Teil 02

»Na, dann bin ich ja beruhigt.« Petra Lüders lächelte immer noch zuversichtlich. »Dann hätten wir nämlich irgendetwas ganz Wichtiges übersehen bei unseren Untersuchungen.« Sie nickte freundlich. »Schwanger sind Sie nicht, und auch sonst sind Sie eigentlich ganz in Ordnung. Aber Sie sind sehr blass. Gehen Sie zu wenig an die Luft? Haben Sie einen Beruf, bei dem Sie viel drin sind?«

»Ja, vielleicht . . .« Bettina zögerte. »Vielleicht kümmere ich mich zu wenig um frische Luft, das stimmt. Ich verbringe die meiste Zeit in irgendwelchen muffigen Museumskellern.« Sie holte tief Atem. »Ist mein Beruf und meine Leidenschaft. Ich fürchte, daran kann ich nicht viel ändern.«

»Und wenn ich Ihnen ein paar Tage frische Luft verordne?«, fragte Petra. »Würden Sie sich daran denn wenigstens halten?«

»Wenn es sein muss . . .« Bettina wirkte zweifelnd. »Ich bin da gerade an einem sehr interessanten Projekt. Der Restaurierung eines lange vergessenen Bildes, das im Keller eines Museums schon fast verschimmelt war. Ich habe es nur zufällig entdeckt. Sonst wäre es der Welt wohl für immer verlorengegangen. Ein unersetzbarer Verlust.«

»Sie kämpfen um verschollene Kunstschätze?«, fragte Petra. »Von denen niemand etwas weiß?«

»Ja, ich finde . . .« Nun stieg doch eine leichte Röte in Bettinas Gesicht. »Ich finde, nichts davon sollte verlorengehen. Diese Dinge sind so wertvoll für unsere Kultur. Was wären wir ohne sie?«

»Ich kenne da jemanden, der sehr gut ohne so etwas leben kann«, murmelte Petra vor sich hin, hob ihre Stimme aber gleich wieder und sagte: »Sie sind eine Idealistin.«

»Was sonst sollte ich mit meinem Geld anfangen?« Bettina zuckte die Schultern. »Ich denke, am besten ist es doch, wenn die ganze Gesellschaft davon profitiert. Und jeder kann dieses Bild anschauen, wenn es fertig ist. Hoffentlich für eine lange Zeit.«

Petra lächelte sie fast liebevoll an. »Sie sind eine erstaunliche junge Frau.«

»Nicht erstaunlicher als andere«, behauptete Bettina. »Also? Wann kann ich wieder an meine Arbeit zurück? Ich bin ja anscheinend gesund.«

»Ja, Sie sind . . . gesund«, bestätigte Petra zögernd. »Aber ich entlasse Sie nur«, sie schmunzelte, »wenn Sie mir versprechen, in Zukunft mehr an die frische Luft zu gehen.«

Bettina hob leicht lachend eine Hand wie zum Schwur. »Ich verspreche es. Kann ich jetzt gehen?«

Professor Petra Lüders nickte. »Aber machen Sie langsam. Wir haben Sie hier jetzt ein bisschen aufgepäppelt, aber wenn Sie keine Sonne bekommen, wehrt sich Ihr Körper. Er braucht etwas Licht ab und zu.«

»Hochheiliges Ehrenwort.« Bettina schaute sie ernsthaft an, und doch blitzte es in ihren Augen leicht mutwillig. »Ich werde mein Fahrrad rausholen. Das steht auch in einem dunklen Keller. Da kenne ich mich ja aus.« Sie lachte.

»Tun Sie das.« Petra streckte ihr die Hand hin. »Ich wünsche Ihnen alles Gute.«

Als Bettina ihre Hand nahm, legte Petra ihre zweite darüber und drückte Bettinas Hand, als ob sie sich versichern wollte, dass sie stark genug war. »Genießen Sie das Leben«, sagte sie warm. »Sie sind noch so jung.«

»Oh, ich liebe das Leben.« Wieder lachte Bettina, und sie sah reizend aus, wenn sie das tat. »Und ich genieße es sehr. Ich liebe jedes einzelne Bild, das ich restauriere, wie mein eigenes Kind.« Sie schmunzelte. »Sie würden nicht glauben, wie viele Kinder ich schon habe, obwohl ich Ihrer Meinung nach ja noch so jung bin.«

»Ich würde mich freuen, wenn Sie sie mir einmal zeigen«, erwiderte Petra. »Und nun an die frische Luft, damit Sie nicht mehr so blass aussehen, als würden Sie wirklich in einem Keller leben.«

Sie verabschiedete sich mit einem letzten freundlichen Lächeln und ging mit der jungen Ärztin hinaus.

