Teil 06

Diesmal versanken sie in einen längeren Kuss.

»Wenn der Kaffee nicht kalt werden soll, müssen wir jetzt aber wirklich frühstücken«, bemerkte Charlie schmunzelnd. »Diese Pappbecher halten nicht ewig heiß.«

»Frühstück im Bett mit Pappbechern . . . das habe ich tatsächlich noch nie gemacht.« Bettina lachte.

Etwas entschuldigend verzog Charlie das Gesicht. »Tut mir leid. Soll ich den Kaffee umfüllen?«

»Dann wird er ja noch kälter.« Bettina zog Charlie auf die Bettkante. »Pappbecher im Bett sind ganz in Ordnung. So werde ich mich immer an dieses Frühstück mit dir erinnern, weil es völlig anders war als alles, was ich bisher gemacht habe.«

Charlies Augen versanken in ihren. »Diese Nacht war völlig anders als alles, was ich bisher gemacht habe«, erwiderte sie mit belegter Stimme.

Bettina schluckte. »Das . . . Ja . . .« Die Erinnerung an die Zärtlichkeit der Nacht verschlug ihr die Sprache. Charlies Zärtlichkeit. »Der . . . Kaffee . . .«, konnte sie nur noch mühsam hinzufügen.

Charlie griff neben sich und zog einen Kaffeebecher aus der Tüte. »Mit Zucker und Milch?«, fragte sie.

»Beides«, sagte Bettina. »Viel.«

»Dann lag ich mit Cappuccino ja richtig.« Charlie zog den Deckel von dem Becher ab und schaute hinein. »Blöd«, sagte sie. »Der Schaum ist praktisch weg.«

»Macht nichts.« Bettina griff nach dem Becher. »Wenn du mir den Zucker gibst . . .«

Mit einem schnellen Griff zog Charlie eine ganze Handvoll Zuckertütchen heraus.

»Soo viele brauche ich nicht!«, lachte Bettina.

»Sag einfach, wenn es genug ist.« Charlie riss das erste Tütchen auf, schüttete es in den Kaffee, riss ein zweites auf und dann ein drittes. Als auch das in dem braunen Getränk verschwunden war, schaute sie Bettina fragend an.

»Noch eins«, sagte Bettina. »Dann ist es genug.«

»Na, dann war es doch gut, dass ich so viele mitgebracht habe«, neckte Charlie sie. »Du bist ja wirklich eine ganz Süße.« Sie beugte sich vor, und während sie das letzte Zuckertütchen in den Becher entleerte, küsste sie Bettina leidenschaftlich. »Was ich natürlich schon wusste«, hauchte ihre Stimme heiser an Bettinas Lippen, als sie sich endlich wieder davon löste.

Bettina umklammerte den Becher mit aller Kraft, während Charlies Kuss ihr gleichzeitig alle Kraft zu rauben schien. Sie hatte Angst, dass der ganze Kaffee inklusive des ganzen Zuckers im Bett landen würde.

Doch nicht nur sie war atemlos, als sie sich voneinander lösten, auch Charlie atmete schwer.

»Das war die längste Trennung meines Lebens«, keuchte sie. »Dieses Frühstück zu besorgen. Ich hatte das Gefühl, es dauerte eine Ewigkeit. Ich wollte immer nur zu dir zurück.«

Sprachlos starrte Bettina sie an. Sie fühlte, wie Tränen ihre Kehle heraufkrochen, und nahm schnell einen Schluck Kaffee. »Ich bin erst kurz vor deiner Rückkehr aufgewacht. Ich weiß nicht, wie lange du weg warst.« Noch einmal kehrte der Schreck in ihre Glieder zurück, den sie empfunden hatte, als das Bett neben ihr leer war.

»Wahrscheinlich war es nur eine Viertelstunde. Die Bäckerei hier um die Ecke hat ja alles«, erklärte Charlie. »Aber jede Sekunde ohne dich ist eine Ewigkeit.«

Bettina wandte den Kopf ab.

»Was ist?«, fragte Charlie mit besorgtem Tonfall. »Was hast du?«

Noch einmal rettete Bettina sich in einen Schluck Kaffee, aber sie drehte ihren Kopf nicht zurück.

»Nun komm schon«, sagte Charlie. »Du wirst dich doch nicht allein von Kaffee ernähren wollen? Ich habe Croissants hier und belegte Brötchen und Kuchen und –«

Obwohl Bettina ein Schniefen zu unterdrücken versuchte, kam es doch heraus.

»Weinst du?«, fragte Charlie, legte sich quer über das Bett und schaute sie von der anderen Seite her an.

