Teil 03

»Frau Doktor?«, fragte Bettina erstaunt, die bereits aufgestanden war und an ihrem Schrank stand. »Haben Sie noch etwas vergessen mir zu sagen?«

Tanja blickte sie an und öffnete den Mund, schloss ihn dann aber sofort wieder. Nachdem sie einmal durchgeatmet hatte, lächelte sie leicht. »Nein«, sagte sie. »Ich wollte mich nur noch einmal persönlich von Ihnen verabschieden. Vorhin ging es so schnell.«

»Das ist aber nett von Ihnen.« Bettina lächelte auf eine Art, wie man sie auf Renaissancegemälden fand. Vielleicht hatte sie es von den vielen Gemälden aus dieser Zeit übernommen, die sie so sehr aus der Nähe betrachtet hatte, um jeden kleinsten Riss zu reparieren.

»Ich wünsche Ihnen alles Gute«, fuhr Tanja fort. »Und . . . übernehmen Sie sich nicht. Lassen Sie es langsam angehen. Viel Sonne und Erholung.«

Lachend nahm Bettina ein paar Sachen aus dem Schrank und legte sie aufs Bett. »Meine Arbeit ist Erholung für mich. Jeden Tag. Wenn ich die alten Meister sehe . . . die Pinselführung . . .« Ihr Gesicht bekam einen geradezu verträumten Ausdruck.

»Dann will ich Sie nicht länger beim Packen stören«, sagte Tanja. »Werden Sie abgeholt?«

Bettina schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Familie mehr. Ich nehme mir ein Taxi. Machen Sie sich keine Sorgen.« Sie kam auf Tanja zu und schaute sie an. »Über irgendetwas machen Sie sich Sorgen, nicht wahr?«

Schnell schüttelte Tanja den Kopf und drehte sich wieder zur Tür. »Ich bin jetzt seit sechsunddreißig Stunden im Dienst. Wahrscheinlich bin ich nur müde.«

»Dann sollten Sie sich ausruhen, nicht ich«, lachte Bettina. »Ich habe schließlich tagelang im Bett gelegen.«

Tanja zog schief einen Mundwinkel hoch und wandte kurz halb den Kopf über die Schulter, um Bettina noch einmal anzusehen. »Das wird es sein«, sagte sie. »Ich muss mich nur etwas ausruhen.«

Sie zögerte kurz, bevor sie die Tür leicht aufschob und in den Gang blickte.

Erleichtert öffnete sie sie ganz und trat hinaus.

Charlie war verschwunden.

3

»Ich wünschte, ich könnte auch malen.« Die hochgewachsene junge Frau in dem dunklen Hosenanzug trat durch die Tür der Werkstatt.

»Sie dürfen hier eigentlich nicht –« Bettina drehte sich mit einem kleinen Schaber in der Hand von der Staffelei um. Sie hatte die Frau bereits als Reflexion im Fenster gesehen und wusste, dass sie sie nicht kannte und dass sie nicht zum Museumspersonal gehörte. »Dieser Teil des Museums ist nicht öffentlich«, fuhr sie fort. »Hier werden nur Sachen repariert.« Sie schmunzelte. »Und ich wünschte auch, ich könnte malen. Das habe ich versucht, aber leider reicht es nur zur Restauratorin.«

»Nur?« Die Frau kam lächelnd näher. »Das ist eine Kunst für sich.«

Bettina lächelte unwillkürlich zurück. Sie konnte nicht verhindern, sich geschmeichelt zu fühlen. Solche Komplimente bekam sie nicht jeden Tag. Und auch wenn sie kein eingebildeter Mensch war, hörte sie sie doch gern.

Je näher die fremde Frau auf sie zutrat, desto mehr fühlte sie deren faszinierende graue Augen in sich eindringen. Wie bei einem Gemälde, bei dem die Augen absichtlich so gemalt waren, dass sie dem Betrachter zu folgen schienen.

»Trotzdem dürfen Sie nicht hier sein«, fuhr sie fast bedauernd fort. »Oder haben Sie eine Sondererlaubnis? Gehören Sie zum Vorstand des Museums?«

»Nein.« Eine langgliedrige Hand streckte sich in Bettinas Richtung. »Nur zur großen Schar der Kunstbewunderer. Charlotte Flemming.«

»Bettina Hersbach«, sagte Bettina automatisch, und da sie Linkshänderin war und den Schaber demzufolge in der linken Hand hielt, konnte sie Charlie gleich die rechte entgegenstrecken, um deren Hand zu schütteln.

