Teil 04

»Ja, geerbt habe ich auch.« Charlie nickte. »Geld ist nicht alles.« Sie wusste, dass solche Sprüche immer wirkten, insbesondere bei denen, die sich nicht viel aus ihrem Geld machten. Davon hatte sie schon oft profitiert. Langsam hob sie Bettinas Hand an ihre Lippen, während sie wie gebannt mit ihrem Blick an ihren Augen hing. »Es tut mir so leid für dich. Du musst sehr gelitten haben.« Zart hauchte sie einen Kuss auf die zitternden Finger.

»Das . . . Charlotte . . .« Bettina wirkte überfordert.

»Charlie«, sagte Charlie. »Meine Freunde nennen mich Charlie. Ich würde mich freuen, wenn du das auch tun würdest.«

»Charlie . . .«, wiederholte Bettina. »Ich weiß im Moment gar nicht, was ich sagen soll.«

»Dann sag einfach nichts.« Charlie setzte ein mitfühlendes Lächeln auf. Sie wusste, wie das aussehen musste, auch wenn das Gefühl fehlte. »Ich verstehe das.«

Bettina spürte, wie ihre Hand, die Charlie immer noch nicht losgelassen hatte, wärmer und wärmer wurde. Fast als würde sie sie in ein Feuer halten. »Charlie . . .«, flüsterte sie noch einmal. Oder eigentlich hauchte sie es nur.

»Ich fühle dasselbe«, gab Charlie leise zurück und versenkte ihre Augen noch tiefer in Bettinas. »Gleich als ich in die Werkstatt kam, habe ich es gefühlt. Als ich dich da sitzen sah an der Staffelei. Vor dem Fenster sahst du selbst aus wie ein Bild.«

Als wäre sie gar nicht richtig da, schüttelte Bettina sehr langsam den Kopf. »Ich bin kein Bild.«

»Nein, glücklicherweise nicht.« Charlie lachte weich. »Du bist ein lebender Mensch. Eine wunderschöne, hinreißende Frau.« Sie küsste Bettinas Hand noch einmal und legte sie dann sanft auf den Tisch zurück. »Du bist zauberhaft. Einfach zauberhaft. Wie ein Gemälde von Raffael.« Sie hob leicht schmunzelnd die Hände, um Bettinas Protest abzufangen. »Nein, damit sage ich nicht, dass du ein Gemälde bist. Nur wie ein Gemälde.«

»Das stimmt genauso wenig«, schmunzelte Bettina zurück. Nun, da Charlie ihre Hand nicht mehr festhielt, kam sie langsam wieder zu sich. »Aber wenn du Komplimente machen willst, nehme ich das jetzt einfach mal so hin.«

»Ich würde gern viel mehr tun als dir nur Komplimente zu machen.« Charlie formte ihre Hände zu einer Schale. »Ich würde dich gern auf Händen tragen, dir alles geben, was du dir wünschst. Dein Lächeln ist so . . .«, sie beugte sich vor, »berauschend, dass ich am liebsten nur noch das anschauen würde. Wer braucht Bilder in einer Galerie, wenn es Frauen wie dich gibt?«

»Wenn es die Bilder nicht gäbe, wäre ich arbeitslos«, wandte Bettina ein.

»Du brauchst nicht zu arbeiten. Du bist reich.« Charlie zuckte die Schultern.

»Ich will aber arbeiten.« Bettina verzog die Lippen. »Was gibt es Schlimmeres als diese faulen Erben, die nur Party machen oder nichts mit ihrem Geld anzufangen wissen, als es für sinnlosen Luxus hinauszuschmeißen?«

Gerade noch konnte Charlie es verhindern zu widersprechen. Sie sammelte sich kurz, dann sagte sie: »Da hast du natürlich recht. Das mag ich auch nicht.«

»Was bist du denn von Beruf?«, fragte Bettina.

»Ärztin«, antwortete Charlie wie aus der Pistole geschossen. »Nun ja, noch nicht ganz«, schränkte sie dann ein. »Ich bin noch im Studium. Habe es eine Weile unterbrochen, um in Südamerika an einem nicht profitorientierten Projekt für die Versorgung der Armen mitzuarbeiten.«

»Das ist schön«, sagte Bettina. »Da kümmert man sich um Menschen, nicht um Bilder.« Sie sah aus, als ob sie sich schämte.

»Die Bilder sind genauso wichtig.« Wieder nahm Charlie ihre Hand. »Diese Menschen brauchen Kunst und Musik, damit sie nicht völlig verzweifeln. Was wäre das Leben, wenn es nur aus Essen und einem Dach über dem Kopf bestünde?«

»Ich bin schüchtern«, bemerkte Bettina, und man sah es ihr an. »Deshalb sind große Menschenmassen nichts für mich. Mit den Bildern bin ich allein.« Ihre Stimme klang entschuldigend.

