Teil 09

»Zum Glück«, sagte Petra. »Sonst gäbe es diese Klinik nicht, und du hättest noch weit mehr Schulden, als du ohnehin hast, weil ich die nämlich nie bezahlt hätte.« Sie seufzte. »Vielleicht hätte ich das überhaupt nie tun sollen. Aber ich dachte, du lernst etwas daraus. Dass du Verantwortung übernehmen musst. Dass du dich selbst um deine Angelegenheiten kümmern musst. War aber wohl ein Irrtum.« Sie schaute Charlie sehr ernst an. »Mach sie glücklich in der kurzen Zeit, die sie noch hat. Spiel ihr Liebe vor, auch wenn du sie nicht empfindest. Sie soll nicht wissen, wie du in Wirklichkeit bist. Tu alles für sie, als ob du sie tatsächlich lieben würdest. Sie wird den Unterschied nicht merken, und du hast wenigstens einmal in deinem Leben etwas Gutes getan. Wenn sie dann tot ist«, sie holte tief Luft, »kannst du ihr Geld zum Fenster hinausschmeißen. Dann tut es ihr nicht mehr weh.«

»Wie pragmatisch du über den Tod redest«, stellte Charlie fest. »Aber das bleibt wohl nicht aus, wenn man sein Leben lang in diesem Beruf ist und die Menschen sterben sieht.«

»Daran gewöhnt man sich nie.« Petra schüttelte den Kopf. »Besonders, wenn es ein so junger Mensch ist. Ein Mensch, der noch so viel hätte vor sich haben können. Und der auch etwas daraus gemacht hätte.« Strafend blickte sie Charlie an.

»Ja, ja.« Charlie spreizte ablehnend die Hände. »Sie hätte ihr Leben nicht verschwendet wie ich. Ist mir schon klar.«

»Du bist noch so jung«, entgegnete Petra. »Du hast noch viel Zeit, das Steuer herumzureißen. Du könntest noch etwas aus deinem Leben machen.« Sie seufzte erneut. »Nur fürchte ich, wenn du Bettinas Geld erbst, wird nichts mehr daraus. Dann hast du für einige Zeit wieder keinen Grund dazu.«

»Wieso habe ich das Gefühl, egal was ich tue, es ist immer falsch?« Ärgerlich stand Charlie auf. »Ich habe dir gesagt, ich mache sie glücklich. Ich hatte nie etwas anderes vor. Aber statt froh darüber zu sein, dass sie die letzten Monate ihres Lebens nicht allein verbringen muss, dass sie glauben wird, sie würde geliebt – ist doch egal, ob es wahr ist oder nicht. Sie wird es denken – und dass ich alles dafür tun werde, damit sie das Gefühl hat, sie befände sich in einem kitschigen Liebesroman, bekomme ich nur Vorwürfe.«

»Magst du Liebesromane?«, fragte Petra Lüders. »Liest du sie?«

»Natürlich nicht.« Charlie gab ein abschätziges Geräusch von sich. »So ein Unsinn. Diese Art Liebe gibt es überhaupt nicht. Liebe generell ist eine Illusion, die nur von irgendwelchen Geschäftemachern erfunden wurde, damit sie mehr verkaufen können.«

»Das glaubst du wirklich, hm?« Petra lehnte sich zurück und schaute zu Charlie hoch. »Weißt du, was ich dir wünsche? Dass du dich einmal richtig Hals über Kopf verliebst. Dass du fühlst, wie es ist, wenn man ohne den geliebten Menschen nicht mehr leben kann, wenn man jede Sekunde an ihn denkt, ihn vermisst, schon bevor er gegangen ist.«

»War es so mit Onkel Michael?«, fragte Charlie.

»Ja.« Petra lächelte. »So war es. Micha war das Licht meines Lebens, und auch wenn er nicht mehr da ist, strahlt es immer noch.«

Charlie lachte trocken auf. »Ich glaube, du liest tatsächlich Liebesromane, was? Du klingst jedenfalls wie einer.«

Petra lächelte noch inniger. »Manchmal lese ich welche«, sagte sie, »aber das Wichtigste ist: Ich habe selbst einen erlebt. Davon zehre ich und das gibt mir Kraft und Mut, den Rest meines Lebens zwar ohne diesen geliebten Menschen, aber nicht ohne seine Liebe durchstehen zu müssen. Denn sie wird immer bei mir sein.«

»Also wirklich, das ist ja nicht auszuhalten.« Charlie ging zur Tür. »Wer an so was glaubt, ist ja wohl –«

»Was?«, fragte Petra.