»Nein, ich . . .« Wie um ihre eigene Aussage zu widerlegen, strich Bettina sich ein paar Tränen aus dem Augenwinkel. ». . . weine nicht.« Dann schaute sie Charlie an. »Ich bin nur so glücklich.« Und dabei sah sie fast unglücklich aus.

Charlie lachte. »Schämst du dich etwa dafür, glücklich zu sein?« Mit einem Finger fuhr sie eine nasse Spur auf Bettinas Wange nach, die sie noch übersehen hatte. »Du hast ein Recht darauf.« Sie schob sich leicht auf Bettinas Schoß, legte sich auf den Rücken und blickte von unten zu ihr auf. »Eine Frau wie du hat jedes Recht auf Glück.«

»Eine Frau wie ich?«, fragte Bettina. »Und andere nicht?«

»Doch, natürlich. Jede. Jede Frau hat ein Recht auf Glück.« Charlie strahlte sie an. »Aber du besonders. Weil du etwas Besonderes bist.« Sie sprang auf und stapelte alles, was bisher in der Tüte gewesen war, auf dem Bett. »Und wenn du jetzt nichts isst, werde ich böse.« Herausfordernd begann sie zu grinsen. »Wie kannst du mir das antun? Du weißt, ich mag Frauen lieber, die etwas mehr auf den Rippen haben.«

Entgeistert ließ Bettina ihren Blick über das schweifen, was Charlie alles eingekauft hatte. »Wer soll das essen? Das ist doch viel zu viel für zwei.«

»Findest du? Also ich«, Charlie griff sich ein Croissant und biss ein großzügiges Stück davon ab, »kann eine ganze Menge verdrücken.« Sie kaute mit vollen Backen. »Besonders nach dieser Nacht«, brachte sie etwas undeutlich hervor. Sie schluckte herunter und lehnte sich vor. »Wenn du danach keinen Hunger hast . . .«

Da Bettina mit nacktem Oberkörper im Bett saß, sah man, wie sich ihre Haut von oben bis unten rosa färbte.

»Du wirst rot.« Charlie küsste ihre Brust. »Überall.« Sie lachte Bettina an. »Du bist einfach nur süß. Ich glaube, so eine süße Frau wie dich habe ich noch nie kennengelernt.«

Bettina wusste nicht mehr, wo sie hinschauen sollte. Am liebsten wäre sie aufgestanden und weggelaufen. Sie war Charlie zu dünn, und jetzt wurde sie auch noch über und über rot, sodass Charlie sich über sie lustig machte. »Ich glaube, ich kann nichts essen«, flüsterte sie. Sie musste ihre Lippen zusammenpressen, damit sie nicht in Tränen ausbrach.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?« Charlie glitt neben sie. »Meine Süße, mein Engel . . .« Sie strich sanft mit ihrer Hand über Bettinas Wange. »Du willst nicht hören, dass du süß bist? Aber das bist du.«

»Ich . . . ich nehme nicht zu«, schluchzte Bettina. »Selbst wenn ich viel esse, nehme ich nicht zu. Und das magst du nicht.«

Charlie lachte. »Das ist es? Nur weil ich gesagt habe . . .? Komm her . . .« Sie nahm Bettina den Kaffeebecher aus der Hand, stellte ihn auf den Nachttisch und zog sie in ihre Arme. »Das war doch nur ein Scherz. Ein dummer Scherz. Ich bin manchmal dumm, weißt du?« Sie schaute Bettina lächelnd an. »Ich wollte nur, dass du etwas isst, weil ich das Gefühl hatte, du vergisst das Essen über deiner Arbeit oft, weil du so sehr darin versinkst.«

»Wirklich?«, fragte Bettina zweifelnd.

»Wirklich.« Charlie nickte ernsthaft. »Du bist perfekt so, wie du bist. Du musst nicht zunehmen, abnehmen, grün werden . . . gar nichts.«

»Grün werden?« Verständnislos runzelte Bettina die Stirn.

»Statt rot werden.« Charlie lächelte sie an. »Du findest es schlimm, dass du rot wirst? Finde ich gar nicht. Ich habe schon lange keine Frau mehr gekannt, die noch rot werden kann. Das ist eine Eigenschaft, die du nie ablegen solltest.« Sie lehnte Bettina vorsichtig gegen das Kopfteil des Bettes und griff nach einer Schale, die sie ebenfalls aus der Tüte hervorgezaubert hatte. »Und guck mal, was ich hier noch habe. Erdbeeren. Willst du die wirklich nicht essen?« Sie nahm eine in den Mund und kaute genüsslich. »Hmm, wahnsinnig lecker«, sagte sie. Dann nahm sie die nächste und steckte sie nur lose zwischen ihre Lippen. Langsam beugte sie sich zu Bettina vor, damit sie abbeißen konnte.

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