Teil 12

»Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein war die Rialtobrücke die einzige feste Verbindung über den Canal Grande«, setzte Bettina begeistert an. »Ansonsten gab es nur die Traghetti. Gondeln für Personen- und Warentransport quer über den Kanal.« Sie wies zum Rialto. »Die haben wir dahinten schon gesehen. Damit kann man sich für zwei Euro übersetzen lassen. Das sind quasi Lasttaxis. Nicht so gemütlich wie mit unserer Gondel vorhin. Da kann man auch mal neben einem Käfig mit gackernden Hühnern sitzen.« Sie lachte leicht.

Fast gequält stöhnte Charlie auf. »Das ist jetzt nicht dein Ernst. Du fängst im neunzehnten Jahrhundert an?«

»Oh, das ist praktisch gestern«, behauptete Bettina. »Verglichen mit der Renaissance.«

»Und die Steinzeit war noch früher«, bemerkte Charlie ironisch. Aber sie lächelte Bettina dabei an. Das tat sie immer. Sie wollte nicht, dass Bettina irgendetwas von dem, was sie in diesem ironischen Tonfall sagte, ernstnahm. Selbst wenn Charlie es manchmal so meinte.

»Schon gut.« Bettina lachte. »Ich weiß, dass du mehr in der Gegenwart lebst als ich. Für mich ist das alles im Prinzip genau dasselbe wie heute. Ich kann die Leute manchmal richtig vor mir sehen. Als ob sie gerade hier über die Brücke gehen würden.«

»Ich sehe hier nur Touristen«, sagte Charlie und hob die Augenbrauen.

»Ja, natürlich.« Bettina lachte wieder, hielt sich aber immer noch an Charlies Arm fest, während sie weitergingen, als ob sie tatsächlich auf einer schwankenden Gondel wären und nicht auf einer feststehenden Brücke. »Ursprünglich«, sie lächelte Charlie etwas spitzbübisch an, »in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, war die Brücke tatsächlich aus Eisen«, fuhr sie fort. »Und das hat den Venezianern überhaupt nicht gepasst. Weil sie eben nicht den venezianischen Stil widerspiegelte wie die anderen Brücken. Deshalb«, sie blieb erneut stehen und hob einen Arm, den sie über den Kanal schwenkte, »wurde dann irgendwann in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts über den Abriss nachgedacht. Behelfsweise wurde eine Bogenbrücke aus Holz gebaut, um die alte Brücke so lange zu ersetzen, bis die neue gebaut wäre. Nur ist das nie passiert.« Sie löste sich nun doch von Charlie, lehnte sich auf das Geländer und blickte dem Verlauf des Kanals entlang weit in die Ferne. »Wie das oft so ist, wurde das Provisorium zu einer permanenten Einrichtung.«

»Die alte Brücke haben sie dann abgerissen?«, fragte Charlie, weil sie keine weitere Brücke in der Nähe entdecken konnte, die der Beschreibung entsprach.

»Hmhm.« Bettina nickte. »Später wurde das Holz hier durch Stahl verstärkt, aber die Brücke ansonsten blieb erhalten.« Sie grinste Charlie mit leicht zuckenden Mundwinkeln an. »Ging das schnell genug für dich vom neunzehnten ins einundzwanzigste Jahrhundert?«

»Rasant«, grinste Charlie zurück, beugte sich zu ihr und hauchte einen Kuss auf ihre Wange. »Für deine Verhältnisse.«

»Brücken sind nicht unbedingt mein Spezialgebiet.« Bettina zuckte die Schultern. »Wenn das hier ein Gemälde wäre, hätte ich mich wohl nicht so kurzfassen können.«

»Da bin ich ja froh, dass es kein Gemälde ist.« Charlie blickte ihr vergnügt in die Augen.

Irritiert schüttelte Bettina den Kopf. »Manchmal verstehe ich dich nicht. Ich dachte, du interessierst dich für Kunst. Und für Kunstgeschichte.«

Selbstverständlich wusste Charlie, dass sie das behauptet hatte, und sie wollte auch nicht, dass Bettina völlig davon abkam, das zu glauben. »Brücken sind auch nicht mein Spezialgebiet«, gab sie deshalb lässig zur Antwort. »Genau so wenig wie deins.« Sie richtete sich auf und machte einen Schritt in Richtung der Accademia, die sie schon auf der anderen Seite erwartete. »Deshalb sollten wir auch nicht so viel Zeit mit ihnen verschwenden. Du wolltest doch zu den Gemälden.«

