Teil 07

Bettina sah die verführerische Erdbeere auf sich zukommen – oder vielleicht waren auch nur Charlies Lippen verführerisch, die sie hielten – und begann zu lächeln. Ein Kribbeln durchzog ihren Körper. Sie öffnete die Lippen, umschloss die Hälfte der Erdbeere damit und biss ab.

Charlie aß ihre Hälfte nur Millimeter entfernt, dann küsste sie Bettina, löste sich wieder von ihr und nahm die nächste Erdbeere heraus. »Eine Erdbeere, ein Kuss«, grinste sie. »Ist das ein Deal?«

»Du musst mich nicht füttern.« Bettina lachte. Auf einmal fühlte sie sich befreit. »Ich kann schon selbst essen.«

»Und wenn ich dich gern füttern würde?« Plötzlich klang Charlies Stimme heiser. Diesmal schob sie die Erdbeere nur leicht in Bettinas Mund, ließ sie abbeißen und legte die zweite Hälfte auf ihre Brust, von wo sie sie hingerissen aß, bis sie bei der Brustwarze angekommen war, die sie in ihren Mund sog.

Überrascht stöhnte Bettina auf. »Charlie . . . Die ist aber nicht zum Essen.«

»Nicht?« Charlie tat erstaunt. »Ich finde sie lecker.« Und wieder nahm sie das nun sehr hart gewordene Steinchen zwischen ihre Lippen und saugte daran.

Ein heißes Sehnen schoss durch Bettinas Körper. Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück und seufzte. »Dafür hättest du nicht einkaufen gehen müssen«, wisperte sie undeutlich.

»Wart’s ab«, erwiderte Charlie keck, »was man mit Erdbeeren alles machen kann.«

»Oh Charlie . . .« Bettina glitt tiefer und vergrub ihre Hände in Charlies Haar. »Vor allen Dingen machst du mich verrückt.«

»Das will ich nicht«, murmelte Charlie kaum verständlich, denn sie war schon an Bettinas Bauchnabel angelangt. »Ich will nicht, dass du verrückt wirst. Ich will, dass du meine Frau wirst.«

»Was?« Bettina erstarrte.

Charlie glitt an ihr nach oben und stützte sich auf den Armen ab, sodass ihr Gesicht über dem von Bettina schwebte. »Willst du meine Frau werden?«, fragte sie lächelnd. »Willst du mich zum glücklichsten Menschen der Welt machen?«

»Charlie, ich . . .« Bettina schnappte nach Luft. »Ist das wieder nur ein dummer Scherz von dir?«

»Nein.« Das Lächeln verschwand aus Charlies Gesicht. »Das ist überhaupt kein Scherz. Das ist mein Ernst.«

»Aber . . . aber wir haben uns doch gerade erst kennengelernt«, stotterte Bettina.

»Vor zwei Wochen, sechzehn Stunden, dreiundzwanzig Minuten und zehn Sekunden.« Charlie lachte. »Okay, bei den Sekunden bin ich nicht so sicher, aber . . .«, sie beugte sich hinunter und ließ ihre Lippen zärtlich über Bettinas streichen, ohne sie zu küssen, »wenn eine Sekunde schon eine Ewigkeit ist, wie viele Ewigkeiten sind dann mehr als zwei Wochen? Und da wir uns schon so lange kennen: Willst du mich heiraten?«

»Du . . . du . . .« Bettina fehlten die Worte.

»Du musst dich nicht sofort entscheiden«, fuhr Charlie neckend fort. »Du hast noch ein paar Minuten Zeit.« Ihre Augen blitzten schelmisch. »Oder wie lange du eben jetzt gleich brauchst.« Sie glitt schnell an Bettina hinab.

»Oh mein Gott!« Bettina schrie auf, als Charlie mit heißen Lippen zwischen ihren Beinen landete. »Ja . . . oh ja . . . ja . . .«, seufzte sie gleich darauf.

»Ja?«, fragte Charlie. »War das ein Ja?«

Trotz der erregenden Situation musste Bettina lachen. »Ja«, wiederholte sie. »Ja, das war ein Ja, du Quälgeist.«

»Gut, dass ich mich nicht verhört habe«, murmelte Charlie. »Sonst hätte ich nämlich vielleicht aufhören müssen, um hochzukommen und dich noch mal zu fragen.«

»Nicht aufhören, bitte . . .« Bettina wand sich unter Charlies Händen und Lippen, die sie nun noch mehr quälten, wenn auch auf süße Art. »Niemals aufhören . . . nie . . . nie . . .«

Und dann dauerte es noch eine ganze Weile, bis sie endlich frühstücken konnten.

6

»Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung.« Tanjas Mundwinkel wiesen steil nach unten.

