Teil 10

Sie nickte ihm nur zu. Ganz neutral. An dieser nichtssagenden Gesichtsmimik würde sie noch viel arbeiten müssen, um sie zu perfektionieren. Sie hatte das Gefühl, dass sie das hier sehr oft brauchen würde.

Margit Schneck folgte ihr ins Behandlungszimmer.

Mit einem Quietschen ließ Willa sich auf dem Schreibtischstuhl nieder und schob die Karteikarte, die sie von Margit Schneck gefunden hatte, auf dem Schreibtisch zurecht, um darin Eintragungen machen zu können. Die letzte, die sie darin fand, war zehn Jahre alt – großes Blutbild mit extrem guten Werten.

Sie schaute hoch und fragte mit ihrer besten Doktorstimme: »Was kann ich also für Sie tun?«

Die Reaktion darauf hätte sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht zusammenfantasieren können. Ihre erste Patientin in ihrer eigenen Praxis.

»Aber seit wann siezt du mich denn?«, fragte Margit Schneck empört. »Ich hab dich als kleines Kind auf dem Schoß gehalten, erinnerst du dich nicht? Du hast immer Tante Margit zu mir gesagt.«

Die Erinnerung war natürlich noch da, aber wollte sie ausgerechnet jetzt daran denken? War das nicht unpassend? Verfluchtes Dorf, verfluchte Verwandtschaft. Das brachte Probleme mit sich, die sie vorher so nicht durchdacht hatte.

»Aber jetzt sind wir Ärztin und Patientin.«

Diese Erklärung erschien Willa alles zu sagen, und sie sah Margit Schneck auffordernd an. Immer noch in Erwartung auf das medizinische Problem, das es hier anzugehen galt. Das Wartezimmer saß schließlich voll. Aber sie hatte die Rechnung ohne ihre Verwandte gemacht.

»Und ich bin immer noch deine Tante Margit«, erwiderte sie mit vorgeschobenem Kinn, das deutlich zeigte, dass sie in diesem Thema eine unverrückbare Ansicht hatte.

Gut, Willa konnte flexibel sein. Zwangsläufig. Das führte hier sonst zu nichts. Und tatsächlich war Margit Schneck immer eine von den Schnecks gewesen, die stets sehr nett zu ihr waren. Daran konnte sie sich deutlich erinnern.

»Also gut, Tante Margit, was bringt dich in meine Praxis?« Vielleicht führte der Weg des geringsten Widerstandes zum Erfolg.

Tante Margit öffnete ihre Großraumhandtasche, die sie die ganze Zeit über dem Arm hängen hatte und nun auf ihren Schoß bugsierte. »Ich hab dir hier ein Glas Honig von deinem Onkel Erwin mitgebracht. Wenn es leer ist, sag einfach Bescheid. Du weißt doch, dass er passionierter Imker ist?« Und mit diesen Worten stellte Tante Margit ein Fünfhundert-Gramm-Glas des deutschen Imkerbunds mit flüssigem, goldenen Honig auf Willas Schreibtisch.

»Oh, vielen Dank, das wäre doch nicht nötig gewesen«, sagte Willa reflexartig und ziemlich perplex. Die erste Patientin, das erste Geschenk. Damit hätte sie wohl auch rechnen müssen. Hier im Dorf. »Du bist also krank?«, versuchte sie, das Gespräch wieder in die richtige Richtung zurückzulenken. Etwas plump, aber dafür sehr deutlich. Sie würde doch wohl noch in Erfahrung bringen, wieso Tante Margit hier war.

»Krank?«, erwiderte Margit Schneck aber sofort wieder empört. »Wie kommst du denn darauf? Mir geht es bestens. Ich bin nie krank. Und Erwin auch nicht. Wir nehmen Propolis, da können deine ganzen Medikamente nicht mithalten.«

Ja, Willa hatte schon von dem Bienenkittharz Propolis und seinen vielfältigen medizinischen Anwendungsmöglichkeiten gehört, sich aber noch nie ausführlicher damit befasst. Das fiel in den Bereich Naturheilkunde. Im Krankenhaus nicht gerade sehr nachgefragt. Vielleicht sollte sie das jetzt mal angehen. Als Allgemeinmedizinerin auf dem Dorf war es durchaus nützlich, sich da ein bisschen Fachwissen anzueignen.

Erst einmal galt es allerdings, hier weiterzukommen. »Aber warum warst du denn dann in meinem Warteraum?« Willa war jetzt vollständig verwirrt und trug bestimmt auch ein entsprechendes Gesicht zur Schau. Sie war nicht gut darin, ihre Emotionen zu verstecken. Ein Umstand, den ihre Mutter ihr immer wieder vergegenwärtigte.