»Das sage ich lieber nicht.« Charlie warf einen Blick auf sie zurück. »Denn ob du es glaubst oder nicht: Du bist wirklich meine Lieblingstante.«

»Schick mir Tanja Kesten rein, wenn du sie siehst!«, rief Professor Lüders ihr hinterher, als sie hinausging.

Als ob sie ihre Verwandtschaft mit ihr bekunden wollte, schnaubte diesmal Charlie durch die Nase, wie es zuvor ihre Tante getan hatte. »Das hat mir gerade noch gefehlt«, murmelte sie. »Als ob ich nicht schon genug am Hals hätte.«

7

»Ach, ist das wunderschön hier!« Bettina seufzte glücklich, während sie neben Charlie in der Gondel lag.

»Klassisch«, sagte Charlie. »Hochzeitsreise nach Venedig.« Sie lächelte auf Bettina hinunter, die sich mittlerweile halb in ihren Schoß gekuschelt hatte. »Ich hätte es nie gewagt, dich irgendwo hinzubringen, wo es keine Museen gibt.«

»Ja, das ist wirklich ideal.« Bettinas Augen strahlten verliebt zu ihr hoch. »Venedig sehen und sterben. Heißt es nicht so?«

Charlie zuckte unmerklich zusammen. »Ich glaube, das war Neapel«, erwiderte sie dann so kühl wie möglich. »Neapel sehen und sterben. In Venedig stirbt man nicht.« Es war wie eine Beschwörung.

»Ich möchte nie, nie, nie, nie, niemals sterben!« Mit weit ausgebreiteten Armen schien Bettina die ganze Welt in sich aufnehmen zu wollen. Dann drehte sie sich leicht und umarmte Charlie so fest, als wollte sie wie ein kleiner Vogel in sein Nest in sie hineinkriechen. »Nicht solange du bei mir bist«, flüsterte sie hingerissen an ihrer Brust.

Müssen wir jetzt darüber reden? dachte Charlie irritiert. Aber Bettina wusste ja von nichts. Für sie waren das einfach nur Sprüche. »Ich werde immer bei dir sein«, sagte sie und beugte sich zu Bettina hinunter, hauchte einen Kuss auf ihre Lippen.

Bettina seufzte so tief auf, dass ihre Brust sich sichtbar hob und senkte. »Kann ein Mensch so glücklich sein? Kann irgendein Mensch auf der ganzen Welt so glücklich sein wie wir beide in diesem Augenblick?«, wisperte sie völlig entrückt und kuschelte sich noch mehr in Charlies Schoß.

Siehst du, Tante Petra? Ich mache sie glücklich. Auch wenn Professor Petra Lüders gar nicht da war, rechtfertigte Charlie sich fast trotzig innerlich vor sich selbst. Ist das nicht alles, was zählt? Sie weiß von nichts, und sie wird auch nie etwas wissen, bis –

»Charlie?« Auf einmal blickte Bettina sie besorgt an. »Ist irgendwas? Bist du nicht glücklich? Du guckst so grimmig.«

»Wirklich? Habe ich das getan?« Charlie lachte leicht. »Nein, es ist gar nichts, mein Schatz.« Wieder beugte sie sich hinunter und küsste Bettina sanft. »Ich will nur, dass du dir keine Sorgen machen musst. Dass alles so schön wie möglich für dich ist.«

»Und deshalb machst du dir Sorgen?«, fragte Bettina. »Worüber?«

Darauf konnte Charlie selbstverständlich keine Antwort geben, aber sie hatte sich im Laufe ihres Lebens genügend Masken zugelegt, die sie einfach so hervorzaubern konnte. »Ich dachte nur daran, was nachher passiert, wenn wir wieder im Hotel sind«, antwortete sie mit einem verführerischen Lächeln.

Wie so oft bei diesem Thema errötete Bettina leicht. »Ach, Charlie . . .«, hauchte sie schamhaft. »War das heute Morgen denn noch nicht genug?«

Charlie beugte sich zu ihr hinunter, zupfte mit ihren Lippen an Bettinas und flüsterte: »War es denn für dich genug? Für heute? Für den ganzen Tag?«

»Du machst mich ganz verlegen.« Bettina wandte ihr Gesicht ab, was es aber nicht sehr weit von Charlies Lippen entfernte, so wie sie lag.

»Weil du dich schämst, dass du Bedürfnisse hast?« Leise lachte Charlie und strich nun sanft mit ihren Lippen über Bettinas Hals. »Dafür schäme ich mich nicht. Ich bin achtundzwanzig. Ich glaube, da ist das normal.« Sie zwickte Bettina neckisch in die Wange. »Und du bist sogar noch jünger als ich.«

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