»Danke.« Charlie tat, als hätte sie es nicht bemerkt, und strahlte sie harmlos an. »Ich bin wirklich sehr glücklich.«

»Das glaube ich«, sagte Tanja. »Sie hat ja noch mehr geerbt als du.«

Indigniert verzog Charlie das Gesicht. »Ich liebe sie. Es geht doch nicht um Geld.«

»Ach, nicht?«, fragte Tanja schnippisch. »Seit die Verlobung bekannt ist, warten deine Gläubiger noch mit ihren Forderungen, oder nicht? Bis nach der Hochzeit.«

»Du hast wirklich eine schmutzige Phantasie, Tanja«, behauptete Charlie kopfschüttelnd. »Hätte ich dir gar nicht zugetraut.«

Tanja lachte hohl auf. »Ich hätte dir auch eine ganze Menge nicht zugetraut, dumm, wie ich war, aber passiert ist es trotzdem.«

»Nur weil es mit uns nicht geklappt hat, muss das doch nicht immer so sein«, sagte Charlie. »Tina und ich passen eben sehr gut zusammen.«

»Klar«, sagte Tanja. »Dein Bankkonto ist leer und ihres ist voll – das passt wirklich ausgezeichnet.«

»Wie bist du nur so furchtbar zynisch geworden?« Verständnislos blickte Charlie auf Tanja hinunter.

»Dich kennenzulernen hat geholfen«, erwiderte Tanja ohne jeden Ausdruck in der Stimme.

»Oh bitte, Tanja, jetzt übertreibst du aber –«

»Charlotte? Wolltest du zu mir?« Professor Lüders kam den Gang entlang.

Charlotte? Das klingt nicht gut, dachte Charlie. So nannte ihre Tante sie nur, wenn sie einen Tadel ausdrücken wollte. »Ja, Tante Petra, ich wollte dich –«

»Zu deiner Hochzeit einladen?«, unterbrach Petra Lüders sie. »Hab schon gehört.«

»Das hat sich ja schneller rumgesprochen, als ein Lauffeuer springen kann«, beklagte Charlie sich fast. Aber dann lächelte sie. »Das ist doch mal eine gute Nachricht, oder nicht?« Sie schaute ihre Tante zuversichtlich an.

»Wie man’s nimmt«, erwiderte Petra und wies in ihr Büro hinein. »Ich wollte deshalb sowieso mit dir reden.«

Für einen Moment zögerte Charlie, weil sie das Gefühl hatte, ein Gewitter schwebte drohend über ihr, und war das nicht ein leicht hämisches Zucken in Tanjas Mundwinkeln? Aber dann straffte sie ihre Schultern und folgte ihrer Tante ins Chefarztbüro.

»Das ist unverantwortlich von dir!«, empfing die sie, kaum dass sie die Tür hinter sich schloss, mit einer Wut in der Stimme, die Charlie so noch nie gehört hatte. »Was denkst du dir eigentlich dabei?«

Charlie tat, als wüsste sie überhaupt nicht, wovon ihre Tante sprach. Das hatte sie so oft getan, dass sie gar nicht darüber nachdenken musste. »Unverantwortlich? Wieso?«

»Du weißt sehr gut, wieso.« Professor Lüders stützte sich auf ihrem Schreibtisch ab und blitzte Charlie darüber hinweg an. »Nur deshalb veranstaltest du diese ganze Scharade doch.«

»Scharade? Was für eine Scharade?« Charlie sah wie die personifizierte Unschuld aus.

»Bettina Hersbach ist krank«, schoss es aus Petra heraus. »Sterbenskrank. Und du spekulierst auf ihr Geld.«

Aufgrund jahrelanger Übung versuchte Charlie automatisch, die Wogen zu glätten. »Sie hat mir nicht gesagt, dass sie krank ist. Und sie sieht auch nicht so aus. Ein bisschen blass vielleicht . . .«

»Hör auf!« Petra schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Hör auf zu lügen! Du warst hier, als ich mit Tanja Kesten über ihren Zustand gesprochen habe. Du hast mitgehört. Und schon war dein Plan geboren.« Sie ließ sich beinah schnaubend in ihren Schreibtischsessel fallen. »Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich hätte nur hier im Büro mit ihr reden dürfen. Aber wer denkt denn auch an so was?« Ihre Augen schossen Blitze auf Charlie. »Wer denkt an eine geldgierige, skrupellose Nichte, die das ausnutzen könnte?«

»Also, Tante Petra . . .« Charlie hob abwehrend die Hände. »Ich habe sie ganz zufällig im Museum kennengelernt –«

»Ja, sicher, weil du deine Tage und Nächte in Museen verbringst . . .« Petra schüttelte den Kopf. »Erzähl mir doch nichts. Dafür kenne ich dich schon zu lange. Du warst genau an dem Tag wegen deiner Schulden bei mir. Schon wieder. Wie oft habe ich die bezahlt? Jetzt soll sie wohl Bettina Hersbach bezahlen. Weiß sie das schon?«

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