Tante Margit strahlte sie jedoch an. »Na, um dich herzlich willkommen zu heißen und dir viel Erfolg zu wünschen! Als Patienten wirst du uns zwar, so Gott will, nicht oft zu Gesicht bekommen, aber wir freuen uns sehr darüber, dass du jetzt wieder hier bist. Das Dorf braucht dich.«

Willa konnte nicht anders, als über diese unerwartete Wendung herzlich aufzulachen, und Tante Margits Strahlen war auch wirklich ansteckend. Das kam von Herzen, und man spürte das auch. »Das ist aber wirklich nett, Tante Margit«, sagte sie zum ersten Mal am heutigen Tag ganz und gar unverkrampft und positiv gestimmt.

Tante Margit war damit anscheinend zufrieden, denn sie stand zügig auf und raffte ihre Großraumhandtasche wieder an sich. »Ich halte dich nicht länger auf. Da warten noch mehr Leute in deinem Wartezimmer.«

Willa wollte irgendetwas Höfliches antworten, aber Tante Margit fackelte nicht lange herum. Sie öffnete die Tür zum Behandlungszimmer und war schon halb hinaus, bevor Willa piep sagen konnte.

»Und lass dich von deiner Mutter nicht wieder vergraulen, Mine.«

Mit dieser Aussage, die für Willas Geschmack wesentlich mehr Ausführung gebraucht hätte, verschwand Tante Margit mit einem Winken aus der Praxis, als ob das alles ganz und gar selbstverständlich wäre.

Willa schaute perplex auf das golden schimmernde Glas Honig auf ihrem Schreibtisch. Was für ein Anfang!

Dann biss sie sich ärgerlich auf die Lippe. Warum hatte sie Tante Margit nicht nach der Feuerwehrwehrfrau Maxi Gnädig gefragt? Von allen Sachen, die sie hätte sagen können, wäre das ja wohl das Allerwichtigste gewesen.

Aber jetzt war keine Zeit zu sinnieren. Auch nicht darüber, dass die nette Tante Margit wohl ein etwas zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Mutter Gertrud hatte. Eine äußerst interessante Tatsache.

Willa erhob sich wieder mit einem Quietschen aus dem alten Schlachtross von einem Schreibtischstuhl und wusch sich die Hände an ihrem kleinen Waschbecken. Sie hatte Tante Margit zwar nicht die Hand gegeben – was sie im Nachhinein wunderte, dass die willensstarke Verwandte nicht auch darauf bestanden hatte –, aber das konnte nicht schaden. Hygiene war das A und O in der Medizin.

Da ertönten Stimmen im Flur, und das kleine Glöckchen an der Eingangstür klingelte. Auch das hatte sie mehr oder weniger provisorisch aufgehängt. Was sich bereits bewährte. So hörte sie wenigstens, wenn jemand kam.

Sie brauchte wirklich dringend eine Mitarbeiterin. Während sie in Behandlung war, konnte sie schließlich nicht auch noch neue Patienten aufnehmen. Das würde hier noch im Chaos enden, wenn sie das nicht bald anging. Es lagen ihr zwar schon Bewerbungen vor, aber sie war aufgrund von verschobenen Prioritäten – Feuerwehrfrau auf Platz eins, danach kam der ganze Rest – noch nicht dazu gekommen. Sie ging wirklich alles in der falschen Reihenfolge an. Mist.

Willa trocknete sich schnell die Hände ab und machte sich über die Rezeption auf den Weg zum Wartezimmer.

Und blieb bei dem Anblick, der sich ihr bot, unvermittelt stehen. Larissa, die Ex-Frau ihres Bruders, war in die Praxis gekommen, während sie mit Tante Margit im Behandlungsraum war. Die zehn Minuten hatten für Larissa offenbar gereicht, sich hinter dem Empfangstresen einzurichten. So richtig. Denn Larissa sah so aus, als ob sie da hingehörte und auch noch nie etwas anderes gemacht hätte.

Zwei Neuankömmlinge standen davor, und Larissa managte alles mit absoluter Gelassenheit. Und was noch besser war: mit Professionalität. Das Kartenlesegerät für die Versichertenkärtchen funktionierte wie durch ein Wunder inzwischen auch. Und der Computer!

Larissa warf ihr kurz einen Blick zu und fuhr dann fort, die neuen Patienten aufzunehmen.

Willa konnte nur starren. Sie war nicht in der Lage weiterzumachen, als ob nichts wäre. Hörten die Überraschungen hier in Weiler eigentlich irgendwann auch mal auf?

Larissa komplimentierte die beiden Neuen zügig ins Wartezimmer und wandte sich dann kampflustig zu Willa.

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