Teil 01

Kapitel 1

Flix

Flix schob ihren Putzwagen wie schon die letzten vierzehn Tage durch das Museum für alte Kulturen und ging dem nach, wofür sie hier angestellt worden war: Putzen.

Heute stand eine außerordentliche Putzaktion auf dem Plan, und sie und ihre Kolleginnen waren ausgeschwärmt wie die Heuschrecken. Es galt, sich an ein festes Zeitfenster zu halten, das hatte ihnen ihr Vorarbeiter solange eingehämmert, bis es ihnen zu den Ohren herauskam. Denn die Alarmanlage für die einzelnen Schaukästen würde ausgeschaltet werden. Genau für eine Stunde. Keine Sekunde länger.

Flix hatte ein gelangweiltes Gesicht gezogen und Kaugummi gekaut. Wie schon die letzten vierzehn Tage. Sie war stets der Inbegriff der nicht besonders hellen, verkrachten Partymaus, die schon bessere Zeiten erlebt hatte. Keiner hatte ihre Fassade angezweifelt, und heute würde sich das auszahlen.

Sie kam in dem ihr zugeteilten Raum an. Sie wäre zur Stelle, wie es ihr Vorarbeiter verlangt hatte. Nur wusste der Ärmste nichts von ihrem Plan.

Ganz wie befohlen nahm Flix den Staubwedel zur Hand und wartete auf die Lautsprecherdurchsage, die das Startsignal geben würde. Ihr Auftrag lautete, die Vitrinen sowie die Zimmerecken an der Decke zu entstauben. Aus naheliegenden Gründen wurde das nur einmal im Jahr gründlich gemacht. Und wenn es gemacht wurde, gab es so viele Sicherheitslücken, dass man wie durch eine Gardine durchschauen konnte.

Es war unglaublich, wie leicht das Museum es ihr machte. Das Sicherheitspersonal war zwar anwesend, konnte aber nicht überall gleichzeitig sein.

Flix würde nur exakt dreieinhalb Minuten allein im Raum mit abgeschalteten Sensoren brauchen. Das war alles. Und bisher war noch kein Sicherheitsmensch zu sehen, und nach ihrer Schätzung würde sie auch niemanden mehr zu sehen bekommen. Rein rechnerisch war die Wahrscheinlichkeit sehr gering. Sie hatte wie immer alles akribisch vorbereitet und geplant. Meisterdiebin blieb eben Meisterdiebin.

Mit dem Staubwedel in der Hand stellte sie etwas ungeschickt ihre mitgebrachte Aluleiter zurecht, um in der vom Eingang gesehen linken Ecke anzufangen mit der Spinnwebenbeseitigung. Das war die Vorgabe des Vorarbeiters, bis das Signal kam. Geradezu ideal für ihre Pläne.

Sie war sich die ganze Zeit bewusst, dass sie theoretisch beobachtet wurde. Jede Sekunde, jeder ihrer Schritte. Nämlich genau von der Überwachungskamera in der linken Ecke, in der jetzt ihre Leiter stand. Mit Sicherheit wurde das auch aufgezeichnet. Alles andere wäre grob fahrlässig gewesen.

Wie dem auch sei, sie gab eine hervorragende, fast schon an Slapstick grenzende Einlage: die dusselige Putzfrau und ihre Leiter. Harold Lloyd wäre stolz auf sie gewesen.

Flix kletterte hoch und fing umständlich an, Spinnweben wegzufeudeln. Mit dem Gesicht ganz dicht an der Kamera ließ sie ihre Kaugummiblase platzen. Das Spiel machte richtiggehend Spaß. Gleichzeitig war da dieses Kribbeln, diese geile Aufregung, die sie eine lange Zeit vermisst hatte. So langsam sollte das Signal mal kommen, dachte sie. Nicht weil sonst ihr Plan nicht klappte, sondern schlicht und ergreifend weil sie sich wie ein gedoptes Rennpferd in seiner Startbox fühlte. Sie wollte losrennen und nicht zurückschauen. Doch ihr Paps hatte sie gelehrt, genau diese Impulse gut unter Kontrolle zu halten. Die waren es nämlich, die einem einen Riesenärger einhandeln konnten. So wie den mit Dschafarow vor zwei Jahren. Das war ihr eine Lehre gewesen.

Flix atmete einmal tief durch und wedelte in aller Seelenruhe weiter. Spinnweben gab es schon lange keine mehr, aber das konnten ihre Beobachter am anderen Ende des Kamera-Signals ja nicht wissen.

