Teil 10

Bettina drehte ihr Gesicht zu ihr zurück. »Ich liebe dich, Charlie«, wisperte sie so schwach, dass die Worte fast in der Luft zerstoben. »Ich liebe dich so sehr.«

Beinah hätte Charlie geschluckt. Mit niemandem außer mit Tina hatte sie dieses Thema je erörtern müssen. Nein, korrigierte sie sich innerlich selbst. Nicht mit niemandem, sondern bisher nur mit einer Person. Mit Tanja. Und das war ein Desaster gewesen. Aber mit Bettina durfte es nicht zu einem Desaster werden. Bettina musste davon überzeugt sein, dass Charlie sie liebte, sonst war diese ganze Scharade – wie ihre Tante es genannt hatte – völlig umsonst.

»Ich liebe dich auch, meine Süße«, antwortete sie leise, und sie wusste, dass es überzeugend klang. Das konnte sie gut, wenn es sein musste. Danach küsste sie Bettina, sodass sie nicht mehr reden musste. Worte waren manchmal zu verräterisch. Mit Küssen konnte sie besser lügen.

Bettina seufzte in ihrem Mund. Hingerissen, völlig verzückt, wie in einer anderen Welt. So war sie fast die ganze Zeit. Als würde sie auf Wolken schweben.

Dann habe ich es wohl gut gemacht, dachte Charlie.

Und sie war tatsächlich ziemlich stolz auf sich.

Langsam, immer nur ein wenig von den weichen Stößen des Gondoliere mit seinem langen Stab vorangetrieben, glitt die Gondel auf die Anlegestelle zu, in deren Nähe reges Kommen und Gehen herrschte. Es war eine vielbesuchte Promenade auf dem Weg zur Rialtobrücke. Zudem gab es hier viele Restaurants und andere Attraktionen für Touristen. Überall lockten Ständer mit Ansichtskarten oder Strohhüten, wie auch der Gondoliere von Bettinas und Charlies Gondel einen trug. Schnickschnack, den die Touristen mit nach Hause nehmen konnten, um ihn dann dort in irgendeiner Ecke verstauben zu lassen und zu vergessen.

Nachdem die Gondel angelegt hatte, sprang Charlie schnell hinaus und reichte Bettina eine Hand, damit sie bequemer aussteigen konnte. Bettina lächelte sie wie immer verliebt an, nahm ihre Hand und verließ den schwankenden Untergrund des Bootes zugunsten der gepflasterten Treppenstufen, die zur Promenade hinaufführten.

»Ach, sieh mal einer an. Ist das nicht die liebe Charlie?« Der Klang einer betont süffisanten Stimme traf sie.

Charlie wäre fast erstarrt, aber langjährige Übung erlaubte es ihr, die Überraschung schnell zu verdauen und so auszusehen, als wäre sie gar nicht überrascht. Langsam ließ sie Bettinas Hand los und drehte sich genauso langsam, sichtbar uninteressiert, um. »Francesca«, erwiderte sie in einem mit Absicht um Neutralität bemühten Tonfall.

Bettina hingegen blickte sehr interessiert zwischen Charlie und der neu aufgetauchten Frau hin und her und wartete offensichtlich auf eine Vorstellung.

»Tina, das ist«, Charlie hüstelte leicht, »Contessa Francesca di Tornarini.«

»Tornarini?«, fragte Bettina sofort nach. »Wie der Palazzo Tornarini?« Sie wirkte beeindruckt und musterte Francesca fast aufgeregt. So wie sie ein Bild musterte, wenn sie es restaurieren wollte.

»Ja, genau«, erwiderte Francesca gelangweilt. »Wie der Palazzo.« Sie sah Bettina dabei gar nicht richtig an, sondern konzentrierte sich immer noch auf Charlie. »Bist du jetzt Touristenführerin?« Ihre Mundwinkel zuckten herausfordernd. »Weil du mit so einer unbedarften Touristin hier unterwegs bist?«

Obwohl sie nicht genau wusste, warum, löste das einen leichten Ärger in Charlie aus. »Es gibt Touristen und Touristen«, erwiderte sie deshalb schärfer als beabsichtigt. »Wir sind hier auf Hochzeitsreise. Tina ist meine Frau.« Sanft, aber dennoch mit einer eindeutig besitzergreifenden Geste zog sie Bettina zu sich heran und legte einen Arm um ihre Schultern.

