Teil 11

Charlie öffnete den Mund, um diese Einladung mit Nein, danke. Wir haben schon etwas anderes vor abzulehnen, doch erneut kam ihr Bettina zuvor.

»Das ist aber wirklich nett«, sagte sie. »Ich wollte den Palazzo Tornarini schon immer gern einmal von innen sehen. Aber er ist ja privat und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.«

»Tja, ein bisschen was muss auch hier in Venedig privat bleiben«, bemerkte Francesca abfällig. »Sonst trampeln die Touristen ja schon in fast allen Palazzi herum.« Sie setzte ein künstliches Lächeln auf, das allerdings nur für Charlie künstlich wirkte, weil sie Francesca kannte. Für alle anderen sah es richtig freundlich aus. »Dann freue ich mich auf heute Abend. Aber bitte nicht vor halb neun.« Sie lachte etwas abschätzig. »Ich weiß, wie ihr Deutschen seid. Kommt immer pünktlich. Das ist so lästig.«

Fast hoheitsvoll winkte sie ihnen mit der Hand zu und entfernte sich mit schwingenden Hüften, die durch ihre hochhackigen Designerschuhe noch unterstützt wurden, in Richtung Markusplatz.

Charlie blickte Francescas attraktiver Figur hinterher, ohne weiter darüber nachzudenken. Wie alle Italienerinnen zeigte Francesca ihr Gespür für Mode gern. In Italien war die Bella Figura sowieso ein Muss. Wer schlecht angezogen war oder außerhalb des Sportstudios in Sportkleidung herumlief, wurde fast wie ein Aussätziger behandelt. Hier wusste jeder, was sich gehörte.

Ein Räuspern unterbrach ihre Gedanken. »Du kennst die Contessa gut?«, fragte Bettina.

»Francesca?« Fast wirbelte Charlie herum, weil Schuldbewusstsein bis vor kurzem nicht zu ihrem Verhaltenskodex gehört hatte, ihr jetzt aber auf einmal siedendheiß einfiel, dass sie mit Bettina verheiratet war. »Nicht besonders«, wiegelte sie ab. »Wir haben uns auf etlichen Einladungen getroffen.«

Es schien, als ob Bettina noch etwas hinzufügen wollte, das Francesca betraf, doch dann ließ sie ihren Blick in Richtung der Passage zum Markusplatz schweifen, durch die die Contessa entschwunden war, und sagte: »Bist du sehr böse, wenn wir jetzt nicht ins Hotel zurückgehen? Ich wollte so gern noch in die Accademia. Das ist die größte Gemäldesammlung venezianischer Malerei überhaupt. Von der Gotik bis zum Rokoko.«

Charlie war sich nicht genau darüber im Klaren, ob Bettinas Entscheidung, das Intermezzo im Hotel, über das sie zuvor in der Gondel gesprochen hatten, zu verschieben, mit Francescas Auftauchen zusammenhing. Oder sogar mit ihren eigenen, Charlies, Blicken auf Francescas knackigen Po in dem engen Rock, als sie sich entfernte. Aber sie hatte sich vorgenommen, Bettinas Wünsche in jeder Form zu erfüllen.

»Und ich dachte, der Dogenpalast hätte die größte Sammlung«, sagte sie. »Da waren wir ja schon. Sehr beeindruckend.« Sie interessierte sich nicht wirklich für Kunst, aber für Bettina war das, was mit Kunst und insbesondere mit Gemälden zusammenhing, ihr Ein und Alles, also tat Charlie so. Sie lachte leicht. »Ich dachte, du hättest für heute genug.«

»Genug«, Bettina lächelte sehr süß und fast in sich versunken, »kann ich von Gemälden nie bekommen. Damit könnte ich mich Tag und Nacht beschäftigen. Und tue ich ja auch.«

Leider, dachte Charlie innerlich seufzend, aber das zeigte sie nach außen hin nicht. »Dann gehen wir in die Accademia«, stimmte sie so lächelnd zu, als würde sie sich darauf freuen. »Wo ist das?«

»Da drüben«, sagte Bettina. »Auf der anderen Seite des Canal Grande.« Sie wies über den Kanal, an dessen Ufer sie standen. »Im Sestiere Dorsoduro

Die Augen zusammenkneifend blickte Charlie auf das Südufer des Kanals hinüber. »Da hätten wir uns ja von der Gondel gleich auf der anderen Seite absetzen lassen können«, sagte sie. Und dachte: Dann wären wir Francesca nicht begegnet. Warum hast du das nicht gleich gesagt?

