Teil 05

»Charlie . . .«, seufzte sie, als ihre Lippen sich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder trennten. Sie ließ ihren Kopf an Charlies Brust sinken. »Ich fühle mich so wohl bei dir. So unglaublich ruhig und geborgen.«

Sanft küsste Charlie ihr Haar. »Das freut mich«, sagte sie leise. »So sollst du dich immer fühlen. Am liebsten würde ich immer bei dir sein.«

»Ja, das wäre schön.« Bettina kuschelte sich lächelnd noch mehr an sie. »Wenn wir uns nie mehr trennen müssten, nicht mal für eine Sekunde.«

Charlie räusperte sich. »Meinst du das ernst?«

»Natürlich meine ich das ernst.« Verwundert hob Bettina ihr Gesicht zu Charlie auf. »Wie kannst du daran zweifeln?«

»Tue ich nicht.« Charlie lächelte sie warm an. »Ich kann nur kaum glauben, dass du genauso empfindest wie ich. Das . . . das hätte ich nie zu hoffen gewagt. Bisher –« Sie räusperte sich erneut. »Bisher war es nie so.«

»Du hast schlechte Erfahrungen gemacht?«, fragte Bettina.

Charlie beantwortete die Frage nicht, sondern fragte zurück: »Du denn nur gute?«

»Hm.« In Bettinas Gedächtnis sammelten sich Bilder. Sie dachte immer in Bildern. Ihre Erinnerungen liefen wie Filme vor ihrem inneren Auge ab, Stummfilme. Die Bilder sprachen für sich selbst, sie brauchten keine Worte. »Normale, denke ich.«

»Das klingt nicht begeistert.« Zärtlich strich Charlie mit einem Finger über Bettinas Wange. »Willst du darüber reden?«

»Eigentlich nicht.« Bettina schüttelte widerstrebend den Kopf. »Wie gesagt bin ich schüchtern. Im Umgang mit Menschen komme ich mir oft linkisch vor. Deshalb bin ich am glücklichsten, wenn ich nicht allzu viele Menschen um mich habe. Auf die Art«, sie lachte leicht, »lernt man nicht viele Leute kennen, mit denen man Erfahrungen machen kann.«

»Aber du hast welche gemacht, die . . .«, Charlie zögerte, als ob sie nach dem richtigen Wort suchte, »die nicht sehr angenehm waren?«

»Was ist schon angenehm?« Bettina zuckte die Schultern. »Außer in einem Keller zu hocken und mit jahrhundertealten Bildern zu sprechen? Ihnen zu versprechen, dass man sie wieder zum Leuchten bringen wird.«

»Das tust du? Du sprichst mit ihnen?« Etwas ungläubig warf Charlie einen Blick auf die Staffelei. »Ich meine, sie sind wunderschön, aber –«

Bettina lachte leise. »Ja, das versteht niemand. Noch nicht einmal du.«

»Doch. Doch irgendwie verstehe ich es schon.« Charlie lächelte sie verständnisinnig an. »Ich habe das noch nie getan, aber ich kann es mir vorstellen. In so einem Bild steckt so viel Erfahrung der Vergangenheit, was braucht man da noch die Erfahrung der Gegenwart?«

»Ja, ich lebe wohl eher . . . in der Vergangenheit«, gab Bettina stockend zu. »Auch wenn mir das bis jetzt gar nicht so bewusst geworden ist.« Sie schien mit ihren Augen jedes Detail von Charlies Gesicht zu erforschen, als wäre es eine fremde Landkarte. »Du machst mir so vieles bewusst. Du bist wie ein Tor in eine andere Welt.«

»Wir leben alle in derselben Welt«, erwiderte Charlie, strich mit einem Finger nur wie ein Versprechen über Bettinas Lippen und hauchte dann einen flüchtigen Kuss darauf. »Und wir müssen alle damit klarkommen.« Auf einmal zog sie Bettina heftig in ihre Arme. »Ich würde dich so gern vor dieser Welt beschützen!«, stieß sie atemlos hervor. »Ich möchte nicht, dass du noch einmal . . . unangenehme Erfahrungen machen musst.«

»Im Moment mache ich nur angenehme.« Mit geschlossenen Augen drückte Bettina ihre Wange gegen Charlies weiche Brust, fuhr langsam daran entlang. »Sehr angenehme . . .«, flüsterte sie.

»Mhmm . . .« Charlie seufzte auf. »Weißt du, was du da tust?«

»Ganz genau«, hauchte Bettina. »Ich möchte . . . Charlie . . .« Ihre Augen waren dunkler geworden, als sie sie nun wieder öffnete und Charlie ansah. »Du bist alles, was ich möchte«, fügte sie sehr leise hinzu.

