinen sich so langsam mit uns Frauen zu arrangieren, sind wir doch mittlerweile keine Gäste mehr, die nur kurz bleiben oder ihnen auf der Tasche liegen.

Mutter und Margot bewohnen jetzt ein eigenes kleines Zimmer. Die kleine Elisabeth schläft bei mir. Elisabeth spielt oft mit den Kindern der Artingers, sie ist so aufgeweckt und voller Energie. Sie rennt durch Matsch und Pfützen, hat keine Angst vor den Tieren auf den Feldern und ist ein wahrer Wirbelwind. Für sie ist das nun die Heimat, in der sie aufwachsen darf. Die Heimat, in der sie Wurzeln schlagen darf. Ach, wenn Ernst sie doch nur sehen könnte. Es würde ihn so glücklich machen.

Abends, wenn alle nach dem Essen auf ihrer Stube sind, schleicht I. sich oft zu mir. Bisher hat noch niemand etwas davon mitbekommen, und ich bin froh, nichts erklären zu müssen. Manchmal treffen wir uns auch hinter der Scheune unterhalb des Auerhofes.

Vor allem gestern, als die Sonne die Luft so schön erwärmt hat, konnten wir abends noch eine Weile einfach nebeneinanderliegen und die Arbeit des Tages und alle Sorgen für einen kleinen Augenblick vergessen.

Dieser Platz ist unser Zufluchtsort. In diesen Momenten fühle ich mich leicht, als hätte es den letzten Winter, ja, als hätte es all die vergangenen Jahre nicht gegeben.

Aber ich weiß, dass ich nicht darauf hoffen darf, dass dieses Glück von Dauer sein wird. Das kann es nicht. Im Moment aber will ich dieses Glück so lange festhalten, wie es mir möglich ist.


Greta klappte das Tagebuch, dessen Einband von Jahrzehnten gezeichnet war, zu und durchkämmte erneut mit ihren Blicken die Pinnwand vor sich. Kein Ernst. Niemand, dessen Name mit I begann.

Wer mochte dieser Ernst gewesen sein? Warum würde es ihn glücklich machen, Gretas Mutter zu sehen? War dieser Ernst vielleicht sogar ihr Großvater?

Ein Großvater mütterlicherseits war nie ein Thema gewesen. Sie hatte immer nur einen Großvater gehabt, hatte das nie hinterfragt, wenn andere Kinder von zwei Großvätern erzählten. Großvater Heinz war ihr immer genug gewesen. Sie hatte ihn vergöttert.

Nur einmal hatte ihre Großmutter erzählt, dass sie sich immer allein um Elisabeth gekümmert hatte, dass sie sie allein großgezogen hatte. Sie hatte nie von einem Mann gesprochen, nie darüber, wer eigentlich Elisabeths Vater war.

Und wo mochte er geblieben sein? Ein Soldat, der wie viele nicht mehr nach Hause zurückkehren konnte? War er gefallen?

Ach, es brachte nichts, sich den Kopf zu zermartern. Greta wollte Antworten, keine Spekulationen. Aber dafür musste sie über ihren Schatten springen.

Es gab nur eine Person, die ihr wirklich Auskunft darüber geben konnte. Ihre Mutter, mit der sie zumindest wieder Small Talk betreiben konnte, wenn sie zuhause anrief und ihr Vater dann doch das Telefon weiterreichte.

Greta konnte hören, wie unwillig ihre Mutter nach wie vor mit ihr sprechen wollte, vor allem, nachdem sie sich noch einmal vergewissert hatte, dass Greta tatsächlich von dem Koffer nicht ablassen wollte. Es hatte ihr offensichtlich keine Ruhe gelassen.

Greta war sich dessen bewusst, dass sie aus einer Familie kam, die grundlegend wenig emotional war. Dafür eher realistisch, pragmatisch, klar und direkt. Ihre Eltern hatten selten laut gestritten, eher waren sie sich aus dem Weg gegangen, wenn der eine den anderen einmal nicht – wie sagte Mutter so schön? – ertragen konnte.

Und das war okay. Zeit zum Durchpusten, die Dinge dahingehend einordnen, dass doch alles gar nicht so schlimm war, und vor allem im Anschluss nicht nachtragend sein. Das hatte bisher auch wunderbar funktioniert.

Bisher.

Offenbar hatte ihre Mutter sich diesen Part, das Nachtragendsein, für diesen Moment exklusiv aufgehoben. Für Gretas ungehörige Tat, sich tatsächlich dem Koffer ihrer eigenen Großmutter zu widmen, strafte sie sie nun mit Ablehnung.

Sie saßen im Garten unter der Markise, Kaffee, Kuchen und eine Grapefruitschorle standen für den Nachmittagskaffee bereit, das Wetter war herrlich, die Nachbarn grüßten freundlich über den Zaun, und Strolchi, der mittlerweile äußerst weißbärtige Labrador ihrer Eltern, aalte sich im Schatten.

Nur Gretas Mutter zog ein Gesicht, als wäre all die Schönheit um sie herum eine tonnenschwere Belastung. Ohne Greta anzuschauen, stocherte sie in ihrem Käsekuchen und richtete ein Bröselmassaker an, während Greta selbst versuchte, die Fassung zu bewahren. Noch immer erschloss sich ihr nicht, welches Problem ihre Mutter damit hatte.

»Der Kuchen schmeckt wirklich sehr gut«, sagte Greta anerkennend, doch ein Eisbrecher sollte dieses Kompliment auch nicht werden.

Ihre Mutter stocherte weiter. Beharrlich war sie, das musste man ihr lassen.

»Der ist dir wirklich gut gelungen«, griff nun Gretas Vater unterstützend ein und erhielt als Antwort wenigstens ein »Schön!«

Ich bin ein Schmetterling! Ich bin ganz ruhig, wiederholte Greta immer wieder in Gedanken, um sich dann laut an ihre Mutter zu wenden: »Mama, darf ich dich etwas fragen?«

Ein kaum merkliches Schulterzucken, aber für Greta Antwort genug.

»Wer war Ernst?«

Gretas Mutter hörte prompt auf zu kauen und legte die Kuchengabel auf den Teller zurück. »Wie kommst du denn zu dieser Frage?«

»Na ja, Oma hat in ihrem Tagebuch geschrieben, dass er sicher sehr glücklich gewesen wäre, dich zu sehen.«

In diesem Moment legte Gretas Vater ihrer Mutter unter dem Tisch eine Hand auf den Oberschenkel, ganz leise und sanft, doch Greta entging diese Geste nicht. Sie hatte offensichtlich ein sensibles Thema angesprochen.

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