»Das ist doch völlig in Ordnung.« Diesmal küsste Charlie jeden von Bettinas Fingern einzeln. »So gibst du der Welt Schönheit. Nicht nur durch deine eigene Schönheit, die ein Geschenk ist«, ihre Augen streichelten Bettinas Gesicht, »sondern durch das, was du mit deinen Händen wiederherstellst und das ohne dich verloren wäre.«

»Ich . . . ich . . .« Bettina schluckte. »So jemand wie dich habe ich noch nie getroffen. Du scheinst alles zu verstehen, was ich sage. Du scheinst der Welt auch etwas zurückgeben zu wollen, statt nur zu nehmen.« Sie gab ein hohles Geräusch von sich. »Wie die meisten.«

»Geben ist seliger denn nehmen.« Charlie lächelte versonnen. »Steht das nicht schon in der Bibel?«

»Und ist es nicht wirklich ein schönes Gefühl«, schloss Bettina mit nun leuchtenden Augen an, »anderen etwas geben zu können? Wir haben so viel. Viel zu viel eigentlich. Wer braucht das alles?«

»Na ja . . .«, setzte Charlie an, besann sich aber sofort wieder. »Es gibt immer Leute, die denken, dass sie es brauchen.«

»Gut, dass wir nicht so sind.« Bettina strahlte nun schon fast.

Charlie nickte zustimmend. »Ja, gut, dass wir nicht so sind«, wiederholte sie.

4

»Du sollst mir doch nicht immer etwas mitbringen.« Lächelnd schüttelte Bettina den Kopf, als Charlie die Werkstatt betrat. »Die Blumen verwelken nur.« Sie nahm den Strauß und einen Kuss von Charlie entgegen, rutschte von ihrem Hocker und stellte die Rosen in eine Vase.

»Ich kann doch nicht mit leeren Händen kommen«, entschuldigte Charlie sich, trat hinter sie, legte ihre Arme um Bettina und zog sie zu sich heran. Während sie den ersten Kuss auf ihre Wange gehaucht hatte, presste sie ihre Lippen nun über dem Stoff der Bluse auf ihre Schulter, dass Bettina die Stelle von dem heißen Atem fast brennen fühlte. »Du bist eine Frau, die mehr als nur ein paar Blumen verdient hat. Ich würde dir gern so viel mehr geben.«

Aufseufzend ließ Bettina sich zurücksinken. »Du gibst mir schon so viel mehr«, wisperte sie. »Ich freue mich jeden Tag darauf, wenn du kommst.« Ein Schauer lief durch ihren Körper.

»Tina . . .«, flüsterte Charlie. »Meine süße kleine Tina . . .«

»Du bist so lieb zu mir.« Bettina legte ihre Hände auf Charlies, die sie umfasst hielten. »Noch nie war jemand so lieb zu mir. Nun ja«, schränkte sie ein, »nach dem Tod meiner Eltern.«

»Du hast es verdient, dass man lieb zu dir ist«, flüsterte Charlie ihr ins Ohr. »Du bist eine Frau, zu der man einfach lieb sein muss.« Sie drehte Bettina zu sich herum, schaute sie mit einem tiefen Blick an und beugte sich dann langsam zu ihr, bis ihre Lippen sich trafen.

Bettina fühlte das sanfte Streicheln und öffnete ihre Lippen, um Charlie einzulassen. Immer war sie so sanft. Nie forderte sie etwas, drängte Bettina zu nichts. Das fand Bettina sehr ungewöhnlich. Sie hatte schon die eine oder andere Frau gekannt, und wäre es eine dieser Frauen gewesen, wären sie längst im Bett gelandet. Aber Charlie schien unendliche Geduld zu haben. Obwohl es in ihren Augen geschrieben stand, wie sehr sie Bettina begehrte, hielt sie sich zurück.

Der Kuss wurde inniger, und sie fühlte Charlies Herz an ihrem eigenen schlagen. Es schien fast, als wäre es nur ein Herz, das in ihnen beiden schlug. Bettina fühlte sich Charlie so verbunden, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Als hätte sie einen Teil von sich selbst gefunden, der ihr vor langer Zeit verlorengegangen war. Die Teile wollten sich wie von ganz allein wieder zusammenfügen, sie musste gar nichts dazu tun. Sie spürte, wie sie sich danach sehnte, endlich ganz eins mit Charlie zu sein.

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