Teil 08

»Sie . . . sie weiß von gar nichts«, entgegnete Charlie kleinlaut. Sie hatte versucht, ihre Coolness beizubehalten, aber aus irgendeinem Grund gelang ihr das nicht so wie sonst. »Sie denkt, ich bin eine reiche Erbin. Wie sie.«

»Das warst du ja auch mal.« Petra Lüders schüttelte den Kopf. »Was ist nur aus dir geworden?«

Trotzig straffte Charlie ihre Schultern. »Das, was ihr aus mir gemacht habt. Die ganze feine Familie. Ihr habt mich dazu erzogen, Geld auszugeben, nicht, es zu sparen oder meinen Lebensunterhalt mit einem Beruf zu verdienen.«

»Ich habe dich nicht dazu erzogen!«, fuhr Petra sie an. »Das weißt du ganz genau. Und kurzzeitig dachte ich, du hättest es begriffen. Als du Medizin studiert hast und Ärztin werden wolltest.«

»Ich wäre doch niemals eine gute Ärztin.« Aufseufzend ließ Charlie sich in einen Besuchersessel fallen und streckte ihre langen Beine aus. »Das wolltest du nur nie wahrhaben.«

Professor Lüders verzog die Mundwinkel. »Ich habe schon so viele junge Ärzte hier kommen und gehen sehen. Glaub mir, ich kann Potenzial beurteilen. Und du hast Potenzial. Eine Menge Potenzial. Das ist etwas, was du nicht wahrhaben willst.«

»Wenn ich so viel Potenzial habe, warum ist mir das Studium dann so schwergefallen? Warum war es so harte Arbeit?«, fragte Charlie aufmüpfig.

»Weil ein Medizinstudium nun einmal Arbeit ist, Herrgott noch mal!« Petra sprang auf. »Das war es für uns alle. Aber es lohnt sich. Wenn man Menschen helfen kann . . .«

»Du hast eine Privatklinik«, argumentierte Charlie herausfordernd. »Du hilfst nur denen, die es bezahlen können. Wie Tina.«

»Ihr kann ich nicht helfen«, murmelte Petra verzweifelt und fuhr sich durch die Haare. »Ihr kann alle Medizin der Welt nicht mehr helfen. Und übrigens . . .« Sie richtete sich wieder auf. »Ich behandle sehr viele Leute, die nicht bezahlen können. Ganz umsonst. Dafür müssen die Reichen mehr bezahlen. Versuch das mal in einem normalen Krankenhaus.«

»Ja, ich weiß.« Charlie lenkte ein. Sie war nicht gekommen, um sich mit ihrer Tante zu streiten. Eigentlich hatte sie wirklich gedacht, sie würde sich über die Nachricht der bevorstehenden Hochzeit freuen. »Du bist ein guter Mensch.« Sie lächelte ihre Tante an. »Das habe ich immer gewusst.«

»Du bist auch ein guter Mensch, Charlie.« Petra beugte sich beschwörend vor. »Du hast es nur über dem ganzen Partygetue vergessen.«

»Tina ist glücklich«, sagte Charlie und schaute ihre Tante an. »Sehr glücklich. Denkst du nicht, dass das einiges wieder aufwiegt?«

»Liebst du sie?«, fragte Petra Lüders. »Oder heiratest du sie nur wegen ihres Geldes?«

Charlie antwortete nicht. Tanja gegenüber hatte sie spontan behauptet, dass sie Bettina liebte, um ihre Entscheidung zu rechtfertigen, aber in ihrem Herzen wusste sie, dass es nicht so war. Tina war eine süße Frau, und sie mochte sie. Sie war gern mit ihr zusammen. Aber Liebe . . . Sie wusste überhaupt nicht, was das war. Sie hätte gar nicht sagen können, ob sie jemanden liebte. Das hatte noch nie jemand von ihr verlangt. Und sie umgekehrt auch nicht.

»Schon gut«, sagte Petra. »Du brauchst nicht zu antworten. Ich sehe schon.«

»Wirst du es ihr sagen?«, fragte Charlie.

Petra schaute eine ganze Weile zum Fenster hinaus, bevor sie sich Charlie wieder zuwandte. »Was soll ich ihr sagen? Dass sie sterben muss? Dass du sie nicht liebst? Dass du nur ihr Geld willst?«

»Du könntest es tun.« Das war Charlie klar, und sie hatte gehofft, dass ihre Tante sich so sehr darüber freuen würde, dass sie endlich sesshaft wurde, dass es ihr nicht mehr so wichtig erschien, Bettina die Wahrheit zu sagen.