»Dann sind wir uns ja einig«, flüsterte Charlie zurück, beugte sich ein wenig hinunter und zupfte mit ihren Lippen an Bettinas Ohrläppchen. »Denn du bist auch alles, was ich möchte.«

5

Bettina erwachte mit einem Lächeln auf dem Gesicht, das ausnahmsweise einmal nicht ihren Bildern galt, ihrer Arbeit, auf die sie sich jeden Tag freute. Sie hielt die Augen geschlossen und spürte dem Gefühl nach, das wie eine weiche Wolke der Erinnerung durch jede Faser ihres Körpers zog.

Was war das nur gewesen in dieser Nacht? Eine Wunschvorstellung? Ein Traum? Eine Ausgeburt ihrer überentwickelten Phantasie, gespeist von einer noch nie gestillten Sehnsucht?

Nein, sie wusste, dass es das nicht war. Ihre Hand tastete neben sich im Bett nach warmer Haut.

Irritiert öffnete sie die Augen, als sie nichts fand. Sie wandte den Kopf und sah ein zurückgeschlagenes Bett, ein zerknülltes Kopfkissen. Das war anders als sonst, aber nicht das, was sie erwartet oder sich gewünscht hatte.

Für einen Augenblick stand ihr Herz fast still. Dann begann es zu rasen, als wollte es die verlorenen Schläge aufholen. Seit zwei Wochen hatte sie davon geträumt, dass Charlie beim Aufwachen neben ihr liegen würde, und nun dachte sie, es wäre eingetreten, ihr Traum hätte sich erfüllt, aber Charlie war . . . gegangen?

Sie lauschte nach Geräuschen in der Wohnung.

Nichts.

Starr lag sie da, die Arme steif ausgestreckt neben sich, als läge sie in einem Sarg. So fühlte sie sich auch. Das hier hatte sie schon einmal erlebt, aber sie hätte nie gedacht, dass sie es mit Charlie wieder erleben würde.

»Nicht mit Charlie«, flüsterte sie. »Oh nein, bitte nicht mit Charlie . . .«

Auf einmal hörte sie, wie sich der Schlüssel im Türschloss drehte.

Nackt, wie sie war, sprang sie auf und rannte in die Diele, warf Charlie fast um, als die die Tür öffnete und hereintreten wollte.

»Immer langsam!«, lachte sie. »Ich dachte, du schläfst noch, aber du scheinst ja schon sehr wach zu sein.«

»Charlie.« Bettina keuchte fast.

»Ja, ich«, bestätigte Charlie leicht irritiert. »Hast du jemand anderen erwartet?« Ihr Blick schweifte schmunzelnd über Bettinas nackte Gestalt. »Ich hoffe nicht, dass du all deine Besucher so empfängst.«

Kurz stutzte Bettina, dann begann sie erleichtert zu lachen. »Nein. Nein, das tue ich nicht.«

»Das beruhigt mich«, sagte Charlie. »Und wenn du jetzt ins Bett zurückgehst, bekommst du da dein Frühstück serviert. So hatte ich es nämlich eigentlich geplant.« Sie hob eine Tüte hoch. »Ich bin keine große Frühstückmacherin, deshalb habe ich alles fertig gekauft. Ich hoffe, das stört dich nicht.«

»Stört mich . . .«, Bettina trat auf Charlie zu und zog sich leicht an ihr hoch, um einen Kuss auf ihre Lippen zu drücken, ». . . gar nicht«, flüsterte sie. »Ich bin so froh, dass du da bist.«

»Schade, dass mir die Überraschung nicht gelungen ist.« Bedauernd verzog Charlie das Gesicht. »Da du deinen Schlüssel so bequem hier neben der Tür abgelegt hattest, habe ich ihn mir einfach ausgeborgt. Ich hatte es mir sehr romantisch vorgestellt, dich mit einem Kuss zu wecken.«

»Ich schlafe noch!«, rief Bettina, rannte ins Schlafzimmer zurück und schlüpfte schnell wieder unter die Decke.

Kurz darauf kam Charlie ihr nach, und während Bettina mit Gewalt ihre Augenlider zusammenpresste, beugte Charlie sich zu ihr hinunter und küsste sie sanft. »Frühstück ist fertig«, sagte sie leise.

Als sie nun zum zweiten Mal an diesem Morgen ihre Augen aufschlug, sah Bettina Charlies lächelndes Gesicht über sich.

»Guten Morgen«, sagte sie. »Ich hoffe, du hast gut geschlafen.«

»Wunderbar.« Bettina hob die Arme und legte sie um Charlies Nacken. »So gut wie schon lange nicht mehr.«

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