Kurz machte sich eine erstaunte Stille breit. »Oh, deine Frau«, sagte Francesca di Tornarini dann. Sie wirkte amüsiert. Ein bisschen interessierter musterte sie Bettina nun allerdings eingehender. »Wie hat sie das denn gemacht? Ich dachte immer, du wärst nicht so leicht einzufangen.«

Bettina fühlte sich sichtlich unwohl, das bekam Charlie schon aufgrund dessen mit, dass sie sich in ihrem Arm versteifte. »Wie es wohl die meisten Leute machen«, antwortete sie mindestens genauso süffisant wie Francesca. »Wir haben uns verliebt.«

Das schien Francesca noch mehr zu amüsieren. »Verliebt«, wiederholte sie in einem Tonfall, der fast so klang, als müsste sie über die Bedeutung des Wortes nachdenken. Als würde sie es überhaupt nicht kennen und überlegte, ob es sich lohnte, es zu lernen.

»Was dagegen?«, fragte Charlie. Ihr Blick durchbohrte Francesca fast.

»Oh nein, nein«, antwortete Francesca, jetzt wieder mit diesem schleppenden Ton in der Stimme, der ihre Langeweile ausdrückte. »Wieso sollte ich etwas dagegen haben? In der Tat«, ihr Blick huschte kurz über Bettina, bevor er zu Charlie zurückkehrte, »habe ich schon davon gehört.«

»Wovon?«, fragte Charlie, und diesmal zuckten ihre Mundwinkel amüsiert. Was Francesca konnte, konnte sie schon lange. »Von der Liebe?«

Als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen, winkte Francesca mit einer Hand ab. »Dass du . . .«, sie machte eine Pause, die so lang war, dass jeder merken musste, dass sie etwas bedeutete, »jetzt in festen Händen bist.«

Charlie durchzuckte ein heißer Strahl. Es war alles so schnell gegangen, dass sie nicht weiter darüber nachgedacht hatte, aber natürlich hatte sich ihre plötzliche Vermählung überall herumgesprochen. Vor allem auch in den Kreisen, in denen sie bisher verkehrt hatte. Das hätte sie sich denken können.

Und Francesca wusste ebenso wie alle anderen, dass Charlie schon vor einiger Zeit das Geld ausgegangen war. Zwar war Bettina in diesen Kreisen nicht bekannt, aber in dem Augenblick, in dem sich die Nachricht verbreitet hatte, hatte bestimmt sofort jemand herausgefunden, wer sie war. Wie reich sie war. Und dass das Charlie nur nützlich sein konnte.

Immer noch kam Charlie sich absolut nicht wie eine Goldgräberin vor, aber selbst ihr wurde in diesem Augenblick klar, dass sie sich da auf einen Spießrutenlauf eingelassen hatte. Wie sehr es alle genießen würden, sie zu piesacken, wenn sie sie trafen. Und bei Charlies Bekanntheitsgrad hätte sie in den tiefsten Dschungel fliehen müssen, um das zu vermeiden. Nicht unbedingt der richtige Ort für eine Hochzeitsreise.

»Bleibt ihr länger in Venedig?«, fragte Francesca in diesem Moment. »Oder reist ihr gleich weiter?«

»Länger«, antwortete Bettina. Für Charlie ziemlich unerwartet, weil sie ihre neu angetraute Frau durch die Konzentration auf Francesca schon fast vergessen hatte. »Ich bin Restauratorin und möchte die Gelegenheit nutzen, ein paar Gemäldegalerien zu besuchen.«

Belustigt beobachtete Charlie, wie Francesca stutzte.

»Du arbeitest?«, fragte sie dann, als würde sie fragen: Du kommst von einem anderen Planeten? »Musst du das denn?«

Verblüfft lachte Bettina auf. »Restaurieren ist mein Beruf und meine Leidenschaft«, erklärte sie dann jedoch bereitwillig. »Warum sollte ich nicht das tun, was ich gern tue? Auch wenn ich eigentlich nicht für Geld arbeiten müsste?« Sie hob einschränkend eine Hand. »Manchmal werde ich tatsächlich nicht dafür bezahlt, weil sich viele vor allem kleinere Museen das gar nicht mehr leisten können. Aber selbst wenn ich bezahlt werde, spende ich das sowieso für karitative Zwecke. Also macht es keinen Unterschied.«

Francesca war sprachlos. Was Charlie, seit sie sie kannte, noch nie an ihr erlebt hatte.

»Tina ist eine außergewöhnliche Frau«, ergänzte sie, während sie Francesca weiterhin mit ausgesprochen genüsslichem Vergnügen betrachtete. »Sie hat nicht einfach nur Geld.«

»Scheint so.« Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen musterte Francesca Bettina, als hätte sie nun im Gegensatz zu vorher fast vergessen, dass Charlie da war. »Aber wenn ihr sowieso länger hierbleibt«, erstaunlich schnell hatte sie sich so sehr wieder gefangen, dass sie Charlie nun sogar anlächelte, »warum kommt ihr dann heute Abend nicht in den Palazzo? Ich habe ein paar Freunde da. Eine ganz zwanglose Cenetta. Abendkleidung nicht erforderlich.«

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