Petra lehnte sich vor. »Wenn ich das hätte tun wollen, hätte ich es schon längst getan«, sagte sie leise und eindringlich. »Vielleicht hätte sie sich dann dagegen entschieden, dich zu heiraten. Aber was hätte das für den Rest – den kurzen Rest – ihres Lebens bedeutet?« Sie schüttelte den Kopf. »Du sagst, sie ist glücklich, und ich glaube dir. Ich weiß, dass du diese Gabe hast. Du kannst Menschen glücklich machen. Du kannst sie mit deinem Charme bezaubern, du weißt gar nicht, wie sehr. Das konntest du schon als Kind. Und du kannst es immer noch, auch wenn es dir nichts bedeutet.«

»Es bedeutet mir –«, setzte Charlie an.

Aber Petra unterbrach sie mit einer Handbewegung. »Gerade eben hast du die Wahrheit gesagt. Jetzt fang nicht wieder an zu lügen. Bleiben wir doch bei dem, wie es ist. Du machst sie glücklich, und ich würde sie mit dem, was ich ihr sagen könnte, unglücklich machen. Da gibt es nur eine Entscheidung.«

Charlie fühlte einen Kloß ihren Hals heraufkriechen. »Danke, Tante Petra«, flüsterte sie.

»Ich tue es nicht für dich«, erwiderte Professor Lüders. »Ich tue es für sie. Sie soll den Rest ihres Lebens genießen. Und wer weiß darüber, wie man das macht, mehr als du?«

Skeptisch verzog Charlie die Lippen. »Ich bin nicht sicher, ob Tanja genauso denkt. Sie war schon immer sehr wahrheitsliebend.«

Petra nickte. »Das weiß ich. Sie wollte auch, dass ich Bettina sage, wie es um sie steht. Damit sie frei entscheiden kann, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen will. Aber ich glaube«, sie musterte Charlie von oben bis unten, »das hat sie schon entschieden.« Sie spitzte ein wenig die Lippen. »Ich werde mit Tanja reden. Ich denke, sie wird es verstehen. Auch wenn sie sich sicher liebend gern an dir rächen würde, würde sie das Bettina nicht antun. Sie ist nämlich auch ein guter Mensch.«

»Ich habe ihr nichts getan«, behauptete Charlie inbrünstig. »Ich weiß nicht, warum sie so sauer auf mich ist.«

»Was du ihr getan oder nicht getan hast, ist nicht meine Angelegenheit.« Petra verdrehte die Augen. »Aber ich kann es mir schon vorstellen. Und ich unterstütze es voll und ganz, wenn sie sauer auf dich ist.« Sie lächelte mit einem leicht schief verzogenen Mundwinkel. »Solange es ihre Fähigkeiten als Ärztin nicht beeinträchtigt. Aber es gibt keinen Grund, diese Fehde über Bettina auszutragen. Das könnt ihr unter euch ausmachen, wenn sie dann –« Sie brach unvermittelt ab.

»Wenn sie dann tot ist?«, beendete Charlie den Satz. Auf einmal jagte ihr diese Aussicht einen Schauer über den Rücken, sie wusste nicht, warum. »Das klingt nicht gerade rücksichtsvoll.«

»Das hat nichts mit Rücksichtnahme zu tun, sondern mit der Realität«, sagte Petra. »Es ist eine unumstößliche Tatsache. Ich wünschte, es wäre anders.« Sie atmete tief durch. »Manchmal fragt man sich schon, warum man Medizin studiert hat.«

»Siehst du?«, sagte Charlie. »Deshalb habe ich das Studium gar nicht erst abgeschlossen. Dann muss ich mich das nicht fragen.«

Petra gab ein ungläubiges Lachen von sich. »Du willst dich vieles nicht fragen. Das hat nichts mit dem Studium zu tun«, erwiderte sie. »Du weichst lieber aus, lavierst herum, flüchtest in Genusssucht, statt dich der Realität zu stellen. So war dein Vater auch.«

»Immer wieder hältst du mir das vor«, beschwerte Charlie sich. »Aber er war doch dein Bruder. Du bist mit ihm aufgewachsen. Warum habt ihr euch nie verstanden?«

Petra zuckte die Schultern. »Weil er eben so war, wie er war. Schon von klein auf. Wir waren wie Feuer und Wasser. Nur weil wir Geschwister waren, heißt das noch lange nicht, dass wir uns ähnlich sind.«

»Nein, wirklich nicht«, bestätigte Charlie. »Ihr habt nichts gemeinsam.«

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