Wie sie schon vermutet hatte, konnte Bettina dem Drang, die Galerie zu betreten, kaum widerstehen. Normalerweise gar nicht. Sie kam zu Charlie und lächelte sie an. »Du bist so gut zu mir«, sagte sie leise, und ihre Augen schimmerten feucht. »Immer denkst du nur an mich.«

Auf einmal hatte Charlie fast so etwas wie einen Kloß im Hals. Sie wusste nicht genau, wie sie es beschreiben sollte, weil sie das Gefühl eigentlich gar nicht kannte. Aber es war unangenehm. Bettinas klare blau-changierende Augen, die den Blick wie in den tiefsten See der Unschuld hinein freigaben, sahen sie an und verstärkten das Gefühl noch. »Natürlich«, sagte sie und lächelte. »Du bist meine Frau.« Dabei kratzte ihre Stimme etwas, und auch das hatte sie noch nie erlebt.

Bettinas Augen schimmerten noch mehr wie die Oberfläche des Kanals. »Jetzt bereue ich es, dass ich nicht mit dir ins Hotel gegangen bin«, sagte sie leise. Ihre Stimme zitterte dabei, als müsste sie gegen eine starke innere Anspannung ankämpfen.

Charlie beugte sich zu ihr. »Das können wir ja immer noch nachholen«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Aber ich wäre eine schlechte Ehefrau, wenn ich dich jetzt noch weiter von deinen Gemälden abhalten würde. Du sollst deine Hochzeitsreise hier genießen, wie du noch nie zuvor etwas genossen hast.«

»Und du etwa nicht?« Auf einmal wirkte Bettinas Blick wieder etwas besorgt, fast betroffen. »Ist es nicht auch deine Hochzeitsreise? Ich genieße es hier unendlich, aber das klingt, als ob du das nicht tun würdest.«

»Natürlich tue ich das.« Charlie zog sie in ihre Arme und küsste sie leicht auf den Mund. »Jede Minute mit dir ist ein Genuss für mich. Aber ich will nicht so selbstsüchtig sein.« Sie lachte. »Ich weiß, dass du es später bitter bereuen würdest, wenn du diese Gemälde jetzt nicht sehen und eingehend studieren könntest.«

»Warum . . .« Bettina schluckte. »Warum bist du nur so lieb zu mir? Womit habe ich das verdient?«

»Womit habe ich das verdient?«, gab Charlie zurück und senkte ihren Blick tief in Bettinas Augen. »Das könnte ich genauso fragen.« Es war immer gut, eine Frage zurückzugeben, dann musste man sie nicht beantworten.

Bettina sah sie nur an und lächelte, während das Blau ihrer Augen tiefdunkel wurde. Dann wandte sie sich plötzlich ab und lief mit schnellen Schritten die Steinstufen am Ende der Brücke hinunter bis auf den Platz, der in den Eingang zur Galerie mündete.

Unten drehte sie sich um, breitete die Arme aus und strahlte Charlie, die ihr langsamer nachkam, an.

»Ich liebe dich, Charlie!«, rief sie laut, dann lachte sie hell auf, wandte sich mit einer einzigen fließenden, fast tanzenden Bewegung zum Eingang um und lief wie ein kleines Kind hüpfend hinein.

In Charlie machte sich einerseits Erleichterung breit, weil sie der Beantwortung von Bettinas Frage so elegant hatte ausweichen können, aber andererseits meldete sich auch wieder dieses Kribbeln, dieses Gefühl, das sie nicht kannte. Sie ging die letzten Stufen von der Brücke hinunter, blieb auf dem Pflaster des Platzes stehen und starrte auf den Eingang, in dem Bettina verschwunden war.

Was war das nur, dieses komische Gefühl? Hatte sie etwas Falsches gegessen?

Kopfschüttelnd, weil sie mit dieser Frage zu keinem Ergebnis kam, nahm sie ihren Weg wieder auf. Bettina würde von ihr erwarten, dass sie ihr in die Galerie folgte und dass sie dort Begeisterung zeigte, auch wenn ihr all diese Bilder nichts sagten. Für sie sahen sie alle gleich aus. Alle gleich langweilig. Wer interessierte sich schon für die Vergangenheit? Und dann auch noch vor Hunderten, gefühlt sogar fast Tausenden von Jahren?

Aber Bettina interessierte sich dafür.

Und was Bettina wollte, würde sie, Charlie, tun.

Denn die Belohnung war alles wert. Was immer es auch sein mochte, das sie in den nächsten Monaten dafür anstellen musste.

ENDE DER FORTSETZUNG

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