»Sie sind eine Künstlerin«, nahm Charlie den Faden wieder auf, und ihr Blick ruhte sehr lange auf Bettinas Gesicht. »Das sehe ich, ohne selbst eine zu sein. Wer ein solches Gemälde restaurieren kann, muss eine künstlerische Begabung haben, sonst geht es nicht.«

Bettina lachte. »Ich arbeite mit Röntgen, Infrarotkamera und Mikroskop, führe chemische Analysen durch, um die Farben und Pigmente nach Originalrezepturen anzumischen. Chemielaborantin wäre wahrscheinlich ein ähnlicher Beruf. Weit entfernt von Künstlertum.«

»Warum wehren Sie sich so?« Als Charlie sich über Bettinas Schulter lehnte, als ob sie das Bild näher betrachten wollte, streifte ein Hauch ihres Atems Bettinas Wange, und der Duft eines dezenten Parfums zog in ihre Nase. »Auch die alten Meister haben ihre Farben selbst angemischt.«

»Ich . . .«, Bettina schluckte, »wehre mich ja gar nicht«, hauchte sie schwach. War da schon wieder eine Ohnmacht im Anzug? Sie fühlte sich schwindlig.

»Sie sehen blass aus.« Charlie hielt sie fest, als sie auf dem Hocker leicht schwankte. »Wann haben Sie zum letzten Mal etwas gegessen?«

»Beim Frühstück?« Bettina fragte es sich fast selbst, denn sie wusste es nicht genau.

»Und jetzt ist Nachmittag.« Charlie lächelte äußerst charmant. »Darf ich Sie zu einem späten Mittagessen einladen?«

»Ich esse eigentlich«, Bettina räusperte sich, »so gut wie nie zu Mittag. Höchstens einen Apfel.« Sie wies mit dem Schaber, den sie immer noch in der Hand hielt, auf einen kleinen Korb, in dem Obst lag.

»Kein Wunder, dass Sie so dünn sind.« Fast wie um Verzeihung bittend hob Charlie eine Augenbraue. »Wenn ich das so sagen darf. Ich mag Frauen, die etwas mehr auf den Rippen haben, lieber.«

»Sie –« Bettina hätte beinah nach Luft geschnappt. Diese Charlotte Flemming nahm ihr geradezu den Atem. So etwas hatte sie noch nie erlebt.

»Mittagessen?«, wiederholte Charlie lächelnd. »Da können wir uns besser unterhalten.«

Wie in Trance legte Bettina den Schaber zur Seite, nahm ein Tuch und wischte sich die Finger ab. »Wenn ich jetzt so darüber nachdenke . . .«, ein vorsichtiges Lächeln überzog auch ihr Gesicht, »habe ich tatsächlich Hunger.«


»Sie sind also ganz allein?«, fragte Charlie, während sie Bettina im Restaurant gegenübersaß. »Das haben wir gemeinsam. Meine Eltern sind auch nicht mehr da.«

»Ach?« Bettina hob die Augenbrauen. »Hatten sie einen Unfall?«

Charlie schüttelte den Kopf. »Mein Vater war ein schwerer Trinker. Und geraucht hat er auch wie ein Schlot. Er hatte genug Geld, um sich den besten Champagner, den besten Whisky und die besten Zigarren leisten zu können, und das in Mengen. Das hat ihn umgebracht.«

»Und Ihre Mutter? Wenn ich das fragen darf?« Während Bettina leicht verlegen das Gesicht verzog, bildeten sich reizende Grübchen auf ihren Wangen. Sie sah fast aus wie ein Engel.

»Sie ist nicht tot«, sagte Charlie. »Aber sie hat meinen Vater verlassen, als ich ein kleines Kind war.« Sie zuckte die Schultern. »Was ich ihr nicht übelnehme. Eigentlich haben sich meine Eltern nie verstanden. Sie hätten gar nicht erst heiraten sollen. Mein Vater und ich sind immer gut miteinander ausgekommen, aber sonst war er schon ein ziemlicher Filou. Die meisten waren wohl deshalb mit ihm befreundet, weil er sie immer freigehalten hat. Nicht deshalb, weil er so ein netter Mensch war.«

»Oh«, sagte Bettina.

»Sie würden nicht so über Ihren Vater reden?« Charlie lächelte sie auffordernd an.

»Nein, mein Vater war . . . wunderbar«, erwiderte Bettina mit einem etwas entrückten Gesichtsausdruck. »Und er ist viel zu früh gestorben. Krebs. Was meiner Mutter das Herz gebrochen hat. Zwei Jahre später war sie auch tot. Sie konnte nicht ohne ihn leben.«

»Das ist sehr traurig.« Tröstend legte Charlie eine Hand auf Bettinas. »Tut mir leid.«

Bettina fühlte sich für einen Moment, als hätte sie soeben der Schlag getroffen. »Ich habe eine Menge Geld geerbt«, sagte sie dann mühsam. »Aber was nützt das, wenn die Menschen, die man liebt, tot sind?«

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