Der alberne kurze Kittel in schreiendem Pink, den sie zur Arbeit hier im Museum tragen musste, kniff sie schon wieder ins rechte Schulterblatt. Wie gut, dass heute der letzte Tag war, an dem sie ihn tragen musste. Die armen Kolleginnen, die das nicht sagen konnten.

Das schrille Klingeln des Signals riss sie aus ihren abschweifenden Gedanken. Sie tat so, als ob sie erschrak und beim Versuch, schnell von der Leiter zu steigen, mit ihrem ausschlagenden Wedel die Kamera traf. Soooo ungeschickt!

Der Schlag war allerdings genau berechnet und drehte das Kameraauge aus seiner ausgeklügelten Position, in der es den ganzen Raum hatte erfassen können. Jetzt erfasste es nur noch die Wand ganz rechts. Für den Rest des Raumes war die Linse jetzt blind. Flix konnte, bis das bemerkt würde, machen, was sie wollte.

Sie sprang von der Leiter und war in zwei Sekunden bei der Vitrine, auf die sie es abgesehen hatte. Die Bewegungssensoren waren wie angekündigt auch hier tot. Ansonsten wäre der Alarm losgegangen, als sie jetzt kurzerhand das ganze Ensemble anhob. Der gläserne Kasten ließ sich ohne Weiteres vom Boden trennen, und vor ihr lag eine aus Schwanenknochen geschnitzte Urzeitflöte. Ein unbezahlbares, weltweit einzigartiges Artefakt. Wenn sie nicht schon Handschuhe angehabt hätte, hätte sie sich jetzt welche übergestülpt. Solche heiklen Gegenstände sollten nicht mit bloßen Händen berührt werden.

Aus dem Müllbeutel an ihrem Putzwagen holte Flix das Spezialgefäß heraus, das sie für diesen Moment dort deponiert hatte. Sie hatte es extra für die Flöte hergestellt. Gepolstert und wasserdicht würde es eine vorübergehende sichere Heimat für die Schwanenknochenflöte sein.

Vorsichtig transferierte sie das Artefakt von seiner Vitrine in die Box und ließ es sofort ins Putzwasser gleiten. Sanft sank es hinab und war in dem seifigen Wasser außer Sichtweite. Dann zog Flix einen lackierten Holznachbau, ebenfalls Marke Eigenbau, selbst geschnitzt und angemalt, aus dem Müllsack und deponierte ihn in der Vitrine. Glaskasten wieder drauf. Fertig.

Blick auf die Uhr. Die ganze Aktion hatte seit Ertönen des Signals zwei Minuten und siebenunddreißig Sekunden gedauert. Sie war noch schneller, als sie es gedacht hatte. Flix war von sich selbst ganz begeistert und davon, dass ihre Fähigkeiten kein Stück rostig geworden waren. Sie gemahnte sich allerdings sofort zur Vernunft und schnappte sich wieder den Staubwedel. Sie ging zur am weitesten entfernten Vitrine und fing dort an, mit Wedel und antistatischem Tuch ihrem Job nachzugehen.

So wurde sie dann auch vom Sicherheitsmann gefunden, der wegen der aus der Position geratenen Kamera angerannt kam. Flix ließ ihren Kaugummi knallen und spielte die von Partydrogen dusselig gewordene Putzkraft, die alle im Museum schon kannten, weil sie wirklich knalldoof und schon nach vierzehn Tagen bekannt wie ein bunter Hund dafür war.

Er lachte nur gehässig über ihre saudämliche Begründung für die Sache mit der Kamera, stieg auf ihre Leiter und schob das Ding angeleitet über sein Walkie-Talkie in Position zurück.

Flix arbeitete sich währenddessen von einer Vitrine zur anderen. Der Wachmann schenkte ihr beim Verlassen des Raumes ein hämisches Grinsen und ließ sie allein zurück. Von einer Dumpfbacke wie ihr erwartete er nichts, außer dass sie vielleicht so dämlich war, über eine Vitrine zu stolpern. Ihr Schatzkistchen im Putzwasser war in Sicherheit, solange sie nur ihr Image aufrechterhielt.

Als die Vorwarnung erklang, dass das Alarmsystem wieder aktiviert wurde, war sie mit allem fertig, was ihr aufgetragen worden war.

Sie schlenderte mit einem neuen Kaugummi im Mund durch die Flure und schob gelangweilt ihren Putzwagen vor sich her. Innerlich war sie aber das Gegenteil. Alles in ihr vibrierte mit Leben und wurde mit Adrenalin durchgespült bis in die Haarspitzen. Ein saugutes Gefühl, das sie nicht durchschimmern lassen durfte.

Ihre Kaugummiblasen wurden immer größer, und als sie den ersten Kolleginnen begegnete, verdrehten die nur die Augen.

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