Teil 01

1

»Die Quelle ist versiegt. Von mir wirst du nichts mehr bekommen!« Das Gesicht der älteren Frau verzog sich ablehnend.

»Bitte . . . Tante Petra . . .« Die jüngere Frau versuchte, die ältere mit einem charmanten Lächeln umzustimmen. »Du bist doch meine Lieblingstante.«

»Deine einzige«, korrigierte Petra Lüders. »Jedenfalls die einzige, die dir noch etwas gegeben hat. Aber damit ist es jetzt auch vorbei. Ich habe dir immer wieder gesagt, such dir einen Job, mach etwas aus deinen Talenten. Du hast schließlich eine Menge davon. Und was tust du?«

Die jüngere Frau, elegant gekleidet und ausgesprochen attraktiv, schlug die Beine übereinander und lächelte erneut so bezaubernd, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass irgendjemand ihr auf Dauer widerstehen könnte. »Ich finde, ich mache eine Menge aus meinen Talenten«, erwiderte sie kokett.

»Aus deinem guten Aussehen.« Ihre Tante schnaubte fast durch die Nase. »Und aus deinem Charme. Das nutzt du aus.« Sie schüttelte den Kopf. »Genau wie dein Vater. Der hat eine Frau nach der anderen geschwängert –«

Sorgfältig manikürte Fingerspitzen hoben sich in die Luft. »Das habe ich noch nie getan«, behauptete Charlotte Flemming, von den meisten Charlie genannt, mit ernsthaftem Gesichtsausdruck. »Großes Ehrenwort.« Sie legte eine Hand beschwörend auf ihr Herz, doch ihre Mundwinkel zuckten und machten die ganze gespielte Ernsthaftigkeit sofort wieder zunichte.

»Weil du eine Frau bist«, entgegnete ihre Tante unbeeindruckt. »Wärst du ein Mann, wäre es schon längst passiert. Das zumindest ist ein Vorteil. Dass du die Frauen, denen du schöne Augen machst, nicht so ins Unglück stürzen kannst.«

»Ich stürze sie doch nicht ins Unglück«, wehrte Charlie sich mit einer Miene, als ob sie ganz betroffen von dieser Unterstellung wäre und noch nie an so etwas gedacht hätte. »Eher sie mich. Nur ihretwegen habe ich Schulden. Weil Geschenke nun einmal teuer sind. Und Restaurantbesuche in New York, Paris oder Tokio. Urlaub auf Musha Cay . . .«

Erneut schnaubte Petra Lüders durch die Nase wie ein Pferd, das vorhat, seine Reiterin gleich abzuwerfen. »Wo man sogar nur für eine Nacht die gesamte Insel mieten muss.« Sie schüttelte den Kopf. »Was kostet das?«

»Och . . .« Charlie zuckte die Schultern. »Es ist aber auch wirklich sehr schön dort. Einsam.« Sie grinste ein wenig. »Ungestört.«

»Und das ist wie viel . . .?« Professor Lüders’ Augenbrauen hoben sich. »Fünfzigtausend Dollar pro Nacht wert?«

»Du weißt es ja.« Charlie grinste noch mehr. »Was fragst du mich dann nach dem Preis?«

»Charlie, Charlie . . .« Petra Lüders’ Kopfschütteln hörte schon fast nicht mehr auf. »Was soll nur aus dir werden?«

»Ein einigermaßen menschenwürdiges Leben kostet eben Geld«, erklärte Charlie mit allergrößter Selbstverständlichkeit. »Und dazu bin ich erzogen worden.«

»Dein Erbteil war groß genug.« Ihre Tante seufzte und lehnte sich in dem Bürosessel zurück, in dem sie saß. »Aber du hast es in kürzester Zeit durchgebracht.«

Wieder zuckte Charlie die Schultern. »Niemand hat mir beigebracht, wie man in einer Zweizimmerwohnung lebt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie die Leute das machen.« Sie verzog die Lippen. »Kann man wirklich von ein paar tausend Euro im Monat existieren?«

Trocken lachte Petra Lüders auf. »Wenn man dich so reden hört . . . Und du warst so ein nettes Kind.«

»Ich bin immer noch nett«, behauptete Charlie. Sie beugte sich leicht vor und lächelte wieder. »Soll ich dir eine Liste mit Namen geben, die das bestätigen?«

»Davon bin ich überzeugt.« Petra Lüders konnte nicht umhin zu schmunzeln. Sie hatte ihre Nichte immer gemocht, aber trotzdem musste sie ihr die Leviten lesen, daran führte kein Weg vorbei. Diese Verschwendungssucht musste ein Ende haben. »Und ich bin froh, dass du so eine Liste hast. Denn dann können sie dir ja das Geld geben, das du benötigst, um deinen Lebensstil weiterhin aufrechtzuerhalten.«