»Oh, wir können über den Ponte dell’Accademia gehen«, schlug Bettina vor und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf eine geschwungene Holzbrücke, die den breiten Kanal überspannte. »Dann sind wir gleich da.«

Charlie verzog etwas das Gesicht. »Du hättest mir ruhig sagen können, dass du dich so gut in Venedig auskennst. Dann hätte ich etwas anderes für die Hochzeitsreise ausgesucht.«

»Wieso? Das ist doch perfekt hier.« Bettina hakte sich bei ihr ein und zog sie mit sich in Richtung der Holzbrücke. »Etwas Besseres hättest du gar nicht aussuchen können.«

»Für dich nicht, das stimmt«, musste Charlie zugeben und lächelte auf sie hinunter. »Dich könnte man auch in so einem Museum einschließen. Du brauchst das ganze Drumherum hier gar nicht. Die Sonne, den Kanal, den Markusplatz, die Gondeln . . .«

»Oh doch.« Bettina legte nun auch ihre zweite Hand auf Charlies Arm und umfasste ihn ganz fest, schmiegte sich an sie. »Allein habe ich das nie gebraucht, aber mit dir . . .«, sie blickte wieder so verliebt zu Charlie hoch wie vorhin in der schwankenden Gondel, als sie mit dem langen Stab auf das Ufer hinzugeschoben worden waren, als würden sie auf Schienen gleiten, »ist es wunderbar.«

Charlie fühlte ein leichtes Kribbeln in sich. Unter den üblichen Umständen hätte sie angenommen, sie wollte mit Tina schlafen, aber irgendwie . . . irgendwie hatte sie das Gefühl, das war es nicht. Obwohl sie das natürlich jederzeit hätte tun können. Und auch genossen hätte.

»Mit dir auch«, gab sie mit weicher Stimme zurück. Es war interessant, was für ein weiches Gefühl Bettina in ihr auslösen konnte. Das hatte sie bisher noch bei keiner Frau erlebt. Wahrscheinlich, weil Tina die Personifizierung von Weichheit war. Nichts an ihr war hart, weder an ihrem Körper noch an ihrer Seele.

Selbst in Gedanken ließ Charlie das Wort Seele stutzen. Normalerweise beschäftigte sie sich mit so etwas nicht. Wenn sie es richtig betrachtete, gehörte das Wort noch nicht einmal zu ihrem Wortschatz. Wie kam ihr das plötzlich in den Sinn?

Sie betraten die Brücke und stiegen bis zur hoch über dem Kanal thronenden Mitte hinauf. Im Gegensatz zu vielen anderen Brücken in Venedig war diese hier recht breit und gerade. Manche kleinere Brücken waren in einem Winkel gebaut, bei dem man sich kaum vorstellen konnte, wie die damaligen Erbauer das gemacht hatten. Da Venedig ursprünglich aus vielen verschiedenen Inseln bestanden hatte – künstlichen Inseln, die erst durch das Einlassen sehr langer Holzpfähle in den Schlamm der Lagune entstanden waren –, hatte jede dieser zum Teil winzigen Inseln in der Mitte eine eigene Kirche und ein eigenes Dorfzentrum gehabt. Nur durch Boote, Gondeln, konnte man von einer Insel zur anderen gelangen.

Als dann später die Brücken gebaut wurden, passten die Verläufe der Wege, die über den jeweiligen, oftmals sehr schmalen Kanal verbunden werden sollten, nicht unbedingt zueinander, und so wurden Brücken gebaut, die sich fast von einer Seite zur anderen schlängelten, statt die beiden Ufer auf geradem Wege zu verbinden.

Das war ein Teil des grandiosen Charmes von Venedig. Schnurgerade Hauswände oder auch Wege gab es nicht. Selbst die Türme der Kirchen, von denen es aufgrund der venezianischen Entstehungsgeschichte enorm viele gab, neigten sich alle zur Seite. Keiner davon stand gerade. Aber das Entscheidende war: Sie standen immer noch. Und das nach Jahrhunderten.

»Die meisten Brücken sind doch aus Stein«, stellte Charlie etwas stirnrunzelnd fest, als sie auf dem höchsten Punkt der Brücke angekommen waren und sie sich dort umschaute. »Warum ist die hier aus Holz?«

Bettinas Gesicht leuchtete auf, als hätte Charlie ihr ein langersehntes Geschenk gemacht. Wenn sie über eines ihrer Lieblingsthemen sprechen konnte, war sie so voll in ihrem Element, dass sich fast eine Aura aus Licht um sie bildete, wie Charlie schon öfter bemerkt hatte. Sie hatte die Frage jetzt nicht deshalb gestellt, aber der Effekt ließ ein zufriedenes Gefühl in ihr aufkommen. Es war wieder eine Kleinigkeit, mit der sie Bettina glücklich machen und damit ihren selbstgewählten Auftrag erfüllen konnte.

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