Teil 11

Wohlwissend, dass nur durch eine Tür getrennt halb Weiler im Wartezimmer saß, flüsterte Willa ihrer Ex-Schwägerin über den Tresen hinweg zu: »Was machst du hier?«

Larissa zeigte vorwitzig auf die ganzen Unterlagen und überhaupt alles, was sich um sie herum befand.

Willa ging hinter den Tresen und baute sich vor Larissa auf, was nicht so leicht war, weil ihre Ex-Schwägerin eine stämmige, große Blonde war, die Willa einfach aus dem Weg hätte schubsen können. »Du weißt, was ich meine«, insistierte Willa trotzdem. Das war schließlich ihre Praxis hier. Auch wenn sich Weiler offenbar in einer geheimen Verschwörung gegen sie befand. Nichts lief, wie sie das geplant und vorhergesehen hatte.

Larissa schaute sie störrisch an. Hochgezogene Schultern, zusammengebissene Zähne, hochgezogene Augenbrauen. »Ich bin die ideale Praxishelferin für dich, und das habe ich in den letzten zehn Minuten bewiesen.«

Ja, tatsächlich, das hatte sie. Das musste Willa zugeben. Es war wie ein Wunder. Natürlich hatte Larissa Glück gehabt, dass der Techniker genau im richtigen Moment fertig geworden war und sie sofort übernehmen konnte. Aber es stimmte, Larissa hatte ohne Einarbeitung die Sache geschmissen. Was nicht weiter verwunderlich war, denn sie hatte vor ihrer Heirat mit Wilhelm in einer Zahnarztpraxis gearbeitet. Seit den Kindern aber nicht mehr. Sie hatte zwar eine Stelle gesucht, aber keine gefunden, die mit den Zeiten der Kita in Weiler kompatibel war.

»Warum hast du dich denn nicht einfach beworben?« Das war doch wohl die Frage aller Fragen. Natürlich hätte Willa auch selbst darauf kommen können, ihrer Ex-Schwägerin die Stelle anzubieten, aber sie hatte wirklich anderes um die Ohren gehabt.

Larissa kriegte ein Funkeln in die Augen und sah noch störrischer aus. »Weil du mich garantiert nicht genommen hättest. Gertrud hätte dich so lange bearbeitet, bis du klein beigegeben hättest. Jetzt hat mich bereits das halbe Dorf hier gesehen, nun ist es praktisch schon Allgemeinwissen.«

Larissas Erklärung ließ Willa die Kinnlade herunterfallen. Larissa registrierte das offensichtlich, denn sie grinste schelmisch und fügte hinzu: »Ganz schön ausgefuchst von mir, oder?« Sie hatte verdammt recht, und das war keine angenehme Erkenntnis.

»Das kann man wohl sagen«, gestand Willa ein.

Sie wusste nicht, ob sie sauer oder froh sein sollte. Das Gesicht ihrer Mutter hätte sie aber zu gern sehen wollen, als sie erfahren hatte, dass ihre verhasste Ex-Schwiegertochter jetzt die medizinische Fachangestellte ihrer Tochter war. Denn eines war sicher: Gertrud Schneck war eine der Ersten gewesen, die es erfahren hatten.

8

Die schiere Menge an Menschen im Wartebereich verhieß nichts Gutes. Maxi hatte ja schon öfter gehört, dass man eine Unmenge an Zeit mitbringen musste, wenn man in die Krankenhausambulanz ging, aber dass das der Realität entsprach, hatte sie für abwegig gehalten. Man konnte doch nicht fünf Stunden warten, bis man drankam. Oder konnte man?

Vielleicht ließ sich ja an der Aufnahme klären, dass sie eine bestimmte Ärztin sehen wollte und damit aus der Schlange herausfiel. Aber erst einmal bis zur Aufnahme durchkommen.

Nach einer ersten optischen Orientierung zog sie an einem Automaten eine Nummer, wie es kaum zu übersehende Schilder anwiesen, und schlich noch immer viel vorsichtiger als im Normalzustand zu einer Wartebank, auf der noch zwei Plätze frei waren.

Auf ihrem kleinen Zettel stand die Nummer 96. Auf der Anzeigetafel, die gerade wieder blinkte und eine neue Nummer aufrief, hingen die Zahlen jedoch aktuell in den 60ern. 61 und 62 wurden gerade bearbeitet. Wahnsinn! Noch über dreißig Leute vor ihr. War das der Alltag in deutschen Krankenhäusern? Das war ja wohl ein Skandal.