Für einen Moment sah Charlie fassungslos aus. Aber sie fing sich schnell wieder. »Ich bin eine Flemming, ich kann mir doch kein Geld von Leuten leihen, mit denen ich gesellschaftlich verkehre«, bemerkte sie indigniert. »Das würde auch auf dich zurückfallen. Was sollen die Leute von uns denken, von unserer Familie?«

»Schieb bloß nicht mich vor!« Petra Lüders lachte. »Darauf falle ich nicht mehr herein. Ich habe dir gesagt, was du tun musst. Warum hast du dein Medizinstudium abgebrochen? Du wärst eine gute Ärztin geworden. Und dann hättest du mit mir hier in die Klinik einsteigen können. Das hätte mich gefreut, und Schulden müsstest du dann auch keine machen.«

Charlie zog die Augenbrauen hoch. »Ich habe es ja versucht«, sagte sie. »Aber das Studium lag mir nicht. Ich hatte überhaupt keine Zeit mehr für mich selbst, für die wichtigen Dinge.«

Erneut schüttelte Petra Lüders den Kopf. »Cocktailpartys, Clubnächte und Affären sind keine wichtigen Dinge. Ich weiß«, sie atmete tief durch, »das ist die Schuld deines Vaters. Aber jetzt bist du erwachsen. Schon eine ganze Weile. Und du solltest einsehen, dass ein solches Leben keinen Sinn hat. Es ist verschwendete Zeit. Ganz zu schweigen vom rausgeschmissenen Geld. Davon hattest du viel zu viel, sonst wärst du vielleicht schon früher zur Vernunft gekommen.«

»Vielleicht finde ich ja einen Beruf, der mir wirklich liegt«, lenkte Charlie schmeichelnd ein. »Wenn du mir noch ein bisschen Zeit lässt. Aber bis es soweit ist, brauche ich –«

»Nein, Charlie.« Petra Lüders unterbrach sie und stand auf. »Du bist alt genug. Du kannst für dich selbst sorgen. Oder könntest es, wenn du wolltest. Aber du willst nicht. Und das unterstütze ich nicht. Tut mir leid.«

»Tante Petra . . .«

»Frau Professor?« Die gepolsterte Tür des Büros öffnete sich unvermutet. »Entschuldigen Sie die Störung.« Eine junge Frau in einem weißen Kittel warf einen kühlen Blick auf Charlie, bevor sie sich wieder auf Professor Petra Lüders konzentrierte. »Die Patientin, über die Sie informiert werden wollten . . . Die Ergebnisse sind da.«

»Ich komme.« Professor Lüders nickte der jungen Ärztin zu, die aus der Tür verschwand, sie aber offenließ. »Das sind die wirklich wichtigen Dinge des Lebens«, wandte sie sich noch einmal an ihre Nichte. »Das wirst du hoffentlich auch noch herausfinden. Aber jetzt habe ich keine Zeit mehr, dir das zu erklären.« Sie ging an Charlie vorbei zur Tür hinaus.

Unzufrieden klopfte Charlie mit den Fingern auf den Schreibtisch ihrer Tante, ließ ihren Blick noch einmal darüberschweifen, als ob sie hoffte, darauf einen vergessenen Packen Geld zu finden, wandte sich dann um und folgte dem Weg der beiden Ärztinnen.

2

»Wie fühlen Sie sich, Frau Hersbach?« Professor Lüders ging lächelnd auf das Bett zu, in dem eine junge Frau lag, die sehr blass aussah. »Besser?«

»Ich weiß gar nicht, was das soll, Frau Professor«, erwiderte Bettina Hersbach lächelnd. »Nur weil mir ein bisschen schwindlig geworden ist, wird hier so ein Aufstand gemacht. Ich fühle mich schon wieder gut. Ich hatte auch früher schon mal Kreislaufprobleme. Da hat man mich nicht gleich ins Krankenhaus gebracht.«

»Da sind Sie vielleicht auch nicht ohnmächtig geworden«, erwiderte Petra Lüders. »Wenn so etwas passiert, sollte man schon mal nachschauen, woran es liegt.«

»Und? Woran liegt es?« Bettina Hersbach lachte. »Bin ich schwanger?« Sie schüttelte den Kopf. »Falls Sie mir das erzählen wollen, muss ich Ihnen gleich eine Enttäuschung bereiten: Das kann nicht sein.«

»Sind Sie da ganz sicher?« Professor Lüders lächelte.

»Ganz sicher«, entgegnete Bettina. »Ich hoffe, das schockiert Sie nicht, aber ich stehe nicht auf Männer. Also so ganz zufällig schwanger werden, weil die Verhütung nicht geklappt hat oder so, ist nicht.«

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Suche

Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren. Es gibt keine Tracker und keine Weitergabe Ihrer Nutzungsdaten an Dritte.