»Warum haben Sie das getan?«, fragte die geradezu entsetzt, als sie den langen Krankenhausgang hinunterliefen. »Warum sagen Sie ihr nicht die Wahrheit?«

»Sie denken, das müsste ich, nicht wahr?«, fragte Petra zurück. Sie schaute ihre junge Kollegin an. »Sie halten mich für unehrlich. Oder vielleicht sogar für feige.«

»Nein, natürlich nicht!«, protestierte die junge Ärztin sofort. »Aber sie hat doch ein Recht auf die Wahrheit. Wenn sie Glück hat, hat sie vielleicht noch ein Jahr. Soll sie das in dunklen Kellern verbringen? Sie könnte eine Weltreise machen, noch etwas von ihrem Leben haben, so kurz es auch sein mag.«

»Wäre sie auf einer Weltreise denn glücklicher?« Freundlich musterte Petra das Gesicht der eifrigen jungen Frau. »Sie haben doch gehört, was sie gesagt hat. Diese Bilder sind ihr Beruf und ihre Berufung. Es ist das, worin sie aufgeht, was sie am liebsten macht, was sie genießt. Auf einer langweiligen Kreuzfahrt würde ihr das sehr fehlen. Sie würde sich nicht wohlfühlen.«

»Und so wird sie sich überanstrengen und die kurze Lebensspanne, die ihr noch bleibt, eventuell noch mehr verkürzen.« Das ernsthafte junge Gesicht wirkte unzufrieden.

Petra blieb stehen. »Wenn Sie den Beruf so lange machen wie ich«, sagte sie, »werden Sie erkennen, dass nicht die Länge des Lebens von Bedeutung ist, sondern dessen Qualität. Ein kurzes Leben, in dem man genau das getan hat, wofür man brennt, ist mehr wert als ein langes Leben, in dem man sich nur gelangweilt hat oder in Routine versunken ist, ohne je das zu finden, was wirklich der Sinn des eigenen Lebens gewesen wäre.«

»Aber –«

Wie um sie aufzuhalten hob Petra eine Hand. »Wenn Sie es ihr unbedingt sagen wollen, ich halte Sie nicht davon ab. Aber überlegen Sie sich gut, was Sie da tun.« Damit öffnete sie die Tür ihres Büros und ging hinein.

Die junge Ärztin blieb auf dem Gang zurück und starrte nachdenklich zu Boden.

»Hallo Tanja. Lange nicht gesehen.«

Dr. Tanja Kesten blickte auf. »Charlie«, sagte sie, aber ihr Tonfall war nicht freundlich. »Wieder einmal hier, um deine Tante zu melken?«

»Vielleicht bin ich ja hier, um dich zu sehen?« Charlie warf all ihren Charme in die Runde, dass er fast von den Wänden abprallte.

Doch das beeindruckte Tanja nicht. »Kaum«, erwiderte sie trocken. »Ich habe kein Geld.«

»Das wusste ich, bevor wir uns das erste Mal trafen«, erwiderte Charlie in einem verführerischen Tonfall. Sie trat auf Tanja zu. »Und es hat mich nicht abgehalten.«

»Hätte es das doch.« Tanjas Augenbrauen zogen sich abwehrend zusammen. »Hätte mir einiges erspart.«

»War es denn wirklich so schlimm?« Charlie beugte sich ganz nah zu ihr, als wollte sie sie küssen. »Da erinnere ich mich an etwas anderes.«

Tanja wich aus und begab sich mit langen Schritten den Gang hinunter in Richtung des Krankenzimmers, von dem sie eben mit Professor Lüders zusammen gekommen war.

Charlies Beine waren jedoch länger als ihre, und so holte sie sie mühelos ein. »Immer noch böse? Findest du, dass ich das verdient habe? Wir hatten doch eine schöne Zeit.«

»Wenn du meinst«, erwiderte Tanja, ohne sie anzusehen. Sie legte ihre Hand auf die Türklinke, weil sie nun an dem Zimmer angekommen waren. »Meinetwegen kannst du dir das selbst gern erzählen. Aber ich habe jetzt Arbeit.« Sie verzog abschätzig die Mundwinkel. »Wenn du das Wort verstehst. Ich weiß, dass du es eigentlich nicht kennst.«

»Ich arbeite härter, als du denkst.« Charlie schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Ist nicht leicht, die Nächte durchzumachen und tagsüber so auszusehen.« Sie wies mit den Fingern auf ihr Gesicht.

»Du bist wie Dorian Gray«, entgegnete Tanja verächtlich. »Solange du jung bist, sieht man dir deine Verlebtheit nicht an. Aber warte mal ein paar Jahre ab.« Sie öffnete die Tür und schloss sie schnell wieder hinter sich, nachdem sie ins Zimmer getreten war.

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