Vielleicht sollte sie Doktor Schneck um ein paar Insider-Informationen bitten und das in einen ihrer nächsten Krimis einbauen. Ein Krimi, der im Krankenhaus spielte? Warum eigentlich nicht. In ihrer Serie rund um die Kriminalhauptkommissarin Carsta und ihre Kollegen war bereits der siebte Band veröffentlicht, und sie schrieb am achten. Band eins bis sieben waren ein erfolgreicher Dauerbrenner im Verlag, und ihr Herausgeber lechzte schon nach dem jeweils nächsten Roman. Zwar war sie damit in ein ziemliches Korsett gequetscht, rein künstlerisch betrachtet, aber sie konnte sich über den Erfolg wirklich nicht beschweren.

Irgendwann würde sie etwas anderes schreiben wollen und hatte dafür auch schon Ideen in der Schublade, aber momentan war sie noch zufrieden mit ihrer Serie. Und solange ihr immer wieder Ideen kamen, wo und was Carsta, ihre charismatische Polizistin, noch ermitteln konnte, war doch auch alles gut. Das würde doch sogar Anlass bieten, mit Doktor Schneck einen privaten Termin zu vereinbaren. Zur Recherche. Perfekt!

Im Rahmen dieser Recherche könnte sie dann ein bisschen mehr über die hübsche Ärztin herausfinden. Was schlummerte hinter diesen grünlichen Augen für eine Persönlichkeit? Maxi konnte Tiefen erahnen, und das erweckte ihre Neugier nur umso mehr. Oberflächliche Menschen fand sie schrecklich langweilig. Vielleicht lag diese Einstellung daran, dass sie Schriftstellerin war und immer das Besondere, das Dahinter suchte, aber sie konnte sich nicht helfen. Es war eben so. Und Doktor Schneck versprach viel an dahinter verborgen Liegendem.

Mit diesen Gedanken vertrieb sie sich die Zeit, bis Carolina sich neben sie auf die Bank plumpsen ließ. Man würde manchmal nicht meinen, dass sie sich auf der Bühne als Torpedotante so unglaublich geschmeidig bewegen konnte. Torpedotante, Carolinas Bühnenname, hatte Maxi erfunden. Bis zum heutigen Tag eine ihrer besten literarischen Eingebungen. Schließlich schlug Carolina immer ein wie ein Geschoss, wenn sie wie losgelassen ihre Nummer abzog, dabei die Hüllen fallenließ und ihre Kurven präsentierte.

»Nummer?«, fragte Carolina, als ob sie ihre Gedanken gelesen hätte, aber natürlich meinte sie die Position in der Warteschlange.

»Sechsundneunzig.« Maxi traute sich kaum, diese absurd hohe Zahl zu nennen. Carolinas Geduldsfaden war so kurz wie ihr geblümter Rock.

»Das ist ein Scherz, oder?«, kam die Gegenfrage mit einem Wallen ihres stattlichen Busens.

»Nope«, sagte Maxi knapp, um keine Tirade zu provozieren.

»Das wird uns ein Vermögen im Parkhaus kosten. Und da war alles voll. Ich wette, die finanzieren ihr Krankenhaus nicht durch die Krankenkassen, sondern rein über die Parkeinnahmen.«

Natürlich sagte Carolina das so laut, dass alle anderen Anwesenden das auch hören konnten. Mehrere Leute lachten darüber, andere nickten ernsthaft bestätigend. Die allerwenigsten reagierten abweisend. Und schon wieder hatte Carolina ein Publikum für sich gewonnen. Unglaublich. Carolina konnte Torpedotante einfach nicht zuhause lassen.

Inzwischen war schon die Nummer 70 dran. Das ging doch schneller, als sie gedacht hatte. Maxi überschlug das im Kopf. Sie saß jetzt elf Minuten hier, und neun Nummern waren schon vorbei. Zehn, wenn man die Frau mitrechnete, die gerade an den Schalter ging. Das hieß, sie musste noch zirka vierzig Minuten warten, bis sie drankam. Das war machbar. Ob sie dann allerdings nach der Aufnahme sofort zur Behandlung geschickt wurde, war ja auch ungewiss. Vielleicht war Doktor Schneck nicht sofort greifbar. Maxi hoffte, dass sie nicht wieder in der Nachtschicht im Dienst war. Aber da ihr Unfall kalendarisch betrachtet letzte Woche passiert war, hoffte sie, dass die Ärztin diese Woche die Tagesschicht hatte. Das war doch eigentlich logisch, oder? Auch wenn sie keine Ahnung von Krankenhausdienstplänen hatte.

»Ich hab dich nicht gezwungen, mich hier herzufahren. Also sei schön brav«, sagte sie zu Carolina, die aussah, als ob sie gerade so weitermachen wollte.

»Brav! Das werde ich erst sein, wenn ich mal eingeäschert bin, und das weißt du auch.«

Das stimmte, und genau das machte Carolinas Charme auch aus. Eine bessere Freundin, mit der es einer nie langweilig wurde, gab es kaum. Außerdem loyal. Auch wenn sie mit ihr ins Krankenhaus wahrscheinlich mehr aus Neugier als aus Loyalität gekommen war.

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